Kipppunkte des Klimas: Eisschilde, Permafrost & Co


Erderwärmung:

Am Thermostat der Erde rumzuspielen ist Wahnsinn. Jedes 10tel Grad zählt:

Mit jedem 10tel Grad Temperaturanstieg wird die Auslösung von sog. Kipppunkten (Tipping Points) wahrscheinlicher. Sind solche „Points of no return“ überschritten, kommt es unumkehrbar zu sich selbst verstärkenden Prozessen (=Rückkopplungseffekten), die dann Dynamiken in Gang setzen, die unumkehrbar und nicht mehr beherrschbar sind, die wie Dominosteine einer nach dem anderen umkippen und den jeweils nächsten Dominostein mit sich reißen.

Ein denkbares, sehr vereinfachtes Beispiel: Schmilzt der Permafrost (siehe unten), werden Unmengen CO₂ und Methan freigesetzt, die für weitere massive Erderwärmung sorgen, die dann aufgrund eines geänderten Wasserregimes den Regenwald verdorren lässt, womit dieser keinen Sauerstoff mehr produziert, seine Funktion als CO₂-Senke einbüßt und umgekehrt durch Waldbrände bzw. durch Verwesung von Biomasse massenhaft CO₂e freisetzt.

Vor allem geht es um folgende wesentlichen Kipppunkte:

  • Mass Extinction

    • Das sechste große Aussterben wird heute als eine der Klimakrise gleichwertige Krise verstanden.

      • D.h., während wir über die Klimakrise reden, gibt es einen zweiten gigantischen und gleichgroßen Krisenherd.
        • „Dieser dramatische Verlust an Biodiversität ist extrem besorgniserregend, da an einem schwierig zu prognostizierenden Punkt die Ökosysteme zusammenbrechen. Wir benötigen sie aber zum Überleben.“ (Kolmar 2019)
          • Ein immer grobmaschigeres Netz wird irgendwann reißen.

      • Hier droht nicht weniger als der Kollaps unserer Ökosysteme.
      • Übrigens: Das fünfte Massenaussterben marktierte vor rund 66 Mio Jahren das Ende der Dinosaurier

>> Quelle Zitat: Kolmar, Martin (2019): „Klima und Wirtschaft: Immer mehr Wachstum wird unser Leben zerstören“. in: Die Zeit, 14.6.2019, online unter: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/industriepolitik-umstieg-klimapolitik-digitalisierung-globalisierung-nachhaltigkeit (Abrufdatum 1.7.2019)
>> vgl. Intergovernmental Science-Policy Platform On Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) https://www.ipbes.net/)
>> vgl. n.n. (2019): „Hunderte Forscher schlagen Alarm: Wenn wir nicht sofort handeln, kollabiert uns Ökosystem“ in: Fokus, 19.3.2019, online unter: https://www.focus.de/wissen/natur/panorama-der-kollaps-der-oekosysteme-ist-ein-noch-groesseres-problem-als-der-klimawandel_id_10470392.html (Abrufdatum 24.6.2019)
>> Zu „fünftes Massenaussterben“ siehe Rauchhaupt, Ulf von (2016): „Fünfmal ging die Welt schon unter“. in: Frankfurter Allgemeine, 20.9.2016, online unter https://www.faz.net/aktuell/wissen/massenaussterben-fuenfmal-ging-die-welt-schon-unter-14424429.html (Anrufdatum 23.7.2019)

… in einem Monat, nur&allein durch grönländischen Eisverlust.
  • „Ewiges“ Eis/Meeresspiegelanstieg

    • Erwärmung/Schmelze zieht weltweiten Meeresspiegelanstieg nach sich.
      • Grönland = 7m | Westantarktis = 3,5m | Ostantarktis = 55m
      • „Selbst bei striktem Klimaschutz [erwarten die Experten bis zum Jahr 2100 einen Meeresspiegelanstieg] von 27 und 60 Zentimeter…“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 63)
      • Grönland Juli 2019 = 180 Milliarden Tonnen Eisverlust in einem Monat = 0,5 mm Meeresspiegelanstieg, weltweit.
    • Eis-Albedo-Rückkopplung: Weißes Schnee und bzw. weißes Eis reflektieren „einen hohen Anteil der einfallenden Strahlung zurück ins Weltall“ (Nelles/Serrer 2018, 52) – Bei Schmelze kommen vermehrt dunklere Flächen wie Wasser oder Gestein zum Tragen = geringere Reflektion >> mehr Eisschmelze >> selbstverstärkend.

