Fliegen, Kreuzfahrten

  • Klimakiller Flugverkehr
    • Einleitung
    • Flugreisen… und das persönliche CO₂-Budget von 2,3 t CO₂ pro Jahr
    • Exkurs: Verkehrsmittel im CO₂-Vergleich
    • Fliegen ist mehr als CO2 in die Luft zu jagen
    • Grünes Fliegen?
    • Personenflugverkehr in Deutschland in Zahlen
    • Geschäftsreisen per Flugzeug: Business Travellers
    • CO₂-Kompensationen z.B. für Flüge
    • Wachstumsbranche „Flugverkehr“
    • Jenseits der Vorstellungskraft: Der Preis des Fliegens.
    • Konsequenzen
  • Der ökologische Doppelschlag: Kreuzfahrten

Klimakiller Flugverkehr

CO₂-Emissionen in Deutschland: Mobilität – herausgegriffen: Der Flugverkehr.

Wir müssen reden. Über den Klimakiller Flugverkehr.


Vorweg ein Zwischengedanke zum Unterschied zwischen Überfluss(gesellschaft) und Wohlstand(sgesellschaft):

Dekadenz ist, wenn Luxus nicht mehr als selbiger angesehen, sondern als „normal“ und selbstverständlich empfunden wird.



Viele Deutsche denken über sich, dass sie relativ umweltbewusst sind – aber wehe, man schneidet das Thema „Fliegen“ an auf einer Party/bei einer Diskussion… Dann geht es schnell hochemotional zu. Verständigen kann man sich – wenn es gut läuft – maximal darauf, dass Fliegen das zu kosten hat, was es kostet.


Das reicht nicht, denn:

  • „Fernreisen mit dem Flugzeug sind … die mit Abstand klimaschädlichste Art der Fortbewegung.“ (Spiegel, 2016)
  • „Fliegen ist die klimaschädlichste Art sich fortzubewegen“. (Umweltbundesamt, 2016)
  • „Flugreisen sind die ökologische Keule.“ (Süddeutsche Zeitung, 2019)
  • „Klimakiller Flugzeug: Kein Verkehrsmittel heizt das globale Klima so stark auf wie das Flugzeug.“ (BUND, 2019)
  • „Fliegen ist… eine Katastrophe für die Umwelt.“ (ZEIT, 2018)

>> Quellen:
> Seidler, Christoph (2016): „Klimawandel: Flug nach San Francisco – fünf Quadratmeter Arktiseis weg“. in: Der Spiegel, 3.11.2016, online unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-so-lassen-flugreisen-die-arktis-schmelzen-a-1119451.html (Abrufdatum 29.5.2019)
> n.n. (2016): „Flugreisen“. in: Umweltbundesamt, 11-2016, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/mobilitaet/flugreisen#textpart-2 (Abrufdatum 29.5.2019)
> Schlegel, Martin (2019): „Klimakiller Flugzeug“. in: BUND Nord, online unter: https://www.bund-berlin.de/themen/mobilitaet/flugverkehr/klimafolgen-flugverkehr/ (Abrufdatum 29.5.2019)
> Geier, Moritz (2019): „Flugreisen sind die ökologische Keule“. in: Süddeutsche Zeitung, 25.1.2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/leben/nachhaltigkeit-alltag-1.4296574?reduced=true (Abrufdatum 29.5.2019) (Paywall)
> Ahr, Nadine, Asendorpf, Dirk u. Pinzler, Petra (2018): „Flugverkehr: Die Hölle am Himmel“. in: Die Zeit, 8.8.2018, online unter: https://www.zeit.de/2018/33/flugverkehr-fliegen-flughafen-chaos-billigflieger-vielflieger/komplettansicht (Abrufdatum 29.5.2019)

Frage: Warum gelten Flugreisen als Klimakiller, wenn doch andere Industrien/Lebensbereiche mehr prozentuale Anteile am weltweiten CO₂-Ausstoß haben?

Die Antwort ist simpel:

  1. Der CO₂-Austoß pro Flugkilometer pro Person ist mit 201 Gramm pro Personenflugkilometer (Pkm) (siehe unten) ungleich höher als bei jeder anderen Form von Mobilität und findet zudem in einem besonders sensiblen Bereich der Atmosphäre statt.
  2. Im Gegensatz zu CO₂-intensiven menschlichen Grundbedürfnissen wie Ernährung und Heizen ist Flugverkehr letztlich zu einem guten Teil: verzichtbar.

Anders ausgedrückt: Flugreisen sind Luxus. Heizen und Essen nicht.

En détail:

Flugverkehr verursacht mindestens 5% der weltweiten CO₂-Emissionen.

>> Quelle: Bartz, Dietmar (2016): „Das Nein aus den Wolken“. Heinrich-Böll-Stiftung, online unter: https://www.boell.de/de/2016/09/15/das-nein-aus-den-wolken?dimension1=ds_fliegen (Abrufdatum 26.5.2019)

5%? – Andere Statistiken liefern andere Zahlen:

„Eine neue Untersuchung i.A. der Europäischen Kommission hielt einen doppelt so hohen Anteil [ergibt 7 Prozent] für realistisch und einen Anteil von bis zu 12 Prozent für möglich.“

>> Lege, Monika et al. (2005): „Der Traum vom Fliegen. Für ganze 20 Euro.: Kann man dagegen etwas haben?…“ in: Arbeitskreis Flugverkehr, online unter https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/traumvomfliegen.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

„Rechnet man diese Wirkungen [wie Flughöhe etc.] mit ein, gehen fast zehn Prozent der deutschen Verantwortung für die [CO₂-verursachte] Erderwärmung aufs Konto der Luftfahrt – das ist fast so viel wie der Autoverkehr.“

>> Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)


Ob der Anteil des Flugverkehrs an den globalen CO₂-Emissionen nun 5%, 7%, 10% oder auch „bis zu 12%“ beträgt – diese Emissionen werden von sehr, sehr wenigen Menschen erzeugt:

„Lediglich drei Prozent der Menschheit sind im Jahr 2017 geflogen. Nur 18 Prozent haben überhaupt schon mal ein Flugzeug betreten. Einfach gesagt: Ein paar wenige Privilegierte fliegen das Klima kaputt.“

>> Quelle „privilegierte Fliegen“: Weßling, Kathrin (2019): „Wer noch ins Flugzeug steigt, ist ein Klimasünder“. in: Die Zeit, 5.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/die-antwort/2019-04/flugreisen-klimawandel-co2-emissionen-flugzeuge-konsumverhalten-verantwortung (Abrufdatum 26.5.2019)



„Privilegierte“ meint hier Menschen der reichen Länder und hier noch einmal herausgegriffen besonders die reichen Menschen der reichen Länder:


Der Volkswirt und Umweltökonom Niko Paech erwähnt in seinem Buch Befreiung vom Überfluss, dass allwochenendlich 10.000 Menschen – das sog. „entgrenzte Easyjet-Weltbürgertum“ (Paech 2012, 52) – aus der ganzen Welt in Berlin einfliegen.

  • „Und warum? Nur weil hier ein vermeintlich besserer DJ auflegt als in Madrid, Tel Aviv, New York, Stockholm oder von wo aus sich die hedonistische Internationale gerade auf den Weg begibt.“

>> Quelle: Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom. S. 52.



