Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große Klimawissenschaftsleugner*innen?

Realitätsverweigerung: „Weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf.“ Über die für viele Menschen unerträgliche Wahrheit, am eigenen Ast zu sägen.

Wer viel zu verlieren hat, neigt dazu, Fakten und Nachrichten, die seinen Interessen entgegenstehen, zu verharmlosen, zu ignorieren, zu leugnen oder gar sich eine Art Gegenwelt aufzubauen – vgl. z.B. Raucher, die gegen jegliche Statistik „anrauchen“.

Der Soziologe Harald Welzer spricht hier von „Dissonanzreduktion“ und meint damit, dass Menschen dazu neigen, sich ihre Welt „zurechtzudenken“, sodass unangenehme Fakten/Geschehnisse sich wieder in die eigene Logik, ins eigene Denken und ins Weltbild passen: Menschen halten Widersprüche nicht gut aus und reduzieren dissonante Fakten durch Verharmlosung, gleichen sie also durch angebliche Lebenserfahrung oder Gedankenkonstrukte aus, sodass sie aushaltbar werden: Raucher*innen zum Beispiel verweisen dann allzu gerne auf Helmut Schmidt.

  • „Daher wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit der eigenen Überzeugung angepasst, weshalb Raucher Lungenkrebsstatistiken für überbewertet halten und Anlieger von Kernkraftwerken das Strahlungs- und Unfallrisiko regelmäßig niedriger einschätzen als Menschen, die weit entfernt von Atommeilern leben.“

>> Quelle: Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 32-33

Ähnliche Reaktionen löst regelmäßig das Gewahrwerden der Klimakrise aus – und dann wird die Krise relativiert – die folgenden Sätze kennt jede(r) von uns:

  • „Zum Beispiel lässt sich sagen, dass jede eigene Anstrengung ohnehin von den Chinesen, den Indern, den Russen und den Brasilianers unterminiert wird: Alle sind sie um die Vermehrung ihres Wohlstandes bemüht, um den Preis, dass alle eigenen Anstrengungen, die Welt doch noch zu retten, sich im Angesicht der jährlichen Emissionensstatistik von vornherein in Luft [besser: in CO₂] auflösen. Oder von ‚den Politikern‘ fordern, dass sie mal endlich ein transnationales Klimaabkommen beschließen sollen. Vorher könne man ja sowieso nichts machen. Oder, auch sehr beliebt, auf die ‚Menschheitsgeschichte‘ weisen und aufgeklärt mitteilen, dass ‚der Mensch‘ ja erst lernt, wenn die Katastrophe schon geschehen ist. Wahlweise: dass ‚dem Menschen‘ am Ende ja immer etwas einfallen sei, was die Katastrophe abgewendet habe. Was sind solche Sätze? Mentale Anpassungen an sich verändernde Umweltbedingungen.“

>> Quelle: Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 33, Hervorhebung Pendzich

Hiermit ist auch eine (Teil-)Erklärung gegeben, weshalb Aufklärungskampagnen gewöhnlich – und erst recht, was die nicht-gleich-morgen-unmittelbar-lebensbedrohliche Klimakrise betrifft – scheitern bzw. nur äußerst geringe Wirkung haben.

Welzer hält dazu fest, dass „negative Argumente [keine]… proaktiven Handlungen motivieren. Dass mag im Rahmen akuter Notfallsituationen funktionieren, aber nicht dann, wenn die Benutzeroberflächen der Konsumgesellschaften noch glänzen und zu funktionieren scheinen.“ (ebd. 34-35)

In diesem Sinne kann auch Upton Sinclairs Feststellung

„Es ist schwierig, jemanden dazu zu bringen etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängig ist, es eben nicht zu verstehen.“

Upton Sinclair (1885-1951), „It is difficult to get a man to understand something, when his salary depends upon his not understanding it!“ in: I, Candidate for Governor: And How I Got Licked (1935), ISBN 0-520-08198-6; repr. University of California Press, 1994, p. 109., 1935 – vgl. https://en.wikiquote.org/wiki/Upton_Sinclair (Abrufdatum 3.6.2019)

nahtlos auf das Verhalten von Menschen in der Klimakrise übertragen werden. Denn es geht schlicht auch um Besitzstandswahrung:

So ziemlich jeder Mensch der Industrieländer hat eine Menge zu verlieren, wenn er sich wirklich auf die Wahrheit einlässt, die die Klimakrise für uns bereit hält. Sich auf diese Wahrheit einzulassen, bedeutet im Grunde,

  • sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen,
  • das bisherige Leben mit all seinen Bequemlichkeiten, des Überflusses, der Shopping-Malls, der Entgrenzung – also: sich selbst – in Frage zu stellen und
  • das eigene bisherige Leben – will man sich künftig noch selbst in die Augen schauen können – was Konsumismus angeht, weitgehend hinter sich zu lassen.

