Fleisch, Fisch & Ernährung

Das Thema ‚Fisch‘ ist derzeit noch under construction.


Fleisch & Treibhausgase

Jonathan Safran Foer:
„Unser Planet ist ein Tierhaltungsbetrieb.“ (2019, 95 u. 184.)

…und das hat einen enormen Impact auf unsere Biosphäre:

  • „Noch immer stehen 80 Prozent der weltweiten Abholzung in direktem Zusammenhang mit der Landwirtschaft, vor allem betrifft das den Anbau von Futtermitteln.“ (n.n. 2019, 12, vgl. Weindl et al. 2017))
  • „Viehhaltung ist der Hauptgrund für Entwaldung.“ (Foer 2019, 110)
  • „Nutztierhaltung ist verantwortlich für 91% der Rodungen im Amazonas.“ (ebd.,109)
  • „Laut UN-Klimarahmenkonvention stünden Rinder der Welt in Sachen Treibhausgasausstoß an dritter Stelle hinter China und den USA.“ (ebd., 110)


Viehhaltung bzw. Fleischkonsum hat folglich einen massiven Anteil am Klimawandel und am Massenaussterben.

Und hier wird es interessant:
Im Gegensatz zu unserer Mobilität und unserer Energieproduktion könnte man die Ernährung – prinzipiell – schnell und vergleichsweise unkompliziert umstellen. Foer konstatiert:

  • „Unsere Ernährung umzustellen wird nicht ausreichen im die Erde zu retten, aber wir können sie nicht retten, ohne uns anders zu ernähren.“ (Foer 2019, 100)


Der Anteil, der Viehhaltung an den CO₂e-Emissionen zugeschrieben wird, wird sehr verschieden beziffert.

  • Doch selbst die Zahl am unteren Ende der Angaben – 14,5% von der UN – verdeutlicht, dass hier extremer Handlungsbedarf besteht (in diesem Sinne auch: Foer 2019, 197).

Erläuterung CO₂-e und Details zur Angabe 14,5%

Das „e“ hinter CO₂ steht für „Äquivalente“:
Zur Vereinfachung werden die anderen Treibhausgase wie Methan und Lachgas i.d.R. nicht gesondert aufgeführt, sondern auf Basis ihrer bekannten Klimawirkung in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet.

14,5%
>> Foer weist darauf hin, dass die ursprüngliche, aus dem Jahre 2006 stammende Zahl der UN-Organisation FAO von 18% von selbiger bald nach Gründung einer „neuen Partnerschaft zwischen der FAO und der [US-]Fleischindustrie“ nach unten, also auf 14,5%, abgesenkt wurde. (2019, 274)

>> FAO = Food and Agriculture Organization of the United Nations = Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen

Die Studie Livestock and Climate Change aus dem Jahre 2009 dimensioniert den durch Nutztierhaltung verursachten Anteil unserer globalen CO₂e-Emissionen vollkommen anders.

Sie taxiert diesen Anteil auf

51%.

  • „The key difference between the 18 percent and 51 percent figures is that the latter accounts for how exponential growth in livestock production (now more than 60 billion land animals per year), accompanied by large scale deforestation and forest-burning, have caused a dramatic decline in the earth’s photosynthetic capacity, along with large and accelerating increases in volatilization of soil carbon.“ (Goodland 2012)


