Verkehr & Mobilität

– under construction –

Verkehrssektor =

  • „etwa 24% der energiebedingten globalen CO2-Emissionen… 95% davon stammen aus dem Straßenverkehr.“ (Rammler 2017, S. 70-71)
  • europaweit fast 30 Prozent der CO2-Emissionen… In Deutschland liegt der Anteil des Verkehrs bei fast 20 Prozent der Emissionen. Rund 95 Prozent davon verursachen Pkw und Lkw.“ (Zimmer 2019)

>> Quellen und Zitate:
> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 70-71.
> Zimmer, Wiebke (2019): „Die schwere Last Verkehr“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 26. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]


Thema Auto/Pkw/privater Individualverkehr

Vorweg: Zwei Dinge, die die meisten Autofahrer*innen nicht in der Fahrschule gelernt haben, weil diese Regeln zur der Zeit noch nicht existierten:

  • Autofahrer*innen haben laut ständiger Rechtsprechung immer und ausnahmslos 1,5 Meter Abstand von Fahrradfahrer*innen zu halten – selbst wenn das bedeutet, dass sie dann hinter der/dem Radfahrer*in wie hinter einem Landstraßen-Traktor „gefangen“ sind.
  • In Fahrradstraßen gilt immer Tempo 30.
    (Das gilt auch in dem Fall, dass Tempo 30 am Ende einer 30er-Zone aufgehoben wird, die in eine Fahrradstraße mündet – das ist lediglich eine Falle des deutschen Schilderwaldes.)
  • Wann haben Sie zuletzt eine/n Städter*in gesehen die/der fröhlich und sichtbar gut gelaunt in ihrem/seinem Auto saß?
    • Schon länger her?
      • Wann haben Sie zuletzt eine/n Städter*in gesehen die/der fröhlich und sichtbar gut gelaunt auf ihrem/seinem Fahrrad saß?

  • Wir sind Bewegungstiere – keine Sitztiere.

Zum Thema:

Von der „autogerechten Stadt“ zur „lebenswerten Stadt“, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Von den Korrektur einer reichlich absurden Entwicklung.

Derzeitige Aufteilung des ‚ruhenden‘ öffentlichen Raums:

  • 2% = Radabstellflächen | 3% = ruhender öffentlicher Verkehr (Haltestellen u. Bahnhöfe) | 3% = ruhender Fußgängerverkehr (Straßencafés, Parkbänke etc.) >> Summe: 8%
  • 92% = Parkplätze für Autos (1 parkendes Auto benötigt etwa 12 qm Fläche)
  • pro Tag benötigen Autofahrer 2-5 Stellplätze.
  • Autos stehen 23 Stunden still – oftmals im öffentlichen Raum.
  • Man geht davon aus, „dass über 30 Prozent des innerstädtischen Straßenverkehrs durch Parksuchverkehre verursacht wird.“
  • Bezogen auf die EU-15 werden hinsichtlich des Parkens im öffentlichen Raum „nur 23 Prozent der Kosten durch die Benutzer ausgeglichen …, während die verbleibenden 77 Prozent der Kosten von der öffentlichen Hand getragen werden… Alle Stadtbewohner, ob Autobesitzer oder nicht, zahlen für das Privileg des Parkens im öffentlichen Raum.“

>> Quelle, Zahlen und Zitate: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 60 u. 62.

Hier kommt der Begriff der Flächengerechtigkeit ins Spiel.

Amsterdam: „Platzbedarf von Verkehrsmitteln … in Bewegung, in Quadratmetern pro Person„:
Auto in Betrieb mit einer Person bei 50km/h = 140 | Straßenbahn mit 50 Passagieren = 7 | Rad mit 15 km/h = 5 | Fußgänger laufend = 2

>> Quelle, Zitat und Zahlen: Drewes, Sabine (2019): „Urbaner Raum: Von der autogerechten zur lebenswerten Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 12. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

  • In Berlin nehmen parkende Autos 19%, fahrende Autos 39% und Fahrräder 3% der Verkehrsflächen ein. Der Anteil an zurückgelegten Wege beträgt aber 30% bzw. 13%. „Wäre die Straßengestaltung ‚flächengerecht‘, müssten die Radwegflächen mehr als vervierfacht werden.“ (ebd. 13)

„Wir müssen den öffentlichen Raum neu denken.“

>> Quelle und Zitat: Matthias Dunkel, Verkehrsplaner in: Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 15.

Verkehr ist mehr als der tägliche Stau.

  • Was bedeutet Verkehr derzeit konkret?

    • In Europa starben „2016 rund 400.000 Menschen vorzeitig“ aufgrund von Luftverschmutzung. In „verlorenen Lebensjahren“ gerechnet bedeutet dass 4,2 Mio Lebensjahre wegen Feinstaub, 707.000 Lebensjahre wegen Stickstoffdioxid und aufgrund der Ozonbelastung 160.000 Lebensjahre.
      • „Verkehr, Energieerzeugung und Landwirtschaft sowie die Industrie sind die wesentlichen Quellen des Drecks in der Luft. Wobei insbesondere die Belastung durch Verkehr und Landwirtschaft nahezu konstant geblieben ist, während sie in den anderen Bereichen zurückgegangen ist. „

>> Quelle und Zitate: Charisius, Hanno (2019): „Europäische Umweltagentur: 400 000 Europäer sterben durch Luftverschmutzung“. in: Süddeutsche Zeitung, 16.10.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/luftverschmutzung-feinstaub-stickoxid-1.4642746 (Abrufdatum 18.10.2019)

Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo bemerkte 2016:

  • „2500 Menschen sterben jährlich in Paris an den Folgen der Luftverschmutzung. … Der Verkehr generiert zwei Drittel der CO2-Emissionen und 56 Prozent der Belastungen durch Feinstaub.“

>> Quelle und Zitat: Simons, Stefan (2016): „Pariser Schnellstraße wird zur Flaniermeile: Ewiger Sommer an der Seine“. in: Der Spiegel, 27.9.2016, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/paris-autos-muessen-raus-schnellstrasse-wird-zur-flaniermeile-a-1114133.html (Abrufdatum 8.11.2019) [Ähnliches gilt für Berlin, s.u. Quelle n.n. 2005]

Hinter derartigen Todes-Zahlen stehen logischerweise ungleich höhere Erkrankungszahlen:

Der Pneumologe Christian Witt von der Berliner Charité wies bereits 2005 (!) darauf hin, dass

  • „bundesweit 60 000 Bürger im Jahr früher sterben wegen erhöhter Schadstoffbelastung in der Luft“ (n.n. 2005).
  • (Heute geht man allein bei Feinstäuben von 74.300 Todesfällen pro Jahr in Deutschland aus, vgl. Drieschner 2017.)