Die Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA), Maria Krautzberger, meint zum gleichen Thema:

„Das Umweltbewusstsein spielt [bei der Höhe der individuellen CO₂-Bilanz] nur eine geringe bis gar keine Rolle. Entscheidend für den CO2-Verbrauch ist das Einkommen: Steigt es, steigen auch die Ansprüche – und klimaschädliche Taten. Oder, wie es die Studie sagt: ‚Menschen aus einfacheren Milieus, die sich selbst am wenigsten sparsam beim Ressourcenschutz einschätzen und die ein eher geringeres Umweltbewusstsein haben, belasten die Umwelt am wenigsten.‘
Das grüne Gewissen hilft lediglich als Bremse:

Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen,

sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des UBA [Umweltbundesamtes].“

>> Quelle: Hamann, Rene (2016): „Konsum und Umweltbewusstsein: Arm, aber gut für das Klima“. in: taz, 15.8.2016, online unter: http://www.taz.de/!5325200/ (Abrufdatum 26.5.2019, Hervorhebungen Pendzich)
>> UBA (Umweltbundesamt): Der Regierung zuarbeitende wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium – sehr fundierte Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/

s.a. individuelles CO2-Budget: Emissionen pro Person pro Jahr, aufgesplittet nach Einkommen.


Das bedeutet, dass viele Menschen, die von sich selbst glauben, sich „grün“ bzw. umweltbewusst zu verhalten, sich hier überschätzen.

Dass nun Grüne mit dem SUV beim Biomarkt vorfahren, ist derweil statistisch so nicht zu bestätigen:

  • „SUV-Fahrer gaben [in einer entsprechenden Umfrage] … besonders häufig an, konservativ (1,3 mal öfter als der Durchschnitt) oder rechts eingestellt zu sein (1,41 mal so oft wie in der Gesamtbevölkerung)“

>> Quelle: n.n. (2019) „Politisches Zerrbild Grün wählen, SUV fahren – das ist nur ein Klischee“. in: Der Spiegel, 28.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/suv-fahrer-fahrradfahrer-wer-waehlt-was-a-1274549.html (Abrufdatum 28.6.2019)

Würden nur SUV-Fahrer*innen den Bundestag wählen, sähe es so aus (in Klammern das deutsche Ergebnis der Europawahl 2019):

CDU/CSU 35,6% (28,9%) | AfD 16% (11%) | FDP 11,4% (5,4%)

>> Quelle: ebd. und n.n. (2019): „Europawahl 2019“. in: Der Bundeswahlleiter, online unter: https://www.bundeswahlleiter.de/europawahlen/2019/ergebnisse/bund-99.html#stimmen-prozente8 (1.7.2019)

Gleichwohl ist es so, dass auch „Grün-Wählen“ nicht gleichbedeutend ist mit einem konsistenten, vorbildlichen Umweltverhalten. Eine Umfrage vom Juni 2019 zeigt, dass grüne Wähler*innen dem Fliegen nicht abschwören und der Aussage „Ich bin in den letzten 12 Monaten in ein Flugzeug gestiegen“ etwa genauso oft zustimmen wie FDP-Wähler*innen und etwa 5% mehr als Unions-Wähler*innen.“ Leider versäumen Demoskopen genauer nachzufragen, wie oft wählende Bundesbürger*innen jährlich in ein Flugzeug steigen und wie viele Flugkilometer sie dabei zurücklegen – hier könnte sich durchaus ein anderes Bild ergeben, denn die solventen CDU-Rentner*innen benötigen ja – wenn sie nicht gerade auf Malle sind – die Zubringerflüge zu ihren Kreuzfahrten.

  • Dass Grüne fliegen „erklärt sich zumindest teilweise durch die gesellschaftliche Stellung von Grünen-Wählern. Die sind vergleichsweise jung, gut ausgebildet und gut verdienend. ‚Alles Merkmale, die positiv mit einer Nutzung des Flugzeugs zusammenhängen dürften'“ (Böcking 2017) – über den Zusammenhang „Gutsituierte belasten das Klima stärker – weil sie es können“, siehe hier.

>> Quellen:
> Böcking, David (2017): „Reiseverhalten von Grünen-Wählern Bahn predigen, Business fliegen“. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gruenen-waehler-halten-rekord-bei-flugreisen-a-1002376.html (Abrufdatum 24.7.2019)
> Vogt, Ragnar (2019): „Umfrage zur Flugscham Grünen-Anhänger fliegen am meisten – und haben das schlechteste Gewissen“. in: Der Tagesspiegel, 19.7.2019, online unter https://www.tagesspiegel.de/politik/umfrage-zur-flugscham-gruenen-anhaenger-fliegen-am-meisten-und-haben-das-schlechteste-gewissen/24679158.html (Abrufdatum 24.7.2019)

Grüne fliegen, nicht schön, aber mein Gott, mir würden auch tausende von Beispielen einfallen zum Thema „inkonsequentes Verhalten von Unions-Anhänger*innen, ich lass es. Dass indes auf diesem Thema so heftig herumgehackt wird – es wird quasi in JEDER entsprechenden TV-Diskussion erwähnt -, beruht auf diesem stetigen Kindergarten-mit-dem-Finger-auf-die-Anderen-zeigen.

Aber, mal im Ernst: „Die andern, die andern“ ist ein reines Schein-Argument:

  • Jede(r) von uns hat Unschärfen – und jeder hat für sich und sein Handeln selbst gerade zu stehen.
  • Jede(r) hat bei sich anzufangen, sich an die eigene Nase zu fassen.
  • Jede(r) ist für sich selbst verantwortlich – und hat die Wahl, ob sie/er sich als Idiot gegenüber dem Planeten, der ihm das Leben schenkt – oder nicht.

  • Die Qualität eines Arguments oder ein dargestellter Sachverhalt wird nicht besser oder schlechter, weil die vorbringende Person evtl. Wasser predigt und Wein trinkt.

Komischerweise finden Menschen es regelmäßig schlimmer, wenn jemand im Verdacht steht vorzugeben, besser zu sein als er ist, als wenn die gleiche Person lügt oder ihr alles egal ist. Wenn jemanden der Fortbestand der Erde egal ist, ist das nach menschlicher Unlogik sein gutes Recht. Menschen sind merkwürdig.

vgl. Nguyen-Kim, Mai Thi (2018): „Die schlechtesten Argumente im Internet“. in: maiLab, 31.10.2018, online unter https://www.youtube.com/watch?v=AlSmcBbT15Y (Abrufdatum 30.9.2019)


Ein Zwischengedanke:

Als Klima-Arsch tritt man das Wunder des Lebens mit Füßen.


Nicht zu unterschätzen:
Der ‚Rebound-Effekt‘

Der Begriff ‚Rebound-Effekt‚ beschreibt die Eigenart des Menschen,

  • sich z.B. ein sparsameres Auto zu kaufen, aber dann damit mehr zu fahren.
  • durch umweltverträgliches Verhalten eingespartes Geld für etwas anderes rauszuhauen, was man sich sonst nie gekauft hätte.
  • Zeitspartools (wie das Smartphone) so zu nutzen, dass er am Ende deutlich mehr Zeit verbraucht als ohne.

>> vgl. Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.
>> siehe auch Abschnitt Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität.



