Was ist politisch zu tun?

Überschrift eines Gastbeitrages des Soziologen Harald Welzer in der Süddeutschen Zeitung:

„Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen“.

Grundlegende Erwägungen:

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer weist angesichts der viel beschworenen Eigenheit des Menschen, immer mehr zu wollen, pointiert darauf hin, dass es „Folklore“ sei,

  • „es sei ‚der Mensch‘, der mittlerweile zu einer geologischen Kraft geworden sei und das Erdsystem nachhaltig aus dem Takt bringe“. Hieran stört Welzer die Perspektive eines vermeintlich unabänderlichen „kosmischen Verhängnisses“, das keine Verantwortlichen kenne.

    Aber:

    „Es ist erst der global verbreitete wachstumswirtschaftliche Kapitalismus, also eine historisch extrem junge Wirtschaftsform, der die gigantischen Zerstörungswirkungen entfaltet, die systemisch zu werden drohen.“

>> Quelle: Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch: Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)

Auch Naomi Klein vertritt die Auffassung, dass es in erster Linie die aktuelle Ausprägung des Kapitalismus sei, die … jawohl: uns in die Scheiße geritten hat – und nicht der Mensch an sich. Womit der Buchtitel

  • „This Changes Everything: Capitalism vs. The Climate“.
    (Buchtitel des 2015er Grundlagenwerks zur Klimakrise von Naomi Klein)

viel Sinn macht.

Klimakrise bedeutet mehr als hellgrüne Politik im Sinne einer Energie- Verkehrs- und Agrarwende plus den Kauf grünangestrichener Produkte.

  • Klimapolitik darf, kann und muss – entgegen der Altmaierschen Formel, die das Gegenteil behauptet – selbstverständlich auch auf Kosten von Wohlstand und Arbeitsplätze gehen – wo und in welchen Bereichen es notwendig ist.


Frage: Warum?

Antwort: Nun, weil es sonst irgendwann gar keine Arbeitsplätze und erst recht keinen Wohlstand mehr geben können wird.

  • Machen wir uns klar: Ohne eine konsequente Politik, die Wert auf Zukunftsfähigkeit und zukunftsfähige Arbeitsplätze legt, kommen wir nicht vom Fleck. Ohne nicht vom Fleck kommen bedeutet am Ende genau das wo wir nicht hinwollen: Keine Arbeitsplätze mehr und keinen Wohlstand.

Die Klimakrise macht in allen Lebensbereichen Veränderungen erforderlich, mindestens deutliche Mäßigungen des Konsums und Lebensstils von uns Industriestaatler*innen, eine Orientierung an einem noch auszuhandelnden „menschlichen Maß“ (vgl. Niko Paech).

vgl. Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.



Wir alle, sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen, werden uns und unser Verhalten stark ändern müssen – Bernd Ulrich hält dazu in der Zeit treffend fest:

„Wenn es einen Weg gäbe, die Klimawende auch ohne grundlegende Veränderungen bei Produktion, Konsum und Mobilität zu bewerkstelligen, dann hätte die GroKo ihn sicher schon gefunden.“

>> Quelle: Ulrich, Bernd (2019): „Europawahlergebnis: Angriff aus dem Kinderzimmer“. in: Die Zeit, 26.5.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/europawahlergebnis-klimapolitik-fridays-for-future-protestwahl-gruene/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)

Im Übrigen ist es angebracht einen Unterschied zwischen Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft zu machen.

Es braucht immer ein(n) Mutige(n), die/der die Wahrheit ausspricht – das bin jetzt mal zur Abwechslung ich selber. Für Deutschland auf den Punkt gebracht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

Und genau das ist die Botschaft, die von einer/m (nicht grünen) führenden PolitikerIn der deutschen Bürger*innen mitgeteilt werden muss.

  • Mit diesem eingeschenkten „reinen Wein“ wäre endlich die Voraussetzung für ein politisch probate Diskussion und Durchsetzung von Notwendigkeiten zu Veränderungen in allen Lebensbereichen gegeben: Dann hätte man eine fundierte Basis, auf der man miteinander reden kann – und sicher auch mehr Verständnis/Einsicht für Veränderungen.
  • Zurzeit gibt es (noch) eine stillschweigende Abmachung/Komplizenschaft zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und den meisten Politiker*innen, eine gemeinsame Vogel-Strauß-Kopf-in-den-Sack-Taktik: Wir sitzen das Ding aus, machen Symbolpolitik – und ansonsten machen wir einfach weiter wie bisher.
  • Es bleibt am Ende die Frage, inwieweit deutsche Politiker*innen der älteren Semester rechts der (Dunkel-)Grünen die Dimension und Dringlichkeit der Klimakrise begreifen (wollen).