>> Quelle und Zitat: n.n. (2005): „Fast 2500 Berliner sterben jährlich an schlechter Luft“ in: Die Welt, 11.3.2005, online: https://www.welt.de/print-welt/article557514/Fast-2500-Berliner-sterben-jaehrlich-an-schlechter-Luft.html (Abrufdatum 28.04.2018)
>> Quelle: Drieschner, Frank (2017): „Verkehrsopfer. Die ungezählten Toten“. in: Die Zeit, 16.8.2017, online: https://www.zeit.de/2017/34/verkehrsopfer-strassenverkehr-unfaelle-abgas-laerm/komplettansicht?print (Abrufdatum 29.04.2018)

So mutet es nicht verwunderlich an, wenn Ärzte davon abraten, sich länger an großstädtische Hauptverkehrsstraßen aufzuhalten:

  • „Viele Lungenfachärzte fragen ihre Patienten inzwischen, wo sie wohnen, und raten gegebenenfalls zu einem Umzug in eine weniger belastete Umgebung…“

>> Quelle und Zitat: n.n. (2018): „Lungenärzte für mehr Anstrengungen gegen Luftverschmutzung“. [dpa-infocom-Meldung]. in: mod.de. online: https://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1682365/ (Abrufdatum 28.04.2018)

äußert sich Witt, der zudem Patienten empfiehlt

  • „längere Spaziergänge entlang mehrspuriger, vielbefahrener Straßen wie etwa der Frankfurter Allee in Berlin [zu] vermeiden.“

>> Quelle und Zitat: Maier, Jutta (2017): „Charité-Arzt warnt vor Diesel: ‚Kranke werden kränker’“ in: bizz energy. Das Wirtschaftsmagazin für die Energiezukunft, 2.8.2017. online: https://bizz-energy.com/charit%C3%A9_arzt_warnt_vor_diesel_%E2%80%9Ekranke_werden_kraenker%E2%80%9C (Abrufdatum 28.04.2018)

Auch komplett gesunden Menschen sollten sich in dieser Hinsicht nicht in Sicherheit wiegen:

  • So findet sich ein Hinweis, dass mittlerweile sogar gesunde Menschen lieber nicht mehr in ihrer eigenen Stadt längere Zeit in der Nähe von großen Straßen ihre Lungen benutzen sollten, in einer britischen Studie, der zu Folge zweistündige Spaziergänge an Hauptverkehrsstraßen selbst bei gesunden Menschen erhebliche negative Effekte auf den Puls und die Lungenfunktion haben.

>> Quelle: Koch, Werner (2018): „Schädigt Sport an verkehrsreicher Straße Lunge und Herz?“. in: Gesundheitsbrief April 2018. online: https://praxiskoch.de/2018/04/17/eucell-gesundheitsbrief-april-2018-2/ (Abrufdatum 28.04.2018)

Die schlechte Luftqualität beeinträchtigt übrigens nicht nur Anwohner*innen, Fußgänger*innen und Radfahrer*innen, sondern auch „die Autofahrer selbst, die sich über ihre Belüftungsanlagen selbst vergiften…“

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 67.

Man kann sogar sagen, dass es insbesondere Autofahrer*innen durch Abgase beeinträchtigt werden:

  • „In einem Test hat die Autobild-Redaktion [im Innenraum von Autos] Spitzenwerte von 500 Mikrogramm Stickstoffoxid pro Kubikmeter Luft gemessen. Die EU schreibt Grenzwerte von 40 Mikrogramm im Jahresmittel vor. Spitzenwerte dürfen höchstens 18-mal pro Jahr über 200 Mikrogramm steigen.“

>> Quelle und Zitat: Zepp, Valeska (2018): „Sorgenfrei durchatmen. Atemmasken für Radfahrerinnen und Fußgänger sind keine Lösung […]“. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018, S. 15.

Details
  • Diese „Grenzwerte der EU orientieren sich an den WHO-Empfehlungen, wobei diese teilweise noch niedriger liegen. Die EU-Grenzwerte sind also Mindeststandards.“

>> Quelle und Zitat: Albrecht, Tim (2018): „‚Die meisten sind Betroffene’“. [(Michael Müller-Görnert im Interview mit Tim Albrecht]. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018, S. 17.

In der Tat:

  • „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 2005 höchstens zehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Und sogar das scheint zu hoch, wie eine neue Beobachtungsstudie aus den USA zeigt: Selbst unterhalb der WHO-Empfehlung nimmt die Sterblichkeit mit der Dosis zu.“

>> Quelle und Zitat: Heißmann, Nicole (2017): „Diesel-Abgase: ‚Wir in Europa leisten uns ziemlich hohe Grenzwerte’“. [Annette Peters im Interview mit Nicole Heißmann]. in: Der Stern, 33/2017. online: https://www.stern.de/gesundheit/diesel-abgase–grenzwerte-fuer-stickoxide-und-feinstaub-zu-hoch-7569076.html (Abrufdatum 28.04.2018)

Eine gute Nachricht für Menschen, die der Bequemlichkeitsfalle bereits entkommen sind – ist:

  • „Fährt man die gleiche Strecke mit dem Auto oder dem Rad, ist die Lungenfunktion bei Autofahrern schlechter. Der Trainingseffekt des Radfahrens überwiegt anscheinend den Negativeffekt der Luftbelastung um ein Mehrfaches.“

>> Quelle und Zitat: Heißmann, Nicole (2017): „Diesel-Abgase: ‚Wir in Europa leisten uns ziemlich hohe Grenzwerte’“. [Annette Peters im Interview mit Nicole Heißmann]. in: Der Stern, 33/2017. online: https://www.stern.de/gesundheit/diesel-abgase–grenzwerte-fuer-stickoxide-und-feinstaub-zu-hoch-7569076.html (Abrufdatum 28.04.2018)
>> s.a. News-Beitrag in LLL Zahl des Tages: 500 Mikrogramm.

