Klima, Ökofeminismus und Parität

„Feminismus ist… ‚die radikale Vorstellung, dass Frauen Menschen sind'“.
Marie Scheer 1986, zit. nach Solnit 2019, 211.

(Der folgende Abschnitt lässt zur Verdeutlichung des Sachverhalts notwendig vereinfachend LGTB-Aspekte außen vor.)

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Frauen und Männer sind gleichberechtigt.

Details

Menschenrechtscharta

Art. 1 Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. …
Art. 2 Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

>> www.menschenrechtserklaerung.de/die-allgemeine-erklaerung-der-menschenrechte-3157/

Deutsches Grundgesetz Art. 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

>> Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Klingt gut. Nur hat das – auch in Deutschland – wenig mit der gesellschaftlichen Realität zu tun. Es mag anders und weniger schlecht sein als bspw. vor 20 Jahren, aber die patriarchalen Strukturen stecken nach wie vor immer noch und viel zu viel in unserer Gesellschaft:

  • Letztlich dominieren Männer – auch im Jahre 2019 – immer noch die allermeisten Lebensbereiche – vor allem die Bereiche, die mit Macht, Ruhm und Reichtum verknüpft sind.

Wo vorwiegend Männer unter sich sind, entstehen männliche Dynamiken.

Das kann jeder Mann erleben bei ‚Männerabenden‘, die anders ablaufen, als wenn Frauen anwesend wären oder bei mixed-Sportangeboten à la Volleyball, bei denen oftmals plötzlich ‚der Ehrgeiz ausbricht‘ und alles ganz Ernst wird, wenn ausnahmsweise mal keine Frauen zugegen sind.

  • Wo vorwiegend ‚Männer unter sich‘ Entscheidungen treffen, sind diese Entscheidungen auf deren Bedürfnisse zugeschnitten und somit männlich geprägt, d.h. konkret: von männlichen Dynamiken geprägt.

Wenn also vorwiegend Männer wirtschaftliche, unternehmerische, politische, gesellschaftliche Entscheidungen treffen, sind diese von männlichen Dynamiken beeinflusst.

  • Es sind also vorrangig männliche Dynamiken, die in der Vergangenheit und vielfach auch gegenwärtig wirtschaftliche, unternehmerische und politische Entscheidungen prägten und prägen.


    Mehr noch, es waren und sind vorwiegend

männliche Dynamiken,

  • die den Planeten an den Rand des Abgrundes gebracht haben und bringen
  • die Konkurrenz, (Macht-)Kampf, Ruhmsucht, Narzismus, Aggression, Gewalt, Krieg (!), Platzhirschverhalten, Rechthaberei etc. pp. befördern.


Anmerkung: Gar nicht so unterschwellig macht sich das tatsächliche gesellschaftliche Geschlechterverhältnis in Deutschland etc. bemerkbar, wenn wir Männer das Bedürfnis verspüren, Frauen die Welt zu erklären:

„Sicher, Menschen beiderlei Geschlechtes tun sich bei gesellschaftlichen Anlässen hervor, indem sie über Belanglosigkeiten und Verschwörungstheorien schwadronieren, aber das durch und durch provokative Selbstvertrauen der vollkommen Unwissenden ist meiner Erfahrung nach geschlechtsspezifisch. Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden, oder nicht. Manche Männer jedenfalls.“ (Solnit 2019, 14)

Touché?



Der Ökofeminismus geht davon aus, dass es dem Planeten und den Menschen besser ginge, hätten nicht weitgehend Männer das Sagen.

Astrid Lindgren hat sich zwar nicht als Ökofeministin bezeichnet, nimmt aber latent in ihren Büchern mit den starken Mädchen-/Frauenfiguren und Briefen solche Positionen ein. Ihr Biograf Jens Andersen definiert Ökofeminismus wie folgt:

  • „Vereinfacht ausgedrückt vertritt der Ökofeminismus die kontrovers diskutierte Haltung, dass es einen Zusammenhang zwischen Unterdrückung der Frau durch das Patriarchat und dem mangelnden Willen ebendieses Patriarchats gibt, Natur und Umwelt zu schützen.“ (Andersen 2017, 394)

Wikipedia, welches sich auf das Buch Soziales Subjekt Natur. Natur- und Geschlechterverhältnis in emanzipatorischen politischen Theorien von Barbara Holland-Cunz (1994) bezieht, führt dazu aus:

  • Ökofeministinnen argumentieren, dass es zwischen der Unterdrückung der Frau im Patriarchat und der Ausbeutung der Natur mit der Folge der Umweltzerstörung, von der Frauen weltweit (bspw. als Mütter, als Klein- und Subsistenzbäuerinnen in der Dritten Welt) in besonderer Weise betroffen seien, Zusammenhänge gebe. Angesichts der ökologischen Herausforderungen hätten individualemanzipatorische Ansätze ihre Grenzen. Feministische Theorie müsse eine ökologische Perspektive einschließen und umgekehrt müssten die Lösungen ökologischer Probleme eine feministische Perspektive mit einschließen.“ (n.n. 2019)


Rebecca Solnit formuliert es in ihrem Buch Wenn Männer mir die Welt erklären so:

  • „[W]ir müssen uns noch von vielmehr befreien: vielleicht von einem System, das Konkurrenz und Rücksichtslosigkeit, kurzfristiges Denken und krassen Individualismus hochhält, einem System, das der Umweltzerstörung und grenzenlosem Konsum beste Dienste leistet – jenem Arrangement, das man Kapitalismus nennen kann. Es verkörpert den schlimmst-möglichen Machismo, während es das Gute und Schöne auf Erden zerstört.“ (2019, 212)


Ich für meinen Teil bin: Ökofeminist.

  • Männerclubs und männliche Dynamiken haben einen entscheidenden Beitrag zum Zustand des Planeten beigetragen. Wie sollte es auch anders sein? Es waren im Wesentlichen Männer, die die maßgeblichen Entscheidungen der Vergangenheit getroffen haben.


In ökofeministischer Perspektive bedeutet das:

  • Wir werden die Klimakrise nur dann ‚by design‘ in den Griff bekommen, wenn wir gleichzeitig – in Deutschland wie überall auf der Welt – patriarchische Strukturen zugunsten einer feministisch und letztlich paritätisch geprägten und organisierten Gesellschaft bekämpfen.

Zurück in die Argumentationskette:

Sind nur Männer in einem Raum, z.B. bei einer Geschäftsbesprechung, werden die Entscheidungen u.U. ganz anders aussehen, als wenn

  • statt dessen ausschließlich Frauen im Raum sind – oder
  • etwa gleich viele Frauen und Männer im Raum sind.

Es geht nicht darum, dass Frauen ‚die besseren Menschen‘ sein könnten.

Auch Frauen unter sich entwickeln zuweilen ungute Dynamiken – hier kommt oft das Wort vom ‚Zickenkrieg‘ ins Spiel.

Also:

  • Männer unter sich sind dauerhaft keine gute Idee.
  • Frauen unter sich sind dauerhaft keine gute Idee.


Gemeinsam ergänzen sie sich und gleichen sich aus: Grob kann man von einem eher konkurrierenden Verhalten bei Männern und einem eher kooperierenden Verhalten bei Frauen ausgehen. Gemeinsam – und in dem sich diese Verhalten mischen und gegenseitig beeinflussen – bilden sie die gesellschaftliche Realität ab.


Fakt ist jedoch, Männer dominieren in den meisten Lebensbereichen sowohl in Deutschland als auch weltweit

  • die Entscheidungen wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Art
  • Vorstands-, CEO-, Chefetagen-Posten,
  • das kulturelle, sportliche, gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Leben
  • etc.

Das ist prinzipiell ungerecht, die gesellschaftliche Realität nicht abbildend – und daher nicht hinnehmbar.

Es ist m.E. extrem wichtig und gerecht, dass alle Menschen – Männer und Frauen – in gleichem Maße repräsentiert sind.

(Natürlich kann man die Bevölkerung mit all ihren Facetten (Migrationshintergründe, sexuelle Orientierungen etc pp.) korrekt abbilden in Gremien – aber in diesem so grundlegenden Aspekt ist das m.E. sinnvoll.)


Ja, sicher, es ist einiges passiert zu Gunsten Frauenrechte in den letzten hundert Jahren und auch in jüngerer und jüngster Zeit – aber im Ernst, wie weit sind wir tatsächlich gekommen? Die Bilanz ist eher verheerend, in Deutschland und global sowieso.

Bleiben wir mal in Deutschland:

  • Wie kann es sein, dass das trotz des im Grundgesetz verankerten Gleichheitsgrundsatzes immer noch so ist? So krass?
  • Es wird in Art. 3 Abs. 2 Satz 2 sogar explizit hervorgehoben, dass die tatsächliche Durchsetzung der Gleichheit ein Staatsziel Deutschlands ist:

    „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“
  • Wie kann es dennoch sein, dass Frauen in Deutschland auch im Jahre 2019 bei vergleichbarer Arbeit „bis hinein ins Management von Unternehmen“ (n.n. 2018) massiv Opfer des Gender Pay Gap sind und im Schnitt 21% (ebd.) weniger und in der Vorstandsetage sogar „gut 30 Prozent weniger“ (Buchhorn 2017) verdienen?

    Eine Antwort darauf: Es gibt in allen gesellschaftlichen Bereichen viele (männliche) Bremser.
  • Wie kann es sein, dass es nach wie vor eine „Pandemie der Gewalt“ (Solnit 2019, 39) von Männern gegen Frauen gibt? Wie kann es sein, dass all diese Straftaten immer wieder als Einzelfälle gesehen werden (vgl. ebd. 57), dass diese „ständig mit allem Möglichen erklärt [wird], außer mit dem Geschlecht, mit allem, außer dem, was das umfassendste Erklärungsmuster zu sein scheint“? (ebd., 39)

    So richtig weit sind wir noch nicht gekommen mit der tatsächlichen Gleichberechtigung/Gleichbehandlung:
  • Selbst der Straßenverkehr – und das ist doch absurd – ist mehr auf die Bedürfnisse von Männern (die ja maßgeblich die Entscheidungen getroffen haben) als Frauen zugeschnitten (vgl. Abschnitt xxx)


Patriarchale Strukturen prägen nach wie vor in einem überaus unangemessenen Maße unser aller Leben. Es ist mehr als hohe Zeit, hier eine unbedingte tatsächliche Gerechtigkeit und Gleichheit herbeizuführen. Und sich dem Grundgesetz würdig zu erweisen.

Das gilt selbstverständlich ganz allgemein – und daneben ergibt die o.a. ökofeministische Perspektive, dass ‚Männer unter sich‘ Teil des Klimakrisen-Problem sind:

  • Das Prinzip ‚überwiegend Männer treffen die maßgeblichen politischen/wirtschaftlichen Entscheidungen‘ hat sich in vielerlei Hinsicht – auch in Punkto Klimakrise/Bewahrung der Schöpfung ganz eindeutig nicht bewährt.

Pointiert ausgedrückt, waren und sind es in erster Linie ‚Männer unter sich‘, die den Planeten und die Menschheit an den Rand des Abgrundes geführt haben.

Daher ist es an der Zeit, die Menschheit von allen – also Frauen und Männern gleichermaßen und gemeinsam – retten zu lassen: Die Menschheit braucht m.E. den Input von Frauen mehr und dringender denn je.

Was wir m.E. benötigen, ist: Parität.

  • Das bedeutet konkret in allen relevanten Entscheidungsgremien politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Art ein paritätisches Geschlechterverhältnis von etwa 50:50 mit einer pragmatischen Toleranz von plusminus 10%, d.h., das Verhältnis kann 40:60 oder 60:40 betragen. Einzuführen mit einer Übergangszeit und der Klausel, dass ab einem bestimmten Jahr in der Zukunft derartige Gremien nur dann rechtsverbindliche Entscheidungen treffen können, wenn die Parität gegeben ist. (Ein Herauskaufen aus der Paritätsregel durch Strafzahlungen darf nicht möglich sein.)


Gerade im politisch konservativen Feld lehnen Frauen gewöhnlich eine ‚Quote‘ ab – maßgeblich aufgrund der Befürchtung als ‚Quotenfrau‘ weder ernst genommen noch geachtet zu werden: Sie wollen es selbst schaffen. Verstehe ich. Verstehe ich sehr gut. Aber das wird lange dauern. Viel zu lange – gerade angesichts der umfassenden Klimakrise und der rund acht Jahre, die wir noch haben, um das 67%ige 1,5°C-Ziel zu erreichen.

Außerdem: Solche ‚Quoten‘ gehen i.d.R. von einem relativ geringen Frauenanteil aus: Hier sind Frauen weiterhin regelmäßig in der Minderheit. Darum geht es nicht. Es geht um Parität:

  • Wenn Frauen nicht mehr die Ausnahme sind, sondern zu 40 bis 60% überall vertreten, werden sich die Dynamiken sehr schnell von männlichen zu menschlichen Dynamiken entwickeln.

  • Wenn Frauen paritätisch vertreten sind, wird sich bald kein Mann mehr in der Form wie heute verächtliche Blicke o.ä. leisten können: Er riskiert eher, von seinen Geschlechtsgenossen gerüffelt zu werden.

  • Ein paritätisch besetztes Gremium wird andere Dynamiken aufweisen als ein männlich oder weibliche dominiertes. Andere Dynamiken und der paritätische Input von Frauen führen zu anderen und meines Erachtens i.d.R. auch besseren Entscheidungen. Und: Es sind allein schon deshalb bessere Entscheidungen, weil sie prinzipiell die Gesellschaft wirklichkeitsgetreuer abbilden.

  • Zur Realisierung bieten sich vielfach Doppelspitzen an. So wie die Grünen es uns seit einigen Jahren vormachen. In Frankreich gibt es schon seit 2000 ein – noch zu optimierendes – Paritätsgesetz, das unter Macron vermehrt Wirkung zeigt, wie die Politologin Helga Lukoschat ausführt:

    • „[B]ei den Wahlen zu den Départementsräten wurde ein sehr interessantes Verfahren entwickelt. Die Zahl der Wahlkreise wurde halbiert. Dafür musste in jedem ein sogenanntes Binôme antreten, ein Tandem aus Mann und Frau. Das Tandem mit den meisten Stimmen wird gewählt.“ (Oestreich 2017)



Zurzeit passen sich Frauen oft dem männlichen Geschäftsgebaren an – ein markantes Beispiel bietet hier m.E. Condoleezza Rice, die sich gnadenlos-knallhart gebende ehemalige Außenministerin der USA (2005-2009).

Frauen passen sich m.E. derzeit dem männlichen Umfeld an, weil sie in der Minderheit sind inmitten eines von männlichen Dynamiken und von männlichen Traditionen bestimmten Umfeldes.

  • Verständlicherweise haben viele Frauen keine Lust auf diese ihrem Charakter oftmals nicht entsprechende Anpassung und dieses eher unangenehme, nach einer extra Portion Testosteron riechende Umfeld.
    • (Das ist ein Grund, weshalb viele Frauen aktuell gar keine Lust haben, in Männer-dominierten Gremien zu sitzen – oder auch nur die entsprechende Ausbildung zu machen.)
    • (Ein weiterer Grund dürfte sein, dass, wenn jemand weniger Geld bezahlt bekommt auch weniger nach einem solchen Posten streben wird.)


Wenn Parität gegeben ist und auf diese Weise die männlichen Dynamiken schlicht nicht mehr funktionieren, wird die genannte Anpassung nicht mehr in dieser Form und zukünftig immer weniger ‚erforderlich‘ sein.

  • Dementsprechend werden sich auch mehr Frauen vorstellen können, solche Positionen zu übernehmen bzw. sich entsprechen aus- und fortzubilden.


Diese konkrete Umsetzung des Grundgesetzes Art. 3 Abs. 2 Satz 2:

  • „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

kann man hervorragend mit einer Anpassung von Löhnen verbinden, sodass neben dem hochzusetzenden Mindestlohn es künftig auch einen Maximallohn gibt und insbesondere vormals traditionell von Frauen ausgefüllte soziale Berufe finanziell extrem aufgewertet werden.


Darüber hinaus rege ich im Sinne eines gleicheren Deutschlands an,

  • nach dem Vorbild Islands mit seinem ‚Equal Pay Act‘ ein Gesetz einzuführen, welches Unternehmen mit mehr als 24 Mitarbeiter*innen auferlegt, die faire Bezahlung der Belegschaft zu dokumentieren (vgl. n.n. 2018) – Spekulationen und unangenehmes Nachfragen werden so überflüssig. (Übrigens auch für Männer, die teilweise ebenfalls für gleiche Arbeit ihres männlichen Kollegen nicht das gleiche bezahlt bekommen.)
  • Steuererklärungen extrem zu vereinfachen und Steuerbescheide nach dem schwedischen Vorbild transparent zu machen, soll heißen, jede(r) kann sich über den Steuerbescheid seiner/seines Nachbar*in kundig machen (vgl. Reise 2013). Ich höre förmlich die lauten Einwände beim Schreiben und erwidere sofort: Nein, auch in Schweden ist die Gesellschaft deshalb nicht auseinandergeflogen.

Details zu 'Gender Pay Gap in Deutschland'

Auch in Deutschland hat man einen ersten, winzigen Schritt gemacht, um das Gender Pay Gap zu schließen. Es könnte so einfach sein. Aber es ist wie folgt:

„Mit dem neuen „Entgelttransparenzgesetz“ erhalten nun auch Arbeitnehmer in Deutschland die Möglichkeit, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, wie viel Geld Kollegen in vergleichbaren Positionen verdienen. Das neue Gesetz gilt allerdings nur für Betriebe mit mehr als 200 Beschäftigten. Außerdem muss es mindestens sechs Kollegen des jeweils anderen Geschlechts geben, die einen ähnlichen Job haben wie der Antragsteller. Und die Firmen müssen nur Durchschnittsgehälter nennen.“ (n.n. 2018)

Das ist ungefähr so viel wert wie eine Merkel’sche Freiwillige Selbstverpflichtung.



Schlussgedanke: ‚Klimakrise und Gender‘ ist auch in der Hinsicht ein relevantes Thema, als

  • dass es mehrheitlich Frauen sind, die sich für das Klima und gegen das Massenaussterben engagieren. Und
  • dass es vorwiegend – und das ist bedauerlicherweise weit mehr als ein Cliché – ‚alte weiße Männer‘ sind, die gegen dieses Engagement angehen und z.B. in den sog. ’sozialen Medien‘ gegen engagierte (oft junge) Frauen hetzen und diese vielfach bedrohen (vgl. Solnit 2019, 171f.).

  • Hier geht es nur manchmal um Sachthemen.
  • Hier geht es allzu oft um Macht. Um Kontrolle. Es ist vielfach: Sexismus.
  • Hier geht es vielfach um das „zwanghafte Bedürfnis, Äußerungen von Frauen abzutun, das so oft in ebendie Inkohärenz und Hysterie umschlägt, die Frauen routinemäßig vorgehalten wird (Solnit 2019, 144).
  • Hier geht es um die alte, männlich dominierte Welt, deren Vertreter ‚die Welt nicht mehr verstehen‘ und sich bedroht sehen.
  • Hier geht es um patriarchale Strukturen und damit auch um die Frage, was sich ‚alte weiße Männer‘ von Frauen (die dann evtl. auch noch jünger sind) nicht sagen lassen wollen.

Ich denke, genau dieser Sachverhalt zeigt ein weiteres Mal auf, wie sehr es an der Zeit ist, institutionell für Parität zu sorgen.

Quellen des Abschnitts 'Klima, Ökofeminismus und Parität'

>> Andersen, Jens (2017): Astrid Lindgren. Ihr Leben. Pantheon.

>> Buchhorn, Eva (2017): „Studie zu Gehaltsunterschieden: Auch weibliche Bosse verdienen schlechter“. in: Der Spiegel, 17.12.2017, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gehaelter-welche-konzerne-frauen-schlechter-bezahlen-a-1183788.html (Abrufdatum 27.11.2019)

>> n.n. (2018): „Gender-Pay-Gap: Island verbietet ungleiche Löhne von Männern und Frauen“. in: Der Spiegel, 4.1.2018, online unter https://www.spiegel.de/karriere/island-gesetz-fuer-mehr-lohngleichheit-von-frauen-und-maennern-a-1186157.html (Abrufdatum 27.11.2019)

>> n.n. (2019): „Ökofeminismus“. in: Wikipedia.de, online unter https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kofeminismus (Abrufdatum 27.11.2019)

>> Oestreich, Heide (2017): „’Weltweiter Trend zur Quote’“. [Interview mit der Politologin Helga Lukoschat]. in: tageszeitung, 21.9.2017, online unter https://taz.de/Archiv-Suche/!5449204&s=Weltweiter%2BTrend%2Bzur%2BQuote&SuchRahmen=Print/ (Abrufdatum 27.11.2019)

>> Reise, Niels (2013): „Lohntransparenz in Schweden: Mal kurz das Gehalt des Nachbarn checken“. in: Der Spiegel, 5.2.2013, online unter https://www.spiegel.de/karriere/gehaelter-in-schweden-maximale-transparenz-a-881340.html (Abrufdatum 27.11.2019)

>> Solnit, Rebecca (2019): Wenn Männer mir die Welt erklären. Hoffmann und Campe.