In Unkenntnis und aufgrund des nicht-so-genau-Wissen-wollens um unsere wirklichen CO₂-Effekte unseres Verhaltens neigen wir dazu, uns für umweltverträgliches Verhalten irgendwann in anderem Zusammenhang zu belohnen – wir denken dann in etwa so was wie:

  • „Wenn ich das ganze Jahr ‚Bio‘ kaufe und Plastik meide, habe ich so viel für die Umwelt getan und meinen Beitrag geleistet, dann kann ich jetzt auch mal ins Flugzeug steigen.“



Und genau das ist – gerade im Zusammenhang mit Fliegen – ein krasser Fehlschluss:

Der effektivste Hebel, der uns zur Optimierung unseres persönlichen CO₂-Abdrucks zur Verfügung steht, ist die Änderung unseres Reiseverhaltens.

  • Weil Flugreisen den größten Impact haben.
  • Weil Kreuzfahrten – gemeint sind hier insbesondere die mit Hin- und Rückflug – der ökologische Doppelschlag sind.
  • Weil Reisen unsere Urlaubszeit betreffen und somit losgelöst sind vom Alltag – und daher entsprechende Emissionen vergleichsweise leicht auf Null gefahren werden können.

Flugreisen… und das persönliche CO₂-Budget von 2,3 t CO₂ pro Jahr

Die Fluggastzahlen steigen auch aktuell immer noch jährlich an (siehe unten). Dazu ergeben sich einige Fragen:

  • Was, wenn künftig immer mehr Menschen aus immer mehr Staaten mehr fliegen (können/wollen)?
  • Haben diese Menschen nicht das gleiche Recht zu fliegen wie ein(e) deutsche(r) StaatbürgerIn?
  • Was bedeutet das in Bezug auf die umfangreiche historische Klimaschuld, die die Industrienationen tragen?
  • Was bedeutet das für uns persönlich und unser Flugverhalten?

Weltweites klimaverträgliches jährliches CO₂-Budget pro Person pro Jahr bis 2050 = 2,3t CO₂ (siehe Verbleibendes individuelles CO₂-Budget.)

Das bedeutet, dass jede(r) von uns ihr/sein Budget ausgeschöpft bzw. überzogen hat, ohne geflogen zu sein. In der Konsequenz ist jeder Flug eine Anmaßung und tatsächlich ökologisch nicht zu rechtfertigen, sondern nur schönzureden.



CO₂-Budget-Killer:
CO₂-Emissionen pro Kopf im Flugzeug von Hamburg nach…

Stuttgart 0,314t | Mailand 0,42t | Paris 0,428t | Mallorca 0,7t | Gran Canaria 1,3t | Lissabon 1,148t | Tel Aviv 1,64t | Mexico City 3,8t | Bali 3,011t | NYC 3,594t | Las Vegas 5,594t | LA 5,881t | Bangkok 5,666t | Tokio 7,928t | Melbourne (via Dubai) 10,862t (pro Person Hin-Rück, Economy, nach Atmosfair)

(Hin/Rück, Economy, 1 Person, Daten nach Atmosfair u. bahn.de): Flugdauer 1:15 h + Hinfahrt zum Flughafen von Dammtor aus (28 min) + früher da sein + Gepäckaufgeben + Sicherheitscheck + Boarding + auf das Gepäck warten + in die Innenstadt zum Hauptbahnhof fahren (27 min.)
Mit dem grundsätzlich Ökostrom-nutzenden DB-Fernzug: 0 t CO2, 5:11h, Zeitersparnis pro Fahrt maximal 2 Stunden.
Sind insgesamt maximal 4 Stunden 0,341 t CO2 wert?
Der Preis ist ebenfalls nicht relevant: Mittelfristig gebuchter Super-Sparpreis der Deutschen Bahn inkl. Bahncard25 = 65 EUR + Reservierung.

Innerdeutsches Beispiel „Flug Hamburg >> Stuttgart“:


Diese Zahlen bedeuten auch:

Wir können uns das ganze Jahr extrem umweltfreundlich verhalten, Plastik vermeiden, Palmöl aus dem Haushalt verbannen, Autofrei leben etc. pp – aber steigen wir auch nur einmal ins Flugzeug, ist unsere CO₂-Bilanz komplett ruiniert.


Drei Zwischengedanken:

>> Philosophisch gesehen: Man kann nicht auf etwas verzichten, was einem nie zugestanden hat.
>> Es fällt besonders schwer, Gewohnheitsrechte aufzugeben.
>> Gewohnheitsrechte gibt es eigentlich gar nicht. Erst recht nicht, wenn es um die Überschreitung planetarer Grenzen geht.


Exkurs: Verkehrsmittel im CO₂-Vergleich

Vergleich der durchschnittlichen CO₂e-Emissionen einzelner Verkehrsmittel im Personenverkehr (2017):

  • PKW 139 g/Pkm [Gramm pro Person pro Kilometer] (Auslastung 1,5 Personen/Pkw)
  • Reisebus 32 g/Pkm (Auslastung 60%)
  • Eisenbahn Fernverkehr 0 g/Pkm (Die Deutsche Bahn fährt im Fernverkehr mit Ökostrom)
  • Eisenbahn Fernverkehr 36 g/Pkm (Auslastung 56%)
    (diese Zahl basiert auf dem durchschnittlichen deutschen Strommix)
  • Flugzeug 201 g/Pkm (Auslastung 82%) (und hier fallen i.d.R. wesentlich mehr Pkm an als bei anderen Verkehrsmitteln.)
  • Linienbus 75 g/Pkm (Auslastung 21%)
  • Eisenbahn Nahverkehr 0 g/Pkm (Die Hamburger S-Bahn fährt mit Ökostrom)
  • Eisenbahn Nahverkehr 60 g/Pkm (Auslastung 27%)

>> Quelle: n.n. (2018): „Vergleich der durchschnittlichen CO₂e-Emissionen einzelner Verkehrsmittel im Personenverkehr“. in: Umweltbundesamt, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/emissionsdaten#verkehrsmittelvergleich_personenverkehr (Abrufdatum 23.6.2019)


„Flugreisen sind die ökologische Keule.“ (Süddeutsche Zeitung, 2019)
Und doch entwickeln sich die Flugverkehrs- und Fluggastzahlen bestürzend nach oben:

Flugverkehr ist ein Business mit extrem hohen Zuwachsraten, sowohl bei Passagieren als auch beim CO₂:

  • Anzahl der Fluggäste in Deutschland 2017>>2018 = +5,4%
  • Weltweite Fluggastzahlen seit 1990 verdoppelt
  • Deutsche Fluggastzahlen seit 1990 = +250%

„Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird der Flugverkehr im Jahr 2050 für fast ein Viertel aller globalen Emissionen verantwortlich sein.“

>> Quelle Zahlen und Zitat: Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)
>> Quelle „Flugreisen sind die ökologische Keule“: Geier, Moritz (2019): „Flugreisen sind die ökologische Keule“. in: Süddeutsche Zeitung, 25.1.2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/leben/nachhaltigkeit-alltag-1.4296574?reduced=true (Abrufdatum 29.5.2019) (Paywall)