Und:
Mit „weniger Konsumieren, weniger Reisen, weniger kaufen“ ist es nicht getan. Unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem „funktioniert“ nur, wenn wir ein HöherSchnellerWeiter-Leben im Überfluss führen, d.h. mehr konsumieren als notwendig, also: Überflüssiges kaufen, dass nach zwei Wochen in der Ecke steht. Und weil das in diesem System notwendig ist, lobt der Staat auch umgehend „Abwrackprämien“ u.ä. aus, damit die Nachfrage künstlich hoch bleibt – und Menschen kaufen dann Autos, die sie eigentlich zu diesem Zeitpunkt nicht benötigen.

Wenn also unsere Wirtschaft nur „brummt“, wenn Überfluss gelebt wird – und wenn wir diesen Überfluss loszulassen haben, um die Chance auf einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten, folgt daraus logisch, dass wir unser Wirtschaftssystem hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu reformieren haben.

Auch hierüber erfahren wir nichts von deutschen Politiker*innen. Wenn diese – insbesondere die Vertreter*innen der Union – hervorheben, es liege an den Bürger*innen selbst im Interesse des Klimaschutzes Vernunft walten zu lassen und weniger zu konsumieren, dann ist das eine faustdicke Lüge, weil genau diese geforderte „Vernunft“ im derzeitigen wachstumsorientierten Turbokapitalismus in die Rezession führen würde. Dieses Dilemma muss schnellstmöglich aufgelöst werden:

„Der erste Schritt, ein Problem zu lösen, ist, zu erkennen, dass es eins gibt.“

>> Quelle: Jeff Daniels (Rollenname: Will McAvoy), The Newsroom; im Original heißt es: “First step in solving any problem is recognizing there is one.” Sorkin, Aaron (2019): „The Newsroom Script Episode 1“. in: goodreads, online unter https://www.goodreads.com/work/quotes/23633463-the-newsroom-script-episode-1 2012 (Abrufdatum 13.7.2019)

Übersetzt auf die Klimakrise bedeutet das:

  • Ein erster Schritt, die Klimakrise zu lösen, ist, zu erkennen und gegenüber den Bürger*innen zu benennen, dass das Dilemma „Vernunft = weniger Konsum = Rezession | mehr Konsum = Klimakollaps“ nur durch grundlegende Reform des derzeitigen deutschen Wirtschaftsmodells hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu lösen ist.


Konkrete politische Ziele:

Vorweg: Fridays for Future’s Forderungen vom April 2019 entsprechen den Vereinbarungen des 2015er Pariser Abkommens (korrekt: „Übereinkommen von Paris“ vom 12. Dezember 2015) – das bedeutet, dass FfF lediglich das einfordern, was Deutschland ohnehin beschlossen hat – und damit sich ausschließlich auf Ziele berufen, zu denen sich Deutschland verpflichtet hat.
Daher mutet es grotesk und mehr als verlogen an, wenn nun die Politik-Hühner im Hühnerstall erschrocken aufflattern und FfF-Forderungen als überzogen/unrealistisch/utopisch bezeichnen.

Letztlich sind die Forderungen von FfF lediglich ein undezenter Reminder an die Regierung Merkel.

Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles einfordern:

  • Nettonull 2035 erreichen = Klimaneutralität bis 2035
  • Kohleausstieg bis 2030
  • 100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035
    (sog. „Dekarbonisierung“)
  • Subventionen-Stopp für fossile Energieträger bis Ende 2019
  • Abschaltung von 1/4 aller Kohlekraftwerke bis Ende 2019
  • Einführung einer CO₂-Steuer auf alle Treibhausgas-Emissionen. Zügige Preisentwicklung hin zu 180 EUR pro Tonne CO₂ – in Übereinstimmung mit den Vorstellungen des Umweltbundesamtes (nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium)

>> Quelle: Quasi wörtlich übernommen aus: https://fridaysforfuture.de/wp-content/uploads/2019/04/Forderungen.pdf bzw. https://fridaysforfuture.de/forderungen/ (Forderungen vom April 2019, Abrufdatum 30.5.2019)
>> vgl. auch n.n. (2019): „“Fridays for Future“ stellt erstmals konkrete Forderungen an die Politik“. in: Der Spiegel, 8.4.2019, online unter: https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/fridays-for-future-schueler-stellen-forderungen-an-die-politik-a-1261773.html (Abrufdatum 19.6.2019)

Diese Ziele sind wünschenswert und selbstredend ein großer Schritt nach vorn.