Nächster Abschnitt:

Sechstes Massenaussterben

Was ist der Mensch ohne die Biosphäre, deren Teil er ist und die ihn umgibt?

Nichts.


Der Mensch ist auf sog. Ökosystemdienstleistungen angewiesen:

  • „Ökosystemdienstleistungen sind definiert als Vorteil, Nutzen oder Gewinn (benefits), den die menschliche Gesellschaft aus Ökosystemen zieht und die maßgeblich das Wohlergehen und die Lebensqualität des Einzelnen (human well being) mitbestimmen. Dabei werden sowohl materielle wie immaterielle Güter (tangible and intangible benefits), d.h. sowohl Waren (goods) als auch Dienstleistungen i.e.S. (services) berücksichtigt.“ (Bürger-Arndt 2011)

Quelle und Details

>> Quelle und Zitat: Bürger-Arndt, Renate (2011): Ökosystemdienstleistungen von Wäldern. Workshopbericht. [Internationale Naturschutzakademie Insel Vilm 16. – 19. November 2011]. Hrsg. vom Bundesamt für Naturschutz BfN, online unter https://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/Skript_320.pdf (Abrufdatum 4.11.2019)

Unterschieden werden dabei folgende Ökosystemdienstleistungen:

  • „unterstützende (supporting) wie Bodenbildung, Nährstoff- und Wasserkreislauf, Sauerstoffproduktion, Kohlenstoffbindung oder Primärproduktion,
  • regulierende (regulating), die sich auf das örtliche Klima und die Luftqualität, den Wasserhaushalt und die Wasserqualität, die Bodenbildung und -reifung oder das Auftreten von Schädlingen bzw. Krankheiten auswirken,
  • bereitstellende (provisioning), welche die Nutzung erneuerbarer Ressourcen in Form von Nahrung, Holz, Fasern, Trink- und Brauchwasser usw. durch den Menschen ermöglichen,
  • kulturell bedeutsame (cultural), die infolge der ästhetischen, kontemplativen, spirituellen, religiösen, erkenntnis-, bildungs- und erholungsfördernden Wirkung der Ökosysteme immaterielle Bedürfnisse des Menschen befriedigen und denen daher eine besondere Wertschätzung entgegen gebracht wird.“ (ebd.)

Definition ‚Biosphäre‘: (griechisch bíos = Leben u. sphaira = Kugel) = „der von Organismen bewohnbare Raum der Erde.“

>> Quelle und Zitat: n.n. (2001): „Biosphäre“. in: Kompaktlexikon der Biologie, online unter https://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/biosphaere/1576 (Abrufdatum 4.11.2019)


Der Mensch verhält sich gleichwohl schon immer, mehr und mehr und insbesondere auch in diesen Jahren, als seien diese Ökosystemdienstleistungen unbegrenzt und unkaputtbar:

  • „Menschen pumpen heute zehnmal schneller Treibhausgase in die Atmosphäre als die Vulkane während des Großen Sterbens.“ (Foer 2019, 100)

  • „In den Weltmeeren gibt es über 400 sogenannte Todeszonen [eigentlich: Totzonen], die wegen Überdüngung so sauerstoffarm sind, dass dort nichts mehr lebt.“ (Habekuss 2019, 41)

  • „Schätzungen zeigen, dass ungefähr 80 Prozent der marinen Ökosysteme von Eutrophierung betroffen sind … Seit 1960 hat sich die Zahl der Totzonen in denen am Meeresboden Sauerstoffmangel herrscht in jedem Jahrzehnt verdoppelt (1960: 10 Gebiete; 2008: 405 Gebiete)… Die drei größten Totzonen befinden sich in der Ostsee (bis zu 84000 km²), im Schwarzen Meer (bis zu 40000 km²) sowie im Golf von Mexiko (bis zu 22000 km²)“. [Stand 2010!]. (n.n. 2010)

Seit 2012 gibt es die UN-Organisation IPBES = Intergovermental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services = „Weltvielfaltsrat“, vergleichbar dem IPCC, dem Weltklimarat – nur wesentlich unbekannter.

>> Begriff „Weltvielfaltsrat“: Habekuss 2019, 41

  • Im aktuellen Bericht des IPBES, dem „Global Assessment Report“ (=“Weltvielfaltsbericht“) ist u.a. zu lesen, dass „[e]ine Million Tier- und Pflanzenarten … vom Aussterben bedroht [sind]. Eine gigantische Zahl, wenn man sich vor Augen hält, dass gerade einmal 1,9 Millionen Arten wissenschaftlich beschrieben sind und die unterschiedlichen Schätzungen darüber wie viele Spezies überhaupt gibt zwischen acht und zehn Millionen liegen.“ (Habekuss 2019, 41)


Damit ist zweierlei angedeutet:

1) Beschrieben sind logischerweise i.d.R. die Tier- und Pflanzenarten die für unser Leben und unsere Ernährung eine wichtige Rolle spielen – und

2) Wir haben extrem wenig Ahnung von unserer Biosphäre, wenn also die überwältigende Mehrheit von Pflanz- und Tierarten schlicht noch nicht entdeckt bzw. beschrieben ist.


Als die entscheidenden fünf Treiber des Biodiversitätsverlustes werden im IPBES-Bericht folgende Faktoren ausgemacht:

  • Die „veränderte Nutzung von Land und Ozeanen“.
  • „Die direkte Ausbeutung von Tieren und Pflanzen“, vgl. z.B. Überfischung
  • „Parallel dazu wird der Einfluss des Klimawandels größer“, Arten weichen aufgrund verändernden Klimabedingungen zurück, z.B. ins Kühle nach Norden. Nur: Wo geht der Eisbär hin?
  • „Die Abfälle des Menschen, von Schwermetallen über Umweltgiften und Plastik bis hin zu einem Übermaß an Dünger, überlasten viele Ökosysteme“.
  • eingeschleppte Arten z.B. durch Welthandel und Tourismus machen sich breit „auf Kosten der dort heimischen Spezies“ (Alle Zitate: Habekuss 2019, 41)

Wichtig ist zu erkennen, dass „längst nicht mehr über einzelne Pflanzen- oder Tierarten diskutiert [wird] – sondern über die Vitalität ganzer Lebensgemeinschaften und des gesamten Erdsystems… Es geht um die Basis menschlicher Ernährung, sauberer Luft und trinkbaren Wassers. Es geht um alles.“ (ebd.)


Ein Fazit:
„Der Bericht zeigt klar, dass man Klima- und Umweltschutz nicht getrennt voneinander betrachten darf.“

(Klimaforscherin Almut Arenth, Karlsruher Institut für Technologie, zit. in Habekuss 2019, 41)

Quellen dieses Abschnitts

>> Quelle und Zitat: Habekuss, Fritz (2019): „Todesursache: Mensch“. in: Die Zeit, Nr. 20/9.5.2019, S. 41

>> Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 100.

>> Quelle und Zitat: n.n. (2010): „Eutrophisierung“. in: Umweltbundesamt, 10.8.2010, online unter https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/gewaesser/meere/nutzung-belastungen/eutrophierung (Abrufdatum 5.11.2019)


Nächster Abschnitt:

Landwirtschaft

Der Abschnitt Landwirtschaft ist dem weltweiten bodenbewahrenden Ackerbau gewidmet inkl. der Aspekte Gülle/Stickstoffe/sauberes Trinkwasser/globale Landwirtschaft).
Die weiteren Aspekte der Massentierhaltung finden sich im Abschnitt Fleisch, Fisch & Ernährung.


Bodenbewahrende Landwirtschaft

Inhalt:


Industrielle (konventionelle) Landwirtschaft vs. bäuerliche Landwirtschaft

  • „Berücksichtigt man Kollateralschäden der industriellen Landwirtschaft wie verstärkte Bodenerosion, das Artensterben oder Wasserverschmutzung, dann ist sie der bäuerlichen Landwirtschaft keineswegs überlegen. Das zumindest ist das Ergebnis des Weltagrarberichts, den 400 Wissenschaftler 2008 für die Weltbank und die Uno erstellt haben. Die Zukunft der Landwirtschaft müsse eher kleinteilig, vielfältig und regional sein.“ (Klawitter 2019, 81)

„So schätzen die IPCC-Autoren [des Sonderberichtes Klimaschutz und Landsysteme[]], dass etwa ein Viertel der eisfreien Landfläche von Bodendegeneration betroffen sind, rund eine halbe Milliarde Menschen lebt in Regionen, in denen die Wüstenbildung voranschreitet. Beides ist vor allem eine Folge nicht-nachhaltiger Nutzung; durch konventionelles Pflügen geht… hundert- bis tausendmal mehr Boden verloren, als neu gebildet wird. Aber auch der Klimawandel beschleunigt… Erosion und Wüstenbildung.“ (Weiß 2019, 12)

Quellen dieses Abschnitts

>> Klawitter, Nils (2019): „‚Der macht alles platt‘. Eigentum: In Zeiten von Niedrigzinsen wird Ackerland immer lukrativer: Investoren kaufen ganze Landstriche auf – einheimische Bauern können kaum noch mithalten.“ in: Der Spiegel, Nr. 42/12.10.2019, S. 81.

>> Weiß, Marlene (2019): „Wälder zu Wüsten“. in: Süddeutsche Zeitung, 30.7.2019, S. 12.


Zu viele Tiere auf zu wenig Raum >> Trinkwasserschädigung durch Nitrat

Stephan Schumüller, Chef des Wasserverbands Garbsen-Neustadt:

  • „Nitrat im Wasser … [können] Sie … weder sehen noch schmecken.“ (Jüttner 2019, 34)

Stickstoff als Dünger – aus Stickstoffüberschüssen (=Überdüngung) wird Nitrat:

  • Gülle und Kunstdünger sorgen durch den hier enthaltenen Stickstoff für besseres Pflanzenwachstum und reichere Ernten.
  • Alles, was die so gedüngten Pflanzen nicht aufnehmen, geht ins Trinkwasser bzw. geht via Regenwasser in Gewässer, Bäche und Flüsse.
  • Alle Pflanzen wachsen „besser“ – also auch
    • die zwangsweise gedüngten Bäume, die durch unnatürlich verstärktes Wachstum anfälliger werden
    • die Algen in Gewässern (Es entstehen großflächige Algenblüten, deren Zersetzung dem Gewässer Sauerstoff entzieht, der dann anderen Lebewesen des Meeres nicht mehr zur Verfügung steht. Der Prozess nennt sich Eutrophisierung – es entstehen aufgrund des Sauerstoffmangels Totzonen in Ozeanen (s.a. Abschnitt Sechstes Massenaussterben) (vgl. Jüttner 2019, 34 u. n.n. 2010)


Auch für den Menschen ist Nitrat unmittelbar schädlich:

  • „Menschen sollten möglichst wenig Nitrat aufnehmen, weil es im Körper in Nitrit und Nitrosamine umgewandelt werden kann, Stoffe, die als krebserregend gelten.“ (Jüttner 2019, 34)


Nitratentfernungsanlagen sind sehr teuer, sowohl einzeln als auch hochgerechnet auf den potenziellen Bedarf an solchen Anlagen in Deutschland – wesentlich sinnvoller und zudem günstiger ist es, das Problem an der Wurzel zu packen und noch punktgenauer und letztlich eben deutlich weniger mit Gülle und Kunstdünger zu düngen. (vgl. ebd., 35).

  • Es ist explizit herauszustellen, dass das Nitrat-Problem ausschließlich durch
    • konventionelle Landwirtschaft inkl. Massentierhaltung bzw.
    • die Agrarpolitik und der Art der Ausgestaltung von Subventionen z.B. von EU und Deutschland verursacht wird.

Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen:

  • „Allerdings nehmen Menschen schätzungsweise nur ein Viertel der tägliche Nitratmenge aus Trinkwasser auf. Größere Mengen stecken in Gemüse und Salat.“ (ebd., 36) –

Das ändert aber nichts daran, dass wir das Grundnahrungsmittel „Trinkwasser“ möglichst sauber zu halten haben.

  • Das sieht auch die EU so, die alles andere als zufrieden mit dem Zustand des Trinkwassers in Deutschland bzw. der Düngepraxis ist. []

Quellen dieses Abschnitts

>> Jüttner, Julia (2019): „Die Wasserschlacht“. in: Der Spiegel, Nr. 41/5.10.2019.

>> n.n. (2010): „Eutrophisierung“. in: Umweltbundesamt, 10.8.2010, online unter https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/gewaesser/meere/nutzung-belastungen/eutrophierung (Abrufdatum 5.11.2019)



Landwirtschaft global: Der destruktive Kreislauf rund um die Fleischindustrie

„Wir sind Soja-Junkies – und haben es gar nicht gemerkt.“ (Asendorpf 2018)


Globaler Kreislauf Station 1:
Tierfutter-Produktion in (Süd-)Amerika.

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen auf der internationalen Agrar-Konferenz Hunger auf Veränderung 2016:

  • „Wir nehmen allein in Südamerika als Bundesrepublik Deutschland eine Ackerfläche von der Größe von Mecklenburg-Vorpommern in Anspruch, um die Tierfabrik (mit jährlichen 800 Mio Schlachttieren) in Deutschland am Laufen zu halten.“ (Hofreiter 2016)

Bei diesem Tierfutter handelt es sich i.d.R. um Soja. Genauer: Um Gen-Pflanzen, deren Saatgut patentiert ist, also jährlich neu gekauft werden muss – und zwar vom gleichen Unternehmen, dass auch das ‚passende‘ Unkrautvernichtungsmittel bereithält: Die Pflanzen sind resistent gegen Glyphosat, das z.B. unter dem Markennamen „Round up“ von Bayer/Monsanto hergestellt wird.

  • Soja „bringt es … [in Brasilien] auf zwei Ernten pro Jahr, im kälteren Europa höchstens auf eine.“ (Asendorpf 2018)

  • „Heute liegt der Anteil transgener Soja in allen Hauptanbaugebieten über 90 Prozent.“ (ebd.)


Mit anderen Worten: Die heilige Kuh namens „keine Gen-veränderten Lebensmittel“ ist zwar nach wie vor einen Aufreger wert – aber was die angeblich Gentechnik-freien Kühe gegessen haben, interessiert dann doch keine Sau.

  • Für den immer größer werdenden Bedarf an Tierfutter wird in Südamerika weiterhin und umfassend Regenwald gerodet (vgl. Abschnitt Fleisch, Fisch und Ernährung).
    • Umweltschützer*innen werden nicht selten umgebracht.
      • Indigene und kleine Bauern werden von ihren seit Generationen bestellten Feldern vertrieben und um ihre Existenz gebracht, arbeiten des Öfteren nun auf ihren ehemaligen Feldern für einen Hungerlohn – und tatsächlich, viele hungern (vgl. Doku „We Feed The World“) – und
        • der brasilianische Bundesstaat „Mato Grosso“ muss sich eigentlich einen neuen Namen suchen, denn „Großer Wald“ trifft nicht mehr zu.


Interessanterweise werden Rinder in Deutschland seit einigen Jahren zu einem großen Teil nicht mehr mit Soja, sondern mit billigem „Rapskuchen“ gefüttert. Das ist der eiweißhaltige Rest, der von Raps bleibt, wenn man ihn für den Biodiesel ausgepresst hat. Eine merkwürdige Entwicklung, zu der die „Beimischungspflicht von Pflanzenöl bei Dieselkaftstoff“ geführt hat.

Diesen Rapskuchen zu verfüttern ist nicht nur billig, sondern erhöht den Wert des Rindfleisch- und Milchproduktes, weil man es als in jeder Hinsicht gentechnik-frei verkaufen kann. (vgl. Asendorpf 2018)



Station 2:
Jungtier-Import

Z.B. kommen Ferkel aus Dänemark und den Niederlanden, die die Zucht optimiert haben. (vgl. Asendorpf 2018)


Das Futter kommt über den Atlantik, die Jungtiere aus Nachbarländern – es folgt:

Station 3:
Die Tiermast erfolgt in Deutschland.

Die Gülle fällt hier an. Gülle ist organischer Dünger, der Stickstoff enthält.

  • Stickstoff in der Landwirtschaft

    • „Pflanzen brauchen Stickstoff, um Eiweiß zu bilden. In der Luft ist Stickstoff zwar reichlich vorhanden, doch die meisten Pflanzen können diesen Luftstickstoff nicht direkt aufnehmen. Sie benötigen ihn in gebundener Form im Boden. Auf natürliche Weise werden diese Stickstoffverbindungen dort von Bakterien erzeugt. Eine intensive [konventionelle/industrielle] Landwirtschaft ist jedoch nur mit zusätzlichem Stickstoff aus Mineraldünger möglich. Der wiederum wird aus Erdgas gewonnen – aus sehr viel Erdgas. Fast fünf Prozent der globalen Erdgas-Produktion werden dafür verbraucht. Über 100 Millionen Tonnen Stickstoffdünger landen jährlich auf den Äckern der Welt.“ (Asendorpf 2018)

    • Stickstoff gast aus dem Boden aus – als (Treibhausgas) Lachgas.

    • Pflanzen (ver-)brauchen Stickstoff – mit der Ernte der Pflanzen entfernt man auch den aufgenommenen Stickstoff.

      „Insgesamt jedoch liegt der Stickstoff-Eintrag jedes Jahr deutlich über dem Austrag, der Überschuss beträgt im Schnitt rund 100 Kilo pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche.“ (Asendorpf 2018)

    • Und dieser Stickstoff bleibt nicht einfach „geduldig“ bis zur nächsten Bepflanzung unverändert im Boden: er gast aus als Lachgas, er versickert, er wird ausgewaschen und landet auf die eine oder andere Weise als Nitrat im Wasser.


Stickstoff steht in Deutschland ‚unter Beobachtung‘: Die nationale Stickstoffbilanz…

  • „… betrachtet im großen Maßstab, national eben, die Stickstoff-Flüsse: was wir in die landwirtschaftliche Fläche reinbekommen und was wir daraus wieder entziehen und was davon auch übrigbleibt. Das ist der Stickstoff, der in der Form von den Pflanzen nicht genutzt wird. Und dieser übriggebliebene Stickstoff, der kann Wirkung hervorrufen da, wo er nicht hingehört, z.B. dass er über das Grundwasser ins Trinkwasser gelangt. Und da soll er ja nicht hin. Oder er kann ausgasen, der Stickstoff, in die Atmosphäre gelangen und dann auch wieder Wirkung hervorruft, die auch nicht gut ist für uns.“ Jörg Michael Greef in (Asendorpf 2018) (Jörg Michael Greef leitet das Institut für Pflanzenbau und Bodenkunde am Julius-Kühn-Institut in Braunschweig.)


Laut einer im November 2019 veröffentlichten Studie gelangt durch die genannte Überdüngung deutlich mehr Lachgas in die Atmosphäre als bisher angenommen.

  • „Demnach entwich zuletzt etwa 2,3 Prozent des eingesetzten Stickstoffs aus Dünger als Lachgas in die Atmosphäre. Der Weltklimarat IPCC rechnet in seinen Berichten mit einem Wert von 1,4 Prozent…. Die Studie erhöhe die Bedeutung der Lachgas-Emissionen aus der Landwirtschaft für den Klimaschutz, erklärt Fortunat Joos, Klimaexperte an der Universität Bern, der nicht an der Studie beteiligt war. ‚Die Ergebnisse legen nahe, dass die Lachgas-Emissionen aus Dünger in den nationalen Klimaberichten an die Uno rund 70 Prozent zu niedrig angesetzt sind.'“ (Merlot 2019)


Das Fazit kann daher eigentlich nur lauten:

  • „Wir brauchen eine an die Fläche gebundene Tierhaltung, also nur noch so viele Tiere, wie eine Fläche vertragen kann.“ (n.n. 2019a)


Zustand des Trinkwassers in Deutschland bzgl. Nitrat:

  • „Besonders gravierend ist die Situation … in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Fleischindustrie. Gut zehn Millionen Schweine, 2,7 Millionen Rinder und über hundert Millionen Hähnchen, Hühner und Puten werden dort gehalten.“ (Asendorpf 2018)

  • „Rund die Hälfte aller Grundwasser-Messtellen in Niedersachsen melden bereits Grenzwertüberschreitungen. Und die Böden sind immer weniger in der Lage, das Nitrat auf dem Weg bis ins Trinkwasser wieder abzubauen.“ (ebd.)