Ein Zwischengedanke:

Vielleicht ist ja die deutsche Diskussion um das Tempolimit unterschwellig mehr als ein Diskurs um die Geschwindigkeitsbegrenzung von AUTOS? Geht es möglicherweise vielmehr um die Frage, ob unsere Gesellschaft generell bereit ist, sich in Konsum- und Bequemlichkeitsfragen zurückzunehmen und zu reglementieren? Die irrationale Wut bei gleichzeitiger Anrufung des „gesunden Menschenverstandes“ (vgl. Cheflobbyist Scheuer) legt dies nahe.


Wichtig: Es geht hier bei alledem nicht nur ausschließlich um irgendwelche Millionäre oder Topmanager der fossilen Industrie – sondern um

  • Politiker*innen,
  • Angestellte,
  • Autobesitzer*innen,
  • Friseur*innen mit Wochenendhäuschen,
  • Eltern, die ihren Kindern etwas „bieten“ möchten, Steuerberater*innen mit dem Hobby „Tauchen“,
  • Tauchlehrer*innen die gern Lachs essen,
  • Professor*innen, die gern an internationalen Kongressen teilnehmen und
  • Rentner*innen, –

kurz: um(fast) jede(n) von uns.

Um fast jeden von uns, außer vielleicht

  • den raren Ausnahmen, die oft mit verächtlichem Unterton als Gutmenschen, Träumer*innen und Idealist*innen bezeichnet werden und
  • einigen noch in Ausbildung befindlichen jungen Menschen, die noch nicht established sind.

Also, die Wahrheit ungeschminkt zuzulassen, bedeutet, wirklich zu akzeptieren, dass es nicht mehr so weiter gehen kann – und dass das bisherige Leben ein Stück weit zu Ende ist.

Und wenn auf diese Weise der Boden unter den Füßen weggezogen wird – was bleibt dann? Leere.

  • Wie es weitergehen könnte, können sich viele Menschen nicht vorstellen – der Gedanke, dass das Leben keine Sicherheiten bietet und kein vorgezeichneter Plan existiert, überfordert viele Menschen.

Aber, liebe Mitmenschen: Es war nie anders. Das Leben bietet prinzipiell keine Sicherheiten. Und ein vorgezeichneter Plan hat auch noch nie existiert.

Alle Sicherheit(en), die Menschen (z.B. durch Job, Haus, Ehe, Geld etc.) verspüren, sind prinzipiell eine Illusion.

Wir haben nur eines ganz sicher: Diesen Augenblick.

Was auf der persönlichen Ebene gilt, gilt auch auf der gesellschaftlichen:

  • Auch der Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung wurde nicht am Reißbrett entwickelt. Er hat sich – unvorhersehbar – über Jahrzehnte und Jahrhunderte (weiter-)entwickelt. Und ist nie stehengeblieben.

Die aktuelle Erscheinung des globalen Finanzialismus-geprägten Neoliberalismus verdanken wir der politischen Ära von Margret Thatcher, ist aber selbstredend auch bereits schon wieder eine Weiterentwicklung, die für Mrs. Thatcher so nicht absehbar gewesen ist.

Weiterentwicklung findet in diesem Moment statt – z.B. weil irgendein Parlament ein den Handel betreffendes Gesetz beschließt.

Anders ausgedrückt: Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung ist nichts Feststehendes und zudem historisch betrachtet eine sehr junge Erscheinung.


Das System ist menschengemacht und daher auch von Menschen veränderbar.

  • Nicht-Veränderung führt ins Debakel.
  • Veränderung bietet eine Chance.

Und was für das Wirtschaftssystem und die Gesellschaft gilt, gilt gleichermaßen auch auf individueller Ebene, für den Menschen:

Das Leben auf persönlicher Ebene und
das Leben an sich
entwickeln sich –
es gibt keinen Stillstand – panta rhei (griechisch für „alles fließt“)
niemand steigt zwei Mal in denselben Fluss –
wer es dennoch versucht, d.h.
wer sich dem Fluss des Lebens verweigert, lebt nicht wirklich.

Leben ist Veränderung.

Weniger ist mehr.

….

Zurück zu dem Gedanken, dass so ziemlich jede(r) Deutsche viel zu verlieren hat.

Ein Grundproblem ist, dass die meisten Menschen ihren Luxus als „normal“ ansehen.
Aber: „Normal“ kann nur sein, was den Planeten nicht an die Wand fährt.

Zu suchen ist auf gesellschaftlicher, politischer, philosophischer und individueller Ebene nach dem „menschlichen Maß„. Und dies hat sich – logischerweise – am CO₂-Budget des Landes bzw. am CO₂-Budget der Individuen zu orientierten.

  • Wer die Zahlen nicht kennt, wird mir vermutlich zustimmen.
  • Wer die Zahlen (z.B. auf Basis dieses Party-Kits) kennt, wird sich i.d.R. jeder weiteren Diskussion verweigern: Weil unser derzeitiger Lebensstil in dieser Perspektive nicht zu halten ist.

Doch ist es so: Wir haben gar nicht die Wahl. Denn der Planet verhandelt nicht. Anpassen oder weichen (frei nach dem „Spatenrecht“: „Deichen oder weichen“). Ich rate zu ersterem.



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