Die 14,5 bzw. 18%-FAO-Studie berücksichtigt laut Foer (der sich auf Goodland bezieht) nicht, dass durch die Viehhaltung CO₂-Reduktionen verloren gehen, wenn man dort zu einem beträchtlichen Teil Regenwald nachwachsen ließe. (Allgemein darf angenommen werden, dass der Regenwald nicht gerodet worden wäre, sodass es statthaft ist, die entgangenen Reduktionen einzurechnen). Zudem sei Tierzucht am gemessenen Standort (Minnesota) wesentlich effektiver als z.B. im globalen Süden, „wo der Sektor am schnellsten wächst. … Ebenfalls ausgelassen würde die ‚wesentlich höhere Menge an Treibhausgasen‘, die bei der Verarbeitung tierischer Produkte im Vergleich zu pflanzlichen Alternativen entsteht.“ (Foer 2019, 268). Weitere unberücksichtigte Aspekte seien die erforderliche Kühlkette, die Zubereitung und die Entsorgung von Nassmüll bzw. Nebenprodukten, die Nutzung veralteter Zahlen, die Tatsache, dass das sich in 12,5 Jahren abbauende Methan idealerweise nicht auf 100, sondern auf die Klimaschädlichkeit von 20 Jahren gerechnet werde. Auch die Atmung der Nutztiere sei nicht berücksichtigt. Tierische Produkte seien „für menschliches Leben nicht unabdingbar“ – „[G]roße Teile der Menschheit [essen] wenig bis gar keine Tierprodukte…

Kurz:

Im Gegensatz zu den Büffelherden des präkolonialen Amerikas gehört Nutzvieh nicht zum natürlichen Kohlenstoffkreislauf. “ (Foer 2019, 270-271)

Daher sei es sinnvoll, die Rechnung eher entlang der Studie des Worldwatch Institute zu gestalten.


Foer konstatiert, dass „vermutlich keine von den beiden“ Zahlen stimme, halte aber „die höhere für die deutlich überzeugender“. Im Übrigen beziehe sich „[e]in Bericht der UN-Vollversammlung [sowie des Weiteren ein UNESCO-Bericht]… auf die 51 Prozent statt auf die [UN!]-FAO-Einschätzung (ebd. 2019, 274): Nicht mal die UNO selbst glaubt an die FAO-Zahlen.


Zudem stoßen Rinder eben nicht CO₂, sondern Methan aus – was die Sache besonders kritisch macht und was dazu beiträgt, dass wir besonders dringend an das Thema Ernährung ranmüssen:

  • „[N]icht alle Treibhausgase sind gleich wichtig[:]… Auf ein Jahrhundert gerechnet hat Methan vierunddreißigmal so viel ‚Treibhauspotenzial‘ (die Fähigkeit Hitze einzuschließen) wie CO₂. Auf zwanzig Jahre gerechnet, hat es sechsundachtzigmal mehr…

    Da Methan und Stickoxide kurzfristig sehr viel höhere Treibhausausgaben bedeuten als CO₂, müssen sie am dringendsten gestrichen werden. Weil sie hauptsächlich dadurch entstehen, was wir essen, können sie am leichtesten gestrichen werden.“ (Foer 2019, 105-106)

Anmerkung

>> Das UBA rechnet mit dem CO₂-Äquivalent (Treibhauspotenzial) von 25 und nicht 34. Aber auch „34“ ist eine gängige, oft genannte Zahl in diesem Zusammenhang (vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels). Die Verweildauer von Methan beträgt 12,5 Jahre – sodass man tatsächlich mit politischen Entscheidungen in den Bereichen Ernährung/Landwirtschaft recht schnell in den Methan-Gehalt der Atmosphäre eingreifen kann. Und: Es macht wenig Sinn die Wirkung von Methan auf 100 Jahre hoch zu rechnen.


Foer verteilt in der Folge gleichermaßen stark Lob und Tadel an Jean Ziegler:

  • „Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, schrieb, es sei ein ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘, einhundert Millionen Tonne Getreide und Mais zu Biokraftstoffen zu verarbeiten, während fast eine Milliarde Menschen auf der Welt an Hunger leiden. Man könnte es als Körperverletzung mit Todesfolge bezeichnen.

  • Er sagte aber kein Wort davon, dass in der Nutztierhaltung jährlich etwa die siebenfache Menge an Getreide und Mais verfüttert wird – genug, um alle hungernden Menschen der Erde zu ernähren -, an Tiere, die von den Wohlhabenden gegessen werden. Dieses Verbrechen können wir als Genozid bezeichnen.