  • Prognose Flugverkehr 2006>>2050 = Vervierfachung

>> Quelle: Merlot, Julia (2019): „Effekt von Kondensstreifen: Flugverkehr schadet dem Klima mehr als gedacht“. in: Der Spiegel, 27.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kondensstreifen-heizen-die-erde-immer-staerker-auf-a-1274340-druck.html (Abrufdatum 21.7.2019)



Des Weiteren geht es beim Flugverkehr nicht nur um CO₂, sondern auch um

  • Luftfahrtemissionen wie Stickoxid, Feinstaub, Wasserdampf, Kondensstreifen und Veränderungen in Zirruswolken [- und diese] erhitzen die Atmosphäre zusammengenommen sogar noch mehr. Da Flugzeuge ihren Treibstoff in großer Höhe verbrennen und dort ihre Abgase ausstoßen, wirkt sich das besonders gravierend aus. Beeinträchtigt wird dadurch und durch die entstehenden Kondensstreifen auch die natürliche Wolkenbildung …
  • Diese Nicht-CO₂-Effekte erhöhen den Schaden, den der Luftverkehr in der Atmosphäre anrichtet um den Faktor zwei bis vier, wie die Organisation Atmosfair … auf Grundlage eines IPCC-Berichts berechnet hat… Rechnet man diese Wirkungen mit ein, gehen fast zehn Prozent der deutschen Verantwortung für die Erderwärmung aufs Konto der Luftfahrt – das ist fast so viel wie der Autoverkehr.

>> Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)



Fliegen bedeutet auch nach Ansicht des UBA mehr, als CO₂ in die Luft zu jagen: Die Emissionen werden logischerweise in den hohen Bereichen der Atmosphäre emittiert.

  • „Stickoxide bauen unter der Sonneneinstrahlung Ozon auf, das in Reiseflughöhe als starkes Treibhausgas wirkt.
  • Der Ausstoß von Aerosolen (Partikeln) und von Wasserdampf führt zu einer Veränderung der natürlichen Wolkenbildung.
  • Diese verschiedenen Effekte summieren sich derart, dass die Treibhauswirkung des Fliegens im Durchschnitt etwa zwei- bis fünfmal höher ist als die alleinige Wirkung des ausgestoßenen CO2.“

>> Quelle: n.n. (2019): „Flugreisen“. in: Umweltbundesamt, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/mobilitaet/flugreisen#textpart-3 (Abrufdatum 24.6.2019)
>> UBA (Umweltbundesamt): Der Regierung zuarbeitende wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium – sehr fundierte Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/



Durchschnittlich geht man – vereinfachend von einer Verdreifachung der Klimawirkung (=Klimaschädlichkeit) von Flugemissionen aus.

>> vgl. n.n. (2017): „Die Bundesregierung reist weiterhin klimaneutral“. in: Umweltbundesamt, 17.2.2019, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/die-bundesregierung-reist-weiterhin-klimaneutral (Abrufdatum 9.6.2019)

>> s.a. das folgende Zitat von der FAQ-Page von Atmosfair:

„Um die Klimawirkung der gesamten Flugemissionen angemessen wiederzugeben, multipliziert der atmosfair Emissionsrechner deswegen die in Höhen von über 9 km emittierten CO₂-Emissionen mit dem global gemittelten Faktor 3. Dieser Faktor ergibt sich, wenn das Global Warming Potential aller Non-CO₂-Effekte über 100 Jahre integriert (UNFCCC Konvention) und abdiskontiert wird (David Lee et al., ‚Transport impacts on atmosphere and climate: Aviation‘, in ‚atmospheric environment (44), 2010).“

>> Quelle: n.n. (2019): „Wieso rechnet der Emissionsrechner nur mit Kohlendioxid?“. in: atmosfair, online unter https://www.atmosfair.de/de/faqs/zur_co%E2%82%82-berechnung/ (Abrufdatum 23.6.2019)


Aktuell: Flugverkehr schadet dem Klima noch mehr als ohnehin angenommen.

Eine im Juni 2019 veröffentlichte Studie von Lisa Bock und Ulrike Burkhardt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt kommt zu dem Ergebnis, dass die Klimaschädigung durch Kondensstreifen (=langlebige Eiswolken) deutlich größer ist, als bislang gedacht (und als oben ausgeführt).

  • „Die Eiswolken, die durch den Flugverkehr entstehen, hätten in den vergangenen Jahren mehr zum Anstieg der globalen Temperatur beigetragen als alles CO₂, das seit Beginn der Luftfahrt in die Atmosphäre gelangt ist… In Klimaberechnungen würde der Effekt dennoch kaum berücksichtigt, dabei könne sich der Einfluss der künstlichen Wolken aufs Klima in den nächsten Jahrzehnten verdreifachen.“

>> Quelle und Zitat: Merlot, Julia (2019): „Effekt von Kondensstreifen: Flugverkehr schadet dem Klima mehr als gedacht“. in: Der Spiegel, 27.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kondensstreifen-heizen-die-erde-immer-staerker-auf-a-1274340-druck.html (Abrufdatum 21.7.2019)
>> vgl. Bock, L. and Burkhardt, U.: Contrail cirrus radiative forcing for future air traffic, Atmos. Chem. Phys., 19, 8163-8174, https://doi.org/10.5194/acp-19-8163-2019, 2019. , online unter https://www.atmos-chem-phys.net/19/8163/2019/ (Abrufdatum 21.7.2019)

Kondensstreifen?

n.n. (2014): „Animation zeigt Europas kompletten Flugverkehr“.
in: Fokus, online unter
https://www.youtube.com/watch?v=ptuV55p3iq8
(Abrufdatum 21.7.2019)

Nun, es sind mehr als die wenigen Kondensstreifen, die wir gewöhnlich per Alltagserfahrung am Himmel sehen:

Die Studie geht vom Eintreffen der Prognosen eines weltweit weiter steigenden Flugverkehrs aus (Vervierfachung 2006>>2050).

Verhindert werden könne dieser Effekt bzw. die befürchtete Verdreifachung des Einflusses von Kondenstreifen auf das Klima weitgehend durch „saubere Emissionen“, von denen die Rede sein könne, wenn der Rußgehalt des verbrannten Kerosins „um mehr als 50 Prozent reduziert“ (ebd.) werde.

Wovon wir weit entfernt sind.

Die Studien-Mitautorin Lisa Bock hält abschließend und durchaus verallgemeinernd fest, dass es „wichtig [ist], Klimaeffekte, die sich nicht direkt auf CO₂ zurückführen lassen, in Klimaprognosen stärker zu berücksichtigen“ (zit. in Merlot 2019).


Exkurs: Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. In Jahrzehnten.

Dazu halten Kretzschmar und Schmelzer fest:

  • Der Traum vom grünen Fliegen per „Liquid-to-Power“ und anderen im Laborstatus befindlichen Flugverkehrsinnovationsideen „dient aktuell vor allem dazu, das Wachstum des Flugverkehrs zu legitimieren.“

>> Quelle: Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)

Hier geht es alles in allem mehr um die Schaffung einer Vision und eines vagen Versprechens, damit eben Fliegen eine Perspektive behält aus Sicht der Luftfahrtindustrie und der GerneVielFlieger.