Doch: Neben diesen auf eine Energiewende zielenden Forderungen und Ziele ist zweifellos auch in anderen Bereichen eine tiefgehende Umgestaltung unseres Lebensstiles erforderlich.

  • Eine grundlegende Verkehrswende, die nicht nur auf einen Austausch des Antriebssystems von Pkw setzt, ist erforderlich. Abgesehen von der ungünstigen Energiebilanz bei der Herstellung von E-Autos bzw. deren Batterien und den extremen Problemen rund um die Förderung der dafür nötigen seltenen Erden ist es einfach nicht sinnvoll zu viel fossilen Verkehr durch zu viel E-Auto-Verkehr zu ersetzen.
    • Eine ernstgemeinte Verkehrswende bedeutet die Umstellung von Privatbesitz-PKW-Individualverkehr auf multimodale Sharing-Verkehrssysteme unter Betonung von Schiene, Zweirad und ÖPNV.
  • Zum Flugverkehr ist hier nur festzuhalten, dass dieser Wirtschaftszweig nicht weiter wachsen kann/darf – und zweifellos nicht alle Menschen der Welt in Flugzeuge steigen können. Dies wirft auch drängende Fragen der Climate Justice auf.
  • Eine grundlegende Agrarwende beinhaltet die Prioritätensetzung auf Bodenerhaltung und Bewahrung der Biodiversität. Eine Ende der Fleischexportwirtschaft scheint da m.E. der logische Schritt, weil die Nitratbelastung des Grund- und Trinkwassers durch Kunstdünger und Gülle dringend heruntergefahren werden muss. In diesem Sinne ist auch eine übermäßige und in diesem Sinne gesundheitlich schädliche Versorgung mit billigem Tierquäl-Antibiotika-Resistenzen-erzeugendes minderwertiges Fleisch künftig abzuwenden.

Noch einmal: Diese Ziele von FfF sind wünschenswert und auf jeden Fall ein großer Schritt nach vorn – aber:

  • Sie kratzen indes nicht am neoliberalen Wachstumsdogma, dem Finanzialismus, dem Extraktivismus (=übermäßige Ressourcenausbeutung) und dem globalen Kapitalismus inkl. Neo-Kolonialismus dieser Tage.
  • Dieser Party-Kit „Klimakrise“ verdeutlicht mindestens, dass die Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles einfordern, keine Maximalanforderungen für die Bewältigung der Klimakrise, sondern eher die allerunterste Kante der tatsächlich notwendigen Maßnahmen darstellen.

Die Klimakrise kann auch als Chance betrachtet werden: Anders leben. Weltweit. Ohne Sweatshops, ohne faktische Sklaven: Mit einem besseren Leben für alle. Wir brauchen diesen Turbokapitalismus nicht. Es ist genug für alle da.

LebeLieberLangsam.

Es gibt eine ganze Menge Menschen und Gruppen mit Ideen da draußen, wie wir den Laden grundlegend umkrempeln können. Diese Ideen verbergen sich hinter Begriffen wie Postwachstumsökonomie, Gemeinwohlökonomie, Degrowth, aber kleiner gedacht auch hinter Stichwörtern wie Solawi (=solidarische Landwirtschaft), Repair-Cafés…


Die einfachste und seit langer Zeit sehr erfolgreich umgesetzte Methode um die Sache anzugehen, sind: Genossenschaften.
Fahren wir den Finanzialismus zurück und fördern wir massiv privatrechtliche Betriebe/Unternehmensformen, die keinen Gewinn im eigentlichen Sinne machen können – und wir sind da, wo wir hinwollen: Dann sind wir bei mittelständischen, dezentralen Unternehmen, die dem dienen, wofür Wirtschaft eigentlich gedacht ist. Sie dienen: Der Gesellschaft.

Revolutionär einfach. Und doch so Welt-bewahrend.