    Es ist also keineswegs so, dass die Massentierhaltung ‚die Welt ernährt‘.

    Die Massentierhaltung lässt die Welt hungern und richtet sie gleichzeitig zugrunde.“ (Foer 2019, 192)


Weitere Zahlen zum Thema Fleisch, CO₂ und benötigte Ackerfläche:

  • 1kg Rindfleisch = 13,3kg CO₂e (Geflügel 3,5kg CO₂e | Schwein 3,2kg CO₂e) (nach Wintermantel 2019, vgl. n.n. 2017))


Statistiken von der Facts-Seite der Film-Doku Cowspiracy (2014):

  • Land, dass benötigt wird, um eine Person ein Jahr lang zu ernähren
    • vegan = 674 qm | vegetarisch = 2.023 qm (=Faktor 3) | Fleisch-essend = 12.141 qm (Faktor 18) (vgl. Anderson/Kuhn 2019)
    • „A person who follows a vegan diet produces the equivalent of 50% less carbon dioxide, uses 1/11th oil, 1/13th water, and 1/18th land compared to a meat-lover for their food.“ (ebd.)
    • Auf 6070 qm können 170Kg tierische Lebensmittel produziert werden (ebd.)
    • Auf 6070 qm können 16,8t pflanzliche Lebensmittel produziert werden (Faktor 44) (ebd.)

Quellen des Abschnitts Fleisch & Treibhausgase

>> Anderson, Kip u. Kuhn, Keegan (2019): Cowspiracy – the facts, online unter http://www.cowspiracy.com/facts (Abrufdatum 1.7.2019)

>> Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi.

>> Goodland, Robert (2012): „FAO Yields to Meat Industry Pressure on Climate Change“. in: New York Times, 11.7.2012, online unter https://bittman.blogs.nytimes.com/2012/07/11/fao-yields-to-meat-industry-pressure-on-climate-change/ (Abrufdatum 19.10.2019) [paywall]

>> n.n. (2017): „Lebensmittel und ihre Klimabilanz“. [Tabelle] in: Zukunftsfelder Agrarforum Leipzig. online unter http://zukunftsfelderleipzig.de/wp-content/uploads/2017/12/Workshop_Ern%C3%A4hrgKW_Handout.pdf (Abrufdatum 30.6.2019)

>> n.n. (2019): „Amazonas: Konsum frisst Regenwälder“. in: Greenpeace Nachrichten 3/19, S. 12

>> Weindl, Isabelle et al. (2017): Livestock and human use of land: Productivity trends and dietary choices as drivers of future land and carbon dynamics. online unter https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921818117301480 (Abrufdatum 10.8.2019)

>> Wintermantel, Benita (2019): „Rindfleisch nur auf Platz 2: Diese Lebensmittel sind die schlimmsten Klimakiller“. [Butter auf Platz 1] in: Ökotest, 21.2.2019, online unter https://www.oekotest.de/essen-trinken/Rindfleisch-nur-auf-Platz-2-Diese-Lebensmittel-sind-die-schlimmsten-Klimakiller-_600836_1.html (Abrufdatum 30.6.2019), s.a.



Fleisch & gesunde Ernährung

  • „Es stimmt, dass eine gesunde Ernährung teurer ist als eine ungesunde – etwa 550 $ pro Jahr. Und jeder sollte das Recht auf Zugang zu gesunden, bezahlbaren Lebensmitteln haben. Aber eine gesunde vegetarische Ernährung kostet pro Jahr im Schnitt etwas 750 $ weniger als eine gesunde fleischbasierte Ernährung.“ (Foer 2019, 193)


Foer weist dann noch auf die Kosten hin, die durch Fleisch-beförderte Zivilisationskrankheiten entstehen.

  • „Es ist also nicht elitär, wenn man sich für eine preisgünstigere, gesündere und ökologisch nachhaltigere Ernährungsweise einsetzt.