    • Hinzu kommt, dass beim Schmelzen die Höhenlinie des Eises sinke – und somit gerät die Oberfläche des Eises in tiefere und somit wärmere Lagen – was das Schmelzen wiederum verstärkt (vgl. dazu die Temperatur-Erfahrung, wenn man von einem Berg ins Tal steigt.)
    • Meereis der Arktis, Flächenverlust:
      • 1979 – 2016 = ca. -43%, Volumenverlust = -77% (Nelles/Serrer 2018, 51)

    • Meeresspiegelanstieg z.Zt. 3cm pro Jahrzehnt, immer stärkere Zunahme, vgl. Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 77)

    • Meeresspiegelanstieg gegenüber vorindustrieller Zeit = 23 cm. Jährlicher Anstieg nimmt mehr und mehr zu (vgl. Nelles/Serrer 2018, 73)

>> siehe Interaktive Weltkarte zum Meeresspiegelanstieg:
http://flood.firetree.net/ (Abrufdatum 22.6.2019)

>> Hier das Beispiel aus obiger Website zur „Elbmündung u. Hamburg Meeresspiegel +1m“: http://flood.firetree.net/?ll=53.5439,10.1112&zoom=10&m=1 (Abrufdatum 22.6.2019)

„drunken trees“ public domain, Foto von Jon Ranson (Abrufdatum 27.7.2019)
  • Permafrost

    • = 1/5 der weltweiten Landmassen

    • Permafrost ist ein „Untergrund, welcher über mindestens zwei Jahre hinweg Temperaturen von 0° oder weniger aufweist“ (Nelles/Serrer 2018, 62).

    • Der Boden ist oft von einer dünnen Humusschicht bedeckt und ansonsten ein wilder Mix aus Erde, Pflanzenresten und gefrorenen Tierkadavern, besiedelt teilweise von Borrealem Wald, der nur existieren kann, wenn der Boden fest bleibt:
      • „Teilweise sinken bereits (jetzt) in ganzen Waldstücken die Bäume um, weil sie im aufgeweichten Boden keinen Halt mehr finden (‚betrunkene Bäume'[, siehe Foto]). (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 58)

    • Taut der Boden vermehrt, dauerhaft und/oder in tieferen Lagen auf, beginnen zudem massive Zersetzungsprozesse:
      • Hier lagert und lauert die eigentliche CO₂-und-Methan-Zeitbombe, die hat eine vollkommen andere Potenz als sämtliche CO₂-Emissionen seit Beginn der Industrialisierung:
        • „Grob geschätzt ruht dort im Untergrund etwa doppelt so viel Kohlenstoff, wie in der Atmosphäre enthalten ist.“ (Charisius 2019).
        • Anderen „Schätzungen zufolge enthält der Permafrostboden der Arktis dreimal so viel Kohlenstoff wie wir derzeit in der Atmosphäre haben.“ (Seidler 2019)
      • Es kommt bereits jetzt zu großen Infrastruktur-Schäden, die künftig stark zunehmen werden, sodass hochwahrscheinlich ganze Regionen und Städte aufgeben werden müssen.

    • Lange Jahre galt der Tipping Point „Permafrost“ als erst in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts relevant. Wie so oft müssen Klimaforscher sich hin zu noch dramatischeren Ergebnissen korrigieren: Die Süddeutsche Zeitung hält dazu im Juni 2019 fest:
Tipp: Min 5:20 – eine in den Permafrost gehauene Höhle zeigt,
wie der Boden zusammengesetzt ist.
www.youtube.com/watch?v=-4NW_jeom-E
Russland: Das Ende des Permafrosts | Weltspiegel-Beitrag =
gekürzte Version des Filmes Flimafluch und Klimaflucht
von Thomas Aders (2018), siehe ARD Mediathek
(siehe hier insbesondere Min 22ff wg einen heftiger
Krater-Erosion (Batagaika-Krater in Sibirien)
beim Tauen des Permafrostes)

Die UN hat den auftauenden Permafrost „als eines der gravierendsten Umweltprobleme der Menschheit identifiziert“. Und: „In der Arktis weicht der Permafrostboden derzeit mit ungeheurer Geschwindigkeit auf. Messungen zeigen, dass in einigen kanadischen Regionen der Boden bereits so stark abgetaut ist, wie Experten es eigentlich erst für das Jahr 2090 erwartet hatten.“

