Energie

– under construction –

Hinsichtlich der deutschen Energiewende fallen immer wieder zwei komplett verschiedene Wahrnehmungen auf: Im Inland gilt sie als verzögert, ausgebremst und zu guten Teilen gescheitert – im Ausland strömt ihr (und in diesem Zusammenhang auch Angela Merkel) in der Regel massive Bewunderung zu. 

Beides ist richtig. In der Tat, bei allen Problemen, hat Deutschland hier einen (das Ausland) beeindruckenden Alleingang gemacht. Aber – und das ist der enttäuschende Teil – wir könnten so viel weiter sein.

E-Fuels

Im November 2019 nimmt bei Karlsruhe eine Versuchsanlage für E-Fuels ihren Betrieb auf: Hier werden aus CO2 und Öko-Strom mit einem angestrebten Wirkungsgrad von 60% synthetische Kraftstoffe, wahlweise Benzin, Diesel oder auch Kerosin hergestellt. Man hoffe, innerhalb von zehn Jahren auf industriellem Niveau E-Fuels herstellen zu können. Gelänge dies, könnten

  • existierende Autos und Flugzeuge schlicht weiterhin betrieben werden – Umbauten (in größerem?) Maße nicht erforderlich. 
  • diese Kraftstoffe als Zwischenspeicher bei der Produktion von erneuerbaren Energien eingesetzt werden. Beispielsweise könnte man an einem windreichen Tag einen Teil des Energieertrages in E-Fuels umwandeln, d.h. zwischenspeichern und dann – natürlich mit 40% Verlust, aber immerhin – an einem windarmen Tag via Stromaggregat o.ä. wieder in den das Stromnetz einspeisen.

>> vgl. n.n. (2019): „Testanlage für E-Fuel: So entsteht Treibstoff aus CO2 und Ökostrom.“ in: Der Spiegel, 8.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/karlsruhe-wie-aus-co2-und-oekostrom-biotreibstoff-wird-a-1295212.html (Abrufdatum 8.11.2019)

Windkraft.

  • 30.000 Windkrafträder gibt es in Deutschland ‚an Land‘ (vgl. Witsch 2019).
  • „Bis 2030 will die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix von derzeit 38 Prozent auf 65 Prozent erhöhen. Den Großteil davon soll Windenergie schultern.“ (Witsch 2019)

Aber:

  • „Kaum mehr ein Windpark wird gebaut, ohne beklagt zu werden. Über 1000 Bürgerinitiativen in ganz Deutschland engagieren sich mittlerweile gegen den Bau neuer Anlagen – auch vor Gericht.“ (Witsch 2019)

Nein, es ist nicht besonders schön, eine Windkraftanlage vor das Dorf gestellt zu bekommen.

Hm, andere Dörfer – ganze Landschaften – wurden der Braunkohle geopfert. Manche Menschen leben seit Jahren mit der Ungewissheit, ob ihr Dorf quasi als letzte Zuckung der Braunkohleförderung nicht noch geräumt werden wird. Andere Menschen wiederum haben in unmittelbarer Nähe ein Atomkraftwerk und auffällig viele Leukämiefälle in der Gegend. Manche Menschen müssen mit einem Zwischen- oder Endlager für Atommüll in der Nachbarschaft leben. Andere wiederum finden es wenig lustig, dass die Wände in ihrem Haus große Risse bekommen, weil unter ihrem Haus alte Steinkohle-Stollen zusammensacken. Die Liste könnte weiter fortgesetzt werden mit neuen Flughafenstartbahnen, die an den eigene Grundstücksgrenze stoßen, mit Einflugschneisen-Lärmbelastung, mit stinkenden Klärgruben, Autobahnen-Lärm und -Abgasen, ICE-Trassen etc. pp.

  • Aber ein Windrad? Versehen mit einer reichlich üppigen Abstandsregel?
    • Es müssen ja nicht gleich 1000 Meter sein, wie es im Herbst 2019 der Altmeier’sche Gesetzentwurf vorsieht, vgl. n.n. (2019))?
    • „Das Umweltbundesamt fürchtet, dass eine Anwendung des Mindestabstands von 1000 Metern die Fläche, auf der nach jetzigem Stand Windräder gebaut werden dürfen, um 20 bis 50 Prozent verkleinert. ‚Ein Zubau an Windenergiekapazität gegenüber dem Status quo ist auf der verbleibenden Fläche faktisch nicht möglich‘, heißt es in einer Untersuchung des Umweltbundesamts.“ (n.n. 2019)
    • Windkraftwerke als Todesfalle für Tiere? Michael Diestel, Windkraftbefürworter, hat hier eine deutliche Meinung: „Man verweist immer wieder auf das Sterben der Vögel. Aber wenn es hier wirklich um Artenschutz ginge, müssten wir alle Straßen schließen“ (Diestel in Witsch 2019).
  • Windkraft-Verweigerung im Kontext der existenziellen Klimakrise? Vor dem Hintergrund, dass uns der Planet ohne massive Energiewende Feuer unterm Hintern macht? Ist ein Windrad in einem angemessenen Abstand ein zu großes Opfer für die Enkel*innen?
  • Worum geht es eigentlich? Um eine Bevormundung? Um Gerechtigkeit? Um ein „Warum ausgerechnet wir?“
  • Wäre es nicht sinnvoller, dafür zu protestieren, dass das Windrad durch entsprechende Stromtrassen und Zwischenspeicher angemessen in das deutsche Stromnetz eingebunden wird – statt dagegen zu sein, dass es gebaut wird?