    Was mir dagegen elitär erscheint:

    Wenn jemand die Existenz von Menschen, die keinen Zugang zu gesunder Nahrung haben, als Ausrede nutzt, nicht zu verändern, statt als Antrieb, um diesen Menschen zu helfen.“ (ebd.)

>> Quelle: Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 193.



Fleisch & Ethik

Ein Gedanke vorweg:

Tierstrafrechtler Jens Bülte:
„Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren – den Aufschrei in der Bevölkerung können Sie sich ausmalen.“
(Theile 2019, 6)


Nutztiere sind zum Sterben da?

  • „Tiere fühlen nicht, Tiere denken nicht, sie haben auch kein Bewusstsein, so [sah die Menschheit es traditionell und so] sehen es viele noch heute…“ (Abé 2019, 29) – und ignorieren bzw. rechtfertigen damit die Massentierhaltung bzw. das Wegschauen (vgl. ebd.)

Da frage ich mich: Wenn das so gesehen wird, warum hält man sich dann so gerne nicht-fühlende, nicht-denkende, bewusstseins-lose Tiere?
Vielleicht hält man sie sich, weil man intuitiv weiß, dass Tiere viel mehr sind als nicht-fühlend und nicht-denkend.
Und: Jede(r) Tierbesitzer*in weist stets auf die besonderen Charaktereigenschaften und die Intelligenz ihres/seines tierischen Lieblings hin.

Auch die Wissenschaft beweist mittlerweile, dass die Intuition von Tierbesitzer*innen keineswegs trügt:

  • Tiere, das ist die Kernbotschaft, seien dem Menschen näher als lange angenommen. Sie sind soziale Wesen mit vielfältigen Gefühlen und haben sogar eine Art Bewusstsein.“ (Abé 2019, 29)


Den bekannten Marshmallow-Test, dem Kinder so gern unterzogen werden („Hier ist ein Bonbon – wenn Du lieber 2 Bonbons möchtest, musst Du Bonbon Nr. 1 fünf Minuten auf dem Teller liegen lassen“), bestehen auch Schweine:

  • „Binnen Tagen wird sie [ – die Sau ‚Madame‘ – ] in der Lage sein, genau das nicht zu tun. Sie wird ihre Impulse kontrollieren und auf sofortigen Genuss [zugunsten ihrer später servierten Lieblingsspeise] verzichten.“ (ebd. 30)


Unseren Blick auf Nutztiere kann man darüber hinaus in einen größeren Zusammenhang stellen:

  • „Der Ethiker Peter Singer… gebraucht das Wort ‚Speziesismus‚, um den Blick des Menschen auf das Tier zu beschreiben. Er meint seine verzerrte Perspektive zugunsten der eigenen Spezies, nur sie unterliege danach einem moralischen Wertegefüge. Der Philosoph zieht Parallelen zum Sexismus, mit dem eine schlechtere Stellung von Frauen gerechtfertigt wird, sowie zur Rassenlehre des 19. Jahrhunderts, nach deren Logik Schwarzafrikaner versklavt werden durften. Das andere Geschlecht, die andere Rasse, und nun eben die andere Spezies, wird als minderwertig betrachtet. Gerechtfertigt werde die Ausbeutung von Tieren mit Verweise auf die Unterschiede zum Menschen. …

    [Doch i]m Grunde sei es irrelevant, wie wenig sich Tiere und Menschen unterscheiden. … Einzig relevant sei, ob es leidet.“ (Abé 2019, 30-31)

Quellen dieses Abschnitts

>> Abé, Nicola (2019): „Wie lebende Maschinen“. in: Der Spiegel, Nr. 33/2019, 10.8.2019, S. 29ff.

>> Theile, Merlin (2019): „‚Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren.‘ Der Strafrechtler Jens Bülte über die unterschiedliche Behandlung von Haus- und Nutztieren sowie fehlende Kontrollen in deutschen Ställen.“ in: Die Zeit, Nr. 12/14.3.2019, S. 6.