Anmerkung: Für längere Radfahrten entlang der Neckartore und der Frankfurter-Max-Brauer-Landshuter-Allee-SUV-Einfallschneisen habe ich mir inzwischen eine extra für Radfahrer entwickelte Atemmaske mit Kohleaktivfilter besorgt. In der Hoffnung, sie bald nicht mehr zu benötigen.


Ein Zwischengedanke:
„Der Ende des Jahres [2019] erscheinende 5,21 Meter lange Mercedes GLS ist so breit, dass die Ingenieure eine Funktion zum Einknicken der Räder entwickeln mussten. Nur so passt er in die Spurführung von Waschstraßen.“

>> Quelle und Zitat: n.n. (2019): „Verkehrswende: Die Zukunft der Automobilindustrie in Deutschland ist in Gefahr“. in: DUHwelt, 3/2019, S. 18.

Der Verkehrsplaner Georg Dunkel analysiert für München den stetigen Zuzug von Menschen und das Pendlerverhalten:

  • „Wenn alle Verkehrsteilnehmer ihre Gewohnheiten beibehalten,… werde es in den Landeshauptstadt im Jahre 2030 keine Rushhour mehr geben, also keine ‚ausgeprägten Stauspitzen‘ am Morgen und am frühen Abend. [Matthias] Dunkel hat dazu eine Grafik entworfen, statt Amplituden weist sie eine flache Linie aus, die ‚Dauer-Hauptverkehrszeit‘ mit nahezu 100-prozentiger Auslastung der Straßenkapazität von 6 Uhr bis 21 Uhr. Ein Verkehrsinfarkt.“

>> Quelle und Zitat: Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 15.

  • „Um von zu Hause mit dem Auto in die Stadt zu fahren, nutzen 75 Menschen 50 PKW. Sie könnten auch alle mit einem Bus fahren.“

>> Quelle: Fairkehr, Magazin des VCD 5/2018, S. 16, Hervorhebung Pendzich.


Grundlegende Feststellung:

Ein Auto steht i.d.R. 23 Stunden lang ungenutzt herum.

  • „Automobilität [ist] betriebs- wie volkswirtschaftlich unglaublich unrentabel… Oder kennen Sie Unternehmen, die ihre Produktionsanlagen 23 Stunden am Tag stillstehen lassen und sie dann auch noch äußerst ineffizient …[mit] einem durchschnittlichen Auslastungsgrad von 1,6 Personen pro Fahrzeug“ nutzen?

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 16-17.

  • Da geht doch in Zeiten der digitalen Vernetzung per „Sharing“ und multimodalem Verkehrssystemen mehr?

Es geht um nichts weniger als „um die Neuerfindung der Mobilität als postfossiles, dekarbonisiertes, sicheres und widerstandsfähiges System nachhaltiger Praktiken der Raumüberwindung.“

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 10.

Definition ’nachhaltige Mobilität‘:
„[N]achhaltige Mobilität [lässt sich] definieren als die ökologisch verträgliche und sozial gerechte Gestaltung und Gewährleistung der Erreichbareit von Einrichtungen und Kommunikationszugängen auf der Grundlage nicht-fossiler energetischer Ressourcen.“ (ebd. 137)

„Wer politisch einen Paradigmenwechsel in der Mobilitätskultur erzeugen will, muss sich aktiv an der Entstehung und Verbreitung eines neuen kulturellen und technologischen Leitbildes der Mobilität beteiligen, er muss eine attraktive Geschichte erzählen.“ (ebd., 45)

Da geht so viel. Gerade im Hinblick auf multimodale Verkehrskonzepte ist die Zukunft geradezu atemberaubend faszinierend, dass es m.E. kaum begreifbar ist, wie das mittelfristige Loswerden eines teuren, stinkenden, anfälligen Stahlkastens als Verzicht verstanden werden kann. Die Alternativen existieren – und müssen nun aufgebaut werden – je schneller und finanziell potenter, um so besser.

„Die Ernsthaftigkeit unserer Bemühungen um das Weltklima und den Weltfrieden [ – Stichwort Krieg ums Öl – ] bemisst sich … an der Bereitschaft, etwas im Kern unserer privaten Lebensstile massiv zu verändern, einen ganzen Wirtschaftszweig mutig und radikal zu transformieren , ja, eine ganz Volkswirtschaft umzubauen. Die Neuerfindung … der Mobilität ist ein echtes Jahrhundertprojekt. Aber eines, um das es sich wirklich zu kämpfen lohnt, weil die segensreichen Wirkungen enorm sein werden.“

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 20.

Warum wir uns so schwer tun – auch abseits der den Deutschen eigenen „Liebe zum Auto“:

  • „Ist … erst einmal ein stabiler Funktionsraum und ein neues kulturelles Leitbild entstanden, welche eine Technologie bevorzugen und in ihrer weiteren Entwicklung stabilisieren, so haben es Alternativen ab diesem Zeitpunkt sehr schwer, sich zu etablieren bzw. zu koexistieren.“ (ebd. 41)
  • Andererseits lässt die Strahlkraft des Autos als Statussymbol abseits des SUV-Hypes deutlich nach, namentlich bei den Jüngeren:

18- bis 24-Jährige ohne Auto-Führerschein 2010 = 14,2% | 2018 = 20,8%

>> vgl. Kosok, Philip (2019): „Umweltverbund: Auf die sanfte Tour“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 15. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]


Wie hat man es in Kopenhagen gemacht?