Personenflugverkehr in Deutschland in Zahlen

  • 2014 207,9 Mio Passagiere | 103,8 Mio. Ein- und Umsteiger | 77,8 Mio. Einsteiger
  • 2017 234,7 Mio. Passagiere | 117,1 Mio. Ein- und Umsteiger | 87,8 Mio. Einsteiger
  • 2018 244,3 Mio. (244.300.717) Passagiere = +4,1% gegenüber Vorjahr

>> Quellen:
n.n. (2018): Airport Travel Survey 2018. Zahlen, Fakten, Trends. Hg. Flughafenverband ADV, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2016/02/Airport-Travel-Survey-2018_Brosch%C3%BCre.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)
n.n. (2018): ADV-Monatsstatistik 12/2018. Hg. Flughafenverband ADV, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2019/03/12.2018-ADV-Monatsstatistik.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

  • 2018 = 122,6 Passagiere sind in Deutschland mit einem Flugzeug gestartet = 4% mehr als im Vorjahr

>> Quelle: n.n. (2019): „Statistisches Bundesamt : Zahl der Flugpassagiere in Deutschland steigt weiter“. in: Die Zeit, 7.3.2019, online unter: https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-03/statistisches-bundesamt-passagiere-flughafen-deutschland-reisen (Abrufdatum 24.6.2019)

  • 29.6.2018 = 11.015 Flüge im deutschen Luftraum – an einem Tag
  • 2018 = 119 Millionen Passagiere in Deutschland (1997 = 62 Mio = fast verdoppelt innerhalb von 10 Jahren)

>> Quelle: Ahr, Nadine, Asendorpf, Dirk u. Pinzler, Petra (2018): „Flugverkehr: Die Hölle am Himmel“. in: Die Zeit, 8.8.2018, online unter: https://www.zeit.de/2018/33/flugverkehr-fliegen-flughafen-chaos-billigflieger-vielflieger/komplettansicht (Abrufdatum 29.5.2019)

  • Zahl der Starts und Landungen in Deutschland 2017: 2,209 Mio
  • 38,6% aller Flüge im deutschen Luftraum sind Überflüge (und verursachen im deutschen Luftraum entsprechende CO₂e-Emissionen)

>> Quelle: Maurus, Kim et al. (2018): Luftverkehr in Deutschland. Mobilitätsbericht 2017. Hg. von DFS Deutsche Flugsicherung GmbH. online unter: https://www.dfs.de/dfs_homepage/de/Presse/Publikationen/Mobilitaetsbericht2017_Web.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

  • 2018 = 23,5 Mio Passagiere auf Inlandflügen in Deutschland
  • 2018 = 65.000 Inlandsflugpassagiere. Täglich.

>> Quelle: Weßling, Kathrin (2019): „Wer noch ins Flugzeug steigt, ist ein Klimasünder“. in: Die Zeit, 5.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/die-antwort/2019-04/flugreisen-klimawandel-co2-emissionen-flugzeuge-konsumverhalten-verantwortung (Abrufdatum 24.6.2019)


Reiseanlass der Passagiere in Deutschland:

  • Urlaub 2008 23,6 Mio | 2014 30,3 Mio | 2017 34,9 Mio (2014>>2017 = +15%)
  • Privat 2008 21,2 Mio | 2014 20,6 Mio | 2017 24,8 Mio (2014>>2017 +20%)
  • Business 2008 28,5 Mio | 2014 26,9 Mio | 2017 28,1 Mio (2014>>2017 = +4%)

>> Quelle: n.n. (2018): Airport Travel Survey 2018. Zahlen, Fakten, Trends. Hg. Flughafenverband ADV, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2016/02/Airport-Travel-Survey-2018_Brosch%C3%BCre.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)


Eine neue Vielflieger-Gruppe:
Die VFR-Passagiere
(visiting friends or relatives)

„Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt eine Gruppe von Passagieren an Bedeutung, die … lange Zeit übersehen wurde: die sogenannten VFR-Passagiere. … Allein am Londoner Flughafen Gatwick machten sie bereits 2010 immerhin schon knapp ein Viertel aller Fluggäste aus. Es sind weltumspannende Familiennetze ebenso wie der zunehmende Tourismus aus den sogenannten Schwellenländern, allen voran China und Indien, die den globalen Flugverkehr bis auf Weiteres um vier Prozent jährlich wachsen lassen.“

>> Quelle: Boeing, Niels (2019): „Flugreisen: Verzicht rettet die Welt nicht“. in: Die Zeit, 12.5.2019, online unter https://www.zeit.de/zeit-wissen/2019/03/flugreisen-klimaschutz-gewissen-co2-emissionen-treibhausgase/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)

  • Auch die Beförderung von Luftfracht (u.a. Erdbeeren im Winter, Ebay, Amazon) nimmt zu.

>> vgl. n.n. (2019): „ADV-Monatsstatistik“. in: Flughafenverband 12/2018, 11.2.2019, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2019/03/12.2018-ADV-Monatsstatistik.pdf (Abrufdatum 19.6.2019)

Fazit private Urlaubsflugreisen:

Flugreisen sind ähnlich wie das Autofahren der symbolische Inbegriff von Wohlstand und „Freiheit“: Erst wenn in diesen hochemotionalen Bereichen soziologisch oder auch politisch Veränderungen möglich und umgesetzt werden, können wir von einem relevanten Fortschritt im Sinne eines produktiven Klimaschutzes ausgehen.


Geschäftsreisen per Flugzeug:

Business Travellers

Vielfach herrscht die Annahme vor, das heute Videokonferenzen schon vielfach Geschäftsflüge ersetzen. Das ist richtig – und doch falsch:

  • 2008 = 28,5 Mio
  • 2014 = 26,9 Mio
  • 2017 = 28,1 Mio. (=+4% gegenüber 2014)

>> Quelle: n.n. (2018): Airport Travel Survey 2018. Zahlen, Fakten, Trends. Hg. Flughafenverband ADV, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2016/02/Airport-Travel-Survey-2018_Brosch%C3%BCre.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

  • „Allen E-Mails, Videokonferenzen und Web-Seminaren zum Trotz – deutsche Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter so oft auf Geschäftsreisen wie nie zuvor.“

>> Quelle: Kotowski, Timo (2016): „Geschäftsreisen : Auszug aus der Business Class“. in: Frankfurter Allgemeine, 16.6.2016, online unter https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/buisness-class-bei-geschaeftsreisenden-unbeliebt-14287422.html (Abrufdatum 24.6.2019)

Manche Unternehmen melden starke Rückgänge an Geschäftsflugreisen, was aber nicht so richtig stichhaltig erscheint, sondern eher wie Image-Pflege bzw. Green Washing:

  • „Die Deutsche Bank etwa hat nach eigenen Angaben die Zahl der Flugreisen in den vergangenen sechs Jahren halbiert. Die Commerzbank meldet für die vergangenen acht Jahre einen Rückgang um 30 Prozent. Beide haben in den vergangenen Jahren kräftig Stellen gestrichen, was wohl ein Teil der Erklärung ist. Die Commerzbank hat heute etwa 20 Prozent weniger Mitarbeiter als noch 2010.“

>> Quelle: Heuzeroth, Thomas (2019): „Wirtschaft ohne ‚Flugscham‘ – Für 9,99 Euro mit Ryanair – da verstummt das ökologische Gewissen.“ in: Die Welt, 29.5.2019, online unter: https://www.welt.de/wirtschaft/article194015107/Flugscham-Deutsche-Wirtschaft-bleiben-Flugreisen-treu.html (Abrufdatum 10.6.2019)