Fleisch & Tierhaltung: ‚Nottötungen‘ – wtf ist das?

Nein, das sind nicht alles Einzelfälle.

  • „Jedes fünfte in Deutschland für die Fleischindustrie geborene Schwein erreicht das Schlachtalter gar nicht, weil es erkrankt oder verletzt wird. In Zahlen bedeutet das: Mehr als 13,5 Millionen sogenannter Falltiere werden vorzeitig ’notgetötet'“. (Kwasniewski 2019)


Da stellt sich die Frage, wie so eine „Nottötung“ abläuft.

  • „Schon länger gibt es Hinweise darauf, dass kranke oder verletzte Schweine in der Intensivtierhaltung nicht fachgerecht getötet werden“ (Kwasniewski 2019). Das würde ja auch Geld kosten. Die Sprecherin der Tierrechtsorganisation, Sandra Franz, dazu im Spiegel: „Die betroffenen Tiere sind von vornherein als ‚Verluste‘ einkalkuliert. Da eine Behandlung der Tiere nicht rentabel wäre, werden sie einem langsamen und leidvollen Tod überlassen“ (ebd.). Und die Tierärztin große Beilage kommt in einer Studie über ankommende Tierkadaver in Tierkörperbeseitigungsanlagen zu dem Schluss: „Fast 62 Prozent der von große Beilage kontrollierten Schweinekadaver waren mangelhaft betäubt und/oder getötet worden.“ (ebd.)

  • 300.000 Schweine pro Jahr – das hat nichts mit einzelnen schwarzen Schafen zu tun (vgl. ebd.) – das ist ein systemischer Fehler.


In meiner Wahrnehmung übernimmt man mit jedem Lebewesen in der eigenen Obhut auch die Pflicht, dieses artgerecht zu halten und im Krankheits-/Verletzungsfalle einem Tierarzt vorzustellen. Eine „Nottötung“ kann daher von der Logik der Sache her nur erfolgen, wenn dadurch größeres Leid verhindert wird – aber eben definitiv nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Wie abgestumpft ist unsere Gesellschaft eigentlich, dass es offensichtlich notwendig ist, diese Zeilen zu schreiben?


Frage: Aber warum werden überhaupt so viele Jungtiere krank, noch bevor sie ihr Schlachtgewicht erreichen?

Antwort: Der „Ausschuss“ ist aufgrund der beengten und nicht-artgerechten Haltungsbedingungen derartig hoch.

  • Ein beliebtes und selbstberuhigendes Argument von Fleischliebhaber*innen ist, dass die Haltungsbedingungen schließlich durch Tierärzte und Kontrollbehörden überprüft würden und sie sich somit keine Gedanken machen müssten.

    Ja, so sollte es sein. Ist es aber nicht – und jeder weiß es.

Und jeder weiß, dass jeder es weiß. Das hat System. Das ist verlogen.

Wer hier mitspielt, nach dem Motto: „Was kann ich dafür, wenn Regeln allzu oft nicht eingehalten werden“, handelt angesichts des eigenen Wissens, dass die Regeln systemisch nicht eingehalten werden m.E. verantwortungs- und gewissenlos.


Dazu hält der Spiegel fest:

  • „Die Kontrollen sind mangelhaft, die Veterinärämter so unterbesetzt, dass statistisch gesehen ein Tierhalter in Nordrhein-Westfalen nur rund alle 15 Jahre mit einer Überprüfung rechnen muss. Trotz vieler Verstöße kommt es nur selten zu Strafverfahren – in der Regel stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Geringfügigkeit oder mangels Beweises ein.“ (Kwasniewski 2019)

  • „Im Jahr 2017 waren nach Auskunft der Bundesregierung 562.864 Betriebe in Deutschland tierschutzrechtlich kontrollpflichtig, es gab aber bloß 29.854 Kontrollen, weil auch die Veterinärämter völlig überlastet sind. Die Kontrolldichte lag also bei gut fünf Prozent, in manchen Bundesländern sogar noch darunter.

