Fatalismus und Klimakrise


Vielfach gibt es die individuelle Rückzugsebene à la „Was kann ich schon tun…“; „ob in China ein Sack Reis umfällt…“ und die gesellschaftliche Ebene, auf der dann etwa so lamentiert wird: „Das hat doch alles keinen Sinn, der Zug ist abgefahren, es ist zu spät, Deutschland ist zu machtlos bla-bla, bla-bla, bla-bla et cetera…“

  • Selbstverständlich hat Wirkung und Einfluss, was Deutschland beschließt, welche Normen es setzt, wie das Land mit seinen Partnern verhandelt, welche Waren es importiert, was es nicht exportiert und welche Innovationen es entwickelt.

    Wir leben in einer der größten Volkswirtschaften der Welt. Und auch wenn China mächtiger wird – natürlich haben alle G7- und G20-Staaten bedeutenden Einfluss.

    Und erst Recht hat die Europäische Union Einfluss auf das die politischen Entscheidungen und die Handlungen in der Welt.

    • Gerade nimmt die EU eines der wichtigsten Probleme im Griff:

      „[D]ie neue Kommission [will] sofort mit der Arbeit an einer CO₂-Grenzsteuer starten. Die Abgabe soll für Importe gelten, die nicht gemäß den EU-Klimastandards produziert wurden. So soll sichergestellt werden, dass die Klimagesetze für EU-Firmen nicht zum Nachteil im globalen Wettbewerb werden.“ (Becker/Müller 2019)


  • Und wir Bürger*innen haben wiederum Einfluss auf den Kurs von Deutschland – und nicht nur auf dem Wahlzettel.

    Dass da mehr geht, haben die wöchentlichen, seit nunmehr mehr als einem Jahr stattfindenden Fridays-for-Future-Demonstrationen sowie der ‚Paukenschlag 2019‘ des Rezo zweifellos bewiesen.

    • Einfluss als Individuen haben wir auch auf anderen Ebenen: Alles was wir tun (oder lassen) hat irgendwie einen Impact. Ich kann nur empfehlen, sich im Gespräch nicht auf diese Opferhaltung des Gegenüber einzulassen und erst recht nicht, diese Rolle selbst anzunehmen. Das macht depressiv.



Ganz oben im ‚Intro‘ schon erwähnt, hier noch einmal zentral abgehandelt:

Eine gute Nachricht:
Für die Durchsetzung einer politischen Agenda benötigt man nicht unbedingt die aktive Mehrheit der Bevölkerung.

  • „Es müssen drei bis fünf Prozent der Unternehmer und Vorstände sein, sie sich in diese Geschichte [eines neuen Narrativs wie es weitergehen soll] einschreiben, drei bis fünf Prozent der Unterhändler auf den internationalen Klimaverhandlungen, drei bis fünf Prozent der Staatschefs, drei bis fünf Prozent der Professorenschaft, der Lehrer, der Polizistinnen, der Anwälte der Journalisten, der Schauspielerinnen, der Hausmeister, der Arbeitslosen usw. Dann potenzieren sich die Kräfte, weil das, was die einen tun, von den anderen begleitet und gefördert werden kann.“ (Welzer 2016, 285)

Man denke in diesem Zusammenhang an die Dynamiken rund um die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland 2017 – da hat dieser Mechanismus ganz hervorragend funktioniert.

  • „Der Weg in eine nachhaltige Moderne … wird nur unter der Voraussetzung wirkungsmächtig werden, dass in jedem gesellschaftlichen Segment, in jeder Schicht, in jedem Beruf, in jeder Funktion ein paar Prozent der Beteiligten beginnen, die Dinge anders zu machen.“ (Welzer 2016, 285).


Welzers Aussage „wenige Prozent der Bevölkerung können viel bewirken, wenn aus allen Gesellschaftsbereichen Menschen involviert sind“ (Robson 2019) wird bestätigt durch die Forscherinnen Erics Chenoweth and Maria J. Stephan, die umfassend belegen, dass

  • friedlicher Protest in etwa doppelt so effektiv ist wie Gewalt-beinhaltener Protest – und dass
  • die Aktivierung von 3,5% der Bevölkerung ausreicht, um relevante politische Veränderungen herbeizuführen. (vgl. ebd.)


Anmerkung: 3,5% = 2,87 Mio Bundesbürger*innen – bei Fridays for Future waren am 20.9.2019 immerhin laut Veranstalter rund 1,4 Mio Menschen bundesweit auf den Straßen, also immerhin rund die Hälfte der erforderlichen ‚kritischen Masse‘. (vgl. Wenderoth/Koch)


So wichtig es ist, voranzugehen, so richtig ist auch, dass wir das Problem damit allein natürlich nicht in den Griff bekommen. Politiker*innen versuchen allzu gerne abzulenken und Klimaschutz zum Privatproblem zu machen.

  • Mit unserem persönlichen Vorweggehen in Sachen Haltung, Konsumverhalten, Engagement können wir die Stimmung, Zeitgeist und unsere Umgebung mitprägen – und so den Boden mit vorbereiten für politische Maßnahmen.


Hans Joachim Schellnhuber, als renommierter Klimaforscher beteiligt an der Kohlekommission 2019 ist zwar ebenfalls ernüchtert vom Ergebnis der Kommission, hält dazu explizit fest:

  • „Ich sitze recht oft mit sogenannten Entscheidungsträgern zusammen, zuletzt als Mitglied der ‚Kohlekommis­sion‘. Doch die Politik reagiert weniger auf gute Beratung [von Klimaforschern wie mir] als auf Stimmungen der Wähler und Debatten in den Medien. …

    Was meinen Sie, wie wohl der Kohlekompromiss ausgesehen hätte, wäre nicht die Mehrheit der Deutschen laut Umfragen sogar zu persönlichen Opfern für den Klimaschutz bereit?“ (Haaf 2019).