Charisius, Hanno (2019): „Erderwärmung – Wie im Sommer 2090“. in: Süddeutsche Zeitung, 17.6. 2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/wissen/kanada-permafrost-klimawandel-co2-1.4489525 (Abrufdatum 20.6.2019)

>> Quelle „dreifache Menge CO₂ im Permafrostboden“: Seidler, Christoph, (2019): „Mikroben und die Erderwärmung Die wahren Herrscher der Welt.“ [Antje Boetius, Chefin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven im Interview]. in: Der Spiegel, 25.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/antje-boetius-meeresforscherin-ueber-mikroben-und-klimawandel-a-1274093.html (Abrufdatum 25.6.2019)

Grafik:
Permafrostböden = 1/5 der globalen Landmasse:

Ausdehnung von Permafrost auf der Nordhalbkugel
Quelle: Flickr (2016): Permafrost extent in the Northern Hemisphere; ursprl. Hugo Ahlenius, UNEP/GRID-Arendal Lizenz: CC BY-NC-SA

Und noch ein Aspekt im Sinne von „Alles hängt mit allem zusammen“:

  • „In den Permafrostgebieten der Erde ist doppelt so viel Quecksilber gespeichert wie in allen anderen Böden und der Atmosphäre zusammen.“

>> Quelle u. Zitat: Götze, Susanne (2019): „Klimawandel: Die Bombe im Eis“. in: Süddeutsche Zeitung, 23.3.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-quecksilber-permafrost-1.3913661 (Abrufdatum 24.7.2019)

Schmilzt der Permafrost gelangt dieses Quecksilber ins Grundwasser und ins Meer – und von dort aus in die Nahrungskette: „Die zusätzliche Belastung durch den Metallaustrag aus den getauten Permafrostböden könnte gar dazu führen, dass es bedenklich und gefährlich wird, Fisch zu essen… Weltweit ernähren sich allein drei Milliarden Menschen hauptsächlich von Fisch“ (ebd. und vgl. unten Thema Ozeane)

>> Aktuelle Nachricht: Erderwärmung begünstigt Torfmoorfeuer in der Arktis und beeinflusst negativ den Permafrost, siehe:
Fischer, Lars (2019): „Mega-Feuer am Polarkreis: Der andere arktische Klima-Teufelskreis“. in: Spektrum.de, 9.7.2019, online unter: https://www.spektrum.de/news/der-andere-arktische-klima-teufelskreis/1658352?utm_source=zon&utm_medium=teaser&utm_content=feature&utm_campaign=ZON_KOOP (Abrufdatum 14.7.2019)

>> Aktuelle Nachricht: „Waldbrände so nah am Polarkreis beschleunigen laut Greenpeace Russland das Auftauen von Permafrostböden, die gigantische Mengen gefrorene Biomasse enthalten. Taue sie auf, setzen sie Treibhausgase in die Atmosphäre frei. Weil weniger Bäume vorhanden seien, könnten diese schlechter absorbiert werden, was wiederum zukünftige Waldbrände begünstige. Außerdem bedeckten Rußpartikel Eis- und Schneeflächen“.
Quelle und Zitat n.n. (2019): „Waldbrände in Sibirien: Drei Millionen Hektar Wald abgebrannt“. in: Die Zeit, 3.8.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/2019-08/waldbraende-sibirien-russland-flammen (Abrufdatum 4.8.2019).
(vgl. zu den durch Ruß schwarz werdenden Eisflächen etwas weiter oben Aspekt Eis-Albedo-Rückkopplung).

  • Regenwälder

    • Photosynthese wandelt CO₂ in Sauerstoff (O2) um

    • Bäume sind langjährige CO₂-Speicher

    • Rodung gibt CO₂ direkt und sofort in die Atmosphäre

    • Plantagen-Pflanzen speichern viel weniger CO₂ – die Pflanzen sind meist saisonal und geben ihr gespeichertes CO₂ schnell wieder zurück in die Atmosphäre

    • Entwaldung = Vernichtung von Lebensräumen und Biodiversität

  • Golfstrom (korrekt: Nordatlantikstrom als Teil des Atlantic Meridonal Overturning Circulation AMOC)

    • ein sehr komplexes Naturphänomen, bei dem aber heute davon ausgegangen wird, dass der Atlantikstrom heute um 15% abgeschwächt ist

    • Modellsimulationen zeigen, dass sich die AMOC durch den Anstieg der menschengemachten Treibhausgasemissionen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um 11 bis 34% abschwächen könnte (Nelles/Serrer 2018, 75).