    In Bayern kommt im Schnitt nur alle 48 Jahre ein Kontrolleur vorbei.“ (Theile 2019, 6)


Wenn eine Vorschrift Kontrollen erfordert bzw. wenn ein Gesetz Kontrollen vorsieht, dann hat der Staat – vollkommen egal in welchem Lebensbereich – dafür zu sorgen, dass entsprechend das erforderliche Personal eingestellt wird und selbige durchgeführt werden. Andernfalls – und insbesondere, wenn jahrelang viel zu wenig Personal da ist – muss von einem bewussten Wegschauen oder zumindest eine bewusste Inkaufnahme des Staates ausgegangen werden. Damit macht sich der Staat zum Komplizen.

Und die/der um diesen Umstand wissende, konventionelles Fleischessende – moralisch gesehen – ebenfalls.


Quellen dieses Abschnitts

>> Kwasniewski, Nicolai (2019): „Warum 13 Millionen Scheine im Müll landen“. in: Der Spiegel, 22.10.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/nottoetungen-in-der-schweinemast-qual-fuer-den-profit-a-1290250.html (Abrufdatum 22.10.2019)

>> Theile, Merlin (2019): „‚Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren.‘ Der Strafrechtler Jens Bülte über die unterschiedliche Behandlung von Haus- und Nutztieren sowie fehlende Kontrollen in deutschen Ställen.“ in: Die Zeit, Nr. 12/14.3.2019, S. 6.


Fleisch & Tierhaltung: Kastration von männlichen Ferkeln

Argumentation von Befürwortern:

  • Betäubungen dürften nur Tierärzte, davon gäbe es zu wenige (Anmerkung der Redaktion: Kostenfaktor!), das Fleisch unkastrierter Eber rieche beim Braten unangenehm, wolle man das vermeiden, müssten die männlichen Schweine früher geschlachtet werden und hätten dann nur 80 statt 120 Kg Schlachtgewicht = Thema Effizienz – und: Schlachtbetriebe seien auf 120 Kg eingerichtet und wollen keine 80-Kg-Schweine (vgl. Ausführungen des Landwirtes Marcus Holtkötter in: Grefe/Theile 2019, 32)

In anderen Worten:
Es wäre ethisch angebracht, männliche Schweine früher zu schlachten. Das ist eine Zeile Gesetzestext. Simpel. Kann gleich morgen erledigt werden.

>> Quelle: Grefe, Christiane und Theile, Merlin (2019): ‚Das ist doch ökologischer Irrsinn‘. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Landwirt Marcus Holtkötter streiten über Gülle im Grundwasser und die Frage, ob es nötig ist, Ferkel zu kastrieren.“ in: Die Zeit Nr. 45/30.10.2019, S. 32.


Fleisch & Tierhaltung: Kastenstand für Muttersauen

Argumentation von Befürwortern. So äußert sich bspw. der Landwirt Marcus Holtkötter:

  • „Die Sau [liegt] nach dem Abferkeln [ – was für ein Wort! – ] bis zu 28 Tage im Kastenstand [und wird] in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt… Aber wenn wir darauf verzichten würden…, würden 30 bis 40 Prozent der Ferkel von ihr erdrückt.“ (Grefe/Theile 2019, 32)


Renate Künast spricht hier von einer „grundsätzlich falschen Tierhaltung“ und hebt darauf ab, dass bei Massentierhaltung „viele Jungtiere sterben.“ (vgl. Abschnitt Nottötungen). Soll heißen: Die Ferkel überleben dann zwar den Kastenstand, „erleben“ aber vielfach nicht ihr Schlachtgewicht. Künast weiter: „Höhere Überlebenschancen bieten Außenklimaställe und Auslauf.“ (Grefe/Theile 2019, 31)

>> Quelle: Grefe, Christiane und Theile, Merlin (2019): ‚Das ist doch ökologischer Irrsinn‘. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Landwirt Marcus Holtkötter streiten über Gülle im Grundwasser und die Frage, ob es nötig ist, Ferkel zu kastrieren.“ in: Die Zeit Nr. 45/30.10.2019, S. 32.