  • „Als erstes, so [der Verkehrsexperte Stephan] Rammler, ‚hat Kopenhagen die Parkplätze verknappt und verteuert, dann die Fahrspuren neu aufgeteilt‘. Und dann hätten sie alles verknüpft mit einem funktionierenden, gut abgestimmten und auch optisch attraktiven öffentlichen Nahverkehr. Fast jeder zweite benutzt auf dem Weg zur Arbeit oder zur Ausbildung das Rad.“

>> Quelle und Zitat: Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 16.

„Schwarzparken auf einem Radweg, und sei es nur für fünf Minuten, ist hier [in Kopenhagen] kein Kavaliersdelikt, sondern eine sehr teure Angelegenheit. Durch die strikte Kontrolle beweist die kommunale Exekutive Respekt vor den eigenen Plänen und Konzepten und zeigt. Wir meinen es wirklich ernst.“

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 127.

  • „Die Radwege sind breit, die grüne Welle ist auf Fahrradgeschwindigkeit eingestellt, es gibt Radschnellwege und Fahrradbrücken.“

>> Quelle und Zitat: Drewes, Sabine (2019): „Urbaner Raum: Von der autogerechten zur lebenswerten Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 13. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

  • In Kopenhagen werden im Winter zuerst die Fahrradwege von Schnee und Eis geräumt. Andernfalls würde umgehend ein Verkehrskollaps drohen – wenn plötzlich ein Großteil der Radfahrer das Auto aus der Garage holen würde. []

Und die Niederlande? Das Traumland eines jeden Fahrradliebhabers?

  • Seit Hape Kerkeling wissen wir, dass „[i]n Norwegen … auf jeden Norweger 75 Elche, 90 Murmeltiere und 100 Blockhäuser“ kommen. In den Niederlanden kommen hingegen auf 17 Millionen Einwohner 23 Millionen Fahrräder.

>> Quelle und Zitat „Norwegen“: Kerkeling, Hape (1988): Hannilein & Co. Texte, Sketche, Parodien. rororo. S. 19.
> Quelle „Niederlande“: Harms, Lucas et al. (2019): Cycling Facts. Hrsg. vom Ministry of Infrastrucure and Water Management, S. 4, online unter https://www.government.nl/documents/reports/2018/04/01/cycling-facts-2018 (Abrufdatum 11.11.2019)


Soja, Raps und Palmöl gehören nicht in den Tank. []

„Biodiesel hat den Rapsanbau in Deutschland beflügelt, über 1,3 Millionen Hektar standen 2017 knallgelb auf den Feldern, gentechnisch unverändert. Ihr ausgepresstes Öl landet im Diesel, übrig bleibt der sogenannte Rapskuchen, ein eiweißhaltiges Futtermittel. Es ist so billig, dass es das Sojaschrot in der Rinder- und Milchkuhhaltung inzwischen fast vollständig verdrängt hat.“

>> Quelle und Zitat: Asendorpf, Dirk (2018): „Der globale Acker“. in: Unser künftig Brot, SWR2 Wissen Spezial. Manuskript, online unter: https://www.swr.de/swr2/wissen/SWR2-Wissen-Der-globale-Acker,broadcastcontrib-swr-29448.html || https://www.swr.de/swr2/wissen/swr2-manuskript-wissen-2019-08-17-der-globale-acker-100.pdf || https://avdlswr-a.akamaihd.net/swr/swr2/wissen/sendungen/wissen/swr2-wissen-20190817-der-globale-acker.m.mp3 (Abrufdatum 11.11.2019)


Wenn man über neue Mobilität nachdenkt, reicht es nicht, Großstädte fit fürs 21. Jahrhundert zu machen; es bedarf einer grundlegend neuen umfassenden ÖPNV-Versorgung insbesondere der ländlichen Gebiete:

Die Deutschen leben zu … in Orten mit … Einwohner*innen:
70% = < 100.000 | 30% = > 100.000 || (15% = < 5000 || 27% = 5000-20.000)

>> Quelle: Machowecz, Martin (2019): ‚Wenn Großstädter fordern, dass jede Kartoffel gehegt wird wie eine Zimmerpflanze auf St. Pauli, vergessen sie, dass Kartoffeln draußen auf dem Acker wachsen'“: in: Die Zeit, Nr. 25/13.6.2019, S. 52.

Und selbst wenn man das beste ÖPNV-Netz Europas aufbaute, gilt, dass es in ländlichen Gegenden vielfach ganz ohne Auto nicht gehen wird: „Aber es scheint doch niemand gezwungen zu sein, ein besonders großes und leistungsstarkes Fahrzeug zu fahren… um mobil zu sein.“

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 73.


Thema Pendler*innen

München 2011|2018 = +21% Pendler*innen || Frankfurt =+23% (nach Bartsch et al, 2019, S. 15.)

„Aus Hamburg fahren täglich 140.000 Menschen zur Arbeit heraus und 340.000 hinein.“ (Bartsch et al, 2019, S. 15.)

„Und selbst die, deren Arbeitsweg kürzer als drei Kilometer ist, fahren zu 40 Prozent mit dem eigenen Pkw.“ (ebd.)

Ein großer Teil des städtischen Autoverkehrs wird durch PendlerInnen verursacht. Dazu stellt der Verkehrsexperte Philipp Kosok fest:

  • „Die Menschen, die in den Innenstädten unter Stickoxiden leiden, sind selten die Verursacher der schmutzigen Luft. Es sind die Pendler, die täglich 20, 30 oder 50 Kilometer zur Arbeit in das Stadtzentrum fahren, denen man Alternativen zur Fahrt mit einem Auto anbieten muss“.