Und:

  • „Immer mehr Unternehmen drängen ihre Mitarbeiter zu Bahnreisen. Doch viele Konzerne bewegen sich nur langsam – zu lukrativ sind die nichtökologischen Alternativen… ‚Eine Flugscham gibt es nicht, denn es handelt sich bei unseren internationalen Geschäftstätigkeiten [von Stahlkonzern Salzgitter] nicht um Lustreisen.'“

>>> Quelle: Heuzeroth, Thomas (2019): „Wirtschaft ohne ‚Flugscham‘ – Für 9,99 Euro mit Ryanair – da verstummt das ökologische Gewissen.“ in: Die Welt, 29.5.2019, online unter: https://www.welt.de/wirtschaft/article194015107/Flugscham-Deutsche-Wirtschaft-bleiben-Flugreisen-treu.html (Abrufdatum 10.6.2019)



Für die Zunahme von Geschäfts-Flugreisen im Zeitalter von Videokonferenzen sind m.E. wesentlich zwei Gründe hervorzuheben:

  • Wirtschaftswachstum verursacht hier den sog. Rebound-Effekt:
    • Das Geschäft/Unternehmen wird größer und globalisierter (Entfernungen!) und die Produktion kleinteiliger.
    • So ist mehr Abstimmung zwischen mehr Geschäftspartnern notwendig, sodass insgesamt mehr Meetings (ob nun virtuell oder persönlich) abgehalten werden
    • Die Folge: Wirtschaftswachstum frisst Einsparungen auf. Das ist der Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität.
  • Es gibt immer mehr Geschäftsreisende, deren Büro die Welt ist, soll heißen, die haben im eigentlich Sinne gar kein Büro mehr, sondern arbeiten überall auf der Welt und sind somit ständig unterwegs – auch im Flugzeug.

>> vgl. Lobbyistenbeitrag n.n. (2018): „Geschäftsreisen: Gut vernetzt auf Erfolgskurs“. in: Partners Magazin, 14.12.2018, online unter https://www.partners-magazin.de/geschaeftsreisen-gut-vernetzt-auf-erfolgskurs/ (Abrufdatum 24.6.2019)
>> mehr zum Rebound-Effekt siehe oben.

>> Definition „Effizienz“: Wirtschaftlichkeit, rationeller Umgang mit knappen Ressourcen.
>> Definition „Effektivität“ = Wirksamkeit, Maß für es beschreibt das Verhältnis zwischen erreichtem und zuvor definiertem Ziel.
>> Erläuterung: Es mag sein, das eine Firma dank neuer Maschinen, die pro Produkt weniger Ressourcen verbrauchen, effizienter produziert – Wenn sie aber dadurch mehr Produkte produziert, ist der gewünschte Effekt – das Einsparen von Ressourcen – nicht eingetreten.

Zwischen 2008 und 2014 ging die Zahl der Geschäfts-Flugreisen wie oben gezeigt tatsächlich vorübergehend zurück:

  • In Zeiten der Finanzkrise und flankiert vom 2010er Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökul, gab es tatsächlich einen Boom von Videokonferenzen etc. (vgl. Rückgang 2008>>2014)

vgl. Rettig, Daniel et al. (2010): „Videokonferenzen: Chat statt Jet“. in: Wirtschaftswoche, 27.4.2010, online unter; https://www.wiwo.de/erfolg/trends/videokonferenzen-chat-statt-jet/5639848.html (Abrufdatum 24.6.2019)

  • Auch gibt es tatsächlich vermehrt Dienstreisevorschriften bei Unternehmen, die empfehlen, Flugreisen insbesondere auf kurzen Distanzen zu unterlassen – doch in der Praxis und insgesamt betrachtet ist das offensichtlich eher ein Wunsch/Vorschlag/Anliegen als eine grundlegende Umsteuerung, wie an den obigen Zahlen zu sehen ist (vgl. Zunahme 2014>>2018).
  • „‚Der persönliche Kontakt ist trotz aller Schritte der Digitalisierung immer noch entscheidend für das Geschäft‘, sagt VDR-Hauptgeschäftsführer Hans-Ingo Biehl.“

>> Quelle: Kotowski, Timo (2016): „Geschäftsreisen: Auszug aus der Business Class“. in: Frankfurter Allgemeine, 16.6.2016, online unter https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/buisness-class-bei-geschaeftsreisenden-unbeliebt-14287422.html (Abrufdatum 24.6.2019)

VDR = Verband Deutsches Reisemanagement

vgl. auch Lobbyistenbeitrag n.n. (2019): „Frauen lieben nachhaltige Geschäftsreisen“. in: Travelbusiness, 4.3.2019, online unter https://www.travelbusiness.at/studien/nachhaltige-geschaeftsreisen-frauen/0058727/ (Abrufdatum 24.6.2019)

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass in vielen Branchen Videokonferenzen nach wie vor als potenziell geschäftsschädigend bzw. als Wertbewerbsnachteil gesehen werden.

>> vgl. Strobl, Günther (2018): „Reiserichtlinien: Economy statt Business: Bei Geschäftsreisen regiert öfter der Sparstift“. in: Der Standard, 22.10.2018, online unter: https://www.derstandard.de/story/2000089806813/economy-statt-business-bei-geschaeftsreisen-regiert-oefter-der-sparstift (Abrufdatum 24.6.2019)

Aspekt „Geschäftsreisen: Reisen von Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden“

  • Dass Politiker*innen fliegen – geschenkt. Aber 229.116 Inlandflüge von Bundesministerien inkl. der angegliederten Verwaltungen im Jahr 2018? Bundestagsabgeordnete haben 2018 knapp 20% mehr Flugkilometer zurückgelegt als im Vorjahr? — Da geht doch noch was? Und was sicher nicht sein muss, sind 800 Leerflüge (Bereitstellungsflüge) im Jahr 2018.

>> Quelle „Inlandsflüge 2018“: n.n. (2019): „Treibhausgase Bundesbehörden unternahmen 2018 fast 230.000 Inlandsflüge“. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/politik/deutschland/klimaschutz-230-000-inlandsfluege-durch-bundesbehoerden-im-jahr-2018-a-1278911.html (Abrufdatum 24.7.2019)
>> Quelle „20% mehr“: n.n. (2019): „Trotz Klimadebatte: Bundestagsabgeordnete flogen 2018 deutlich mehr“. in: Der Spiegel, 10.8.2019, online unter: https://www.spiegel.de/panorama/klima-abgeordnete-flogen-2018-deutlich-mehr-a-1281354.html (Abrufdatum10.8.2019)
>> Quelle „Leerflüge“: Seibert, Evi (2019): „Streit um Flugbereitschaft: Grüne kritisieren Leerflüge“. in: Tagesschau.de, online unter https://www.tagesschau.de/inland/regierung-flugzeuge-101.html (Abrufdatum 24.6.2019)

  • Immerhin: Die Bundesregierung kompensiert sämtliche Dienstreisen (Stand: Februar 2017) – und zahlte dafür 2017 1,7 Mio Euro.