  • „36 Prozent der Grundwasserkörper unter allen Landnutzungen sind in einem schlechten chemischen Zustand. In Deutschland verfehlen knapp 74 Prozent dieser betroffenen Grundwasserkörper die Ziele wegen zu hoher Nitratkonzentrationen.“ (n.n. 2019b)

  • „Hauptverursacher der hohen Nitratwerte ist die Landwirtschaft: durch Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen, die auf Felder aufgebracht werden, und durch das Streuen von Kunstdünger.“ (Jüttner 2019, 34)


Die aktuelle 2017er Gülleverordnung sieht vor, dass – je nach Beschaffenheit des Bodens – lediglich eine jeweils definierte Menge Gülle (z.B. als Dünger) in den Boden gelassen werden darf – mit der Folge, dass es in den Worten von Renate Künast zu „Gülletourismus“ kommt, soll heißen, ein verkehrsintensiver Handel mit Gülle hat eingesetzt. (vgl. Grefe/Theile 2019, 31)


Egon Harms, Leiter der Qualitätsüberwachung beim Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband:

  • „Es gibt ein großes Gülleproblem im oberflächennahen Grundwasser, das ist der Bereich bis etwa zehn Meter unter Geländeoberkante. Dort haben wir hohe Nitratbelastungen. Die Trinkwassergewinnung, die findet in größeren Tiefen statt – zwischen 50 und 100 Meter unter Gelände. Und dort ist die Nitratbelastung noch so gering, dass wir einwandfreies Trinkwasser auch liefern können … Wir nutzen eine – man sagt ja heute – Ökosystemdienstleistung, von dem wir nicht wissen: Macht der Untergrund das noch in zehn Jahren, in 50 Jahren oder in 500 Jahren? Wenn wir jetzt feststellen, dass in einigen Förderbrunnen das Nitrat bereits ankommt, dann sehen wir natürlich dort, dass diese Systemleistung, Nitrat abzubauen, sich allmählich da auch erschöpft hat schon. Das sind natürlich Alarmzeichen, die wir sehr ernst nehmen.“(Asendorpf 2018)

Und Harms legt den Finger tief in die Wunde:

  • „Wenn wir überlegen, dass wir in Deutschland als Informationsgesellschaft mittlerweile zu teuer sind, um Schiffe zu produzieren, um Fernseher zu produzieren, wieso können wir dann noch Schweinehälften für den Weltmarkt produzieren und das zu weltmarktkonformen Preisen?

    Ich glaube, das liegt im Moment daran, dass wir in der Umweltgesetzgebung nicht das tun, was wir tun müssen, beim Tierwohl haben wir sehr hohen Nachholbedarf und auch die Arbeitsverhältnisse der Menschen in diesen Fleischfabriken ist ja völlig indiskutabel.

    Das heißt, in drei Rechtsbereichen verstoßen wir eklatant gegen gesetzliche Normen und Spielregeln, die von der Bevölkerung auch zunehmend eingefordert werden.“ (Asendorpf 2018)


Station 4: Tiertransport | Station 5: Schlachthof (>> ‚billige‘ Arbeitskräfte aus Ost-Eurpa) | Station 6: Großhandel / Einzelhandel / Teller / Magen


Produziert wird aber nicht nur für die fleischliebenden Deutschen, sondern auch und zunehmend für den Export:

Station 7: Export, z.B. nach China und Afrika.

  • „Bei Geflügel und Schweinen hat sich die Exportmenge in den vergangenen zehn Jahren glatt verdoppelt.“ (Asendorpf 2018)

Schweinehälften werden also – unter Einhaltung einer energieintensiven Kühlkette – um den halben Globus gekarrt, was hinsichtlich der Umwelt selbstredend wenig sinnvoll ist.


Station 8:
Wochenmarkt‘ in Afrika

Auch abseits des CO2-lastigen Transports hat dieses industriell-billige Export-Fleisch den extremen Nachteil, dass es (wie auch im Bereich von Export-Gemüse) heimische Märkte (und damit auch die (Markt-)Kultur insbesondere in Afrika kaputtmacht: Die dortigen Kleinbauern können auf den Märkten nicht gegen die EU-Produkte konkurrieren.

Bis vor Kurzem waren solche Produkte sogar noch direkt subventioniert []. Mit anderen Worten, diese mit Geld geförderten Exporte konterkarieren die ebenfalls bezahlte Entwicklungshilfe. Welches andere Wort als „Wahnsinn“ könnte treffender sein?

Manchmal „beschweren“ sich dann sogar noch Bürger*innen, dass Entwicklungshilfe „nichts bringt“.

  • Neben den bisherigen und nunmehr abgestellten direkten Export-Subventionen gibt es weitere indirekte Subventionen: Das Ganze wird subventioniert über Stallbauprämien, allgemeine Subventionen für die großangelegte konventionelle Landwirtschaft, Tierschutz- und Arbeitsschutzregelungen (in Schlachtbetrieben), die ihrem Namen nicht gerecht werden, mangelnden Kontrollen durch zu wenig Personal, Inkaufnahme von Trinkwasserverunreinigung etc. pp.


Station 9:
Erntehelfer*innen in Südspanien

Die Bauern, für die es sich z.B. aufgrund des billigen EU-Fleisches oder -Gemüses nicht mehr lohnt, die Felder zu bestellen, geben die ohnehin extrem mühsame Arbeit auf, lassen den Boden erodieren, der Humus geht verloren, evtl. setzt vermehrt Wüstenbildung ein. Der Bauer verlässt nicht selten sein Dorf und landet schließlich, falls er das Mittelmeer überleben sollte, als Erntehelfer… in Südspanien z.B. auf den Gemüsefeldern oder in den Gewächshäusern, deren Produkte z.B. nach Deutschland und Afrika exportiert werden.
Und dort macht sie/er die mehr oder weniger gleiche Arbeit wie vorher, nun aber als mittelloser und allzuoft rechteloser Migrant, entwurzelt, wahrscheinlich ohne seine Familie und sorgt unbeabsichtigt und unbewusst, dass dieses u.a. Afrika (weiter) ruinierende System am Laufen bleibt, indem er letztlich dafür sorgt, dass weitere Bauern in Afrika aufgeben müssen.

(Station 9 erklärt einen Mechanismus, der prinzipiell richtig ist, jedoch natürlich notwendig den Sachverhalt vereinfacht darstellt.)

OMG.

  • Fazit: In Südamerika wird der Regenwald gerodet; viele traditionelle Bauern werden entrechtet und ihrer Existenz beraubt. In Deutschland wird bei der Tiermast mit Jungtieren z.B. aus Dänemark mit dem über den Atlantik verschiffte Gen-Soja durch zu großen Stickstoffeintrag das Trinkwasser mit Nitrat verunreinigt. Das alles nur, damit nicht nur der ungesund-übermäßige Fleischappetit der Deutschen befriedigt werden kann, sondern auch noch weltweit Exportmärkte bedient werden können. Nach dem CO2-intensiven Transport um den halben Globus macht das billige (und faktisch hoch subventionierte) Export-Fleisch z.B. afrikanische Märkte kaputt, verhindert den geordneten Aufbau von Ländern des globalen Südens, konterkariert Hilfe zur Selbsthilfe, sorgt für langfristig zerstörte Böden, entwurzelt Menschen, die dann u.U. als Erntehelfer in Südeuropa landen.

Quellen dieses Abschnitts

>> Asendorpf, Dirk (2018): „Der globale Acker“. in: Unser künftig Brot, SWR2 Wissen Spezial. Manuskript, online unter: https://www.swr.de/swr2/wissen/SWR2-Wissen-Der-globale-Acker,broadcastcontrib-swr-29448.html || https://www.swr.de/swr2/wissen/swr2-manuskript-wissen-2019-08-17-der-globale-acker-100.pdf || https://avdlswr-a.akamaihd.net/swr/swr2/wissen/sendungen/wissen/swr2-wissen-20190817-der-globale-acker.m.mp3 (Abrufdatum 11.11.2019)

>> Hofreiter, Anton (2016): Rede auf der internationalen Agrar-Konferenz Hunger auf Veränderung 2016, 21.11.2016, online unter www.youtube.com/watch?time_continue=257&v=sPetnYuHyNI (Abrufdatum 18.9.2018)

>> Grefe, Christiane und Theile, Merlin (2019): ‚Das ist doch ökologischer Irrsinn‘. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Landwirt Marcus Holtkötter streiten über Gülle im Grundwasser und die Frage, ob es nötig ist, Ferkel zu kastrieren.“ in: Die Zeit Nr. 45/30.10.2019, S. 31.

>> Jüttner, Julia (2019): „Die Wasserschlacht“. in: Der Spiegel, Nr. 41/5.10.2019, S. 34.

>> Merlot, Julia (2019): „Lachgas-Emissionen: Dünger als Klimakiller“. in: Der Spiegel, 20.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/stickstoff-duenger-schadet-dem-klima-mehr-als-bedacht-a-1297071.html (Abrufdatum 20.11.2019)

>> n.n. (2019a): „Verheerendes Ausmaß: Der Regenwald steht in Flammen“. in: DUHwelt 3/2019, S. 7

>> n.n. (2019b): „Umweltbericht 2019: Viel erreicht und viel zu tun“. [Pressemitteilung]. in: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. online unter https://www.bmu.de/pressemitteilung/umweltbericht-2019-viel-erreicht-und-viel-zu-tun/ (Abrufdatum 5.11.2019)


Ein Blick in die nähere und schon begonnene Zukunft der Landwirtschaft

Konventioneller und Öko-Landbau können sich künftig – möglicherweise – via Robotik annähern: Wo ein Ökostrom-angetriebener High-Tech-Jäte-Roboter im Rahmen des ‚precision farming‘ seinen Dienst tut, sind keine/weniger Unkrautvernichtungsmittel erforderlich.

Bleibt die Frage, inwieweit das eine luxuriöse Idee des Westens ist.

  • Wichtig dabei ist, dass die in den letzten Jahren immer gewaltigeren Landmaschinen wieder kleiner und leichter werden, damit sie den Boden nicht im wahrsten Sinne des Wortes plattmachen.

>> vgl. Pander, Jürgen (2019): „Technikinnovationen im Landbau: Nie wieder bücken!“ in: Der Spiegel, 9.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/agritechnica-megatrend-digitalisierung-praegt-landmaschinen-a-1295099.html (Abrufdatum 11.11.2019)


Indoor Urban Farming / Vertical Farming

In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von neuen Konzepten und Start ups entstanden, die gemeinsam haben, dass Pflanzen erdlos (Hydroponik) indoors unter (mit grünem Strom betriebenen) LED-Licht gezogen werden – in manchen Fällen in Kombination mit Fisch-Aquakulturen, sodass das mit Nährstoffen versehende (Fisch-)Wasser der Aquakulturen für die Aufzucht der Pflanzen weiterverwendet wird. Das Ganze nach Aussagen der Betreiber ohne den Einsatz von Pestiziden und Antibiotika. Was insofern funktionieren kann, weil die Bedingungen ungleich kontrollierter sind als in der konventionellen Landwirtschaft. Auch spare man sich lange Lieferwege und damit auch eine Kühlkette, heben die Betreiber*innen hervor. Hightech-Gemüse-Aufzuchtschränke stehen mittlerweile offensichtlich schon in einigen EDEKA-Filialen. Was die Hightech-Farmer nicht sagen: All diese Hallen, Zuchtschränke, Becken etc. pp. müssen hergestellt, gebaut, gewartet und irgendwann ersetzt werden. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass es bislang vielfach Gastronomen gehobener Restaurants sind, die diese Angebote nutzen.

>> vgl. Rosenbach, Marcel (2019): „F(r)isch aus der Stadt. Ernährung: Garnelen aus Bayern, Buntbarsche aus Berlin: ‚Urban Farming‘ verspricht gesunde Produkte ohne lange Transpoortwege. Ist das ein Trend oder die Zukunft der Landwirtschaft?“. in: Der Spiegel, Nr. 34/17.8.2019, S. 58-60.


Weitere Aspekte der Landwirtschaft

Gefährlich: ‚Landgrabbing‘

  • „In Mecklenburg … sind die Flächenpreise seit 2005 um fast 400 Prozent in die Höhe geschossen. Das übertrifft selbst den Preisanstieg in München, wo sich die Bodenpreise im selben Zeitraum um 177 Prozent erhöht haben…. Zu den neuen Landbesitzer gehören Immobilienfirmen, Möbelhändler oder Fondsgesellschaften, fast immer mit Sitz in Westdeutschland. ‚In solchen Konglomeraten, die mit Stoßtrupps osteuropäischer Arbeiter die Felder traktieren, abernten und dann weiterziehen, zählt nicht, ob die nächste Generation den Boden noch bewirtschaften kann‘, sagt Reinhard Jung vom Brandenburger Bauernbund.“

>> Quelle und Zitat: Klawitter, Nils (2019): „‚Der macht alles platt‘. Eigentum: In Zeiten von Niedrigzinsen wird Ackerland immer lukrativer: Investoren kaufen ganze Landstriche auf – einheimische Bauern können kaum noch mithalten.“ in: Der Spiegel, Nr. 42/12.10.2019, S. 80.


In Deutschland werden viele Agrarböden in irgendeiner Form für die Massentierhaltung genutzt. Wo also kommt unser Gemüse her? Zum Beispiel aus Spanien:

In Südspanien liegt das Herz der spanischen Agrarproduktion. Von hier starten ungezählte Lastwagen pro Jahr nach Nordeuropa und Deutschland mit Gemüse und Obst, damit es für den Konsumenten ganzjährig, Saison-unabhängiges, günstiges Obst gibt.
Natürlich hat es Folgen, wenn man aus einem so heißen (und Klimawandel-bedingt immer heißeren) Gebiet eine gigantische Gemüseplantage macht:

  • „85 Prozent des an die Oberfläche gepumpten Grundwassers fließt in die Agrarproduktion. Überall wird künstlich bewässert… Weite Landstriche sind verkarstet, der Grundwasserspiegel ist stellenweise unter 500 Meter gesunken. In den Küstenstreifen um Huelva am Atlantik, Europas größtem Erdbeeranbaugebiet, und in den großen Gemüseplantagen um Almería am Mittelmeer hat der übermäßige Süßwasserverbrauch dazu geführt, dass [salziges] Meerwasser unters Festland nachgeflossen ist.“ (Urban 2019)

    Intensiv-großindustrieller Gemüseanbau auf einer riesigen Fläche in einer ohnehin übermäßig trockenen und nun von der Klimakrise befördert regenarmen Gegend ist keine gute Idee. Letztlich haben wir es hier mit einer scheichenden Wüstenbildung (‚Desertifikation‘) zu tun:

  • „Aber nicht nur der Klimawandel verschärft die Desertifikation, die Desertifikation verschärft umgekehrt den Klimawandel, da sie natürliche Regenerationskreisläufe zerstört. Es ist ein Teufelskreis, der kaum wahrgenommen wird.“ (Dürmeier 2019).


Am meisten leiden die traditionellen Bauern (‚Trockenbauern‘) „am stärksten unter Desertifikation und Klimawandel, denn sie sind auf regulären Regen angewiesen.“ (ebd.)


Hitze, ausbleibender Regen, Wasserknappheit, sinkende Grundwasserstände, Desertifikation – alles entscheidend verschärft und befördert durch die Klimakrise – haben auch das Phänomen der sog. Mondscheinlöcher hervorgebracht. Das sind jene ungenehmigten, u.U. nicht abgesicherten/abgedeckten Bohrlöcher, die als private Tiefbrunnen überall in Spanien gebohrt werden, um an Wasser zu kommen. Bekannt geworden waren diese Mondscheinlöcher im Januar 2019 durch den tragischen Tod eines zweijährigen Jungen im Januar 2019, der 71 Meter in ein über 100 Meter tiefes und gerade mal 25 cm breites Loch fiel und starb. Was seinerzeit weniger publik wurde, ist, dass diese nach Greenpeace-Schätzungen über eine Millionen Löcher letztlich eine Folge der Klimakrise sind. (vgl. n.n. 2019).

>> Dürmeier, Franziska (2019): „Spanien: ‚Wir verlieren unwiderruflich die besten Böden'“. in: Süddeutsche Zeitung, 30.6.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/spanien-landwirtschaft-wuesten-desertifikation-wasser-1.4503130 (Abrufdatum 2.12.2019)

>> n.n. (2019): „Junge tot geborgen: Julen stürzte 71 Meter in den Tod – Spaniens Problem mit den ‚Mondscheinlöchern'“. in: Stern, 26.1.2019, online unter https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/julen-stuerzte-71-meter-in-den-tod—spaniens-problem-mit-den-mondscheinloechern-8551864.html (Abrufdatum 2.12.2019)

>> Urban, Thomas (2019): „Klimakrise in Spanien: Leben von den Sünden“. in: Süddeutsche Zeitung, 2.12.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/politik/spanien-klima-klimakonferenz-fridays-for-future-landwirtschaft-1.4705075 (Abrufdatum 2.12.2019)


Nächster Abschnitt:

Fleisch, Fisch & Ernährung

under construction: Es fehlt derzeit noch: Fisch.


Fleisch & Treibhausgase

Jonathan Safran Foer:
„Unser Planet ist ein Tierhaltungsbetrieb.“ (2019, 95 u. 184.)

…und das hat einen enormen Impact auf unsere Biosphäre:

  • „Noch immer stehen 80 Prozent der weltweiten Abholzung in direktem Zusammenhang mit der Landwirtschaft, vor allem betrifft das den Anbau von Futtermitteln.“ (n.n. 2019, 12)
  • „Viehhaltung ist der Hauptgrund für Entwaldung.“ (Foer 2019, 110)
  • „Nutztierhaltung ist verantwortlich für 91% der Rodungen im Amazonas.“ (ebd.,109)
  • „Laut UN-Klimarahmenkonvention stünden Rinder der Welt in Sachen Treibhausgasausstoß an dritter Stelle hinter China und den USA.“ (ebd., 110)


Viehhaltung bzw. Fleischkonsum hat folglich einen massiven Anteil am Klimawandel und am Massenaussterben.

Und hier wird es interessant:
Im Gegensatz zu unserer Mobilität und unserer Energieproduktion könnte man die Ernährung – prinzipiell – schnell und vergleichsweise unkompliziert umstellen. Foer konstatiert:

  • „Unsere Ernährung umzustellen wird nicht ausreichen im die Erde zu retten, aber wir können sie nicht retten, ohne uns anders zu ernähren.“ (Foer 2019, 100)


Der Anteil, der Viehhaltung an den CO2e-Emissionen zugeschrieben wird, wird sehr verschieden beziffert.

  • Doch selbst die Zahl am unteren Ende der Angaben – 14,5% von der UN – verdeutlicht, dass hier extremer Handlungsbedarf besteht (in diesem Sinne auch: Foer 2019, 197).

Details zu dieser Zahl

>> Foer weist darauf hin, dass die ursprüngliche, aus dem Jahre 2006 stammende Zahl der UN-Organisation FAO von 18% von selbiger bald nach Gründung einer „neuen Partnerschaft zwischen der FAO und der [US-]Fleischindustrie“ nach unten, also auf 14,5%, abgesenkt wurde. (2019, 274)

>> FAO = Food and Agriculture Organization of the United Nations = Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen

Die Studie Livestock and Climate Change aus dem Jahre 2009 dimensioniert den durch Nutztierhaltung verursachten Anteil unserer globalen CO2e-Emissionen vollkommen anders.

Sie taxiert diesen Anteil auf

51%.

  • „The key difference between the 18 percent and 51 percent figures is that the latter accounts for how exponential growth in livestock production (now more than 60 billion land animals per year), accompanied by large scale deforestation and forest-burning, have caused a dramatic decline in the earth’s photosynthetic capacity, along with large and accelerating increases in volatilization of soil carbon.“ (Goodland 2012)


Die 14,5 bzw. 18%-FAO-Studie berücksichtigt laut Foer (der sich auf Goodland bezieht) nicht, dass durch die Viehhaltung CO2-Reduktionen verloren gehen, wenn man dort zu einem beträchtlichen Teil Regenwald nachwachsen ließe. (Allgemein darf angenommen werden, dass der Regenwald nicht gerodet worden wäre, sodass es statthaft ist, die entgangenen Reduktionen einzurechnen). Zudem sei Tierzucht am gemessenen Standort (Minnesota) wesentlich effektiver als z.B. im globalen Süden, „wo der Sektor am schnellsten wächst. … Ebenfalls ausgelassen würde die ‚wesentlich höhere Menge an Treibhausgasen‘, die bei der Verarbeitung tierischer Produkte im Vergleich zu pflanzlichen Alternativen entsteht.“ (Foer 2019, 268). Weitere unberücksichtigte Aspekte seien die erforderliche Kühlkette, die Zubereitung und die Entsorgung von Nassmüll bzw. Nebenprodukten, die Nutzung veralteter Zahlen, die Tatsache, dass das sich in 12,5 Jahren abbauende Methan idealerweise nicht auf 100, sondern auf die Klimaschädlichkeit von 20 Jahren gerechnet werde. Auch die Atmung der Nutztiere sei nicht berücksichtigt. Tierische Produkte seien „für menschliches Leben nicht unabdingbar“ – „[G]roße Teile der Menschheit [essen] wenig bis gar keine Tierprodukte…
Kurz:

Im Gegensatz zu den Büffelherden des präkolonialen Amerikas gehört Nutzvieh nicht zum natürlichen Kohlenstoffkreislauf. “ (Foer 2019, 270-271)

Daher sei es sinnvoll, die Rechnung eher entlang der Studie des Worldwatch Institute zu gestalten.


Foer konstatiert, dass „vermutlich keine von den beiden“ Zahlen stimme, halte aber „die höhere für die deutlich überzeugender“. Im Übrigen beziehe sich „[e]in Bericht der UN-Vollversammlung [sowie des Weiteren ein UNESCO-Bericht]… auf die 51 Prozent statt auf die [UN!]-FAO-Einschätzung (ebd. 2019, 274): Nicht mal die UNO selbst glaubt an die FAO-Zahlen.