>> Quelle und Zitat: Kühne, Benjamin (2018): „Fünf Städte für eine saubere Luft“. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018, S. 19

„[A]llen… Fachleuten ist klar: Solange es preiswerter ist, das Auto in der Innenstadt zu parken, als den Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bestreiten, fehlt der ökonomische Anreiz, aufs Auto zu verzichten.“ (ebd. 18)


Thema „immer mehr und immer größere Autos auf den Straßen in Deutschland“

Ein Zwischengedanke:

„Wir richten uns ein mit dem täglichen Tod auf den Straßen, dem zermürbenden Lärm bei Tag und Nacht, der Zerstörung von Landschaft und Natur.“

Oberstadtdirektor Neuffer, Hannover, 1972, zitiert nach: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 21.

„‚Frankfurt ist in den vergangenen zehn Jahren um 100.000 Menschen gewachsen – und die sind nicht alleine gekommen, sondern haben 50.000 Autos mitgebracht'“. (Verkehrsdezernent Klaus Oesterling in Bartsch et al, 2019, S. 18.)


„[E]twa achtzig Prozent der Bundesbürger [wünschen] sich weniger Autos, sauberere und leisere Städte… [G]leichzeitig [steigt] aber das PS-Niveau der Neuwagen und die Zuklassungsquote von SUVs stetig“ an.

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 25, bezieht sich auf eine Studie des UBA.

2. April 1998: „Umweltministerin Merkel vertraut bei der Senkung des deutschen CO2-Ausstoßes auf die Einführung des 3-Liter-Autos & freiwillige Kooperation der Autohersteller. Die Firmen wüssten, dass sonst härtere Maßnahmen auf sie zukommen.“

>> Quelle: Meldung der Tagesschau, ARD, https://twitter.com/tagesschauvor20/status/980879766181081089?lang=de (Abrufdatum 7.11.2019)

Da ist sie wieder, die „Merkel’sche Freiwillige Selbstverpflichtung“ – ein anderes Wort für Bürgerberuhigungspille, damit „die Wirtschaft“ nicht gestört wird. Und wie wunderbar das funktioniert, sehen wir hier:

Im August 2000 meldete der Spiegel: „Alle Welt redet vom 3-Liter-Auto, doch Ingenieure verrenken Kopf und Schraubenschlüssel und pumpen kleine Autos mit immer mehr Leistung voll“.

>> Quelle und Zitat: n.n. (2000): „Die Rückkehr der GTI-Generation“. in: Der Spiegel, 8.8.2000, online unter https://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/giftzwerge-die-rueckkehr-der-gti-generation-a-88246.html (Abrufdatum 7.11.2019)

Den hier angesprochenen Trend zu Autos mit immer mehr Leistung bestätigen auch die folgenden Graphiken, die seit der Jahrtausendwende einen exponenziellen Anstieg von Geländewagen bzw. SUVs (die seit 2013 eine eigene Segment bilden beim Kraftfahrt-Bundesamt) zeigen.
Da Geländewagen in Deutschland außer für Förster*innen & Co zweifellos genau wie SUVs als SuperUnnützesVehikel (Hartmann 2019) gelten dürfen, und Geländewagen in dieser Perspektive sozusagen SUVs+++ sind, sind die Segmente SUV und Geländewagen in den folgenden Graphiken addiert:

Neuzulassungen in Deutschland
Anteil von SUV/Geländewagen in % –
derzeit also 1/3 aller Neuzulassungen

>> Quelle: Eigene Darstellung, basiert auf den Zahlen aus https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Neuzulassungen_von_Personenkraftwagen_in_Deutschland_nach_Segmenten_und_Modellreihen (Abrufdatum 7.11.2019)
>> Quelle „SuperUnnützesVehikel“: Bonmot von Anni Hartmann in: n.n. (2019): „Die Anstalt“, Sendung vom 1.10.2019, ZDF, online unter https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-1-oktober-2019-100.html (Abrufdatum 7.11.2019)

Neuzulassungen in Deutschland
SUV/Geländewagen in absoluten Zahlen

>> Quelle: Eigene Darstellung, basiert auf Zahlen aus https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_des_Bestandes_an_Personenkraftwagen_in_Deutschland_nach_Segmenten_und_Modellreihen (Abrufdatum 7.11.2019)

>> Anmerkung: 2008/09 flachte der Zuwachs etwas ab: Die globale Finanzkrise hinterließ kurzfristig ihre Spuren, dann kam 2009 die fünf Milliarden Euro schwere Umweltprämie (Abwrackprämie), vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Umweltpr%C3%A4mie (Abrufdatum 7.11.2019)

Derweil liegt der Anteil von SUVs/Geländewagen, die derzeit tatsächlich auf den Straßen in Deutschland unterwegs sind, bei etwa 12% – mit stark steigender Tendenz:

2003 = 1,7% | 2006 = 2,2% | 2009 = 2,9% | 2012 = 4,8% | 2015 = 7,2% | 2018 = 11,8%
>> jährliche Zuwachsrate etwa 8 bis 10%

>> Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_des_Bestandes_an_Personenkraftwagen_in_Deutschland_nach_Segmenten_und_Modellreihen (Abrufdatum 7.11.2019)
für 2018 = n.n. (2019): „Bestand nach Segmenten und Modellreihen (FZ 12)“. in: Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), online unter https://www.kba.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Statistik/Fahrzeuge/FZ/2019/fz12_2019_xlsx.xlsx?__blob=publicationFile&v=4 (Abrufdatum 7.11.2019)

Motorleistung von Neuzulassungen (Durchschnitt)
2008 = 96,4 kW | 2015 105,7 kW

„Dies führte zu einem Mehrverbrauch von 3,7 Milliarden Litern Kraftstoff und zu 9,3 Millionen Tonnen CO2-Emissionen. … Der Mehrverbrauch geht dabei vor allem auf den Bereich der Sport Utility Vehicles (SUV) und Geländewagen zurück, dem Segment mit höchster Motorleistung und Verbrauch.