    • Schwächt er sich ab oder würde er gar ausfallen, würde es im nördlichen Atlantikraum zu einer relativen (!) Abkühlungen kommen, aber: „Die Südhalbkugel würde sich dafür umso stärker erwärmen“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 67), weil ja die Wärmeenergie nicht mehr nach Norden transportiert wird, sondern vor Ort bliebe.

  • Ozeane: Erwärmung, Versauerung, Leben im Meer, Überfischung und Verschmutzung
    • Erwärmung:
      • Ozeane haben zwischen 1971 und 2010 „93% derjenigen Energie aufgenommen, die durch den menschengemachten [=anthropogenen] Klimawandel zusätzlich auf der Erde gehalten wurde.“ (Nelles/Serrer 2018, 68).
      • Meerestemperatur global seit Industrialisierung: +0,8° Celsius

    • Versauerung:
      • Die Ozeane fungieren bislang als „CO₂-Senke“ und speichern viel von den jährlichen CO₂-Emissionen
        („22%“ = Nelles/Serrer 2018, 68; „ungefähr 1/4“ = Latif 2014, 174).
      • Der Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif hält fest: „Seit Beginn der Industrialisierung haben die Ozeane fast die Hälfte des von den Menschen durch das Verbrennen der fossilen Brennstoffe in die Luft gepustete CO₂ geschluckt.“ (Latif 2014, 174)
        • Es gilt: Je gesättigter (=saurer!) das Meer, desto geringer das Speicher-Vermögen (vgl. ebd.).

    • Leben im Meer = Sauerstoff zum Atmen für die Menschen
      • Dazu der Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif: „Kohlendioxid ist … nicht nur ein Klimakiller, sondern vor allem auch ein Umweltgift.“ | „Die Ozeanversauerung stellt schon für sich allein ein extrem großes Risiko für das gesamt Ökosystem im Meer dar.“ | „Eine zu starke Versauerung könnte dem Leben im Meer im wahrsten Sinne des Wortes den Garaus machen.“ (Latif 2014, 175, 177, 251)
      • Versauerung = niedrigerer PH-Wert = „Entkalker“ = dünnere Schalen/Skelette bei Muscheln, Schnecken, Krebse, Korallen etc. (en détail: Latif 2014, 175ff.)
      • Latif dazu: Die im Meer lebenden Organismen, die Photosynthese betreiben – vor allem pflanzliches/ bakterielles (Phyto-)Plankton, aber auch Korallen und allgemein Meerespflanzen -, produzieren 50% unseres globalen Sauerstoffgehalts (ebd. 288) – das bedeutet im Umkehrschluss, dass sie „genauso viel Kohlenstoff wie sämtliche Landpflanzen zusammen“ (Latif 289) binden. „Die lebende Biomasse im Ozean beträgt allerdings nur etwa ein Zweihundertstel der in Landpflanzen enthaltenen Biomasse“ (ebd.) – Folglich sind die Organismen im Meer also wesentlich effizienter (Faktor 200).
      • Alles in allem: „Ohne die Meere geht auch biologisch betrachtet auf Land nicht viel, zumindest wenn es sich um sauerstoffbasiertes Leben handelt.“ (ebd. 290). Das ist sehr vornehm ausgedrückt für: Sterben die Meere, erstickt der Mensch (und, ja: die Tiere auch).

    • Überfischung:
      • „Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) sind heute insgesamt 660 bis 820 Millionen Menschen direkt oder indirekt von der Fischerei abhängig, Bis zu zwölf Prozent der Weltbevölkerung leben demnach von diesem Wirtschaftszweig.“ (Latif 292)
      • „Weltweit ernähren sich allein drei Milliarden Menschen hauptsächlich von Fisch“ (Götze 2019)
      • Aquakulturen = 66 Mio t : „Wildfang“ = 80 Mio t (Zahl der FAO 2012, zit. in Latif 293)
      • Aquakulturen sind: Massentierhaltung – und oft große Umweltverschmutzer: Fischmehl, starker Antibiotika-Einsatz (>>Antibiotika-Resistenzen), Fischfäkalien, Chemikalien (vgl. Latif 294)
      • Und: „[U]m einen Lachs mit einem Kilogramm Gewicht heranzuziehen, benötigen Farmbetreiber zwischen zwei bis vier Kilo Wildfisch als Futter.“ (ebd. 295)

