Klimagerechtigkeit („Climate Justice“) – und der ‚globale Süden‘


Das Privileg von Wenigen geht auf Kosten Vieler.

„[L]etzlich gibt es doch nur eine robuste und moralisch vertretbare Antwort: Jede Erdenbürgerin und jeder Erdenbürger hat exakt den gleichen Anspruch auf die Belastung der Atmosphäre, die zu den wenigen ‚globalen Allmenden‘ zählt.“

>> Quelle: Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 108

Soziale Gerechtigkeit…

… „lässt sich im Kontext der anthropogenen Erderwärmung in zwei ethische Grundüberzeugungen zusammenfassen:

  1. Jeder Mensch ist nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch vor der Natur gleich.
  2. Wer den Klimaschaden anrichtet, soll auch dafür geradestehen (‚Polluter Pays Principle‘).“

>> Quelle: Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 107

  • Die Klimakrise ist weit mehr als ein „Umweltproblem“. Hier geht es um Menschen, um Menschenleben – und hier wiederum um das Leben von den ärmeren Menschen, um die Menschen der Dritten Welt (=globaler Süden), die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben und am meisten von dieser Katastrophe betroffen sind und künftig am meisten darunter leiden werden.

Rahmstorf und Schellnhuber bringen es exakt auf den Punkt:

Die „Nutzung der Atmosphäre als Müllkippe den kommenden Generationen in den besonders klimasensiblen Entwicklungsländern auf[zu]bürden… empfänden [v]iele nichtstaatliche Umweltgruppen … als amoralische Krönung der historischen Ausbeutung der ‚Dritten Welt‘ durch die Industrieländer…“ (2018, 90).

Übersetzen wir diese Aussage mal für die Gegenwart in Zahlen:

Aktueller Stand der „Climate Justice“:

  • 3,5 Milliarden Menschen = die ärmere Hälfte der Menschheit = 10% der globalen Emissionen
  • 700 Millionen Menschen = die reichsten 10% der Menschheit = 49% der globalen Emissionen

Zurzeit ist es so, dass „[d]ie ärmere Hälfte der Menschheit … nur für 10% der globalen Emissionen verantwortlich [ist], während die reichsten 10% die Hälfte aller Emissionen produzieren.“ Und: „[D]ie am wenigsten Verantwortlichen [bekommen] zugleich die Auswirkungen der Klimakrise am härtesten zu spüren…“

>> Quelle: Goeßmann, David: „Extreme Klima-Ungerechtigkeit: Die reichsten 10% für Hälfte der Emissionen verantwortlich / Industrienationen müssen bis 2030 um 80% reduzieren“ [Sendemanuskript]. in: Kontext, 10.3.2016, online unter http://www.kontext-tv.de/de/sendungen/extreme-klima-ungerechtigkeit-die-reichsten-10-fur-halfte-der-emissionen-verantwortlich (Abrufdatum 29.6.2019)

Weitere Zahlen aus der Studie von Oxfam:

  • „The average footprint of someone in the richest 1% could be 175 times that of someone in the poorest 10%“.
  • „The average emissions of someone in the poorest 10% of the world population is 60 times less than that of someone in the richest 10%.“
  • „Women bear the heaviest burden in a warming world, generally more heavily dependent on climate-sensitive livelihoods and with least to fall back on in harsh times.“

>> Quelle: n.n. (2015): Extreme Carbon inequality. Studie von Oxfam, 2.10.2015. online unter: https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2015-12-02-oxfam-reichsten-10-prozent-verursachen-haelfte-weltweiten (Abrufdatum 29.6.2019)

„Solange wir den Klimawandel und die Ungleichheit nicht gleichzeitig angehen, kann man weder das eine noch das andere lösen. Wir müssen also verstehen, wir diese beiden verknüpft sind.“

>> Quelle: Goeßmann, David: „Extreme Klima-Ungerechtigkeit: Die reichsten 10% für Hälfte der Emissionen verantwortlich / Industrienationen müssen bis 2030 um 80% reduzieren“ [Sendemanuskript]. in: Kontext, 10.3.2016, online unter http://www.kontext-tv.de/de/sendungen/extreme-klima-ungerechtigkeit-die-reichsten-10-fur-halfte-der-emissionen-verantwortlich (Abrufdatum 29.6.2019)


Und die Verknüpfung dieser Aspekte birgt eine große Chance für die Menschheit.