Trotzdem ist der unmittelbare persönlich Einfluss des Individuums selbstredend begrenzt – ohne die Politik geht es definitiv nicht. In diesem Sinne führt Mai Thi Nguyen-Kim aus:

  • „Nur politische Maßnahmen können große Veränderungen bringen. Ohne diese politischen Maßnahmen, ohne diese großen kollektiven Veränderungen ist alles was wir so als Einzelpersonen machen – Radfahren, weniger Fleisch essen, wie auch immer – das ist [im weltweiten Maßstab] alles nur Pillepalle.“ (Nguyen-Kim 2019).


Roy Scranton:

„Das eigentlich Problematische an … [- der Abwälzung der Klimafrage auf das Individuum – ] seien nicht die Empfehlungen, sparsam zu sein, weniger zu fliegen oder sich vegetarisch zu ernähren, was alles gut und schön sei, sondern vielmehr das Gesellschaftsmodell, auf dem solche Empfehlungen beruhen: Die ‚Vorstellung, wir könnten die Welt durch individuelle Verbraucherentscheidungen retten. Das können wir nicht.'“ (zit. in Foer 2019, 228).


Diese Vorstellung ist definitiv falsch: Notwendig ist bekanntlich nicht nur ein anders-konsumieren, sondern ein weniger-konsumieren. Das würde aber unter den derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen in die Rezession führen: Unsere Wirtschaft ist, wie sie aktuell aufgebaut ist, auf Überfluss angewiesen, um Wachstum zu generieren. Daher ist es mit kosmetischen Veränderungen oder eben einem weniger-konsumieren nicht getan.

Und das bedeutet, dass Politiker*innen, die die Verantwortung für Klimaschutz auf das Individuum abwälzen, uns schlicht anlügen.


Einen weiteren Aspekt hebt Ottmar Endenhofer hervor:

  • „Wenn das alles auf die Individuen, auf uns Einzelne abgewälzt wird, dann passiert doch das, was wir eh schon wissen: Einige werden was tun. Andere werden nichts tun. Deswegen ist ein CO₂-Preis so wichtig, weil erst durch den CO₂-Preis addieren sich die individuellen Anstrengungen aller auf.“ (Nguyen-Kim 2019)


David Wallace-Wells:

  • „Es ist nie falsch, verantwortungsvoll zu leben, und es ist gut, wenn das Umfeld mitbekommt, dass einem dieses Thema wichtig ist. Letztlich wird so ja auch der Politik signalisiert, dass es eine Wählerschaft gibt, die sich eine konsequente Klimapolitik und verantwortungsvolles Handeln wünscht. Aber rein mathematisch ist es einfach so, dass individuelle Handlungen bei einer Krise solchen Ausmaßes kaum einen Effekt haben. Selbst eine globale Bewegung für Veganismus oder gegen Flugreisen würde nicht ausreichen. Was wir brauchen, ist eine ganz neue Politik.“ (Schlüter 2019)


Mit einem Zitat von Jonathan Safran Foer möchte ich diesen Abschnitt beschließen:

  • „Die eigentlich Wahl, vor der wir stehen, ist nicht die, was wir kaufen, ob wir fliegen oder Kinder bekommen, sondern ob wir uns zu einem moralischen Leben in einer kaputten Welt verpflichten wollen, einer Welt, in der die Menschheit für ihr Überlegen auf eine Art ökologische Gnade angewiesen ist.“ (2019, 234)

Quellen des Abschnitts Fatalismus und Klimakrise

>> Becker, Markus u. Müller, Peter (2019): „‚European Green Deal‘: Von der Leyens Mondlandung“. in: Der Spiegel, 11.12.2019, online unter https://www.spiegel.de/politik/ausland/green-deal-ursula-von-der-leyens-mondlandung-a-1300814.html (Abrufdatum 12.12.2019)

>> Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi.

>> Nguyen-Kim, Mai Thi (2019): „Klimawandel: Das ist jetzt zu tun! (feat. Rezo)“. in: maiLab, 14.9.2019, online unter https://www.youtube.com/watch?v=4K2Pm82lBi8 (Abrufdatum 30.9.2019)

>> Robson, David (2019): „The ‚3.5%-rule‘: How a small minority can change the world“. in: BBC Future, online unter https://www.bbc.com/future/article/20190513-it-only-takes-35-of-people-to-change-the-world (Abrufdatum 16.10.2019)

>> Schlüter, Nadja (2019): „Klimawandel: ‚Wir bewegen uns nach wie vor in die falsche Richtung'“. [Interview mit David Wallace-Wells, Autor von Die unbewohnbare Erde]. in: Süddeutsche Zeitung, 1.10.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/wallace-wells-interview-klimawandel-1.4621977 (Abrufdatum 1.10.2019) [paywall]

>> Scranton, Roy (2013): „Learning How to Die in the Anthropocene“, New York Times, 10.11.2013, online unter https://opinionator.blogs.nytimes.com/2013/11/10/learning-how-to-die-in-the-anthropocene/ (Abrufdatum 18.10.2019)

>> Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer.

>> Wenderoth, Svea u. Koch, Jan (2019): „Klimaproteste in Köln: ‚Die Demo platzt aus allen Nähten'“. in: Tagesschau.de, online unter https://www.tagesschau.de/inland/klimastreik-koeln-101.html (Abrufdatum 16.10.2019)



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