Zudem stoßen Rinder eben nicht CO2, sondern Methan aus – was die Sache besonders kritisch macht und was dazu beiträgt, dass wir besonders dringend an das Thema Ernährung ranmüssen:

  • „[N]icht alle Treibhausgase sind gleich wichtig[:]… Auf ein Jahrhundert gerechnet hat Methan vierunddreißigmal so viel ‚Treibhauspotenzial‘ (die Fähigkeit Hitze einzuschließen) wie CO2. Auf zwanzig Jahre gerechnet, hat es sechsundachtzigmal mehr…

    Da Methan und Stickoxide kurzfristig sehr viel höhere Treibhausausgaben bedeuten als CO2, müssen sie am dringendsten gestrichen werden. Weil sie hauptsächlich dadurch entstehen, was wir essen, können sie am leichtesten gestrichen werden.“ (Foer 2019, 105-106)

Anmerkung

>> Das UBA rechnet mit dem CO2-Äquivalent (Treibhauspotenzial) von 25 und nicht 34. Aber auch „34“ ist eine gängige, oft genannte Zahl in diesem Zusammenhang (vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels). Die Verweildauer von Methan beträgt 12,5 Jahre – sodass man tatsächlich mit politischen Entscheidungen in den Bereichen Ernährung/Landwirtschaft recht schnell in den Methan-Gehalt der Atmosphäre eingreifen kann. Und: Es macht wenig Sinn die Wirkung von Methan auf 100 Jahre hoch zu rechnen.

Foer verteilt in der Folge gleichermaßen stark Lob und Tadel an Jean Ziegler:

  • „Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, schrieb, es sei ein ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘, einhundert Millionen Tonne Getreide und Mais zu Biokraftstoffen zu verarbeiten, während fast eine Milliarde Menschen auf der Welt an Hunger leiden. Man könnte es als Körperverletzung mit Todesfolge bezeichnen.

  • Er sagte aber kein Wort davon, dass in der Nutztierhaltung jährlich etwa die siebenfache Menge an Getreide und Mais verfüttert wird – genug, um alle hungernden Menschen der Erde zu ernähren -, an Tiere, die von den Wohlhabenden gegessen werden. Dieses Verbrechen können wir als Genozid bezeichnen.

    Es ist also keineswegs so, dass die Massentierhaltung ‚die Welt ernährt‘.

    Die Massentierhaltung lässt die Welt hungern und richtet sie gleichzeitig zugrunde.“ (Foer 2019, 192)

Quellen dieses Abschnitts

>> Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi.

>> Goodland, Robert (2012): „FAO Yields to Meat Industry Pressure on Climate Change“. in: New York Times, 11.7.2012, online unter https://bittman.blogs.nytimes.com/2012/07/11/fao-yields-to-meat-industry-pressure-on-climate-change/ (Abrufdatum 19.10.2019) [paywall]

>> n.n. (2019): „Amazonas: Konsum frisst Regenwälder“. in: Greenpeace Nachrichten 3/19, S. 12



Fleisch & gesunde Ernährung

  • „Es stimmt, dass eine gesunde Ernährung teurer ist als eine ungesunde – etwa 550 $ pro Jahr. Und jeder sollte das Recht auf Zugang zu gesunden,bezahlbaren Lebensmitteln haben. Aber eine gesunde vegetarische Ernährung kostet pro Jahr im Schnitt etwas 750 $ weniger als eine gesunde fleischbasierte Ernährung.“ (Foer 2019, 193)


Foer weist dann noch auf die Kosten hin, die durch Fleisch-beförderte Zivilisationskrankheiten entstehen.

  • „Es ist also nicht elitär, wenn man sich für eine preisgünstigere, gesündere und ökologisch nachhaltigere Ernährungsweise einsetzt.

    Was mir dagegen elitär erscheint:

    Wenn jemand die Existenz von Menschen, die keinen Zugang zu gesunder Nahrung haben, als Ausrede nutzt, nicht zu verändern, statt als Antrieb, um diesen Menschen zu helfen.“ (ebd.)

>> Quelle: Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 193.



Fleisch & Ethik

Ein Gedanke vorweg:

Tierstrafrechtler Jens Bülte:
„Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren – den Aufschrei in der Bevölkerung können Sie sich ausmalen.“ (Theile 2019, 6)


Nutztiere sind zum Sterben da?

  • „Tiere fühlen nicht, Tiere denken nicht, sie haben auch kein Bewusstsein, so [sah die Menschheit es traditionell und so] sehen es viele noch heute…“ (Abé 2019, 29) – und ignorieren bzw. rechtfertigen damit die Massentierhaltung bzw. das Wegschauen (vgl. ebd.)

Da frage ich mich: Wenn das so gesehen wird, warum hält man sich dann so gerne nicht-fühlende, nicht-denkende, bewusstseins-lose Tiere?
Vielleicht hält man sie sich, weil man intuitiv weiß, dass Tiere viel mehr sind als nicht-fühlend und nicht-denkend.
Und: Jede(r) Tierbesitzer*in weist stets auf die besonderen Charaktereigenschaften und die Intelligenz ihres/seines tierischen Lieblings hin.

Auch die Wissenschaft beweist mittlerweile, dass die Intuition von Tierbesitzer*innen nicht trügt:

  • Tiere, das ist die Kernbotschaft, seien dem Menschen näher als lange angenommen. Sie sind soziale Wesen mit vielfältigen Gefühlen und haben sogar eine Art Bewusstsein.“ (Abé 2019, 29)


Den bekannten Marshmallow-Test, dem Kinder so gern unterzogen werden („Hier ist ein Bonbon – wenn Du lieber 2 Bonbons möchtest, musst Du Bonbon Nr. 1 fünf Minuten auf dem Teller liegen lassen“), bestehen auch Schweine:

  • „Binnen Tagen wird sie [ – die Sau ‚Madame‘ – ] in der Lage sein, genau das nicht zu tun. Sie wird ihre Impulse kontrollieren und auf sofortigen Genuss [zugunsten ihrer später servierten Lieblingsspeise] verzichten.“ (ebd. 30)


Unseren Blick auf Nutztiere kann man darüber hinaus in einen größeren Zusammenhang stellen:

  • „Der Ethiker Peter Singer… gebraucht das Wort ‚Speziesismus‚, um den Blick des Menschen auf das Tier zu beschreiben. Er meint seine verzerrte Perspektive zugunsten der eigenen Spezies, nur sie unterliege danach einem moralischen Wertegefüge. Der Philosoph zieht Parallelen zum Sexismus, mit dem eine schlechtere Stellung von Frauen gerechtfertigt wird, sowie zur Rassenlehre des 19. Jahrhunderts, nach deren Logik Schwarzafrikaner versklavt werden durften. Das andere Geschlecht, die andere Rasse, und nun eben die andere Spezies wird als minderwertig betrachtet. Gerechtfertigt werde die Ausbeutung von Tieren mit Verweise auf die Unterschiede zum Menschen. …

    [Doch i]m Grunde sei es irrelevant, wie wenig sich Tiere und Menschen unterscheiden. … Einzig relevant sei, ob es leidet.“ (Abé 2019, 30-31)

Quellen dieses Abschnitts

>> Abé, Nicola (2019): „Wie lebende Maschinen“. in: Der Spiegel, Nr. 33/2019, 10.8.2019, S. 29ff.

>> Theile, Merlin (2019): „‚Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren.‘ Der Strafrechtler Jens Bülte über die unterschiedliche Behandlung von Haus- und Nutztieren sowie fehlende Kontrollen in deutschen Ställen.“ in: Die Zeit, Nr. 12/14.3.2019, S. 6.



Fleisch & Tierhaltung: „Nottötungen“ – wtf ist das?

Nein, das sind nicht alles Einzelfälle.

  • „Jedes fünfte in Deutschland für die Fleischindustrie geborene Schwein erreicht das Schlachtalter gar nicht, weil es erkrankt oder verletzt wird. In Zahlen bedeutet das: Mehr als 13,5 Millionen sogenannter Falltiere werden vorzeitig ’notgetötet'“. (Kwasniewski 2019)


Da stellt sich die Frage, wie so eine „Nottötung“ abläuft.

  • „Schon länger gibt es Hinweise darauf, dass kranke oder verletzte Schweine in der Intensivtierhaltung nicht fachgerecht getötet werden“ (Kwasniewski 2019). Das würde ja auch Geld kosten. Die Sprecherin der Tierrechtsorganisation, Sandra Franz, dazu im Spiegel: „Die betroffenen Tiere sind von vornherein als ‚Verluste‘ einkalkuliert. Da eine Behandlung der Tiere nicht rentabel wäre, werden sie einem langsamen und leidvollen Tod überlassen“ (ebd.). Und die Tierärztin große Beilage kommt in einer Studie über ankommende Tierkadaver in Tierkörperbeseitigungsanlagen zu dem Schluss: „Fast 62 Prozent der von große Beilage kontrollierten Schweinekadaver waren mangelhaft betäubt und/oder getötet worden.“ (ebd.)

  • 300.000 Schweine pro Jahr – das hat nichts mit einzelnen schwarzen Schafen zu tun (vgl. ebd.) – das ist ein systemischer Fehler.


In meiner Wahrnehmung übernimmt man mit jedem Lebewesen in der eigenen Obhut auch die Pflicht, dieses artgerecht zu halten und im Krankheits-/Verletzungsfalle einem Tierarzt vorzustellen. Eine „Nottötung“ kann daher von der Logik der Sache her nur erfolgen, wenn dadurch größeres Leid verhindert wird – aber eben definitiv nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Wie abgestumpft ist unsere Gesellschaft eigentlich, dass es offensichtlich notwendig ist, diese Zeilen zu schreiben?


Frage: Aber warum werden überhaupt so viele Jungtiere krank, noch bevor sie ihr Schlachtgewicht erreichen?

Antwort: Der „Ausschuss“ ist aufgrund der beengten und nicht-artgerechten Haltungsbedingungen derartig hoch.

  • Ein beliebtes und selbstberuhigendes Argument von Fleischliebhaber*innen ist, dass die Haltungsbedingungen schließlich durch Tierärzte und Kontrollbehörden überprüft würden und sie sich somit keine Gedanken machen müssten.

    Ja, so sollte es sein. Ist es aber nicht – und jeder weiß es.

Und jeder weiß, dass jeder es weiß. Das hat System. Das ist verlogen.

Wer hier mitspielt, nach dem Motto: „Was kann ich dafür, wenn Regeln allzu oft nicht eingehalten werden“, handelt angesichts des eigenen Wissens, dass die Regeln systemisch nicht eingehalten werden m.E. verantwortungs- und gewissenlos.


Dazu hält der Spiegel fest:

  • „Die Kontrollen sind mangelhaft, die Veterinärämter so unterbesetzt, dass statistisch gesehen ein Tierhalter in Nordrhein-Westfalen nur rund alle 15 Jahre mit einer Überprüfung rechnen muss. Trotz vieler Verstöße kommt es nur selten zu Strafverfahren – in der Regel stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Geringfügigkeit oder mangels Beweises ein.“ (Kwasniewski 2019)

  • „Im Jahr 2017 waren nach Auskunft der Bundesregierung 562.864 Betriebe in Deutschland tierschutzrechtlich kontrollpflichtig, es gab aber bloß 29.854 Kontrollen, weil auch die Veterinärämter völlig überlastet sind. Die Kontrolldichte lag also bei gut fünf Prozent, in manchen Bundesländern sogar noch darunter.

    In Bayern kommt im Schnitt nur alle 48 Jahre ein Kontrolleur vorbei.“ (Theile 2019, 6)


Wenn eine Vorschrift Kontrollen erfordert bzw. wenn ein Gesetz Kontrollen vorsieht, dann hat der Staat – vollkommen egal in welchem Lebensbereich – dafür zu sorgen, dass entsprechend das erforderliche Personal eingestellt wird und selbige durchgeführt werden. Andernfalls – und insbesondere, wenn jahrelang viel zu wenig Personal da ist – muss von einem bewussten Wegschauen oder zumindest eine bewusste Inkaufnahme des Staates ausgegangen werden. Damit macht sich der Staat zum Komplizen.

Und die/der um diesen Umstand wissende, konventionelles Fleischessende – moralisch gesehen – ebenfalls.

Quellen dieses Abschnitts

>> Kwasniewski, Nicolai (2019): „Warum 13 Millionen Scheine im Müll landen“. in: Der Spiegel, 22.10.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/nottoetungen-in-der-schweinemast-qual-fuer-den-profit-a-1290250.html (Abrufdatum 22.10.2019)

>> Theile, Merlin (2019): „‚Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren.‘ Der Strafrechtler Jens Bülte über die unterschiedliche Behandlung von Haus- und Nutztieren sowie fehlende Kontrollen in deutschen Ställen.“ in: Die Zeit, Nr. 12/14.3.2019, S. 6.


Fleisch & Tierhaltung: Kastration von männlichen Ferkeln

Argumentation von Befürwortern:

  • Betäubungen dürften nur Tierärzte, davon gäbe es zu wenige (Anmerkung der Redaktion: Kostenfaktor!), das Fleisch unkastrierter Eber rieche beim Braten unangenehm, wolle man das vermeiden, müssten die männlichen Schweine früher geschlachtet werden und hätten dann nur 80 statt 120 Kg Schlachtgewicht = Thema Effizienz – und: Schlachtbetriebe seien auf 120 Kg eingerichtet und wollen keine 80-Kg-Schweine (vgl. Ausführungen des Landwirtes Marcus Holtkötter in: Grefe/Theile 2019, 32)

In anderen Worten:
Es wäre ethisch angebracht, männliche Schweine früher zu schlachten. Das ist eine Zeile Gesetzestext. Simpel. Kann gleich morgen erledigt werden.

>> Quelle: Grefe, Christiane und Theile, Merlin (2019): ‚Das ist doch ökologischer Irrsinn‘. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Landwirt Marcus Holtkötter streiten über Gülle im Grundwasser und die Frage, ob es nötig ist, Ferkel zu kastrieren.“ in: Die Zeit Nr. 45/30.10.2019, S. 32.


Fleisch & Tierhaltung: Kastenstand für Muttersauen

Argumentation von Befürwortern. So äußert sich bspw. der Landwirt Marcus Holtkötter:

  • „Die Sau [liegt] nach dem Abferkeln [ – was für ein Wort! – ] bis zu 28 Tage im Kastenstand [und wird] in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt… Aber wenn wir darauf verzichten würden…, würden 30 bis 40 Prozent der Ferkel von ihr erdrückt.“ (Grefe/Theile 2019, 32)


Renate Künast spricht hier von einer „grundsätzlich falschen Tierhaltung“ und hebt darauf ab, dass bei Massentierhaltung „viele Jungtiere sterben.“ (vgl. Abschnitt Nottötungen). Soll heißen: Die Ferkel überleben dann zwar den Kastenstand, „erleben“ aber vielfach nicht ihr Schlachtgewicht. Künast weiter: „Höhere Überlebenschancen bieten Außenklimaställe und Auslauf.“ (Grefe/Theile 2019, 31)

>> Quelle: Grefe, Christiane und Theile, Merlin (2019): ‚Das ist doch ökologischer Irrsinn‘. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Landwirt Marcus Holtkötter streiten über Gülle im Grundwasser und die Frage, ob es nötig ist, Ferkel zu kastrieren.“ in: Die Zeit Nr. 45/30.10.2019, S. 32.


Mein persönliches Fazit lautet: Mit diesem Schweinesystem möchte ich nichts zu tun haben. Ich möchte daran keinen Anteil haben.

Jeder Kauf von Billig-Fleisch stützt das System Massentierhaltung / Tierelend / Regenwald-Abholzung / Verlust von Artenvielfalt / Massenaussterben / Klima-Aufheizung / Trinkwasserverschmutzung / Dumping-Lohn. Rind geht auch Bio nicht nicht wegen CO2. Rind/Lamm/rotes Fleisch/verarbeitetes Fleisch (Wurst&Co) geht nicht wegen (Darm-)Krebsrisiko. Konventionelles Geflügel geht nicht wegen Antibiotikarestistenzen-Risiko.

Bleibt nicht viel.

Es bleibt: Veganismus oder selten frisches, nicht-rotes Biofleisch bzw. Milchprodukte auf der Stufe Bioland/Demeter.



Nächster Abschnitt:

Energie & Zukunft

under construction –


Hinsichtlich der deutschen Energiewende fallen immer wieder zwei komplett verschiedene Wahrnehmungen auf: Im Inland gilt sie als verzögert, ausgebremst und zu guten Teilen gescheitert – im Ausland strömt ihr (und in diesem Zusammenhang auch Angela Merkel) in der Regel deutliche Bewunderung zu. 

Beides ist richtig. In der Tat, Deutschland hier einen das Ausland beeindruckenden Alleingang hingelegt, der aber letztlich nur deshalb so hell nach Außen strahlt, weil „die Anderen“ noch weniger tun.

Und es gilt auch: Wir könnten schon so viel weiter sein.


Ein wesentliches Puzzleteil zur Bewältigung der Klimakrise: Die Energiewende bzw. die massive Nutzung von erneuerbaren (=regenerativen) Energien.

  • Ohne eine tiefgehende Energiewende gibt es keine Klimarettung.

    • Mittlerweile haben allerlei E-Fuels-Visionen Konjunktur (siehe unten) – sie werden als Chance gesehen, das Leben einigermaßen auf dem Komfort-Standard von heute weiterleben zu können. So soll vor allem synthetisches Kerosin aus Ökostrom gewonnen werden sollen. Dafür braucht man richtig viel Energie aus regenerativen Quellen.

      • Wer also realistisch betracht auch mittelfristig noch ab und zu ins Flugzeug steigen können möchte, sollte zum Vorkämpfer erneuerbarer Energien werden.


Ein Zwischengedanke:
„Die Sonnenstrahlung, die die Erde in einem Jahr erreicht, könnte 10.000 Jahre lang den Energiebedarf der gesamten Menschheit decken.“ (Knauer 2009)


Ein Herzstück der Energiewende in Deutschland:

Windkraft.

  • 30.000 Windkrafträder gibt es in Deutschland ‚an Land‘ (vgl. Witsch 2019).
  • „Bis 2030 will die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix von derzeit 38 Prozent auf 65 Prozent erhöhen. Den Großteil davon soll Windenergie schultern.“ (Witsch 2019)

Aber:

  • „Kaum mehr ein Windpark wird gebaut, ohne beklagt zu werden. Über 1000 Bürgerinitiativen in ganz Deutschland engagieren sich mittlerweile gegen den Bau neuer Anlagen – auch vor Gericht.“ (Witsch 2019)

  • Doch ist es so:
    • „Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitut forsa im Auftrag der Fachagentur Wind ergab…: Selbst unter den Bürgern, die in der Nachbarschaft ein Windrad haben, sind drei Viertel damit einverstanden.“ (Pinzler 2019)


  • Die von Altmaier und Seehofer geplante bundesweite Abstandsregel von 1000 Metern zu (Kleinst-)Siedelungen (‚Splittersiedlungen‘) würde nach Ansicht des Greenpeace-Chefs Martin Kaiser die Energiewende beerdigen.

    • Auch der Fraktionschef der Grünen, Anton Hofreiter, bemüht das friedhöfliche Bild und konstatiert, „[d]er Entwurf sei ‚ein weiterer Sargnagel für die Windkraft'“.

    • „‚Mit diesem Gesetz wird die Axt an den Grundpfeiler des Klimaschutzes gelegt‘, sagte WWF-Klimaexperte Michael Schäfer. Zumal die Regeln nicht nur neue, sondern auch bestehende Anlagen träfen. In den nächsten Jahren erreichen Tausende Windräder ihre Altersgrenze. Da viele ältere Anlagen im 1000-Meter-Radius liegen, wäre ihr Ersatz unmöglich.“ (Bauchmüller 2019)

    • Sturm gegen die Abstandsregel formiert sich mittlerweile auch von Seiten des Deutschen Gewerkschaftsbundes DBG, Energieverbandes BDEW, des Windenergieverbandes BWE, des Verbandes Kommunaler Unternehmen VKU, des Maschinenbauverbandes VDMA – und sogar und insbesondere auch von Seiten des Industrieverbandes BDI.

      Sie alle unterschrieben einen Brandbrief, in dem es u.a. heißt:

      „‚Die geplanten Einschränkungen der Windenergie an Land‘ stellten ‚die Realisierbarkeit sämtlicher energie- und klimapolitischer Ziele der Bundesregierung infrage'“. (n.n. 2019a)

  • „Das Umweltbundesamt fürchtet, dass eine Anwendung des Mindestabstands von 1000 Metern die Fläche, auf der nach jetzigem Stand Windräder gebaut werden dürfen, um 20 bis 50 Prozent verkleinert. ‚Ein Zubau an Windenergiekapazität gegenüber dem Status quo ist auf der verbleibenden Fläche faktisch nicht möglich‘, heißt es in einer Untersuchung des Umweltbundesamts.“ (n.n. 2019b)

  • Mit Stand 28.11.2019 wird nun die auch in der GroKo umstrittende Abstandsregel sowie weitere gesetzlich zu regelnde Aspekte des weiteres Ausbaus der erneuerbaren Energien aus dem ansonsten weitgehend fertiggestellten Kohleausstiegsgesetz herausgelöst und in einem eigenen Gesetz zu einem späteren Zeitpunkt verankert. (vgl. n.n. 2019d)



Ein Blick in die Statistik zum Zubau von Windkraft:

2015 = 3700 Megawatt Windleistung neu installiert
2016 = 4600 Megawatt | 2017 = 5300 Megawatt | 2018 = 514 Megawatt (Balser et al. 2019)



Warum wird der Zubau weniger statt mehr, wie angesichts einer umfassenden Energiewende zu erwarten wäre?