>> Quelle: n.n. (2017): „Die Bundesregierung reist weiterhin klimaneutral“. in: Umweltbundesamt, 17.2.2019, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/die-bundesregierung-reist-weiterhin-klimaneutral (Abrufdatum 9.6.2019)
>> >> Quelle „1,7 Euro“: n.n. (2019): „Treibhausgase Bundesbehörden unternahmen 2018 fast 230.000 Inlandsflüge“. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/politik/deutschland/klimaschutz-230-000-inlandsfluege-durch-bundesbehoerden-im-jahr-2018-a-1278911.html (Abrufdatum 25.7.2019)

  • Zu ergänzen ist, das internationale Fachtagungen und Kongresse gerade im wissenschaftlichen Bereich nicht weniger werden, sondern eher mehr. Eine Professur anzustreben ohne internationale Kongresserfahrung und entsprechende Kontakte ist m.E. ziemlich zweckfrei.
  • Und wenn man sich anschaut, welche und wie viel verschiedene Symphonie-Orchester (!) in der Hamburger Elbphilharmonie auftreten, dann ist auch hier eine klare (Flugverkehr ermöglichte und Flugverkehr verursachende) Internationalisierung zu beobachten.



Weitere Zahlen zu Geschäfts-Flugreisen:

  • 65% der innerdeutschen Passagiere sind geschäftlich unterwegs.

>> Quelle: n.n. (2019): „Wofür braucht es innerdeutschen Luftverkehr?“. in: Luftfahrt aktuell vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrsgesellschaft. online unter: https://www.bdl.aero/de/publikation/wofuer-braucht-es-innerdeutschen-luftverkehr-2019/ (Abrufdatum 19.6.2019)

  • Auch die Nutzung privater Jets für Geschäftsreisen nimmt zu.

>> Quelle: Erhardt, Mischa (2018): „Geschäftsreisen per Flieger nehmen zu“. in: Deutschlandfunk, 27.8.2018, online unter: https://www.deutschlandfunk.de/serie-luftverkehr-geschaeftsreisen-per-flieger-nehmen-zu.769.de.html?dram:article_id=424051 (Abrufdatum 19.6.2019)

>> s.a. Koenen, Jens (2019): „Luftfahrt Privatjets feiern ein Comeback“. in: Handelsblatt, 27.8.2018, online unter: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/luftfahrt-privatjets-feiern-ein-comeback/22957930.html (Abrufdatum 9.6.2019)

Fazit Geschäftsflugreisen:

Alles in allem sind – Ausnahmen bestätigen die Regel – Unternehmen, Kultur, Wissenschaft und Politik, was per Flugverkehr zurückgelegte Geschäftsreisen angeht, noch überhaupt nicht angekommen im digitalen Zeitalter.


CO₂-Kompensationen z.B. für Flüge und Kreuzfahrten

Ausgleichzahlungen für emittiertes CO₂ per Kompensation über die gängigen Portale sind für nicht vermeidbare Flüge wahrscheinlich besser als nicht zu kompensieren – aber mal im Ernst: das ist keine Lösung, sondern eine Art Ablasshandel, eine Ablenkung von der einfachen Wahrheit:

Flugverkehr ist auf dem aktuellen Stand der Technik und erwartbar in den nächsten Jahrzehnten ökologisch nicht zu haben (vgl. Grünes Fliegen?).

Die Zeit bemerkt dazu, dass erstens die Kompensationsprojekte oftmals nicht so viel Einsparen wie angegeben.

  • „Und zweitens verursachen diese Projekte oft lokale Konflikte oder führen gar zu Landraub. Menschen, deren CO₂-Fußabdruck weit unter dem globalen Durchschnitt liegt, werden durch angebliche Waldschutzprojekte an ihrer traditionellen Landnutzung gehindert und laut eines Berichtes des World Rainforest Movement teilweise sogar vertrieben. Das Magazin Vice sprach deshalb 2014 von Kohlenstoffkolonialismus.“

Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)

Aspekt „Flugscham (flygskam, flight shaming) & Kompensationen

  • Im Juni 2019 berichtet Atmosfair für 2018 über „eine Steigerung des Spendenaufkommens um 40 Prozent“.
  • 460.000 Flüge wurden 2018 via Atmosfair kompensiert = weniger als 1% aller Flüge ab Deutschland.
  • Atmosfair „geht davon aus, dass die Zahl der kompensierten Flüge sogar dann unter der Ein-Prozent-Marke bleibt, wenn man alle konkurrierenden Anbieter hinzurechnet.“

>> Quelle: Carstens, Peter (2019): „Flugverkehr Massentrend CO₂-Kompensation? So ernüchternd sind die Zahlen wirklich“. in: Geo, 12.6.2019, online unter: https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/21475-rtkl-flugverkehr-massentrend-co2-kompensation-so-ernuechternd-sind-die (Abrufdatum 28.6.2019)


Derweil ist die viel beschriebene „flygskam“ (Flugscham) in Schweden nun auch in Zahlen ausdrückbar: Im ersten Quartal 2019 sind die Schwed*innen 15% weniger im Inland geflogen als im entsprechenden Vorjahreszeitraum, obwohl sie gleichzeitig immer mehr reisen – großer Gewinner ist: Die Bahn.

>> Quelle: Ehl, David (2019): „‚Flugscham‘ ist kein Modewort – die Schweden fliegen wirklich weniger“. in: Perspective Daily, 11.6.2019, online unter https://perspective-daily.de/article/831/UMESbIT0 (Abrufdatum 11.6.2019) (Paywall)



Also, das Fazit lautet wie der Eingangssatz dieses Abschnitts:
Kompensieren ist wahrscheinlich besser als nicht kompensieren – aber es ist keine Lösung. Und kein Freibrief.


Wachstumsbranche „Flugverkehr“

Derzeit werden überall auf der Welt Flughäfen erweitert, Startbahnen gebaut oder komplett neue (zusätzliche) Flughäfen gebaut. Auch hier gilt grundlegend das Prinzip:

„Wer Straßen [d.h. in diesem Fall Landebahnen/Flughäfen] sät, wird [Flug-]Verkehr ernten.“

Daniel Goeudevert (*1942), ehemaliger VW-Vorstandsvorsitzender (in den 1990er Jahren). []

  • Natürlich dürfen Politik und Industrie nicht die Verantwortung auf die Bürger abladen nach dem Motto: „Wenn Ihr alle nicht fliegen würdet, hätten wir kein Problem“ – es darf/kann nicht Sache des Individuums sein, die Welt zu retten.
  • Nur rechtfertigt das noch lange nicht, die Sau rauszulassen, bis die Politik in die Puschen kommt, nach dem Motto, alles was legal ist, ist auch legitim. Dem ist mitnichten so.
  • Das CO₂-Budget ist ein gutes Maß – und weist deutlichst darauf hin, dass Fliegen eine Anmaßung ist und man am Besten auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

Gute Reisegründe?

Oft wird zugunsten Fernreisen (per Flugzeug) das Argument vorgebracht, Reisen bilde, mache den Geist frei und diene der „Völkerverständigung“…


Ein Zwischengedanke:

Na, dann flieg‘ doch im Sinne der Völkerverständigung noch mal schnell nach Tuvalu! (Oops, ein Zynismus.)