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 64. Rammler hebt zudem hervor, dass auch „normale“ Diesel-Pkw zu einem Mehrverbrauch von Kraftstoff beigetragen haben, weil hier bei den Neuzulassungen ebenfalls besonders leistungsstarke Motoren beliebt sind.

Thema „Autoindustrie“

Arbeitsplätze: 834.000 (Stand 2018)

>> vgl. Kefferpütz, Roderick (2019): „Autoindustrie: Umbau einer Schlüsselbranche“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 16. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

Dieselskandal

Der eigentlich Skandal am Dieselskandal ist, dass er nicht stärker skandalisiert wurde. Die Liste der Betrügereien ist zu lang, um sie hier aufzustellen: Es ist definitiv bedeutend leichter, die wenigen Firmen bzw. Automodelle und Aspekte des Thema zu benennen, in denen nicht irgendwie mit Abschaltsoftwares, zu kleinen AdBlue-Tanks, illegalen Branchenabsprachen, weltfremden Abgastests etc. pp. pp. in diversen nationalen Märkten jahrelang betrogen, gemauschelt und gechincht wurde. Und es wurde weggeschaut, was das Zeug hält. Dann ging es um die geschädigten Autokäufer*innen, die nun zu Recht befürchten, dass ihr Auto nicht mehr zu einem zuvor erwartbaren Preis wieder verkauft werden kann und dass ihre Auto möglicherweise aufgrund innerstädtischer Fahrverbotszonen nicht ausreichend nutzbar ist. Das ist alles richtig.

Aber: Zu aller erst betrifft der Dieselskandal unser aller Gesundheit, es geht um unsere Lungen – auch um die der Autofahrer*innen. Über unsere Lungen hat niemand geredet. Das finde ich: irre.

Mir ist bislang keine Statistik/Prognose bekannt, wieviele Menschen rechnerisch gesehen an den Folgen des Dieselskandals insgesamt frühzeitig erkranken und versterben. Das wäre mal interessant.

Mehr ist dazu nicht zu sagen.


Thema „Verkehrstote“ – Vision Zero (=keine Verkehrstoten) | Tempolimit

  • Etwa 3000 Menschen sterben in Deutschland jährlich im Straßenverkehr. (vgl. Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 25.
  • 2017 = 3180 Menschen (Reek 2019)

Dass es 1970 (keine Gurtpflicht, andere Promillegrenzen, Kindersitzpflicht etc) noch 21332 Verkehrstote waren, macht die Sache nicht besser (vgl. Reek 2019): Jeder tote Verkehrsteilnehmer ist einer zu viel. Und das ist nicht nur so eine Feststellung. Vision Zero ist kein bloßer Wunsch, sondern eine Forderung, hinter der wir nicht zurückbleiben sollten.

Die Hamburger Polizei hat 2017 in einer Plakataktion herausgestellt:

1 Toter = 113 Opfer

  • „Wenn ein Mensch bei einem Verkehrsunfall stirbt, sind durchschnittlich 11 Familienangehörige, 4 enge Freunde, 56 Freunde und Bekannte nachhaltig betroffen sowie 42 Einsatzkräfte wie Rettungssanitäter, Feuerwehrkräfte oder Polizisten mit diesem schweren Schicksal konfrontiert.“

3180×113 = 359.340 zzgl. Schwerverletzte, die versehrt bleiben, vielleicht sogar berufsunfähig werden, und deren Familienangehörige, etc. pp.
Das sind eine Menge Schicksale.

Im Koalitionsvertrag von SPD und CDU/CSU steht, dass sich die Parteien „der ‚Vision Zero‘, also der mittelfristigen Senkung der Anzahl der Verkehrstoten auf null… verpflichtet“ sehen.

>> Quelle und Zitat: n.n. (2018): „Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD“. in: Bundesregierung.de, Ziffer 3640 = S. 79, online unter https://www.bundesregierung.de/resource/blob/656734/847984/5b8bc23590d4cb2892b31c987ad672b7/2018-03-14-koalitionsvertrag-data.pdf?download=1 (Abrufdatum 12.11.2019)

Nun, ein Tempolimit wäre hier eine ungleich einfachere und schnellere Maßnahme als langfristig aufs autonome Fahren zu setzen.

  • Eine knappe Mehrheit der Bundesbürger*innen ist für ein Tempolimit (vgl. Reek 2019).
  • „Die Anzahl der tödlich Verunglückten ist auf Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung zwischen 2011 und 2016 deutlich höher“ (ebd.)

Es mag sein, dass die Umwelteffekte und die allgemeine Erhöhung der Sicherheit nicht umwerfend sind.
Gleichwohl sind diese Effekte aber vorhanden – wie erwähnt: jedes vermiedene Opfer zählt.

>> vgl. dazu den umfassenden Faktencheck Tempolimit der SZ:
Reek, Felix (2019): „Fakten zum Tempolimit“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/auf-der-autobahn-fakten-zum-tempolimit-1.4667211 (Abrufdatum 12.11.2019)

Darüber hinaus finde ich den Gedanken, dass wir Deutschen uns vielleicht auf diese Weise eine Scheibe vom tempolimitierten Verkehrs-Entspannungsland Nr. 1 – Dänemark – abschneiden, um den Preis, dass die paar Schnellfahrer*innen nun künftig 20 Minuten später an ihrem Ziel ankommen, sehr spannend. Das täte uns: gut.


Thema „kostenloser Nahverkehr“

Der Vorstandschef der Hamburger Hochbahn AG, Henrik Falk, hält weder kostenlosen Nahverkehr noch das 365 EUR-Ticket für zielführend:

„Das eigene Auto sei immer teurer als eine Monatskarte. ‚Die Marktforschung zeigt, dass der Preis nicht an oberster Stelle steht, sondern Qualität, Sicherheit, Bequemlichkeit, Pünktlichkeit.’… wie man aus Autofahrern Fahrgäste macht: das Angebot verbessern, das Streckennetz erweitern, die Taktfolge verkürzen.“ (Bartsch et al, 2019, S. 20.)