Geht nicht – gibt’s nicht. Denn:

Die Natur setzt uns die Pistole auf die Brust – und das ist insbesondere dem Finanzialismus und dem Neoliberalismus zuzuschreiben.

Die Alternative – alles so lassen, nur an den kleinen Schrauben zu justieren – führt ins: Aus.


Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz:

  • Bäume pflanzen/globale Aufforstung.

    .
    • Bäume sind sehr gute, langjährige CO₂-Speicher. Eine im Juli 2019 veröffentlichte Studie namens The global tree restoration potential zeigt, dass eine globale Pflanzung von Bäumen das 1,5°-Ziel „zweifellos“ erreichbar mache. Mittels Satellitendaten wurde ausgewertet, „wo auf der Erde Platz für neue Bäume wäre und wie viel Kohlendioxidmenge diese speichern könnten“ (Dambeck 2019). Die Erde könne „ein Drittel mehr Wälder [aktuell 2,8 Mia Hektar + Fläche der USA = 900 Mio Hektar] vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden“ (n.n. 2019). Bis zu 60 Jahre dauere es, bis die Wälder herangewachsen wären, dann aber „könnten sie 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern… Das entspricht rund zwei Dritteln der 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die der Mensch seit der industriellen Revolution in die Atmosphäre gebracht hat.“ (Dambeck 2019). Die Wirkung einer solchen Maßnahme sei viel größer als bislang bekannt gewesen sei. „Umso wichtiger sei es nun, schnell zu handeln … [zumal] sich in einem insgesamt heißeren Erdklima die Fläche [reduziere], die überhaupt für Wald geeignet ist“ (ebd.).
      • Ebenfalls in der Studie wird erwähnt, dass „[d]ie Menschheit … den ursprünglichen Baumbestand der Erde wohl bereits halbiert“ (Charisius 2019a) habe.
    • Diese Bäume global zu pflanzen und zu pflegen (Aufwand!!!/praktische Umsetzung!!!) kann uns Menschen dabei unterstützen, das wichtige 1,5°-Ziel statt das ungleich riskantere 2,0°-Ziel zu erreichen – die Dringlichkeit des Handelns und der starken Transformation bleibt auch beim massenhaften Bäume pflanzen angesichts der gigantischen Herausforderung „Klimakrise“ ungebrochen: Zudem ist immer mehr Bäume pflanzen keine Dauerlösung auf diesem begrenzten Planeten, sondern kann allenfalls unterstützend wirken:
      • „Wälder können zwar Kohlendioxid aufnehmen und im Holz binden – aber eben nur in begrenzten Mengen während ihrer bis zu 100 Jahre dauernden Wachstumsphase. Will die Menschheit mit ihrem CO₂-Ausstoß weitermachen wie bisher, dann müsste sie alsbald die zwei-, drei- oder vierfache Fläche der USA freiräumen, um dort Bäume zu pflanzen.“ (Charisius 2019b) – freiräumen? Natürlich nicht.
    • Allgemein hat die Idee eine größenwahnsinnige Anmutung – und mich würde auch interessieren, inwieweit der positive Effekt wieder durch den (fossilen?) Energieaufwand bei Pflanzung und Pflege geschmälert wird… Trotzdem: Systematisch Wälder zu schützen und viele, viele neue Bäume zu pflanzen scheint dennoch definitiv richtig – es ist ein weiteres Puzzleteil auf dem Weg der „großen Transformation“.

    • Auf NGO-Ebene gibt es dazu selbstredend schon länger umfangreiche Baumpflanz-Projekte. Hier engagiert sich u.a. die globale Nicht-Regierungsorganisation (Non-governmental organization) Plant for the Planet, die von dem seinerzeit 9-jährigen Felix Finkbeiner (*1997) gegründet wurde, unter der Schirmherrschaft von Fürst Albert von Monaco und Klaus Töpfer. (Hier gibt es Diskussionen um die Zahl der gepflanzten Bäume – und das Ziel 1000 Milliarden Bäume liegt offensichtlich in weiter Ferne, aber festzuhalten bleibt: Der Plant for the Planet-Ansatz ist Teil der Lösung.)