  • „2017 [wurde] das System der Vergütungen verändert: Statt fester Zahlungen für jede gelieferte Kilowattstunde sollten Windpark-Projekte nun in Konkurrenz treten. Wer also eine Förderung für sein Windrad wollte, musste bei einer Ausschreibung mitbieten. … [Dieses als kostensenkend beworbene] neue System hatte Nebenwirkungen. Zum einen löste es ein [sog.] Dezemberfieber in der Branche aus, weil möglichst viele noch zu den alten Konditionen bauen wollten – so kam es zu den enormen Zuwächsen der Jahre 2016 und 2017. Die wiederum riefen Windkraft-Gegner auf den Plan – und mit ihnen unzählige Klagen gegen neue Windparks.“ (Balser et al. 2019)

Nein, es ist nicht ideal, eine Windkraftanlage vor das Dorf gestellt zu bekommen.

Hm, andere Dörfer – ganze Landschaften – wurden der Braunkohle geopfert. Manche Menschen leben seit Jahren mit der Ungewissheit, ob ihr Dorf quasi als letzte Zuckung der Braunkohleförderung nicht noch geräumt werden wird. Andere Menschen wiederum wohnen in unmittelbarer Nähe eines Atomkraftwerks und haben auffällig viele Leukämiefälle in der Gegend. Manche Menschen müssen mit einem Zwischen- oder Endlager für Atommüll in der Nachbarschaft ‚leben‘. Andere wiederum finden es wenig lustig, dass die Wände in ihrem Haus tiefe Risse bekommen, weil unter ihrem Haus alte Steinkohle-Stollen zusammensacken. Die Liste könnte weiter fortgesetzt werden mit neuen Flughafenstartbahnen, die quasi an den eigene Grundstücksgrenze stoßen, mit Einflugschneisen-Lärmbelastung, mit stinkenden Klärgruben, Autobahnen-Lärm und -Abgasen, ICE-Trassen etc. pp.

  • Aber ein Windrad? Versehen mit einer reichlich üppigen Abstandsregel?

    • Es müssen ja nicht gleich 1000 Meter zu Splittersiedlungen sein, wie es im Herbst 2019 der Altmeier’sche Gesetzentwurf vorsieht?

    • Windkraftwerke als Todesfalle für Tiere? Michael Diestel, Windkraftbefürworter, hat hier eine deutliche Meinung:

      „Man verweist immer wieder auf das Sterben der Vögel. Aber wenn es hier wirklich um Artenschutz ginge, müssten wir alle Straßen schließen“ (Witsch 2019).

    • Infraschall? Nicht wirklich. (Diskussion s.u.)


  • Windkraft-Verweigerung im Kontext der existenziellen Klimakrise? Vor dem Hintergrund, dass uns der Planet ohne massive Energiewende Feuer unterm Hintern macht? Ist ein Windrad vor den Toren des Dorfes ein zu großes Opfer für die Enkel*innen?


    Da stellt sich die Frage:

    • Worum geht es eigentlich? Um Bevormundung? Um Gerechtigkeit? Um ein „Warum ausgerechnet wir?“

    • Wäre es nicht sinnvoller, dafür zu protestieren, dass das Windrad durch entsprechende Stromtrassen und Zwischenspeicher angemessen in das deutsche Stromnetz eingebunden wird – statt dagegen zu sein, dass es gebaut wird?


But not in my backyard.“
Ist nicht die Frage, wie ich darauf reagiere, wenn mich eine Veränderung direkt betrifft, der ‚Lackmustest‘ (Gradmesser/Prüfstein), wo ich wirklich stehe?
Beispielsweise, – attention, jetzt kommt ein pointiertes Beispiel, wahrhaft aus dem Leben gegriffen -, wenn wir von uns glauben, wir seien tolerant – und dann passt uns die/der neue Partner*in mit Migrationshintergrund unserer Tochter nicht?


Infraschall in Deutschland

Ein Argument gegen Windkraftwerke ist tiefenfrequenter Schall <20Hz, der sog. Infraschall. So berichtet das ZDF, dass „sich aus der Wissenschaft und Medizin die Hinweise [mehren], dass Infraschall die Gesundheit beeinträchtigen kann“ (Hermes 2018). Wer allerdings jemals auch nur eine Nacht in einem Einfamilienhaus unweit einer Hauptverkehrsstraße verbracht hat, weiß, dass auch vorüberdonnernde Lastwagen genau diesen tiefen Schall, den man teilweise nur körperlich spürt, verursachen. So gesehen kann man sagen: Ja, das ist nicht schön, betrifft aber unglaublich viel mehr Menschen, als Nachbar*innen von Windkraftanlagen.

  • Das Ärzteblatt kommentiert: „Windparks erzeugen Infraschall – Meeresrauschen auch.“ (Lenzen-Schulte et al. 2019).

Tatsächlich belegen „Studien mit Placebo-Infraschall die durch negative Erwartungshaltung beeinflussten Symptome … Nocebo-Effekte“ (ebd.): Ein typischer Nocebo-Effekt tritt ein, wenn man bei einem neuen Medikament den Beipackzettel liest und darauf hin meint, die dort beschriebenen Nebenwirkungen zu spüren. Das hier zitierte Ärzteblatt bestätigt auch obige Feststellung des ZDF, weist aber darüber hinaus darauf hin, dass auch Beschäftige im Umfeld von landwirtschaftlichen Maschinen und und Flugzeugen betroffen sind und schließt mit der Feststellung, dass „es dringend epidemiologischer Studien [bedarf], die das [Thema] genauer untersuchen“ (ebd.).


Mir persönlich drängt sich der Eindruck auf, dass Infraschall eigentlich ein Sachverhalt ist, der in unserer immer weiter anthropogen gestalteten Welt bislang überwiegend städtisch wohnende Bundesbürger*innen und nun auch vermehrt Menschen auf dem Land – z.B. durch Windkraftanlagen – betrifft.

Das alte Thema ‚Arbeitsplätze‘:

  • Was z.B. für die Autoindustrie aber auch für die Braunkohle immer und stets hervorgehoben wird und
  • was im Bereich der erneuerbaren Energien immer und stets unter den Tisch fällt sei hier klar und deutlich formuliert:

Die Windkraft-Verweigerung der Bürger*innen und Politiker*innen kostet tausende gerade neu entstandene Arbeitsplätze.

  • Allein das Unternehmen Enercon kündigt im Herbst 2019 an „wegen der schlechten Marktlage bis zu 3000 Stellen abzubauen … Neben Enercon hat auch die Siemens-Tochter Gamesa den Abbau Tausender Arbeitsplätze angekündigt, der Windanlagenbauer Senvion meldete im April Insolvenz an.“ (n.n. 2019c)

… und die Kohlekumpel werden in Watte gehüllt. Der Aufschrei um Arbeitsplatzverluste ist in den Bereichen Kohle und Auto deutlich lauter als bei Sonnen- und Windenergie.

Warum? Neben vielen anderen Gründen wird besonders im Zusammenhang mit der Autoindustrie hervorgehoben, dass das besonders „wertvolle“ Arbeitsplätze seien, weil sie sozialversicherungspflichtig und recht hoch qualifizierte Arbeit böten und dementsprechend dotiert seien. Ja, das wird richtig sein. Das ändert aber nichts daran, dass Arbeitsplätze rund um erneuerbare Energien Zukunftsjobs sind. Und wenn diese nicht so toll bezahlt sind, sich weniger durch Personalräte auszeichnen, weniger sozialversicherungspflichtig sind, mag das angehen – aber es sind zukunftsfähige Arbeitsplätze. Neue Super-Arbeitsplätze à la ‚alte Bundesrepublik‘ wird es oftmals nicht mehr geben, denn es in neuen Branchen entstehen i.d.R. nur noch solche Jobs. Damit haben wir – bis auf Weiteres und vorbehaltlich einer besseren Politik – bedauerlicherweise zu leben.

Natürlich sollten wir um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen. Aber eben um wirklich jeden, egal welcher Branche er zugehörig ist.

Quellen des Abschnitts Windkraft

>> Balser, Markus u. Bauchmüller, Michael (2019): „Windenergie: Der große Blackout“. in: Süddeutsche Zeitung, 8.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/enercon-stellenabbau-krise-windenergie-1.4673755 (Abrufdatum 13.11.2019)

>> Bauchmüller, Michael (2019): „Regierung gefährdet eigene Klimaziele.“ in: Süddeutsche Zeitung, 13.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/windenergie-deutschland-klimaziele-1.4679458 (Abrufdatum 13.11.2019)

>> Hermes, Birgit (2018): „Windkraft in Kritik – Infraschall: Unerhörter Lärm“. in: ZDF heute, 3.11.20178, online unter https://www.zdf.de/nachrichten/heute/infraschall-unerhoerter-laerm-104.html (Abrufdatum 12.11.2019)

>> Knauer, Roland (2009): „Die Kraft der Sonne“. in: Welt, 21.6.2009, online unter https://www.welt.de/wams_print/article3965610/Die-Kraft-der-Sonne.html (Abrufdatum 6.12.2019)

>> Lenzen-Schulte, Martina et al. (2019): „Windenergieanlagen und Infraschall: Der Schall, den man nicht hört“. in: Deutsches Ärzteblatt, online unter https://www.aerzteblatt.de/archiv/205246/Windenergieanlagen-und-Infraschall-Der-Schall-den-man-nicht-hoert (Abrufdatum 12.11.2019)

>> n.n. (2019a): „Windkraftindustrie und Gewerkschaft schreiben Brandbrief an die Regierung“. in: Der Spiegel, 13.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/windkraft-industrie-und-gewerkschaft-schreiben-brandbrief-an-die-regierung-a-1296220.html (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2019b): „1000 Meter Mindestabstand für Windräder – auch zu Mini-Siedlungen“. in: Der Spiegel, 12.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/altmeier-gesetzentwurf-fuer-abstand-bei-windenergie-a-1296118.html (Abrufdatum 12.11.2019)

>> n.n. (2019c): „[Niedersachsens Ministerpräsident Stephan] Weil vor Enercon-Treffen: Möglichst viele Jobs retten.“ in: Die Zeit, 13.11.2019, online unter https://www.zeit.de/news/2019-11/13/weil-vor-enercon-treffen-moeglichst-viele-jobs-retten (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2019d): „Umstrittene 1000-Meter-Regel: Mindestabstand für Windräder kommt in eigenes Gesetz“. in: Der Spiegel, 28.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/windraeder-umstrittene-abstandsregel-kommt-in-eigenes-gesetz-a-1298763.html (Aburfdatum 29.11.2019)

>> Pinzler, Petra (2019): „Die Energiewende-Verzögerer“. in: Die Zeit, 14.11.2019, online unter https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/windenergie-windraeder-umweltschutz-peter-altmeier (Abrufdatum 14.11.2019)

>> Witsch, Kathrin (2019): „Das Problem mit der Windkraft“. in: Handelsblatt, 19.5.2019, online unter https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/erneuerbare-energie-das-problem-mit-der-windkraft/24355964.html?ticket=ST-273502-13etyo42jR7gGPdaKlvc-ap4 (Abrufdatum 12.11.2019)


Ein Blick in einen Teilaspekt der Zukunft:

E-Fuels

Im November 2019 nimmt bei Karlsruhe eine Versuchsanlage für E-Fuels ihren Betrieb auf: Hier werden aus CO2 und Öko-Strom mit einem angestrebten Wirkungsgrad von 60% synthetische Kraftstoffe, wahlweise Benzin, Diesel oder auch Kerosin hergestellt. Man hoffe, innerhalb von zehn Jahren auf industriellem Niveau E-Fuels herstellen zu können. Gelänge dies, könnten

  • existierende Autos und Flugzeuge schlicht weiterhin betrieben werden – Umbauten (in größerem?) Maße nicht erforderlich. 
  • diese Kraftstoffe als Zwischenspeicher bei der Produktion von erneuerbaren Energien eingesetzt werden. Beispielsweise könnte man an einem windreichen Tag einen Teil des Energieertrages in E-Fuels umwandeln, d.h. zwischenspeichern und dann – natürlich mit 40% Verlust, aber immerhin – an einem windarmen Tag via Stromaggregat o.ä. wieder in den das Stromnetz einspeisen.

>> vgl. n.n. (2019): „Testanlage für E-Fuel: So entsteht Treibstoff aus CO2 und Ökostrom.“ in: Der Spiegel, 8.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/karlsruhe-wie-aus-co2-und-oekostrom-biotreibstoff-wird-a-1295212.html (Abrufdatum 8.11.2019)


Redet man über verschiedene Arten, Energie zu erzeugen, werden die Bau- und Rückbaukosten sowie sonstige Folgekosten i.d.R. nicht eingerechnet.

Würden diese Kosten eingerechnet werden – und was sollte dagegen sprechen, es geht ja um die Gesamtkosten, alles andere macht keinen Sinn – dann würde keine Regierung der Welt auf die Idee kommen, ein AKW auch nur zu planen.

Die Baukosten des AKW Stade, 2003 vom Netz gegangen, lagen bei 150 Mio Euro. Bei den Rückbaukosten geht man mit Stand 2017 von 1 Mrd Euro aus (n.n. 2017). Die gleiche Zahl wird auch für den bald beginnenden Rückbau von Brunsbüttel genannt (vgl. n.n. 2019) – insgesamt sind rund 30 AKWs in Deutschland zurückzubauen (vgl. n.n. 2014).

Dadurch, dass diese eine Milliarde Euro pro Kraftwerk nicht in den Strompreis eingerechnet wurde/wird, haben sich also frühere Generationen in einem m.E. unangemessenen Maß auf Kosten der aktuellen/künftigen Generationen bereichert, die die Rückbaukosten tragen.

Von der Kosten und der Sicherung der Entlagerung sowie den Gefahren und mannigfachen Kosten eines möglichen GAUs ist dann noch gar nicht gesprochen worden.

Quellen:

>> n.n. (2014): „Kernkraftwerke in Deutschland“. in: Atom aktuell, 21.2.2014, online unter http://www.atom-aktuell.de/energiewirtschaft/atomkraftwerke-in-deutschland.html (Abrufdatum 25.11.2019)

n.n. (2017): „Stade: AKW-Rückbau dauert länger als geplant“. in: NDR, 19.3.2017, online unter https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Stade-AKW-Rueckbau-dauert-laenger-als-geplant,akwstade166.html (Abrufdatum 25.11.2019)

>> n.n. (2019): „AKW Brunsbüttel wird von innen nach außen abgerissen.“ in: Hamburger Abendblatt, 25.11.2019, S. 14.

Nächster Abschnitt:

Verkehr & Mobilität: Eine klima-notwendige Verkehrswende

Verkehrssektor =

>> „etwa 24% der energiebedingten globalen CO2-Emissionen… 95% davon stammen aus dem Straßenverkehr.“ (Rammler 2017, 70-71)

>> „europaweit fast 30 Prozent der CO2-Emissionen… In Deutschland liegt der Anteil des Verkehrs bei fast 20 Prozent der Emissionen. Rund 95 Prozent davon verursachen Pkw und Lkw.“ (Zimmer 2019)

>> „Ein Drittel aller EU-Klimagase entsteht beim Transport, mehr als in allen anderen Wirtschaftsbereichen.“ (Groll/Primova 2019)

Quellen

> Groll, Stefanie u. Primova, Radostina (2019): „EU-Verkehrspolitik: Wettbewerb mit Infrastruktur“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 45, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 70-71.

> Zimmer, Wiebke (2019): „Die schwere Last Verkehr“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 26, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]


Vorweg:
Zwei Dinge, die die meisten Autofahrer*innen nicht in der Fahrschule gelernt haben, weil diese Regeln zur der Zeit noch nicht existierten:

>> Autofahrer*innen haben laut ständiger Rechtsprechung immer und ausnahmslos 1,5 Meter Abstand von Fahrradfahrer*innen zu halten – selbst wenn das bedeutet, dass sie dann hinter der/dem Radfahrer*in wie hinter einem Landstraßen-Traktor „gefangen“ sind.

>> Die Höchstgeschwindigkeit auf Fahrradstraßen ist 30 km/h.
(Das gilt auch in dem Fall, dass Tempo 30 am Ende einer 30er-Zone aufgehoben wird, die in eine Fahrradstraße mündet – das ist lediglich eine Falle des deutschen Schilderwaldes.)

In diesem Sinne liegt es nahe, beispielsweise alle fünf Jahre, eine Update- und Auffrisch-Veranstaltung für Führerscheinbesitzer*innen verpflichtend einzuführen – so wie es m.E. ebenfalls sinnvoll wäre, selbiges prinzipiell für Erstehilfe-Kurse aufzulegen.


Von der „autogerechten Stadt“ zur „lebenswerten Stadt“, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Wir sind Bewegungstiere – keine Sitztiere.


Der IST-Zustand
Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Flächenverbrauch“

Derzeitige Aufteilung des ‚ruhenden‘ öffentlichen Raums:

  • 2% = Radabstellflächen | 3% = ruhender öffentlicher Verkehr (Haltestellen u. Bahnhöfe) | 3% = ruhender Fußgängerverkehr (Straßencafés, Parkbänke etc.) >> Summe: 8%
  • 92% = Parkplätze für Autos (1 parkendes Auto benötigt etwa 12 qm Fläche)

und:

  • Autos stehen 23 Stunden still – oftmals im öffentlichen Raum.

  • Pro Tag benötigen Autofahrer*innen 2-5 Stellplätze.

  • Man geht davon aus, „dass über 30 Prozent des innerstädtischen Straßenverkehrs durch Parksuchverkehre verursacht wird.“

    • Bezogen auf die EU-15 werden hinsichtlich des Parkens im öffentlichen Raum „nur 23 Prozent der Kosten durch die Benutzer ausgeglichen …, während die verbleibenden 77 Prozent der Kosten von der öffentlichen Hand getragen werden… Alle Stadtbewohner, ob Autobesitzer oder nicht, zahlen für das Privileg des Parkens im öffentlichen Raum“
      (Alle Zahlen und Zitate: Rammler 2017, 60 u. 62).


Da bleibt letztlich nur eine Folgerung, wie sie z.B. der Verkehrsplaner Georg Dunkel formuliert:

„Wir müssen den öffentlichen Raum neu denken“ (Bartsch et al. 2019, 15).

Hier kommt der Begriff der Flächengerechtigkeit ins Spiel.

Amsterdam:
„Platzbedarf von Verkehrsmitteln … in Bewegung, in Quadratmetern pro Person„:

> Auto in Betrieb mit einer Person bei 50 km/h = 140 Quadratmeter
> Straßenbahn mit 50 Passagieren = 7 Quadratmeter
> Rad mit 15 km/h = 5 Quadratmeter
> Fußgänger laufend = 2 Quadratmeter (Drewes 2019, 12)

  • In Berlin nehmen parkende Autos 19%, fahrende Autos 39% und Fahrräder 3% der Verkehrsflächen ein. Der Anteil an zurückgelegten Wege beträgt aber 30% bzw. 13%.

    „Wäre die Straßengestaltung ‚flächengerecht‘, müssten die Radwegflächen mehr als vervierfacht werden.“ (ebd. 13)

Quellen dieses Abschnitts

> Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 15.

> Drewes, Sabine (2019): „Urbaner Raum: Von der autogerechten zur lebenswerten Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 12, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 60 u. 62.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Verkehrsopfer inkl. Luftverschmutzung“

Direkte Opfer des MIV [, d.h. des Motorisierten Indiviualverkehrs]

  • Etwa 3000 Menschen sterben in Deutschland jährlich im Straßenverkehr (vgl. Rammler 2017, 25).
  • 2017 = 3180 Menschen (Reek 2019)

Dass es 1970 (keine Gurtpflicht, andere Promillegrenzen etc.) noch 21.332 Verkehrstote waren, macht die Sache nicht besser (vgl. Reek 2019):

Jede(r) tote Verkehrsteilnehmer*in ist eine(r) zu viel.

Und das ist nicht nur so eine dahingesagte, leere Formel:

Vision Zero ist kein bloßer Wunsch, sondern angesichts der heutigen Machbarkeit ein Anspruch und eine Forderung, hinter dem/der wir nicht zurückbleiben sollten.

Statt dessen sieht es derzeit so aus:

  • In den Städten werden pro Jahr rund 250.000 Personen verletzt, davon 35.000 schwer; zwei Drittel der Unfälle werden mit einem Pkw verursacht. Besonders betroffen ist dort, wer zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist.“ (Müller-Görnert 2019, 29)
  • „Laut statistischem Bundesamt waren im vergangen Jahr [2018] gut 50.000 Radfahrer in Unfälle mit Autos verwickelt. Nach Hochrechnungen der Unfallforschung der Versicherer (UDV) für unsere Redaktion auf Basis ihrer eigenen Unfalldatenbank gingen davon rund 3.500 Unfälle auf plötzlich geöffnete Autotüren zurück, das sogenannte Dooring. Dabei gab es rund 700 Schwerverletzte. Zahlen zu Todesopfern gibt es nicht, aber immer wieder Berichte darüber.“ (Schulte 2019, 22)


Die Hamburger Polizei hat 2017 in einer Plakataktion herausgestellt:

1 Toter = 113 Opfer

  • „Wenn ein Mensch bei einem Verkehrsunfall stirbt, sind durchschnittlich 11 Familienangehörige, 4 enge Freunde, 56 Freunde und Bekannte nachhaltig betroffen sowie 42 Einsatzkräfte wie Rettungssanitäter, Feuerwehrkräfte oder Polizisten mit diesem schweren Schicksal konfrontiert.“

3180×113 = 359.340 zzgl. Schwerverletzte, die versehrt bleiben, vielleicht sogar berufsunfähig sind, und deren Familienangehörige, etc. pp.