Thema „Lebenswerte Stadt“

„Lebensqualität bleibt in Städten… dort erhalten, wo Menschen zu Fuß gehen oder auf Plätzen sitzen können, um Passanten zu beobachten. Dieser öffentliche Raum, urteilt [der Verkehrswissenschaftler Tilman] Bracher, wurde systematisch vernichtet.“ (Bartsch et al, 2019, S. 20.)


Thema „Unfälle zwischen LKW-Fahrer*innen und Fahrradfahrer*innen bzw. Fußgänger*innen“

Rechtsabbieger:

Fakten:

Unfälle von Menschen mit Fahrzeugen +3,5t (2018)

Fußgänger*innen: 242 lv | 148 sv | 54 getötet
Radfahrer*innen: 752 lv | 286 sv | 52 getötet
(lv = leichtverletzt | sv = schwerverletzt) [Zahlen UDV, zitiert nach Kunkel 2019)

mögliche Maßnahmen:

  • Lkw dürfen nur noch im Schritttempo rechts abbiegen (so vorgesehen in Scheuers Vorhaben)
  • Eine schnelle, kostengünstige Übergangs- oder Teillösung des Problems: Das Anbringen von sog. Trixi-Spiegeln, die der/m LKW-Fahrer*in Einsicht in den Straßenbereich ermöglichen, die sonst durch den toten Winkel bedingt nicht einsehbar sind.
  • Eine einfache Lösung: Rückverlegung des Haltestreifens von Pkw/Lkw um einige Meter, sodass Radfahrer*innen und auch Fußgänger*innen nicht mehr im ruhenden Verkehr im toten Winkel stehen, zumal sie durch eine entsprechende Ampelschaltung etwas früher grün bekommen könnten (und ja auch oftmals schon bekommen), sodass sie durch diesen Vorsprung besser im Sichtfeld der Lkw-Fahrer*innen sind.
  • Eine gute und bewährte Lösung: Das niederländische Modell. Hier wird an Kreuzungen der Radweg bzw. die Fahrradspur an der Kreuzung um einige Meter nach rechts eingerückt und nach links hin „an der Ecke“ mit einer kleinen Verkehrsinsel abgeschirmt. Das bedeutet, dass die/der Lkw-Fahrer*in zu einem späteren Zeitpunkt und vor allem in einem anderen Winkel auf den Fahrradverkehr „trifft“ – soll heißen: Der tote Winkel spielt hier keine bzw. eine nur noch untergeordnete Rolle.
  • Eine weitere, komplexere, teure, gleichwohl zusätzlich durchaus wünschenswerte Lösung: Abbiegeassistenten für Lkw. Hier hat Scheuer 10 Mio Euro für Deutschland 750.000 in zugelassene Lkws bereitgestellt (vgl. Bartsch et al, 2019, S. 21.) (= 13,33 EUR/Lkw).
    • Ab „2024 müssen … alle [Lkw-]Neufahrzeuge über einen Abbiegeassistenten verfügen.“
    • In München „sind etwa 90 Prozent der 800 städtischen Lkw schon jetzt mit einem Assistenten ausgerüstet“.

>> Quelle und Zitat: Kunkel,Christina (2019): „Wie Lastwagen für Fußgänger zur tödlichen Gefahr werden“. in: Süddeutsche Zeitung, 7.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/lastwagen-unfaelle-fussgaenger-1.4671212 (Abrufdatum 8.11.2019) [paywall!]


Ein Zwischengedanke

A. Scheuer „berichtet von der ‚größten Radreform seit 20 Jahren'“ und bekräftigt das mit den folgenden Worten:

„Wir wollen Gas geben.“

>> Quelle und Zitat: A. Scheuer zitiert in Bartsch et al, 2019, S. 20. – nebenbei: Wenn vorher etwas ganz, ganz lange vernachlässigt wurde, erscheint jedes noch so kleines Reförmchen wie eine ausgewachsene Reform.


Thema „City Maut“

„London beziffert den Effekt der City-Maut auf ein täglich um 20 Prozent oder 60.000 Fahrzeuge verringertes Verkehrsaufkommen im City-Gebiet, eine Beschleunigung des Verkehrsflusses um 37 Prozent und die Einsparung von 150.000 Tonnen CO2 pro Jahr.“

>> Quelle und Zitat: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 129.

City-Mauts gibt es auch in Madrid, Oslo, Chengdu, Paris, Athen, Brüssel, Mexico City und Vancouver (vgl. ebd.) – Keine dieser Städte ist dafür bekannt, dass die Wirtschaft drunter gelitten hätte o.ä.).

Was ist zu tun?

  • Schrittweise Einkassierung des sog. „Dieselprivilegs“: „Durch die aktuelle Subventionierung des Dieselkraftstoffs verzichtet der Fiskus jedes Jahr auf etwa 3,5 Mrd. Euro Steuereinnahmen.“ (Rammler,147)
  • Eine weithin sichtbare Kennzeichnung der Schadstoffklasse von Autos, um z.B. in Innenstädte nur noch umweltverträgliche Autos hineinzulassen (vgl. ebd. 148)
  • ein Planungssicherheit gebendes Ausstiegsdatum aus dem Verbrennungsmotoren bei Neuwagen.

Wem gehört die Stadt?

  1. der Bürgerin/Anwohnerin, die das Recht hat gesund zu leben, vgl. Luftqualität, Lärm und Unfallgefahr –
    und in diesem Sinne gehört die Stadt weiterhin, in dieser Rangfolge:
  2. dem Fußgänger,
  3. der Radfahrerin, dem Lastenradfahrer, der E-Bikerin,
  4. dem ÖPNV-Nutzer in S- und U-Bahn, Straßenbahn, Bus und Nahverkehrszug – allesamt möglichst emissionsfrei betrieben
  5. dem täglich zeitlich begrenzten Lieferverkehr,
  6. der Handwerkerin, die ohne Auto oftmals nicht tätig sein kann,
  7. dem Carsharer und (Sammel-)Taxifahrer,
  8. der emissionsfrei Verkehrsteilnehmerin via E-Vespa, Batterie oder Brennstoffzelle
  9. dem fossilen Kraftradfahrer inkl. Vespas & Co und
    ganz zu letzt derjenigen, die alle vorgenannten in einem lebenswerten, gesunden Leben gefährdet:
  10. der Autofahrerin, ggf. gestaffelt nach Autotyp und Schadstoffklassen.