„Völkerverständigung“: Nun, wenn es darum geht: Fahr‘ per Eisenbahn auf vierwöchige Interrailreise, da kannst Du reichlich was erleben und kommst mit unglaublich vielen Menschen der Europäischen Union und aus aller Welt in Kontakt

(Interrail gibt es inzwischen auch für 26+ = 1 Monat unbegrenzt durch 31 Länder Europas = 603 EUR).

>> Quelle: n.n. (2019) „Interrail Global Pass – Ein Bahnpass, tausende Reiseziele“. in: Interrail.eu, online unter https://www.interrail.eu/de/interrailpaesse/global-pass?gclid=Cj0KCQjw6cHoBRDdARIsADiTTzbAcm3dfFJw3z1cKeZMS6yOs7msFvS6GL2iq4MhhRs-V2ta_3RakocaAmdeEALw_wcB (Abrufdatum 24.6.2019)

Auf den Punkt gebracht: Es braucht immer einen Mutigen, der die Wahrheit ausspricht. In diesem Fall Klaus Raab in der Zeit:

„Der Anteil der Flugreisen [am Gesamtreiseaufkommen], die Deutsche unternehmen, ist von 30 Prozent aller Reisen im Jahr 2000 auf 41 Prozent im Jahr 2018 gestiegen. Nur acht Prozent sind Fernreisen. Was aber haben Zwei- bis Viertagetrips in überlaufene europäische Touristenstädte mit der Erlangung von Weltbürgerschaft zu tun? Was ist so weltbürgerlich daran, ohne Rücksicht auf die Welt das Billigste zu konsumieren? Je näher man an ein paar Verhaltensweisen heranzoomt, die für kosmopolitisch gehalten werden, desto spießbürgerlicher sehen sie aus. Viele dieser Reisen sind eigentlich verdammte Kaffeefahrten.“

>> Quelle: Raab, Klaus (2019): „Flugscham: Der dumme Weltbürger“. in: Die Zeit, 17.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/entdecken/reisen/2019-05/flugscham-fliegen-reisen-umwelt-oekologisch-co2/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)


Jenseits der Vorstellungskraft:
Der Preis des Fliegens.

Flugpreise sind in den letzten Jahren stark gefallen.

  • „Im Jahr 2011 kostete ein Hin- und Rückflug durchschnittlich 549 US-Dollar. Im Jahr 2019 muss dafür durchschnittlich 324 US-Dollar ausgegeben werden.“

>> Quelle: n.n. (2019): „Durchschnittliche Ticketpreise für Hin- und Rückflug im weltweiten Luftverkehr in den Jahren 2011 bis 2019 (in US-Dollar)“. in: Statistika, online unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/975460/umfrage/durchschnittliche-ticketpreise-im-weltweiten-luftverkehr/ (Abrufdatum 19.6.2019)

Jede(r) Fliegende fliegt auf niedrigen eigenen finanziellen Kosten auf großen ausgelagerten (externalisierten) Kosten von anderen Menschen und ihrem Wohlergehen.

Dass das nicht so weitergeht, ist wohl (rational) jeder Bürgerin und jedem Bürger klar. Was tun?

Erster Schritt:
Fliegen muss kosten, was es kostet.

Der Status Quo der massiven Subventionierung:

  • Der gewerbliche Flugverkehr ist in Deutschland von der „Mineralölsteuer, der Ökosteuer und bei internationalen Tickets von der Mehrwertsteuer“ (Lege 2019) befreit – im Gegensatz zum deutschen Schienenverkehr, was eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung zu Ungunsten umweltfreundlicher Verkehrsträger darstellt.

>> Quelle: Lege, Monika et al. (2005): „Der Traum vom Fliegen. Für ganze 20 Euro: Kann man dagegen etwas haben?…“ in: Arbeitskreis Flugverkehr, online unter https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/traumvomfliegen.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

>> vgl. n.n. (2019): „Abgabe auf Flugbenzin dringend erforderlich NABU warnt vor steigender Umweltbelastung durch Flugverkehr“. in: Nabu, online unter https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/verkehr/luftverkehr/kerosinsteuer.html (Abrufdatum 24.6.2019)

Der Arbeitskreis Flugverkehr einiger NGOs (darunter BUND, Nabu und VCD) benennt weitere Subventionen, die explizit Billigfluglinien erhalten, darunter der

  • „Verzicht auf kostendeckende Landeentgelte und Abfertigungsgebühren“,
  • die „Defizitübernahme von Flughäfen“,
  • „verbilligte Flughafenpachten“ und
  • diverse Zuschüsse, namentlich „für Pilotenausbildung, Bodenabfertigung und Marketing“ und „zur Eröffnung neuer Flugverbindungen.“

>> Quelle: Lege, Monika et al. (2005): „Der Traum vom Fliegen. Für ganze 20 Euro: Kann man dagegen etwas haben?…“ in: Arbeitskreis Flugverkehr, online unter https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/traumvomfliegen.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

Transparenz durch Offenlegung: Der Autor dieses Dokuments ist derzeit aktives Mitglied des ökologischen Verkehrsclubs (VCD).

Möglichkeiten, Flugverkehr künftig angemessen zu bepreisen und die Bahn zu fördern:

  • Kerosinsteuer zunächst auf Inlandsflüge (Der französische Präsident Emmanuel Macron fordert übrigens eine europaweite Kerosinsteuer.)
  • Mehrwertsteuersatz für die Bahn senken [] [under construction]


Zweiter Schritt:
Inlands- und Kurzstreckenflüge streichen…

… bzw. überflüssig machen durch massiven Ausbau des Schienenverkehrs.

Klingt hart? Nun, pardon: Ohne eine Veränderung unserer Lebens- und Reisegewohnheiten geht es nicht. Dazu gehört das Ankommen in der Digitalen Gesellschaft z.B. per massiv verschlüsselten Videokonferenzen in allen Lebenslagen – und eine andere Prioritätensetzung bzw. Terminplanung. Und: Arbeiten kann man auch in der Bahn – zukünftig hoffentlich noch besser. Und Urlaubs-Kurztrips per Flugzeug sind schon jetzt keine Option mehr, auch wenn dieser Befund noch nicht in der Gesellschaft angekommen ist.

Und die soziale Dimension des Fliegens? Wird Fliegen wieder eine Sache der Upper Class, der „oberen Zehntausend“?


Ein Zwischengedanke:

Im weltweiten Maßstab gehört jede(r) BürgerIn Deutschlands zu den „oberen Zehntausend“.


Selbstverständlich gibt es hier – genau wie bei der CO₂-Steuer – Modelle und Möglichkeiten, z.B. alle paar Jahre (mehr ist sowieso ökologisch gesehen nicht drin) die dann hohen Steuern für den Flugverkehr erstattet zu bekommen o.ä.

Eine Möglichkeit wäre, Urlaub flexibler nehmen zu können, sodass es sich dann auch lohnt, für mehrere Wochen auf Reisen zu sein.

Aber mit solchen Gedanken verfehlen wir fast schon das Thema, weil dieses sich dahinter verbergende Anspruchsdenken angesichts der dramatischen Lage letztlich eher deutlich macht, dass der Ernst der Situation nicht vollständig durchdrungen wurde.



Der ökologische Doppelschlag: Kreuzfahrten

– under construction –



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