    • Die Grüne Mauer im Sahel | The Great Green Wall | The Great Green Wall for the Sahara and the Sahel Initiative (GGWSSI) ist auch so ein 2007 von der Afrikanischen Union (AU) begonnenes Projekt, dass ein mindestens 15 km breites und etwa 8000 km langes Band quer durch Afrika unterhalb der Sahara in der Sahelzone etwa auf den Breitengraden vom Senegal, von Mali, Niger, Tschad, Sudan und Eritrea vorsieht. Etwa 15% des Projektes sind laut Projektkoordinator Elvis Paul Tangem (Stand 2017) umgesetzt. Inzwischen ist man davon abgekommen, dass dieser Baumwall unbedingt durchgehend zu sein habe – dies habe wohl in erster Linie große Symbolkraft. „Für den Agrarexperten [Chris] Reij geht es … weniger darum, massenhaft Bäume zu pflanzen, als vielmehr [pragmatisch von den örtlichen Gegebenheiten auszugehen, die Menschen einzubeziehen und in diesem Sinne] viele kleine, in den Dorfgemeinschaften verwurzelte Projekte zu unterstützen und existierende Baumbestände zu erhalten… [D]ie Verantwortlichen sprechen mittlerweile lieber von einem Mosaik als von einer Mauer. Außerdem geht die Initiative nun über die Sahelzone hinaus, insgesamt 21 afrikanische Staaten beteiligen sich“ (Goergen 2017). Klar ist auch, dass es hier um mehr geht, als um Bäume pflanzen.

    • Mitten in der Sahel-Zone, im unwirtlichen Norden von Burkina Faso hat ein einzelner Mann in dreißig Jahren harter körperlicher Arbeit (lang Jahre vollkommen allein) entgegen allen Widerständen (auch seiner Mitmenschen) gelungen, was westliche „Entwicklungshelfer“ vergeblich versuchten. Yacouba Sawadogo hat einen Wald geschaffen, „30 Hektar ehemals totes Land, 42 Fußballfelder, auf denen 60 verschiedene Bäume und Sträucher [und Getreide] wachsen, die größte Artenvielfalt in diesem Teil der Sahelzone“ (Jeska 2012) ( „Vor 20 Jahren stand hier nur ein Baum!“, ebd.) – und wurde er 2018 mit dem sog. alternativen Nobelpreis, dem „Right Livelihood Award“ ausgezeichnet (Grefe 2018).

      • Wenn ein einzelner Mensch in der Lage ist, einen 42 Fußballfelder umfassenden Wald zu schaffen mitten in der Sahelzone – dann zeigt das, wie viel eigentlich möglich wäre – und es ist m.E. äußerst frustrierend, dass es so oft bei einzelnen „Mutmachergeschichten“ bleibt – weil angeblich alles nicht geht. Machen statt reden. In diesem Fall allerdings hat Yacouba Sawadogo zahlreiche Nachahmer gefunden (vgl. Grefe 2018) – andererseits wurde das Projekt der eigene Erfolg zum Verhängnis: Dort, wo Wald und Felder waren und das Land wieder lebenswert war, baute die Regierung: Häuser. Sawadogo „tat das, was er immer getan hat, wenn das Leben sich ihm entgegenstellte: Er fing wieder von vorne an. Wanderte mit seiner Hacke ein Stück weiter: dorthin, wo niemand war und wo niemand sein wollte, hackte neue Löcher“ (Jeska 2012).

>> Quellen:
> Zitat „Platz für neue Bäume“: Dambeck, Thorsten (2019): „Klimakrise Wälder könnten zwei Drittel aller CO₂-Emissionen ausgleichen“. in: Der Spiegel, 4.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/waelder-koennten-zwei-drittel-aller-co2-emissionen-ausgleichen-a-1275799.html (Abrufdatum 5.7.2019)
> Studie: Bastin, Jean-Francois et al. (2019): „The global tree restoration potential“. in: Science, 5.7.2019, online unter https://science.sciencemag.org/content/365/6448/76 (Abrufdatum 5.7.2019)
> Zitat „ein Drittel mehr Wälder“: n.n. (2019): „Bäume pflanzen gegen den Klimawandel“. in: Die Zeit, 4.7.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-07/klimawandel-klimaschutz-aufforstung-baeume-pflanzen-co2-emmissionen (Abrufdatum 5.7.2019)
> Zitat „Baumbestand halbiert“: Charisius, Hanno (2019a): „Lasst uns Milliarden Bäume pflanzen“. in: Süddeutsche Zeitung, 7.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/russland-china-usa-brasilien-klimawandel-wald-baeume-co2-treibhausgas-1.4513739 (Abrufdatum 7.7.2019)
> Zitat “ zwei-, drei- oder vierfache Fläche der USA“: Charisius, Hanno (2019b): „Aufforstung allein verhindert keine Klimakrise“. in: Süddeutsche Zeitung, 9.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-wald-1.4515837 (Abrufdatum 14.7.2019)
> Hörnlein, Katrin (2918): „Felix Finkbeiner: ‚Nicht lange reden, direkt etwas tun'“. [Interview mit Felix Finkbeiner]. in: Die Zeit, 27.6.2018, online unter https://www.zeit.de/2018/27/felix-finkbeiner-umweltschutz-klimawandel (Abrufdatum 5.7.2019)
> Fischer, Tin (2019): „Plant for the Planet: Weißt du, wie viel Bäumlein stehen?“. in: Die Zeit, 6.3.2019, online unter https://www.zeit.de/2019/11/plant-for-planet-ngo-projekt-aufforstung-daten (Abrufdatum 5.7.2019)