Das sind eine Menge Schicksale.


Im Koalitionsvertrag von SPD und CDU/CSU steht, dass sich die Parteien „der ‚Vision Zero‘, also der mittelfristigen Senkung der Anzahl der Verkehrstoten auf null… verpflichtet“ (n.n. 2018) sehen.

Ich für meinen Teil vermag hier bislang keinerlei Bewegung in der Koalition zu erkennen.

Quellen dieses Abschnitts

>> Müller-Görnert, Michael (2019): „Gesundheit: Atemlos in der Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 29. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2018): Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 19. Legislaturperiode, Ziffer 3641, S. 79, online unter https://www.cdu.de/system/tdf/media/dokumente/koalitionsvertrag_2018.pdf?file=1 (Abrufdatum 20.11.2019)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 25.

>> Reek, Felix (2019): „Fakten zum Tempolimit“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/auf-der-autobahn-fakten-zum-tempolimit-1.4667211 (Abrufdatum 12.11.2019)

>> Schulte, Stefan (2019): „Und plötzlich geht die Tür auf“. in: Hamburger Abendblatt, 29.11.2019, S. 22


Indirekte Opfer des motorisierten Indivudualverkehrs (MIV)

„Jeder Mensch atmet täglich etwa 10.000 Liter ein.“ (Müller-Görnert 2019, 28)

Von der „Vision Zero“ sind wir derzeit weit weg – zumal zu den direkten Verkehrsopfern noch wesentlich mehr indirekte Verkehrsopfer hinzukommen:

  • In Europa starben „2016 rund 400.000 Menschen vorzeitig“ (Charisius 2019) aufgrund von Luftverschmutzung. In ‚verlorenen Lebensjahren‘ gerechnet bedeutet dass 4,2 Mio Lebensjahre wegen Feinstaub, 707.000 Lebensjahre wegen Stickstoffdioxid und aufgrund der Ozonbelastung 160.000 Lebensjahre.

    • „Verkehr, Energieerzeugung und Landwirtschaft sowie die Industrie sind die wesentlichen Quellen des Drecks in der Luft. Wobei insbesondere die Belastung durch Verkehr und Landwirtschaft nahezu konstant geblieben ist, während sie in den anderen Bereichen zurückgegangen ist.“ (ebd.)

  • „Im Jahr 2016 trug … die Feinstaubbelastung zu über 44.800 frühzeitigen Todesfällen in der Bundesrepublik bei, 8.000 davon seien auf die Verbrennung von Kohle zurückzuführen.
    Insgesamt habe die Luftverschmutzung 2016 weltweit zu 7 Millionen Todesfällen geführt, 2,9 Millionen davon habe Feinstaub verursacht.“ (n.n. 2019)

  • Abweichende Zahl: Heute geht man allein bei Feinstäuben von 74.300 Todesfällen pro Jahr in Deutschland aus (vgl. Drieschner 2017).

  • „In Deutschland sind allein 13.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr auf Feinstaub und Ozon aus dem Verkehr zurückzuführen. Aufgrund von Stickoxidemissionen im Straßenverkehr sterben weitere rund 2.500 Menschen vorzeitig.“ (Müller-Görnert 2019, 28)

  • „In den Industrienationen erkrankt bereits jedes zehnte Kind an Asthma.“ (ebd.)


Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, bemerkte 2016:

  • „2500 Menschen sterben jährlich in Paris an den Folgen der Luftverschmutzung. … Der Verkehr generiert zwei Drittel der CO2-Emissionen und 56 Prozent der Belastungen durch Feinstaub.“ (Simons 2016)


Hinter derartigen Todeszahlen stehen selbstredend ungleich höhere Erkrankungszahlen:

Der Pneumologe Christian Witt von der Berliner Charité wies bereits 2005 (!) darauf hin, dass

  • „bundesweit 60 000 Bürger im Jahr früher sterben wegen erhöhter Schadstoffbelastung in der Luft“ (n.n. 2005).
Zahlen: Mobilitätsatlas 2019, 28, Bartz/Stockmar, cc by 4.0


So mutet es nicht verwunderlich an, wenn Ärzte davon abraten, sich länger an großstädtische Hauptverkehrsstraßen aufzuhalten:

  • „Viele Lungenfachärzte fragen ihre Patienten inzwischen, wo sie wohnen, und raten gegebenenfalls zu einem Umzug in eine weniger belastete Umgebung…“ (n.n. 2018)

äußert sich Witt, der zudem Patienten empfiehlt

  • „längere Spaziergänge entlang mehrspuriger, vielbefahrener Straßen wie etwa der Frankfurter Allee in Berlin [zu] vermeiden.“ (Maier 2017)


Auch komplett gesunden Menschen sollten sich in dieser Hinsicht nicht in Sicherheit wiegen:

  • So findet sich ein Hinweis, dass mittlerweile sogar gesunde Menschen lieber nicht mehr in ihrer eigenen Stadt längere Zeit in der Nähe von großen Straßen ihre Lungen benutzen sollten, in einer britischen Studie, der zu Folge zweistündige Spaziergänge an Hauptverkehrsstraßen selbst bei gesunden Menschen erhebliche negative Effekte auf den Puls und die Lungenfunktion haben (vgl. Koch 2018).
  • Die schlechte Luftqualität beeinträchtigt übrigens nicht nur Anwohner*innen, Fußgänger*innen und Radfahrer*innen, sondern auch „die Autofahrer selbst, die sich über ihre Belüftungsanlagen selbst vergiften…“ (Rammler 2017, 67).

Zahlen: Mobilitätsatlas 2019, 29, Bartz/Stockmar, cc by 4.0

Man kann sogar sagen, dass es insbesondere Autofahrer*innen durch Abgase beeinträchtigt werden:

  • „In einem Test hat die Autobild-Redaktion [im Innenraum von Autos] Spitzenwerte von 500 Mikrogramm Stickstoffoxid pro Kubikmeter Luft gemessen. Die EU schreibt Grenzwerte von 40 Mikrogramm im Jahresmittel vor. Spitzenwerte dürfen höchstens 18-mal pro Jahr über 200 Mikrogramm steigen“ (Zepp 2018, 15).

Details
  • Diese „Grenzwerte der EU orientieren sich an den WHO-Empfehlungen, wobei diese teilweise noch niedriger liegen. Die EU-Grenzwerte sind also Mindeststandards“ (Albrecht 2018, 17).

In der Tat:

  • „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 2005 höchstens zehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Und sogar das scheint zu hoch, wie eine neue Beobachtungsstudie aus den USA zeigt: Selbst unterhalb der WHO-Empfehlung nimmt die Sterblichkeit mit der Dosis zu“ (Heißmann 2017).

Eine gute Nachricht für Menschen, die der Bequemlichkeitsfalle bereits entkommen sind – ist:

  • „Fährt man die gleiche Strecke mit dem Auto oder dem Rad, ist die Lungenfunktion bei Autofahrern schlechter. Der Trainingseffekt des Radfahrens überwiegt anscheinend den Negativeffekt der Luftbelastung um ein Mehrfaches.“ (Heißmann 2017)

Anmerkung: Für längere Radfahrten entlang der Neckartore und der Frankfurter-Max-Brauer-Landshuter-Allee-SUV-Einfallschneisen habe ich mir inzwischen eine extra für Radfahrer entwickelte Atemmaske mit Kohleaktivfilter besorgt. In der Hoffnung, sie bald nicht mehr zu benötigen.

Bei alledem wurden Krankheiten, die durch die Lärmbelastung durch Straßenverkehr entstehen können, noch gar nicht erwähnt:

  • „Laut einer Umfrage des Umweltbundesamts fühlen sich in Deutschland drei Viertel aller Bürgerinnen und Bürger in ihrem Wohnumfeld durch den Straßenverkehrslärm belästigt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Beschwerden bis hin zu Depressionen können Folgen dieser dauerhaften Belastung sein. Bei Kindern kann sie die Sprachentwicklung und die mentale Leistungsfähigkeit beeinträchtigen“ (Müller-Görnert 2019, 28).

Quellen dieses Abschnitts

>> Albrecht, Tim (2018): „‚Die meisten sind Betroffene’“. [(Michael Müller-Görnert im Interview mit Tim Albrecht]. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018, S. 17.

>> Charisius, Hanno (2019): „Europäische Umweltagentur: 400 000 Europäer sterben durch Luftverschmutzung“. in: Süddeutsche Zeitung, 16.10.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/luftverschmutzung-feinstaub-stickoxid-1.4642746 (Abrufdatum 18.10.2019)

>> Drieschner, Frank (2017): „Verkehrsopfer. Die ungezählten Toten“. in: Die Zeit, 16.8.2017, online: https://www.zeit.de/2017/34/verkehrsopfer-strassenverkehr-unfaelle-abgas-laerm/komplettansicht?print (Abrufdatum 29.04.2018)

>> Heißmann, Nicole (2017): „Diesel-Abgase: ‚Wir in Europa leisten uns ziemlich hohe Grenzwerte’“. [Annette Peters im Interview mit Nicole Heißmann]. in: Der Stern, 33/2017. online: https://www.stern.de/gesundheit/diesel-abgase–grenzwerte-fuer-stickoxide-und-feinstaub-zu-hoch-7569076.html (Abrufdatum 28.04.2018)

>> Koch, Werner (2018): „Schädigt Sport an verkehrsreicher Straße Lunge und Herz?“. in: Gesundheitsbrief April 2018. online: https://praxiskoch.de/2018/04/17/eucell-gesundheitsbrief-april-2018-2/ (Abrufdatum 28.04.2018)

>> Maier, Jutta (2017): „Charité-Arzt warnt vor Diesel: ‚Kranke werden kränker’“ in: bizz energy. Das Wirtschaftsmagazin für die Energiezukunft, 2.8.2017. online: https://bizz-energy.com/charit%C3%A9_arzt_warnt_vor_diesel_%E2%80%9Ekranke_werden_kraenker%E2%80%9C (Abrufdatum 28.04.2018)

>> Müller-Görnert, Michael (2019): „Gesundheit: Atemlos in der Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 28. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2005): „Fast 2500 Berliner sterben jährlich an schlechter Luft“ in: Die Welt, 11.3.2005, online: https://www.welt.de/print-welt/article557514/Fast-2500-Berliner-sterben-jaehrlich-an-schlechter-Luft.html (Abrufdatum 28.04.2018)

>> n.n. (2018): „Lungenärzte für mehr Anstrengungen gegen Luftverschmutzung“. [dpa-infocom-Meldung]. in: mod.de. online: https://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1682365/ (Abrufdatum 28.04.2018)

>> n.n. (2019): „Erderwärmung wirkt sich auf die Gesundheit aus“. in: Die Zeit, 14.11.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-11/klimawandel-erderwaermung-auswirkungen-gesundheit-studie-the-lancet (Abrufdatum 14.11.2019)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer.

>> Simons, Stefan (2016): „Pariser Schnellstraße wird zur Flaniermeile: Ewiger Sommer an der Seine“. in: Der Spiegel, 27.9.2016, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/paris-autos-muessen-raus-schnellstrasse-wird-zur-flaniermeile-a-1114133.html (Abrufdatum 8.11.2019) [Ähnliches gilt für Berlin, s.a. Quelle n.n. 2005]

>> Zepp, Valeska (2018): „Sorgenfrei durchatmen. Atemmasken für Radfahrerinnen und Fußgänger sind keine Lösung […]“. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018, S. 15.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Immer mehr Autos auf den Straßen in Deutschland“

Ein Zwischengedanke:

„Wir richten uns ein mit dem täglichen Tod auf den Straßen, dem zermürbenden Lärm bei Tag und Nacht, der Zerstörung von Landschaft und Natur.“

Oberstadtdirektor Neuffer, Hannover, 1972, zitiert nach Rammler 2017, 21

Menschen sind nicht rational:

  • „[E]twa achtzig Prozent der Bundesbürger [wünschen] sich weniger Autos, sauberere und leisere Städte… [G]leichzeitig [steigt] aber das PS-Niveau der Neuwagen und die Zulassungsquote von SUVs stetig [an]“ (Rammler 2017, 25).


Zu bedenken ist:

  • „‚Frankfurt ist in den vergangenen zehn Jahren um 100.000 Menschen gewachsen – und die sind nicht alleine gekommen, sondern haben 50.000 Autos mitgebracht'“ (Verkehrsdezernent Klaus Oesterling in Bartsch et al., 2019, 18).


Der Verkehrsplaner Georg Dunkel analysiert für München den stetigen Zuzug von Menschen und das Pendlerverhalten:

  • „Wenn alle Verkehrsteilnehmer ihre Gewohnheiten beibehalten,… werde es in den Landeshauptstadt im Jahre 2030 keine Rushhour mehr geben, also keine ‚ausgeprägten Stauspitzen‘ am Morgen und am frühen Abend. [Georg] Dunkel hat dazu eine Grafik entworfen, statt Amplituden weist sie eine flache Linie aus, die ‚Dauer-Hauptverkehrszeit‘ mit nahezu 100-prozentiger Auslastung der Straßenkapazität von 6 Uhr bis 21 Uhr. Ein Verkehrsinfarkt“ (Bartsch et al. 2019, 15).


Das Platzproblem ist rechnerisch gesehen leicht zu lösen:

  • „Um von zu Hause mit dem Auto in die Stadt zu fahren, nutzen 75 Menschen 50 PKW.
    Sie könnten auch alle mit einem Bus fahren“ (n.n. 2018).


Wenn wir in Deutschland vom typischen Autofahrer sprechen, meinen wir statistisch gesehen Männer:

Zurückgelegte Entfernung pro Tag, durchschnittlich:
Frauen = 33 Km | Männer = 46 km

  • „Während Männer und Frauen etwa gleich viel den öffentlichen Verkehr nutzen, ist der Unterschied beim Auto frappierend. Am Steuer sitzen mehrheitlich Männer. Die Carsharing-Quote bei Männern liegt bei 62 Prozent. Carsharing an sich macht nur einen Bruchteil des Pkw-Aufkommens aus. Aber damit könnte die zunehmende Popularität des Zweitwagens gebremst werden, den gerade Frauen nutzen – die aber weniger unterwegs sind und nun eine Alternative haben. Insgesamt dürfen Straßen mit viel Autoverkehr daher als männlich dominiert gelten.“ (Krüger 2019, 41)

Kaum jemand denkt über diesen Gender-Aspekt nach – sollten wir aber, denn das bedeutet nicht weniger als:

  • „Die autogerechte Stadt ist somit auch nicht gendergerecht. Eine Verkehrs- und Stadtpolitik ‚für alle‘ macht die Verkehrsmittel attraktiver, die vor allem von Frauen, Kindern und älteren Menschen genutzt werden. Ziel ist, dass sich alle auf den Fuß- und Radwegen sowie den Überwegen gefahrlos bewegen können. Der öffentliche Raum, die Straßen, die Plätze und die öffentlichen Verkehrsmittel müssen so gestaltet sein, dass sich dort nicht nur ‚die Starken‘ wohl und sicher fühlen“ (ebd.)

Quellen dieses Abschnitts

>> Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 15.

>> Krüger, Anja (2019): „Inklusion: Fortkommen für Alle“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 41. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2018): [ohne Titel]. in: Fairkehr, Magazin des VCD 5/2018, S. 16.

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 25, bezieht sich auf eine Studie des UBA.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Immer größere Autos auf den Straßen in Deutschland“

  • ARD-Tagesschau, 2. April 1998:
    „Umweltministerin Merkel vertraut bei der Senkung des deutschen CO2-Ausstoßes auf die Einführung des 3-Liter-Autos und freiwillige Kooperation der Autohersteller. Die Firmen wüssten, dass sonst härtere Maßnahmen auf sie zukommen“ (n.n. 1998).

Da ist sie wieder, die „Merkel’sche Freiwillige Selbstverpflichtung“ – m.E. ein anderes Wort für Bürgerberuhigungspille, damit „die Wirtschaft“ nicht beim Geldeinsammeln gestört wird. Und wie wunderbar das funktioniert, sehen wir hier:

Im August 2000 meldete der Spiegel:

  • „Alle Welt redet vom 3-Liter-Auto, doch Ingenieure verrenken Kopf und Schraubenschlüssel und pumpen kleine Autos mit immer mehr Leistung voll“ (n.n. 2000).

Der Trend zu Autos mit immer mehr Leistung: Da Geländewagen in Deutschland außer für Förster*innen & Co zweifellos genau wie SUVs als SuperUnnützesVehikel (Hartmann 2019) gelten dürfen, und Geländewagen in dieser Perspektive sozusagen SUVs+++ sind, sind die Segmente SUV und Geländewagen in den folgenden Graphiken addiert:

Neuzulassungen in Deutschland
Anteil von SUV/Geländewagen in % –
derzeit also 1/3 aller Neuzulassungen
(Quelle: Eigene Darstellung, basiert auf den Zahlen aus n.n. 2019a)
Neuzulassungen in Deutschland
SUV/Geländewagen in absoluten Zahlen
(Eigene Darstellung, basiert auf Zahlen aus n.n. 2019b)

>> Anmerkung: 2008/09 flachte der Zuwachs etwas ab: Die globale Finanzkrise hinterließ kurzfristig ihre Spuren, dann kam 2009 die fünf Milliarden Euro schwere Umweltprämie (Abwrackprämie), vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Umweltpr%C3%A4mie (Abrufdatum 7.11.2019)

  • Derweil liegt der Anteil von SUVs/Geländewagen, die derzeit tatsächlich auf den Straßen in Deutschland unterwegs sind, bei etwa 12% – mit stark steigender Tendenz:

    2003 = 1,7% | 2006 = 2,2% | 2009 = 2,9% | 2012 = 4,8% | 2015 = 7,2% | 2018 = 11,8%

    >> jährliche Zuwachsrate etwa 8 bis 10% (n.n. 2019b und n.n. 2019c)


    Motorleistung von Neuzulassungen (Durchschnitt)
    2008 = 96,4 kW | 2015 105,7 kW
  • „Dies[e gestiegende Motorleistung von Neuzulassungen] führte zu einem Mehrverbrauch von 3,7 Milliarden Litern Kraftstoff und zu 9,3 Millionen Tonnen CO2-Emissionen. … Der Mehrverbrauch geht dabei vor allem auf den Bereich der Sport Utility Vehicles (SUV) und Geländewagen zurück, dem Segment mit höchster Motorleistung und Verbrauch“ (Rammler 2017, 64)

>> Anmerkung: Rammler hebt zudem hervor, dass auch ’normale‘ Diesel-Pkw zu einem Mehrverbrauch von Kraftstoff beigetragen haben, weil hier bei den Neuzulassungen ebenfalls besonders leistungsstarke Motoren beliebt sind.

Quellen dieses Abschnitts

>> Hartmann, Anni (2019): „Die Anstalt“. [Bonmot von Anni Hartmann], Sendung vom 1.10.2019, ZDF, online unter https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-1-oktober-2019-100.html (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (1998): „Benzin-Diskussion“. [Meldung der Tagesschau], ARD, https://twitter.com/tagesschauvor20/status/980879766181081089?lang=de (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2000): „Die Rückkehr der GTI-Generation“. in: Der Spiegel, 8.8.2000, online unter https://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/giftzwerge-die-rueckkehr-der-gti-generation-a-88246.html (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2019a): „Liste der Neuzulassungen bon Personenkraftwagen in Deutschland nach Segmenten und Modellreihen“. in: wikipedia.de, online unter https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Neuzulassungen_von_Personenkraftwagen_in_Deutschland_nach_Segmenten_und_Modellreihen (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2019b): „Liste des Bestandes an Personenkraftwagen in Deutschland nach Segmenten und Modellreihen“. in: wikipedia.de, online unter https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_des_Bestandes_an_Personenkraftwagen_in_Deutschland_nach_Segmenten_und_Modellreihen (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2019c): „Bestand nach Segmenten und Modellreihen (FZ 12)“. in: Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), online unter https://www.kba.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Statistik/Fahrzeuge/FZ/2019/fz12_2019_xlsx.xlsx?__blob=publicationFile&v=4 (Abrufdatum 7.11.2019)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 64.

Thema ‚Pendler*innen'“>


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Pendler*innen“

München 2011>>2018 = +21% Pendler*innen || Frankfurt =+23% (vgl. Bartsch et al. 2019, 15)

  • „Aus Hamburg fahren täglich 140.000 Menschen zur Arbeit heraus und 340.000 hinein.“ (Bartsch et al, 2019, 15.)
  • „Und selbst die, deren Arbeitsweg kürzer als drei Kilometer ist, fahren zu 40 Prozent mit dem eigenen Pkw.“ (ebd.)