Mein persönliches Fazit lautet: Mit diesem Schweinesystem möchte ich nichts zu tun haben. Ich möchte daran keinen Anteil haben.

Jeder Kauf von Billig-Fleisch stützt das System Massentierhaltung / Tierelend / Regenwald-Abholzung / Verlust von Artenvielfalt / Massenaussterben / Klima-Aufheizung / Trinkwasserverschmutzung / Dumping-Lohn. Rind geht auch Bio nicht wegen CO₂. Rind/Lamm/rotes Fleisch/verarbeitetes Fleisch (Wurst&Co) geht nicht wegen (Darm-)Krebsrisiko. Konventionelles Geflügel geht nicht wegen Antibiotikarestistenzen-Risiko.

Bleibt nicht viel.

Es bleibt: Veganismus oder selten frisches, nicht-rotes Biofleisch bzw. Milchprodukte auf der Stufe Bioland/Demeter.



Fisch.

… ernährt einen Großteil der Welt:

  • „Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) sind heute insgesamt 660 bis 820 Millionen Menschen direkt oder indirekt von der Fischerei abhängig. Bis zu zwölf Prozent der Weltbevölkerung leben demnach von diesem Wirtschaftszweig.“ (Latif 2014, 292)

  • „Weltweit ernähren sich allein drei Milliarden Menschen hauptsächlich von Fisch“ (Götze 2019)

Zur Überfischung trägt der Fischfang im industriellen Maßstab maßgeblich bei. Jüngst entdeckte man, dass die Erderwärmung gewissermaßen ‚hilft‘ die verbliebenen Fischbestände ‚aus dem Meer zu quetschen‘:

  • „In wärmeren Gewässern vermischen sich sauerstoffreiche und -arme Schichten weniger gut. Thunfische und Haie brauchen zum Beispiel wegen ihrer Größe und ihres Energiebedarfs viel Sauerstoff. Sie würden in relativ sauerstoffreiche Schichten an höheren Lagen gezwungen und setzten sich dann der Gefahr aus, gefischt zu werden. Das trage zusätzlich zur Überfischung bei, berichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Weltnaturschutzunion.“ (n.n. 2019)

Um dem ‚Fischhunger‘ gerade auch der Bürger*innen der Industrienationen gerecht zu werden, gibt es mittlerweile in einem ausbordenden Maße sog. Aquakulturen:

  • Aquakulturen = 66 Mio t : „Wildfang“ = 80 Mio t (Zahl der FAO 2012, zit. in Latif 2014, 293)

  • Aquakulturen sind: Massentierhaltung – und oft große Umweltverschmutzer: Fischmehl, starker Antibiotika-Einsatz (>>Antibiotika-Resistenzen), Fischfäkalien, Chemikalien (vgl. Latif 2014, 294)

  • Und: „[U]m einen Lachs mit einem Kilogramm Gewicht heranzuziehen, benötigen Farmbetreiber zwischen zwei bis vier Kilo Wildfisch als Futter.“ (ebd. 295)

Quellen des Abschnitts Fisch

>> Götze, Susanne (2019): „Klimawandel: Die Bombe im Eis“. in: Süddeutsche Zeitung, 23.3.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-quecksilber-permafrost-1.3913661 (Abrufdatum 24.7.2019)

>> Latif, Mojib (2014): Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben können. Herder.

>> n.n. (2019): “ Klimawandel: Den Ozeanen geht der Sauerstoff aus.“ in: Die Zeit, 7.12.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-12/klimawandel-meere-sauerstoffmangel-verschmutzung-fischbestaende-iucn (Abrufdatum 7.12.2019)

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