>> vgl. n.n. (2019): „1000 Meter Mindestabstand für Windräder – auch zu Mini-Siedlungen“. in: Der Spiegel, 12.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/altmeier-gesetzentwurf-fuer-abstand-bei-windenergie-a-1296118.html (Abrufdatum 12.11.2019)
>> Quelle und Zitat „Diestel“: Witsch, Kathrin (2019): „Das Problem mit der Windkraft“. in: Handelsblatt, 19.5.2019, online unter https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/erneuerbare-energie-das-problem-mit-der-windkraft/24355964.html?ticket=ST-273502-13etyo42jR7gGPdaKlvc-ap4 (Abrufdatum 12.11.2019)

But not in my backyard.“ – Ist nicht die Frage, wie ich darauf reagiere, wenn mich eine Veränderung direkt betrifft, der ‚Lackmustest‘ (Gradmesser/Prüfstein), wo ich wirklich stehe?
Beispielsweise, – attention, jetzt kommt ein pointiertes Beispiel, wahrhaft aus dem Leben gegriffen -, wenn wir von uns glauben, wir seien tolerant – und dann passt uns die/der neue Partner*in mit Migrationshintergrund unserer Tochter nicht?

Kritik an Windkraft: Infraschall.

Ein Argument gegen Windkraftwerke ist tiefenfrequenter Schall <20Hz, der sog. Infraschall. So berichtet das ZDF, dass „sich aus der Wissenschaft und Medizin die Hinweise [mehren], dass Infraschall die Gesundheit beeinträchtigen kann“ (Hermes 2018). Wer allerdings jemals auch nur eine Nacht in einem Einfamilienhaus unweit einer Hauptverkehrsstraße verbracht hat, weiß, dass auch vorüberdonnernde Lastwagen genau diesen tiefen Schall, den man teilweise nur körperlich spürt, verursachen. So gesehen kann man sagen: Ja, das ist nicht schön, betrifft aber unglaublich viel mehr Menschen, als Nachbar*innen von Windkraftanlagen. Das Ärzteblatt kommentiert: „Windparks erzeugen Infraschall – Meeresrauschen auch.“ (Lenzen-Schulte et al. 2019). Tatsächlich belegen „Studien mit Placebo-Infraschall die durch negative Erwartungshaltung beeinflussten Symptome … Nocebo-Effekte“ (ebd.): Ein typischer Nocebo-Effekt tritt ein, wenn man bei einem neuen Medikament den Beipackzettel liest und darauf hin meint, die dort beschriebenen Nebenwirkungen zu spüren. Die obige Feststellung des ZDF bestätigt auch das hier zitierte Ärzteblatt, welches darauf hinweist, dass auch Beschäftige im Umfeld von landwirtschaftlichen Maschinen und und Flugzeugen betroffen sind und schließt mit der Feststellung, dass „es dringend epidemiologischer Studien [bedarf], die das [Thema] genauer untersuchen“ (ebd.).

Mir persönlich drängt sich der Eindruck auf, dass Infraschall eigentlich ein Sachverhalt ist, der sämtliche städtische Bundesbürger*innen, und nun auch vermehrt Menschen auf dem Land – z.B. durch Windkraftanlagen -, betrifft.

>> Quellen und Zitate:
> Hermes, Birgit (2018): „Windkraft in Kritik – Infraschall: Unerhörter Lärm“. in: ZDF heute, 3.11.20178, online unter https://www.zdf.de/nachrichten/heute/infraschall-unerhoerter-laerm-104.html (Abrufdatum 12.11.2019)
>Lenzen-Schulte, Martina et al. (2019): „Windenergieanlagen und Infraschall: Der Schall, den man nicht hört“. in: Deutsches Ärzteblatt, online unter https://www.aerzteblatt.de/archiv/205246/Windenergieanlagen-und-Infraschall-Der-Schall-den-man-nicht-hoert (Abrufdatum 12.11.2019)

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