Ein großer Teil des städtischen Autoverkehrs wird durch PendlerInnen verursacht. Dazu stellt der Verkehrsexperte Philipp Kosok fest:

  • „Die Menschen, die in den Innenstädten unter Stickoxiden leiden, sind selten die Verursacher der schmutzigen Luft. Es sind die Pendler, die täglich 20, 30 oder 50 Kilometer zur Arbeit in das Stadtzentrum fahren, denen man Alternativen zur Fahrt mit einem Auto anbieten muss“ (Kühne 2018, 19)

Und:

  • „[A]llen… Fachleuten ist klar: Solange es preiswerter ist, das Auto in der Innenstadt zu parken, als den Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bestreiten, fehlt der ökonomische Anreiz, aufs Auto zu verzichten.“ (ebd. 18)

Quellen dieses Abschnitts

>> Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019

>> Kühne, Benjamin (2018): „Fünf Städte für eine saubere Luft“. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Tempolimit“

Im Unterschied zu vielen anderen Maßnahmen rund um den Klimaschutz ist ein Tempolimit eine extrem einfache und schnelle Maßnahme quasi zum Nulltarif.

  • Eine knappe Mehrheit der Bundesbürger*innen ist für ein Tempolimit (vgl. Reek 2019).
  • „Die Anzahl der tödlich Verunglückten ist auf Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung zwischen 2011 und 2016 deutlich höher“ (ebd.)

Es mag sein, dass die Umwelteffekte und die allgemeine Erhöhung der Sicherheit nicht umwerfend sind.
Gleichwohl sind diese Effekte aber vorhanden – wie erwähnt: jedes vermiedene Opfer zählt.

>> vgl. dazu den umfassenden Faktencheck Tempolimit der SZ:
Reek, Felix (2019): „Fakten zum Tempolimit“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/auf-der-autobahn-fakten-zum-tempolimit-1.4667211 (Abrufdatum 12.11.2019)

Darüber hinaus finde ich den Gedanken, dass wir Deutschen uns vielleicht auf diese Weise eine Scheibe vom tempolimitierten Verkehrs-Entspannungsland Nr. 1 – Dänemark – abschneiden, um den Preis, dass die paar Schnellfahrer*innen nun künftig 20 Minuten später an ihrem Ziel ankommen, sehr spannend. Das täte uns: gut.

Update 13.11.2019:
Die Regierung der Niederlande beschließt, was in Deutschland undenkbar erscheint, und verschärft zur Vermeidung von Stickoxiden das ohnehin bestehende Tempolimit auf 100 km/h auf Autobahnen zwischen 6 und 19 Uhr; nachts bleibt es wie bisher bei 130 km/h (vgl. n.n. 2019a).

Cem Özdemir (Grüne) dazu:

  • „Es ist schon bemerkenswert, dass in den Niederlanden ausgerechnet die regierende Schwesterpartei der FDP nun ein Tempolimit 100 auf den Autobahnen eingeführt hat. Hierzulande kann man noch nicht einmal über eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h sprechen, ohne dass die FDP Schnappatmung bekommt. Dabei wäre das nicht nur Klimaschutz zum Nulltarif, sondern würde auch unsere Straßen deutlich sicherer machen“ (n.n. 2019b).

Tempolimits für Autos auf Autobahnen in anderen Ländern:

Belgien = 120 km/h | Dänemark = 130 | Finnland = 120 | Frankreich = 130 | Großbritannien = 112 | Italien = 130 | Niederlande = 100 | Österreich = 130 | Portugal = 120 | Schweden = 120 | Schweiz = 120 | Spanien = 120 | Türkei = 120 | (vgl. n.n. 2019c)

Auf den Farörinseln gibt es kein Tempolimit auf Autobahnen (ebd.).


Weitere Tempo-Beschränkungen:

  • „Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten würde den Lärm um rund drei Dezibel reduzieren. Im Vergleich zu Tempo 50 nimmt dies das menschliche Ohr so wahr, als wäre nur die Hälfte des Verkehrs auf der Straße. Gleichzeitig sinkt die Emission von Schadstoffen“ (Müller-Görnert 2019).

Was wäre das für ein ungeheurer Gewinn für alle gestressten Stadtbewohner*innen – und das, ohne auch nur ein Auto von der Straße zu verbannen.

Quellen dieses Abschnitts

>> Müller-Görnert, Michael (2019): „Gesundheit: Atemlos in der Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 29. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2019a): „Umweltschutz: Niederlande beschließen Tempo 100 auf Autobahnen“. in: Der Spiegel, 13.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/tempolimit-niederlande-senken-hoechstgeschwindigkeit-auf-100-km-h-a-1296236.html (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2019b): „Hofreiter pocht auf Tempolimit auf deutschen Autobahnen“. in: Die Zeit, 14.11.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-11/klimaschutz-anton-hofreiter-gruene-tempolimit-autobahnen-deutschland (Abrufdatum 14.11.2019)

>> n.n. (2019c): „Geschwindigkeitsbegrenzung Tempolimit in Europa und Deutschland“. in: Kfz-Auskunft.de, online unter https://www.kfz-auskunft.de/reisen/tempolimits.php (Abrufdatum 14.11.2019)

>> Reek, Felix (2019): „Fakten zum Tempolimit“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/auf-der-autobahn-fakten-zum-tempolimit-1.4667211 (Abrufdatum 12.11.2019)


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Rechtsabbieger-Unfälle“

Unfälle von Menschen mit Fahrzeugen >3,5t (2018):

Fußgänger*innen: 242 lv | 148 sv | 54 getötet
Radfahrer*innen: 752 lv | 286 sv | 52 getötet

(lv = leichtverletzt | sv = schwerverletzt) [Zahlen UDV, zitiert nach Kunkel 2019)


mögliche Maßnahmen:

  • Lkw dürfen nur noch im Schritttempo rechts abbiegen (so vorgesehen in Scheuers Vorhaben)

  • Eine schnelle, kostengünstige Übergangs- oder Teillösung des Problems: Das Anbringen von sog. Trixi-Spiegeln, die der/m LKW-Fahrer*in Einsicht in den Straßenbereich ermöglichen, die sonst durch den toten Winkel bedingt nicht einsehbar sind.

  • Eine einfache Lösung: Rückverlegung des Haltestreifens von Pkw/Lkw um einige Meter, sodass Radfahrer*innen und auch Fußgänger*innen nicht mehr im ruhenden Verkehr im toten Winkel stehen, zumal sie durch eine entsprechende Ampelschaltung etwas früher grün bekommen könnten (und ja auch oftmals schon bekommen), sodass sie durch diesen Vorsprung besser im Sichtfeld der Lkw-Fahrer*innen sind.

  • Eine gute und bewährte Lösung: Das niederländische Modell.
    • Hier wird an Kreuzungen der Radweg bzw. die Fahrradspur an der Kreuzung um einige Meter nach rechts eingerückt und nach links hin „an der Ecke“ mit einer kleinen Verkehrsinsel abgeschirmt. Das bedeutet, dass die/der Lkw-Fahrer*in zu einem späteren Zeitpunkt und vor allem in einem anderen Winkel auf den Fahrradverkehr „trifft“ – soll heißen: Der tote Winkel spielt hier keine bzw. eine nur noch untergeordnete Rolle.

  • Eine weitere, komplexe, teure, gleichwohl wünschenswerte Lösung: Abbiegeassistenten für Lkw. Hier hat Scheuer 10 Mio Euro für Deutschland 750.000 in zugelassene Lkws bereitgestellt (vgl. Bartsch et al, 2019, 21.) (= 13,33 EUR/Lkw).
    • Ab „2024 müssen … alle [Lkw-]Neufahrzeuge über einen Abbiegeassistenten verfügen.“
    • In München „sind etwa 90 Prozent der 800 städtischen Lkw schon jetzt mit einem Assistenten ausgerüstet“ (Kunkel 2019).

>> Quelle: Kunkel, Christina (2019): „Wie Lastwagen für Fußgänger zur tödlichen Gefahr werden“. in: Süddeutsche Zeitung, 7.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/lastwagen-unfaelle-fussgaenger-1.4671212 (Abrufdatum 8.11.2019) [paywall!]


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Autoindustrie“

Arbeitsplätze inkl. Zulieferern: 834.000 von 45.100.000 Erwerbstätigen in D = 1,85% = jeder 54. Job

(Stand 2018, laut Heinrich-Böll-Stiftung und VCD, vgl. Kefferpütz 2019, 1, weiter Zahlen: Kühne 2019, 26)

Anmerkung: Eine Frage, die nur selten in die Arbeitsplatz-Diskussion einfließt, lautet, inwieweit eine große Zahl dieser Arbeitsplätze unabhängig vom Antriebswechsel künftig gefährdet sind aufgrund von KI, Robotik und Automatisierung. (Damit ist auch an dieser Stelle angedeutet, dass hier eine Herausforderung entsteht, der sich keine Branche entziehen kann.)


Autoindustrie und der Skandal der 2015 aufgedeckten ‚Dieselskandale‘

  • „Das UBA stellte schon in den Jahren 2005, 2006 und 2009 fest, dass Diesel-Pkw „alarmierend“ hohe Stickoxidemissionen aufweisen“ (Bäumler 2019, 36)


Der eigentliche Skandal an den Dieselskandalen ist, dass sie nicht stärker skandalisiert wurden/werden. Die Liste der Betrügereien ist zu lang, um sie hier aufzustellen: Es ist definitiv bedeutend leichter, die wenigen Firmen bzw. Automodelle und Aspekte des Themas zu benennen, in denen nicht irgendwie mit Abschaltsoftwares, zu kleinen AdBlue-Tanks, illegalen Branchenabsprachen, weltfremden Abgastests etc. pp. pp. in diversen nationalen Märkten jahrelang betrogen, gemauschelt und gechincht wurde. Und von den Mitarbeiter*innen der Behörden wurde weggeschaut, was das Zeug hält.
Dann ging es um die geschädigten Autokäufer*innen, die nun zu Recht befürchten, dass ihr Auto nicht mehr zu einem zuvor erwartbaren Preis wieder verkauft werden kann und dass ihre Auto möglicherweise aufgrund innerstädtischer Fahrverbotszonen nicht ausreichend nutzbar ist.

Das ist alles richtig.

Aber:

  • Zu aller erst betrifft der Dieselskandal unser aller Gesundheit, es geht um unsere Lungen – auch um die der Autofahrer*innen.

  • Über unsere Lungen hat niemand geredet.

Das finde ich: bezeichnend und letztlich irre.


In Zahlen bedeutet das allein für das Jahr 2015:

Dieselskandal-Tote: Alle reden über den Wertverlust von Dieselautos und Fahrverboten – und quasi niemand redet über die Toten, die Autokonzerne durch ihre Unternehmenspolitik statistisch gesehen verantworten. Grafik entstammt dem Mobilitätsatlas 2019, S. 37: „2015 wurden durch Grenzwertüberschreitungen 4,6 Millionen Tonnen Stickoxide zusätzlich ausgestoßen. Daraus lassen sich die Opferzahlen errechnen.“ Bartz/Stockmar, cc by 4.0

Hinzu kommen noch diejenigen, die „nur“ krank geworden sind.

Wie sähe eine Statistik hinsichtlich Toter und Kranker aus, die alle Jahre zusammenzählt, in denen diese Autos mit zu vielen Emissionen unterwegs waren/gewesen sein werden?

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Quellen dieses Abschnitts

>> Bäumer, Hartmut (2019): „Teurer Schwindel“ in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. S. 36. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Kefferpütz, Roderick (2019): „Autoindustrie: Umbau einer Schlüsselbranche“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 16. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Kühne, Benjamin (2019): [Grafik ohne Titel]. in: Fairkehr 5/2019, S. 26

Autoindustrie und die E-Mobilität

Verbrennungsmotor = 2500 Teile | Elektromotor = 250 Teile

Keine Verbrennungsmotoren mehr zu bauen bzw. verkaufen zu können, kostet Arbeitsplätze, hier wird die Zahl 114.000 genannt bis 2035 bei einem 23%-igen Anteil von E-Autos (Kühne 2019, 28). Das ist ätzend, kann aber vor dem Hintergrund der drängenden Klimakrise kein Argument sein für das Festhalten an einer klimaschädlichen Technologie.
Es bleibt für Traditionsmarken nur die Flucht nach vorn, wenn sie weiterhin im globalen Geschäft mit der Mobilität mitspielen wollen. Und nur dann gehen nicht alle Arbeitsplätze in diesem Bereich verloren.

  • Ein wesentlicher Grund für das langjährige Erstarren der deutschen Automobilindustrie liegt darin begründet, dass mit dem Umstieg auf Elektromotoren sehr viel exklusives Know-how verloren geht, sodass – wie mit Tesla und vielen kleinen neuen E-Mobil-Playern zu sehen – neue Mitbewerber im Markt erscheinen.


Derzeit zeichnet sich ab, dass die deutsche Autoindustrie ihre SUV-Strategie weiter verfolgt – nur eben mit E-Motoren. Damit ist genau ein Problem zu bewältigen: Die unmittelbar in der Stadt durch Autoabgase entstehende Luftverschmutzung.


Alle anderen Probleme

Zu viel MIV (motorisierter Individualverkehr) | zu große Autos | Stau als Alltag | zu großer Ressourcen- und Flächenverbrauch | zu viel Feinstaub durch Reifenabrieb | zu großer Energiebedarf | zu viele Unfälle | zu viele (i.d.R. mit Verbrennern angetriebene) Lastwagen etc pp.

bleiben erhalten.


Hinzu treten neue Herausforderungen, darunter

  • die Umstellung einer ganzen Industrie auf sich absehbar erschöpfende seltene Erden, die Konfliktstoffe sind, deren Beschaffung weder kurz- noch langfristig als gesichert gelten darf, deren Extraktion in den Produktionsländern mit enormen Umweltschäden verbunden ist.
  • Der Aufbau eines landes- und weltweiten Stromzapfsäulennetzes. (Für wie lange? – Aus meiner Sicht kann E-Mobilität wg. der benötigten seltenen Erden allenfalls eine Überbrückungstechnologie sein.)

Mit anderen Worten: Der Wechsel des Antriebs ist mit extrem viel Aufwand und gleichermaßen extrem wenigen positiven Effekten verbunden.

Gleichwohl ist abschließend hervorzuheben, dass mit Stand Herbst 2019

  • „Nach 37.500 Kilometern ist ein kleines Elektroauto klimafreundlicher unterwegs als ein Benziner. Wenn es mit regenerativer Energie betrieben wird. Beim aktuellen Strommix in Deutschland sind es 127.500 Kilometer.“ (Fischer/Lüdemann 2019)


Exkurs: E-Autos und Fahrzeugbrände

Karl-Heinz Knorr, Branddirektor Feuerwehr Bremen:

„[D]ass ein [E-]Auto im Betrieb in Brand gerät, ist bei der Elektrotechnologie nicht wahrscheinlicher als bei einem Verbrenner-Pkw.“ Und, weiter führt er aus: Das Löschen einer Batterie „geht am besten mit mehreren tausend Litern Wasser. Das ist ein hervorragendes Kühlmittel und man kann es auch sehr gut mit Tanklöschwagen auf die Autobahn oder die Landstraße bringen… die Batterie kann theoretisch bis zu 24 Stunden nach dem Brand wieder aufflammen“… man kann das Auto idealerweise in diesem Zeitraum „in einem Container mit Wasser lagern“. (Nefzger 2019).

Die deutsche Autoindustrie wird ein Stück weit „zu ihrem Glück gezwungen“:

  • In vielen anderen wichtigen Automärkten gibt es bereits jetzt Deadlines zur Neuzulassung von Verbrennern.
  • „Die EU hat die Flottengrenzwerte für den CO2-Austoß verschärft. Das heißt, dass die Autos , die ein Hersteller verkauft ab 2020 im Durchschnitt nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen dürfen…. Die nächste Grenzwert-Verschärfung steht fünf Jahre später an.“ (Kühne 2019, 29)

Quellen dieses Abschnitts

>> Fischer, Linda u. Lüdemann, Dagny (2019): „Diese Phrasen zum Klimawandel müssen wir streichen. “ in: Die Zeit, 5.12.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-12/umweltschutz-klimawandel-aktivismus-ausreden-gewissen (Abrufdatum 6.12.2019)

>> Kühne, Benjamin (2019): „Autoindustrie im Wandel“. in: Fairkehr 5/2019, S. 28f.

>> Nefzger, Emil (2019): „Elektroautos: ‚Brandgefahr mit der eines Verbrenners vergleichbar'“. [Interview mit Karl-Heinz Knorr, Branddirektor der Feuerwehr Bremen]. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/deutschland-brandgefahr-eines-elektroautos-mit-verbrennern-vergleichbar-a-1299267.html (Abrufdatum 2.12.2019)


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau: 
Zusammenfassung: „Der Preis des motorisierten Individualverkehrs“

Abschließend sei hier der Gesamtpreis unseres vermeintlichen Gewohnheitsrechts „Pkw“ oder auch „MIV“ (motorisierter Individualverkehr) illustriert:

„Die Unfallkosten liegen in Deutschland etwa so hoch wie die der vier Umweltkategorien zusammen. Oft übersehen: die Prozesskosten vor und nach dem Verkehr“.
Bartz/Stockmar, cc by 4.0 in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 31. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

Abseits emotionaler Beweggründe à la „Die Liebe der Deutschen zum Auto“ vermag ich keine rationalen Gründe erkennen, dieses System weiter zu führen. Und mit Sentimentalismen kommen wir angesichts der drängenden Herausforderung der Klimakrise nicht weiter. Zeit loszulassen.

  • Nach meiner Wahrnehmung bietet das Ende des Verbrennungsmotors eine historische Chance, unsere Städte wieder zu lebenswerten, lebendigen, gesunden, Menschen-, Gender- und Flächen-gerechten Orten zu machen.
    • Katja Täubert und Lisa Feitsch heben in diesem Sinnzusammenhang hervor:
      • „Autoverkehr verdrängt menschliche Aktivitäten aus dem öffentlichen Raum und zerstört damit das Leben zwischen den Häusern – dort wo Begegnungen und Gemeinschaften entstehen sollten.
      • Unserer Kindern wollen entdecken und stromern. Darauf müssen sie verzichten, weil die Straßen zu gefährlich sind.
      • Wir verzichten auf frische Luft.
      • Wir verzichten auf Gemeinschaft im Kiez, wir verzichten darauf, mit unseren Nachbar*innen draußen Schach zu spielen, weil es keinen Ort für ein öffentliches Schachbrett gibt.
      • Wir verzichten auch darauf, Straßen, wo es uns beliebt, sicher queren zu können.
      • Wir verzichten auf Ruhe und darauf, nachts bei offenem Fenster schlafen zu können.
      • Wir verzichten darauf, gefahrlos und entspannt Fahrrad zu fahren.
      • Wir verzichten darauf, uns in unseren Städten alltäglich ausreichend sportlich zu bewegen zu können. Wir verzichten auf Platz – zum Wohnen, zum Gärtnern , zum Spielen, zum Entspannen.“ (2019, 19)
    • Merkwürdig, das dieser Art von – m.E. heftigem Verzicht – nie und nirgends genannt wird, wenn die emotionale Verzichtsdebatte aufflammt.

Eine umfassende, klimagerechte, veritable Verkehrswende bedeutet weit mehr als einen bloßen Antriebswechsel – und schafft, wenn man Mobilität als Dienstleistung und nicht als Besitz eines Stahlkastens versteht, sehr viele neue, zukunftsfähige Arbeitsplätze.

Der VCD liefert hier Zahlen:

  • ÖPNV in D = 157.000 Arbeitsplätze (davon 40.000 im Fahrdienst, 20.000 im technischen Dienst, 14.000 käufmännischer Dienst. „Bis 2030 geht rund die Hälfte der Angestellten in Rente. Nur jede fünfte dieser Stellen kann durch Auszubildende wieder besetzt werden“.
  • Fahrradbranche D = 30.000 Mitarbeiter*innen Handel/Werkstatt
  • Lokomotiven etc. Produktion in D = 52.000 Menschen
  • Die Bahn will in den nächsten Jahren 100.000 Menschen einstellen (Kühne 2019, 26-27)
  • Aufbau der Ladestruktur Potenzial = 16.000 Arbeitsplätze (IAB-Studie)
  • Batterieproduktion Potenzial = fast 35.000 Arbeitsplätze (Fraunhofer Institut)
  • Digitalisierung/Vernetzung von Autos = Potenzial = 40.000 Arbeitsplätze (Fraunhofer Institut) (Grundannahme 23% E-Autoanteil) (vgl. Kühne 2019a, 26 u. Kühne 2019b, 28)

Quellen dieses Abschnitts

>> Kühne, Benjamin (2019a): [Grafik ohne Titel]. in: Fairkehr 5/2019

>> Kühne, Benjamin (2019b): „Autoindustrie im Wandel“. in: Fairkehr 5/2019, S. 28f.

>> Täubert, Katja u. Feitsch, Lisa (2019): „Die Stadt als Einladung.“ in: fairkehr. Mensch. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin 5/2019, S. 16ff. [Der Text ist ein Auszug aus dem VCD-Buch Mit Füßen und Pedalen. Hol dir deine Stadt zurück.