    • Verschmutzung:
      • z.B. durch Öl, radioaktive Stoffe, (Mikro-)Plastik, Verklappungen, Kreutfahrtschiff-Abfall…
      • „[W]enn die Ozeane zu Schmutzwasser und die Meeresökosysteme kippen würden[, würde]… [d]er Hunger auf der Erde … dramatisch zunehmen.“ (Latif 292-293)

    • Alle genannten Faktoren setzen Meeresbewohner unter Stress.
      • Massive Korallenbleichen sind eine Folge:“[Z]eitweise [waren im Jahr 2016] 93% der Riffe im Great Barrier Reef in Australien von der Korallenbleiche betroffen und in Flachwasserbereichen im Pazifik starben mehr als die Hälfte der Korallen von Februar bis Oktober 2016 ab“ (Nelles/Serrer 2018, 100)
      • Definition Korallenbleiche: Die auf den Korallen sitzenden Algen sterben ab.

        ‚“Die Algen geben den Korallen ihr bunt schillerndes Aussehen und dienen ihnen als Nahrungsquelle. Wenn die Wassertemperaturen wieder sinken, haben die Riffe die Möglichkeit, sich zu regenerieren. Wiederholte Bleichen aber… können der Studie zufolge die Korallen selbst abtöten – und zwar binnen Tagen oder Wochen und nicht wie bisher angenommen über Monate und Jahre.“ Demzufolge löst sich das Korallengerippe in Folge von Hitzewellen innerhalb kurzer Zeit regelrecht auf.
        >> Quelle: n.n. (2019): „Klimawandel: Marine Hitzewellen töten Korallenriffe schneller als gedacht.“. in: Die Zeit, 9.8.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-08/klimawandel-korallen-korallenriffe-hitze-oekosystem-meer (Abrufdatum 10.8.2019)

>> Quelle: Latif, Mojib (2014): Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben können. Herder.
>> Quelle u. Zitat „3 Mia Menschen essen hauptsächlich Fisch“: Götze, Susanne (2019): „Klimawandel: Die Bombe im Eis“. in: Süddeutsche Zeitung, 23.3.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-quecksilber-permafrost-1.3913661 (Abrufdatum 24.7.2019)

  • Insekten- und Bienensterben:

    • Im Oktober 2017 meldete die „Krefelder Studie“, dass die Biomasse von (Flug-)Insekten in deutschen Naturschutzgebieten in den letzten 27 Jahren, seit 1989 „um mehr als drei Viertel seit Beginn der Untersuchungen gesunken ist“ (Berger 2017). Das war dann kurzfristig „Tagesgespräch“ – das eigentlich erschreckende war gar nicht der vernichtende Befund, sondern die mangelnde Aufregung in der Bevölkerung.

    • See the Picture: Wenn dreiviertel der Belegschaft eines Unternehmens fehlen, wie viele Mitarbeiter*innen sind dann noch da? Gähnend leere Hallen – und funktionsfähig ist der Laden dann garantiert nicht mehr. In diesem Sinne:

    • „Etwa 80 Prozent aller wilden Pflanzen seien von Bestäubung durch Insekten abhängig, 60 Prozent aller Vögel seien auf Insekten als Nahrungsmittel angewiesen.“ (ebd.)

    • Nach Abwägung einer Reihe von Faktoren gehen die Forscher davon aus, dass die Intensivierung der Landwirtschaft hier hineinspielen könnte.

    • „Der deutsche Bauernverband warnte hingegen vor einer übereilten Verurteilung der Landwirtschaft… [und verwies darauf, dass] ‚die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand… [und es somit] noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt'“ (ebd.).

    • Gewissheit wird man wohl erst haben, wenn sie alle, alle tot sind.