> Zitat „Green Wall“: Goergen, Roman (2017): „Afrikas Grünstreifen: Wüstenbildung Einhalt gebieten“. in: Technology Review, online unter https://www.heise.de/tr/artikel/Afrikas-Gruenstreifen-3664743.html?seite=all (Abrufdatum 5.7.2019)
> Website des Projektes Great Green Wall: https://www.greatgreenwall.org/ (Abrufdatum 5.7.2019)


> Zitat „30 Hektar ehemals totes Land“: Jeska, Andrea (2012): „Sahelzone: Der Mann, der die Wüste aufhielt“. in: Die Zeit, 29.11.2012, online unter https://www.zeit.de/2012/49/Hunger-Sahelzone-Baeumepflanzer (Abrufdatum 6.7.2019)
> Quelle „Alternativer Nobelpreis“: Grefe, Christiane (2018): „Yacouba Sawadogo: Bauer aus Burkina Faso erhält Alternativen Nobelpreis“. in: Die Zeit, 24.9.2018, online unter https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-09/yacouba-sawadogo-alternativer-nobelpreis-landwirtschaft-trockenheit-boeden (Abrufdatum 6.7.2019)
> siehe auch Film-Doku: Dodd, Mark (2010): Der Mann der die Wüste aufhielt. [=The Man Who Stopped the Desert] – kann hier bezogen werden: https://www.journeyman.tv/film/5581/the-man-who-stopped-the-desert (Abrufdatum 6.7.2019)

> Erläuterung: Sahel = arabisch „As sahil“ = „Ufer der Wüste“ (Jeska 2012.)

  • Divestment (Kapitalabzug aus fossilen Unternehmen)
    • Das ist ein äußerst mächtiger Hebel, vgl. dazu die Kampagne Fossil Free, die u.a. von Barack Obama, Prince Charles und Al Gore unterstützt wird – mittlerweile ziehen sich diverse Pensionsfonds, Stiftungen sowie das Land Irland finanziell aus entsprechenden Unternehmen zurück – siehe dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Divestment_(fossile_Energien) (Abrufdatum 5.7.2019)) []

  • Klimanotstand ausrufen.
    Derzeit haben über vierzig Städte in Deutschland – darunter Konstanz, Kiel, Bochum, Wiesbaden und Heidelberg – den sog. „Klimanotstand“ ausgerufen. Hier streiten sich die Geister, inwieweit dies eine reine Symbolpolitik und somit überflüssig sei – und inwieweit der Begriff „Notstand“, der ja eigentlich „eine Ausnahmesituation darstelle, deren Bekämpfung die Einschränkung von Bürgerrechten in Kauf nimmt“ angemessen sei. „Manche Städte, darunter Kiel, sprechen deswegen in ihren Beschlüssen explizit vom international benutzten Begriff ‚climate emergency'“.

    Was genau ist an Symbolpolitik prinzipiell schlecht? Nach meiner Ansicht sollte derzeit jede Maßnahme ergriffen werden, um den vielen noch vom unendlichen HöherSchnellerWeiter träumenden Bürger*innen zu verdeutlichen, dass wir vor drastischen Umbrüchen und Veränderungen stehen. (Der englischsprachige Begriff könnte evtl. nicht klar genug machen, worum es tatsächlich geht.) Und im Ernst: Es herrscht faktisch Notstand – auch wenn er sich aktuell im Alltag nur bedingt zeigt.



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