(Nebenbei: Es geht auch nicht anders, denn der globale Süden wird beim Klimaschutz nur mitmachen, wenn er davon profitiert, in dem er z.B. vergünstigt und u.U. patentrechtefrei bzw. lizenzfrei Zugang zu Technologien betreffend erneuerbare Energien erhält.)

  • Denn so wie es bisher lief mit dem post- bzw. neokolonialen Imperialismus, ist es schlicht äußerst zynisch vom Kapitalismus als dem bestmöglichen System zu sprechen. Das ist eine zutiefst westliche Sichtweise, die man wohl nur einnehmen kann, wenn man gerade auf dem Sofa die Füße hochlegt, weil man ach so hart gearbeitet hat – oder Trump heißt. Die Realität „da draußen“ ist eine andere.


Selbstverständlich geht es anders als bisher. Die angebliche Unausweichlichkeit von Politik und Geldwirtschaft – There Is No Alternative (TINA) – ist die vielleicht nachhaltigste Lüge von denjenigen, die alles so lassen wollen wie es derzeit ist. []


Was Ressourcenausbeutung, CO₂-Emissionen und Lebensstil der Industrienationen zu Ende gedacht bedeutet:

  • Die „imperiale Lebensweise [ist] derzeit im Begriff…, sich zu Tode zu siegen.“

>> Quelle: Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom. S. 14.


Climate Justice, Neokolonialismus und unsere imperiale Lebensweise

Womit wieder das Thema „Wachstum“ auf der Agenda steht:

„Wachstum kann nur erzeugt werden, wenn andere „auf ihren proportionalen Anteil verzichten“ (müssen).

>> Quelle: Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom. S. 14.

Und weiter:

„Die imperiale Lebensweise beruht auf Exklusivität, sie kann sich nur so lange erhalten, wie sie über ein Außen verfügt, auf das sie ihre Kosten verlagern kann.“ (ebd. 15) 

Und in diesem Sinne, d.h. aufgrund der Kostenexternalisierung (Kostenauslagerung) – und in Kombination mit Shareholder Value (d.h. der Verpflichtung von Börsennotierten Unternehmen, den Gewinn zugunsten der Aktienbesitzer zu maximieren) – kann es unter den heutigen Gegebenheiten generell (so gut wie) keine wirklich nachhaltigen Produkte geben.


Warum?

Gegenfrage: Warum verlagert man denn Produktionen z.B. nach Südostasien?

Antwort: Weil es dort aufgrund mangelnder Gesetzgebung, niedrigeren Umweltstandards, Korruption und niedrigen Löhnen billiger und somit lukrativer ist, zu produzieren. Die Sache ist systemisch – d.h. im System so angelegt.
Daher ist eine grüne bzw. nachhaltige Wirtschaft/Produktion ohne tiefgreifende Änderungen im Betriebssystem der globalen Wirtschaft und Politik grundlegend nicht möglich.

  • Kathrin Hartmann spricht daher vollkommen zu Recht von der Grünen Lüge.

vgl. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing. 240 Seiten. | s.a. Boote, Werner u. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können. Film-Doku.

Ulrich Brand und Markus Wissen gehen in diesem Punkt noch einen Schritt weiter:

  • „Ausgeblendet wird, dass Ökosysteme nicht deshalb zerstört werden, weil ihnen kein Preisschild anhaftet, das die Kosten ihres Verlusts quantifizieren würde [was aber nicht gegen eine CO₂-Steuer spricht!]. Der Grund liegt vielmehr darin, dass die Rechte der Menschen (häufig Kleinbauern und indigene Gemeinschaften), die in den entsprechenden Territorien leben, systematisch missachtet werden.“ (ebd. 150)


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