    • weitere Studien:
      • Do-it-yourself-Eigenstudie: Sie sind ein Mensch mittleren Alters? Dann überlegen Sie mal, wie viele Insektenleichen Sie in früheren Jahren im Urlaub auf der Windschutzscheibe hatten – und wie viele heute.
      • 2019er Übersichtsstudie des Sydney Institute of Agriculture:
        „Weltweit geht der Bestand von mehr als 40 Prozent aller Insektenarten zurück. Schon in hundert Jahren könnten viele ausgestorben sein. Darunter sind vor allem Schmetterlinge, aber auch Hautflügler, zu denen Ameisen, Wespen und Bienen gehören.“
        Dazu im gleichen Artikel Tierökologe Johannes Steidle:
        • „Ich bin geschockt. Zwar gab es Hinweise, dass das Insektensterben nicht nur auf Deutschland und Europa beschränkt ist. Aber dass es ein globales Problem ist, das überall in einem ähnlichen Umfang auftritt, hat mich erschreckt. Das war zumindest mir, und ich glaube auch meinen Kollegen, so nicht bekannt.“
      • US-Studie: In den letzten 21 Jahren gibt die Schmetterlingspopulation in Ohio um 33% zurück. „Der Schmetterlingsschwund in Ohio sei damit größer als der weltweit geschätzte Wert von 35 Prozent in 40 Jahren.“ „Schmetterlinge dienten als wichtige Indikatoren, um feststellen, wie groß die Biodiversität in einem Ökosystem sei… Sie reagierten ähnlich auf Veränderungen der Umwelt wie viele andere Insekten. Somit sei die Studie ein weiterer Beleg für den Insektenschwund.“

    • Glyphosat ist gemäß EU-Beschluss weiterhin zugelassen. []

Wie auch immer die genauen Prozente der verschiedenen Studien jeweils exakt aussehen: Wir haben uns klar zu machen, dass die Nahrungskette bzw. die Biodiversität auf dieser Welt einem engmaschigen Netz gleicht. Jedes Lebewesen – ob Tier, Pilz oder Pflanze -, das ausstirbt oder zahlenmäßig nicht mehr relevant vorhanden ist, repräsentiert eine durchgeschnittene Masche des Netzes. Es wird grobmaschiger, instabiler – und irgendwann reißt es an einigen und immer mehr Stellen und Lebewesen sterben vermehrt aus, weil ihre Nahrung/Lebensumgebung ausstirbt, was dazu führt, dass andere Pflanzen nicht mehr bestäubt werden oder andere Tiere keine Nahrung mehr finden… Dieses Netz trägt uns, einer Hängematte gleich – und wir sind: schwer.

>> Quelle und Zitat „Insektenschwund 75%“: Berger, Melanie (2017): „Studie Dramatischer Insektenschwund in Deutschland“. in: Der Tagesspiegel, 19.10.2017, online unter https://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-dramatischer-insektenschwund-in-deutschland/20472776.html (Abrufdatum 6.7.2019)
>> Quelle und Zitat „Übersichtsstudie“: Römer, Jörg (2019): „Insektensterben: ‚Wir müssen jetzt sofort handeln'“. in: Der Spiegel, 13.2.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/insektensterben-wir-muessen-jetzt-sofort-handeln-a-1252867.html (Abrufdatum 11.7.2019)
>> Quelle und Zitat „US-Studie“: Merlot, Julia (2019): „Größte Insektenstudie Nordamerikas: Ein Drittel der Schmetterlinge ist verschwunden“. in: Der Spiegel, 10.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/usa-ein-drittel-der-schmetterlinge-ist-verschwunden-a-1276652.html (Abrufdatum 11.7.2019)

Zu bedenken ist außerdem, dass die Natur uns Erdenbewohnern zurzeit noch „hilft“:

„Bislang verhält sich die Biosphäre quasi wie ein Freund – sie bremst den Klimawandel ab. Etwa 40% des Kohlendioxids, dass wir Menschen emittieren, wird von der Biosphäre absorbiert, wodurch der Klimawandel deutlich verlangsamt wird. Eine der großen Sorgen, die wir Wissenschaftler haben, ist die entscheidende Frage: ‚Wie lange wird die Biosphäre noch unser Freund sein?‘ – Es besteht die Gefahr, dass irgendwann in der Zukunft diese Bremse zu einem Gaspedal wird.“

Quelle: Prof. Dr. Yadvinder Malhi, Ecosystem Sciences, Oxford in:
Aders, Thomas (2018): „Klimafluch und Klimaflucht – Massenmigration – Die wahre Umweltkatastrophe“, ARTE, 13.11.2018, online unter: https://www.dw.com/de/klimaflucht-die-wahre-umweltkatastrophe/av-48537071 (Abrufdatum 24.6.2019), ab Minute 30.

Dazu ist festzuhalten: Wir meißeln uns immer mehr die CO₂-Senken (=“CO₂-Speichergebiete“) weg: Regenwälder, allgemein Baumbestand, Moore, Weltmeere (s.o.),… []

Was passiert, wenn uns die Natur nicht länger „hilft“?



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