Und nur weil das bislang jahrzehntelang und/oder mehrheitlich anders gesehen wurde und/oder wird, bedeutet das noch lange nicht, dass es richtig ist.


Worum geht es?

Es geht darum, eine lebenswerte Stadt zu befördern, in der Bürger*innen ohne vermeidbare Luftverschmutzung, Lärm und Unfallgefahr leben können.


Bike Sharing: Mietfahrräder & Co

In vielen Städten Deutschlands gibt es mittlerweile Services wie „Call a Bike“ oder „Stadtrad“.

Seit neuestem spielt auch das niederländische Startup Swapfiets mit um die Gunst der Fahrradkund*innen:

Swapfiets – das sind die Räder mit dem blauen Vorderreifen – bietet für ca. 18 bis 20 Euro ein dauergeliehenes Fahrrad an. Wird das „Fiets“ (Fahrrad) beschädigt, „swap“‚t (tauscht) oder repariert die Firma das Fahrrad innerhalb von 24 Stunden. Ein gestohlenes Rad wird für eine Gebühr von 60 Euro ersetzt.

Steven Uitentuis, Mitbegründer des Unternehmens, das bis Ende 2019 mit 200.000 Kund*innen rechnet:

  • „Wenn es dein Fahrrad ist, ist es dein Problem. Bei uns hat der Kunde sein eigenes Fahrrad, die Probleme aber haben wir“.

>> Quelle und Zitat: Mast, Maria (2019): „Start-up: Warum noch ein Fahrrad kaufen?“. in: Die Zeit online Arbeit, 11.11.2019, online unter https://www.zeit.de/arbeit/2019-11/start-up-swapfiets-fahrrad-verleih/komplettansicht (Abrufdatum 11.11.2019) [In diesem Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass es weitere Anbieter mit ähnlichen Geschäftsmodellen gibt]


Situation im globalen Süden:

Die Luftverschmutzung, hervorgerufen insbesondere durch Energiegewinnung und Autoverkehr, hat in den großen Städten des globalen Südens und Chinas, teilweise lebensverachtende Ausmaße angenommen.
Es gibt natürlich weitere Gründe, darunter das heimische offene Feuer zum Wärmen und Kochen, aber Fakt ist, dass laut WHO jährlich

  • 4,2 Millionen Menschen aufgrund von Luftverschmutzung sterben.

>> Quelle: n.n. (2019): „Ambient air pollution – a major threat to health and climate“. in: WHO, online unter https://www.who.int/airpollution/ambient/en/ (Abrufdatum 4.11.2019)

  • Allein in den Städten Indiens, die in der Top 20 der Städte mit der meisten Luftverschmutzung maßgeblich prägen, gibt es aufgrund von hochgradiger Luftverschmutzung „mehr als eine Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr“.

>> Quelle und Zitat: n.n. (2019): „Gesundheitsnotstand: Neu-Delhi verhängt jetzt auch Fahrverbote“. in: Der Spiegel, 4.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/indien-fahrverbote-in-neu-delhi-wegen-schlechter-luft-verhaengt-a-1294708.html (Abrufdatum 4.11.2019)


In Neu-Dehli wurde im November 2019 für mindestens zwei Wochen der Gesundheitsnotstand ausgerufen:

  • „Private Autos dürfen nur an wechselnden Tagen auf den Straßen fahren, je nachdem, ob sie Nummernschilder mit geraden und ungeraden Zifferkombinationen haben. Schulen bleiben geschlossen, Baustellen wurden stillgelegt.“
  • „In Deutschland gilt [für Feinstaubpartikel der Partikelgröße PM 2,5] ein durchschnittlicher Grenzwert von 20 Mikrogramm. Bei einer Überschreitung von 50 Mikrogramm werden in einigen Großstädten Fahrverbote verhängt“.

Neu-Dehli = aktuell 900 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft

>> Quelle und Zitat: n.n. (2019): „Gesundheitsnotstand: Neu-Delhi verhängt jetzt auch Fahrverbote“. in: Der Spiegel, 4.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/indien-fahrverbote-in-neu-delhi-wegen-schlechter-luft-verhaengt-a-1294708.html (Abrufdatum 4.11.2019)


(Weitere) Vorschläge/Anregungen für eine nachhaltige Verkehrswende

  • Nachtzüge
  • Quartiersboxen, in denen Lieferungen postal zugestellt werden können, z.B. für Einzelhandelslieferungen oder auch aus dem Online-Handel (vgl. München)
  • keine Hauslieferungen mehr von Paketen unter einem Gewicht von x Kilogramm, stattdessen Ausbau der Auslieferung an Kioske u.ä.
    • In diesem Sinne: Ist eine tägliche Postauslieferung an den eigenen Briefkasten noch zeitgemäß? Wäre es nicht an der Zeit, amtliche Online-Briefkästen einzurichten und/oder Briefe (außer Sendungen, deren persönliche Empfangsbestätigung erforderlich ist) ebenfalls an den nächstgelegenen Kiosk auszuliefern? Wieviele „echte“ Briefe erhalten Sie noch pro Monat? Pardon, auch wenn es Arbeitsplätze kostet, brauchen wir im digitalen Zeitalter wirklich noch den traditionellen Briefträger? vgl. Kanada, Dänemark.
      • Folge: weniger Lieferverkehr von diversen, konkurrierenden Unternehmen, die oftmals niemanden antreffen und – u.U., nach mehreren Zustellungsversuchen – dann das Paket ohnehin irgendwo an einen Kiosk o.ä. liefern.

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