Damit kommen wir zum SOLL-Zustand:



Der SOLL-Zustand
Nachhaltige Mobilität: Grundlegendes

Grundlegendes:
Externalisierung von Kosten verhindert Verkehrswende

  • „Der Verkehr verursacht hohe Folgekosten, die auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Dazu gehören Schäden durch die Veränderungen des Klimas, die Verschmutzung der Luft, Verkehrsunfälle und Lärm. Diese sogenannten externen Kosten stehen weder auf der Tankquittung noch auf dem Flugticket, und sie fallen je nach Verkehrsmittel unterschiedlich hoch aus. Die externen Kosten abzuwälzen widerspricht aber dem Verursacherprinzip: Danach kommt für die Schäden auf, wer sie verursacht hat. In Deutschland können diese Kosten auf fast 150 Milliarden Euro im Jahr 2017 kalkuliert werden. Den größten Block machen mit 61 Milliarden Euro Unfälle aus.“ (Groll 2019, 30)

und:

  • „Aus ökonomischer Sicht verhindert die Externalisierung von Kosten einen fairen Wettbewerb zwischen den Verkehrsmitteln.“ (ebd.)


Eine erforderliche Konsequenz: Subventionsabbau von etwa 17 Milliarden Euro im Jahre 2017

(vgl. Groll 2019, 31, Rechnung: 29 Mrd Euro – 12 Mrd Euro für Flugverkehr = 17 Mrd)

Hinzu kommt:

  • Für Güterzüge muss in Europa jeder Gleiskilometer gezahlt werden.

    „Für Lkw wird zwar in einigen Ländern eine Maut gefordert, aber meist nur auf Autobahnen – alle anderen Straßen sind für sie frei“ (Bertram 2019, 32).


Grundlegendes:
Ein Auto steht i.d.R. 23 Stunden lang ungenutzt herum.

  • „Automobilität [ist] betriebs- wie volkswirtschaftlich unglaublich unrentabel… Oder kennen Sie Unternehmen, die ihre Produktionsanlagen 23 Stunden am Tag stillstehen lassen und sie dann auch noch äußerst ineffizient …[mit] einem durchschnittlichen Auslastungsgrad von 1,6 Personen pro Fahrzeug“ nutzen?“ (Rammler 2017, 16-17)


Warum wir uns mit Veränderungen gerade im Verkehrssektor so schwer tun – auch abseits der den Deutschen eigenen „Liebe zum Auto“:

  • „Ist … erst einmal ein stabiler Funktionsraum und ein neues kulturelles Leitbild entstanden, welche eine Technologie bevorzugen und in ihrer weiteren Entwicklung stabilisieren, so haben es Alternativen ab diesem Zeitpunkt sehr schwer, sich zu etablieren bzw. zu koexistieren.“ (Rammler 2017, 41)


Andererseits lässt die Strahlkraft des Autos als Statussymbol abseits des SUV-Hypes in den letzten Jahren deutlich nach, namentlich bei den Jüngeren:

  • 18- bis 24-Jährige ohne Auto-Führerschein 2010 = 14,2% | 2018 = 20,8% (vgl. Kosok 2019, 15)
  • Im Sinne unserer jüngeren Mitbürger*innen:

    Da geht doch in Zeiten der digitalen Vernetzung per „Sharing“ und multimodalen Verkehrssystemen mehr… nachhaltige Mobilität?


Grundlegendes:
Definition ‚Nachhaltige Mobilität‘

  • „[N]achhaltige Mobilität [lässt sich] definieren als die ökologisch verträgliche und sozial gerechte Gestaltung und Gewährleistung der Erreichbareit von Einrichtungen und Kommunikationszugängen auf der Grundlage nicht-fossiler energetischer Ressourcen.“ (Rammler 2017, 137)


In einfache Worte gefasst und als Ziel formuliert:

  • Es geht um nichts weniger als „um die Neuerfindung der Mobilität als postfossiles, dekarbonisiertes, sicheres und widerstandsfähiges System nachhaltiger Praktiken der Raumüberwindung“ (Rammler 2017, 10)


Und da geht so viel. Gerade im Hinblick auf digital geprägte, multimodale Verkehrskonzepte ist die Zukunft geradezu atemberaubend faszinierend, dass es m.E. kaum begreifbar ist, wie das mittelfristige Loswerden eines teuren, stinkenden, anfälligen MIV-Stahlkastens als ‚Verzicht‘ verstanden werden kann. „Seid doch froh, das Ihr diesen Klotz am Bein bald endlich loswerdet!“
Die Alternativen existieren – und müssen nun aufgebaut werden – je schneller und finanziell potenter, um so besser.
Für mich fühlt sich die Seelenlage (insbesondere der städtischen) Autofahrer*innen und Politiker*innen in erster Linie ängstlich und überaus fantasielos an.

So sieht es auch Stephan Rammler und weist auf den gern verdrängten aber doch engen Zusammenhang von Kriegen und fossilen Energieträgern hin:

  • „Die Ernsthaftigkeit unserer Bemühungen um das Weltklima und den Weltfrieden [ – Stichwort Krieg ums Öl – ] bemisst sich … an der Bereitschaft, etwas im Kern unserer privaten Lebensstile massiv zu verändern, einen ganzen Wirtschaftszweig mutig und radikal zu transformieren , ja, eine ganz Volkswirtschaft umzubauen. Die Neuerfindung … der Mobilität ist ein echtes Jahrhundertprojekt. Aber eines, um das es sich wirklich zu kämpfen lohnt, weil die segensreichen Wirkungen enorm sein werden“ (Rammler 2017, 20).

Quellen des Abschnitts Grundlegendes

>> Bertram, Rebecca (2019): „EU-Bahnverkehr: Lückenschluss für mehr Vernetzung“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. S. 32. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Groll, Stefanie (2019): „Kosten: Falsche Abrechnung – zahlen sollen die Anderen“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Kosok, Philip (2019): „Umweltverbund: Auf die sanfte Tour“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 15. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer.


Nachhaltige Mobilität:
Ländliche Gebiete in modernen Verkehrskonzepten mitdenken

Wenn man über neue Mobilität nachdenkt, reicht es nicht, Großstädte fit fürs 21. Jahrhundert zu machen; es bedarf einer grundlegend neuen umfassenden ÖPNV-Versorgung insbesondere der ländlichen Gebiete:

Die Deutschen leben zu … in Orten mit … Einwohner*innen:
70% = < 100.000 | 30% = > 100.000 || (genauer: 15% = < 5000 || 27% = 5000-20.000)
(Machowecz 2019, 52)

Und selbst wenn man das beste ÖPNV-Netz Europas aufbaute, gilt, dass es in ländlichen Gegenden vielfach ganz ohne Auto nicht gehen wird: „Aber es scheint doch niemand gezwungen zu sein, ein besonders großes und leistungsstarkes Fahrzeug zu fahren… um mobil zu sein.“ (Rammler 2017, 73)

Quellen dieses Abschnitts

>> Machowecz, Martin (2019): ‚Wenn Großstädter fordern, dass jede Kartoffel gehegt wird wie eine Zimmerpflanze auf St. Pauli, vergessen sie, dass Kartoffeln draußen auf dem Acker wachsen'“: in: Die Zeit, Nr. 25/13.6.2019, S. 52.

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 73.


Nachhaltige Mobilität:
Lernen von Vorbildern: Wie hat man es in Kopenhagen gemacht?

  • „Als erstes, so [der Verkehrsexperte Stephan] Rammler, ‚hat Kopenhagen die Parkplätze verknappt und verteuert, dann die Fahrspuren neu aufgeteilt‘. Und dann hätten sie alles verknüpft mit einem funktionierenden, gut abgestimmten und auch optisch attraktiven öffentlichen Nahverkehr. Fast jeder zweite benutzt auf dem Weg zur Arbeit oder zur Ausbildung das Rad.“ (Bartsch et al. 2019, 16)

„Schwarzparken auf einem Radweg, und sei es nur für fünf Minuten, ist hier [in Kopenhagen] kein Kavaliersdelikt, sondern eine sehr teure Angelegenheit. Durch die strikte Kontrolle beweist die kommunale Exekutive Respekt vor den eigenen Plänen und Konzepten und zeigt. Wir meinen es wirklich ernst.“ (Rammler 2017, 127)

  • „Die Radwege sind breit, die grüne Welle ist auf Fahrradgeschwindigkeit eingestellt, es gibt Radschnellwege und Fahrradbrücken.“ (Drewes 2019, 13)

  • In Kopenhagen werden im Winter zuerst die Fahrradwege von Schnee und Eis geräumt. Andernfalls würde umgehend ein Verkehrskollaps drohen – wenn plötzlich ein Großteil der Radfahrer das Auto aus der Garage holen würde. []

Und die Niederlande? Das Traumland eines jeden Fahrradliebhabers?

  • Seit Hape Kerkeling wissen wir, dass „[i]n Norwegen … auf jeden Norweger 75 Elche, 90 Murmeltiere und 100 Blockhäuser“ (Kerkeling 1988, 19) kommen. In den Niederlanden kommen hingegen auf 17 Millionen Einwohner 23 Millionen Fahrräder (vgl. Harms 2019, 4).


Ausgaben pro Einwohner*in für Radinfrastruktur:

  • Stuttgart derzeit 5 EUR, geplant langfristig: 40 EUR
  • Darmstadt innerhalb von 4 Jahren jährlich 26 EUR
  • Kassel = 15 EUR
  • Kopenhagen = 36 EUR
    (vgl. Kühne 2019, 35)

Einer Greenpeace-Studie von 2018 zur Folge „gibt die Stadt Utrecht 130 Euro pro Einwohner für den Radverkehr aus, Berlin aber nur 4,50 Euro.“ (Linnert/Albrecht 2019, 20-21)

Quellen dieses Abschnitts

>> Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 16.

>> Drewes, Sabine (2019): „Urbaner Raum: Von der autogerechten zur lebenswerten Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 13. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Harms, Lucas et al. (2019): Cycling Facts. Hrsg. vom Ministry of Infrastrucure and Water Management, S. 4, online unter https://www.government.nl/documents/reports/2018/04/01/cycling-facts-2018 (Abrufdatum 11.11.2019)

>> Kerkeling, Hape (1988): Hannilein & Co. Texte, Sketche, Parodien. rororo. S. 19.

>> Kühne, Benjamin (2019): „Die Verkehrswende von unten hat schon begonnen.“ in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 35. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Linnert, Uta u. Albrecht, Tim (2019): „Nicht von heute auf morgen“. in: fairkehr. Mensch. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin 5/2019, S. 20f.

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 127.



Nachhaltige Mobilität:
Thema „365-Euro-Ticket/Kostenloser Nahverkehr“

Der Vorstandschef der Hamburger Hochbahn AG, Henrik Falk, hält weder kostenlosen Nahverkehr noch das 365 EUR-Ticket für zielführend:

  • „Das eigene Auto sei immer teurer als eine Monatskarte. ‚Die Marktforschung zeigt, dass der Preis nicht an oberster Stelle steht, sondern Qualität, Sicherheit, Bequemlichkeit, Pünktlichkeit.’… wie man aus Autofahrern Fahrgäste macht: das Angebot verbessern, das Streckennetz erweitern, die Taktfolge verkürzen.“ (Bartsch et al, 2019, 20.)

Ein Zwischengedanke

A. Scheuer „berichtet von der ‚größten Radreform seit 20 Jahren'“ und bekräftigt das mit den folgenden Worten:

„Wir wollen Gas geben.“

>> A. Scheuer zitiert in Bartsch et al, 2019, S. 20. – nebenbei: Wenn vorher etwas ganz, ganz lange vernachlässigt wurde, erscheint jedes noch so kleines Reförmchen wie eine ausgewachsene Reform.

>> Quelle: Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019.


Nachhaltige Mobilität:
Thema „City Maut“

  • „London beziffert den Effekt der City-Maut auf ein täglich um 20 Prozent oder 60.000 Fahrzeuge verringertes Verkehrsaufkommen im City-Gebiet, eine Beschleunigung des Verkehrsflusses um 37 Prozent und die Einsparung von 150.000 Tonnen CO2 pro Jahr.“ (Rammler 2017, 129)

City-Mauts gibt es auch in Madrid, Oslo, Chengdu, Paris, Athen, Brüssel, Mexico City und Vancouver (vgl. ebd.) – Keine dieser Städte ist dafür bekannt, dass die Wirtschaft drunter gelitten hätte o.ä.).


Was ist zu tun?

  • Schrittweise Einkassierung des sog. „Dieselprivilegs“: „Durch die aktuelle Subventionierung des Dieselkraftstoffs verzichtet der Fiskus jedes Jahr auf etwa 3,5 Mrd. Euro Steuereinnahmen.“ (Rammler 2017,147)
  • Eine weithin sichtbare Kennzeichnung der Schadstoffklasse von Autos, um z.B. in Innenstädte nur noch umweltverträgliche Autos hineinzulassen (vgl. ebd. 148)
  • ein Planungssicherheit gebendes Ausstiegsdatum aus dem Verbrennungsmotoren bei Neuwagen.

>> Quelle dieses Abschnitts: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 129.


Nachhaltige Mobilität:
Fahrräder, Lastenräder, E-Bikes etc

Eine funktionierende ausgebaute Radinfrastruktur ist ökosozial.

Manfred Unfried:

  • „Ich habe ein … Vermögen gespart, weil ich meine Alltag moit dem Rad erledige. Insofern ist eine aktive Fahrradpolitik, wie sie bei uns in den Niederlanden Standard ist, natürlich auch Sozialpolitik.“
  • „[D]ie staatlich verordnete Abhängigkeit vom Auto [ist] aufgrund fehlender Alternativen gerade für Leute mit bescheidenem Einkommen absolut unsozial. Denen frisst schon der Unterhalt die Haare vom Kopf.“ In Deutschland spielen viele Eltern Taxi, „weil es die Infrastruktur nicht zulässt, die Kinder sorgenfrei mit dem Rad fahren zu lassen. In diesem Sinne ist ökosoziale Radwirtschaft gerade im Interesse der weniger Begüterten… Immer wenn ich Senioren in elektrischen Rollstühlen auf unseren [in Holland] abgetrennten Radwegen in die Innenstadt fahren sehe, fällt mir auf, dass auch das in Deutschland in den meisten Orten nicht möglich ist, Die Fahrradstadt verhilft eben auch Menschen mit Behinderung zu einem selbstständigeren Leben. Dennoch wird so getan, als ob Radinfrastruktur irgendwie Luxus sei.“ (2019, 46)

>> Quelle dieses Abschnitts: Unfried, Martin (2019): „fairkehrt“. [Kolumne]. in: fairkehr. Mensch. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin 5/2019, S. 46.


Nachhaltige Mobilität:
Bike Sharing: Mietfahrräder & Co

In vielen Städten Deutschlands gibt es mittlerweile Services wie „Call a Bike“ oder „Stadtrad“.

Seit neuestem spielt auch das niederländische Startup Swapfiets mit um die Gunst der Fahrradkund*innen:

  • Swapfiets – das sind die Räder mit dem blauen Vorderreifen – bietet für ca. 18 bis 20 Euro ein dauergeliehenes Fahrrad an. Wird das „Fiets“ (Fahrrad) beschädigt, „swap“‚t (tauscht) oder repariert die Firma das Fahrrad innerhalb von 24 Stunden. Ein gestohlenes Rad wird für eine Gebühr von 60 Euro ersetzt.


Steven Uitentuis, Mitbegründer des Unternehmens, das bis Ende 2019 mit 200.000 Kund*innen rechnet:

  • „Wenn es dein Fahrrad ist, ist es dein Problem. Bei uns hat der Kunde sein eigenes Fahrrad, die Probleme aber haben wir“.


>> Quelle dieses Abschnitts: Mast, Maria (2019): „Start-up: Warum noch ein Fahrrad kaufen?“. in: Die Zeit online Arbeit, 11.11.2019, online unter https://www.zeit.de/arbeit/2019-11/start-up-swapfiets-fahrrad-verleih/komplettansicht (Abrufdatum 11.11.2019) [In diesem Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass es weitere Anbieter mit ähnlichen Geschäftsmodellen gibt]

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Nachhaltige Mobilität:
„Lebenswerte Stadt“: Wem gehört eigentlich die Stadt?

„Lebensqualität bleibt in Städten… dort erhalten, wo Menschen zu Fuß gehen oder auf Plätzen sitzen können, um Passanten zu beobachten. Dieser öffentliche Raum, urteilt [der Verkehrswissenschaftler Tilman] Bracher, wurde systematisch vernichtet.“ (Bartsch et al, 2019, 20.)

  1. der Bürgerin/Anwohnerin, die das Recht hat gesund zu leben, vgl. Luftqualität, Lärm und Unfallgefahr –
    und in diesem Sinne gehört die Stadt weiterhin, in dieser Rangfolge:
  2. dem Fußgänger,
  3. der Radfahrerin, dem Lastenradfahrer, der E-Bikerin,
  4. dem ÖPNV-Nutzer in S- und U-Bahn, Straßenbahn, Bus und Nahverkehrszug – allesamt möglichst emissionsfrei betrieben
  5. dem täglich zeitlich begrenzten Lieferverkehr,
  6. der Handwerkerin, die ohne Auto oftmals nicht tätig sein kann,
  7. dem Carsharer und (Sammel-)Taxifahrer,
  8. der emissionsfrei Verkehrsteilnehmerin via E-Vespa, Batterie oder Brennstoffzelle
  9. dem fossilen Kraftradfahrer inkl. Vespas & Co und
    ganz zu letzt derjenigen, die alle vorgenannten in einem lebenswerten, gesunden Leben gefährdet:
  10. der Autofahrerin, ggf. gestaffelt nach Autotyp und Schadstoffklassen.

Und nur weil das bislang jahrzehntelang und/oder mehrheitlich anders gesehen wurde und/oder wird, bedeutet das noch lange nicht, dass es richtig ist.


Worum geht es?

Es geht darum, eine lebenswerte Stadt zu befördern, in der Bürger*innen ohne vermeidbare Luftverschmutzung, Lärm und Unfallgefahr leben können – und Platz für Muße und Freizeitaktivitäten haben.

Ein Zwischengedanke:

>> „First we shape the cities and then they shape us.“

Stadtplaner Jan Gehl zitiert in Täubert/Feitsch 2019, 17.

Die Stadt ist unser gemeinsames öffentliches Wohnzimmer (vgl. (Täubert/Feitsch 2019, 17). Und wie es mit Wohnzimmern so ist – es muss von uns gestaltet werden, damit wir uns darin wohl fühlen.

  • „Laut den Vereinten Nationen (UN) leben heute 55 Prozent der Menschen weltweit in Städten. Bis 2050, schätzt die UN, soll diese Zahl auf 68 Prozent steigen. Die Stadt wird Lebensraum für immer mehr Menschen“ (ebd.). Wohlgemerkt: 68% bezieht sich auf die dann lebende Anzahl von Menschen. Wir Bewohner*innen der Städte „müssen sie uns als unser aller gemeinsames, öffentliches Wohnzimmer vorstellen. Ein Ort, an dem wir gerne andere Menschen treffen , an dem wir flanieren, entspannen, Neues entdecken. Ein Ort für Gemeinschaft, Erledigungen, Abenteuer und Bewegung (ebd.).
  • Der Autor und Journalist Charles Montgomery „kommt zu dem Schluss, dass Menschen sich in ihrer Stadt wohlfühlen, wenn sie das Gefühl haben, in einer Gemeinschaft zu leben und wenn sie sich ihren Nachbar*innen und Fremden gegenüber sich fühlen.“ (ebd.)
  • „Jane Jacobs, die berühmte Gegnerin der autogerechten Stadt… sagt: ‚The trust of a city is formed over time from many, many little public sidewalk contacts'“. (ebd.)
  • Zurzeit „ist der Raum zwischen den Häusern kaum mehr als eine Fahrbahn für Autos und ein riesiger Parkplatz. Unser Wohnzimmer ist so gestaltet, als würde zu wenig und zu unbequeme Stühle an der Wand stehen, kein Tisch, kein Teppich, kein Licht, und in der Mitte rasen Autos mit 50 km/h durch.“ (ebd., 19)
  • Und, das sollten wir nicht vergessen in diesem Bild: „Und immer mal erwischt es einen von uns, wenn er zur anderen Seite des Raumes will.“ (ebd.).

Quellen dieses Abschnitts

>> Täubert, Katja u. Feitsch, Lisa (2019): „Die Stadt als Einladung.“ in: fairkehr. Mensch. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin 5/2019, S. 16ff. [Der Text ist ein Auszug aus dem VCD-Buch Mit Füßen und Pedalen. Hol dir deine Stadt zurück.


Nachhaltige Mobilität:
(Weitere) Vorschläge und Anregungen für eine nachhaltige und klimagerechte Verkehrswende

  • Nachtzugverbindungen reaktivieren und innereuropäisch ausbauen. Zudem wäre es sinnvoll, den Komfort von Nachtzügen dem 21. Jahrhundert anzupassen.
    • Die Deutsche Bahn will auch Ende 2019 nicht zurück zu Nachtzügen, obwohl die Nachfrage perspektivisch steigen wird – und die ÖBB, die vor drei Jahren eine Reihe von Nachtzuglinien von der DB übernommen haben, sind rentabel. (vgl. n.n. 2019a)

  • Förderung grenzüberschreitender Regionalverbindungen von Bahnen.

  • Quartiersboxen, in denen Lieferungen postal zugestellt werden können, z.B. für Einzelhandelslieferungen oder auch aus dem Online-Handel (vgl. München)

  • keine Hauslieferungen mehr von Paketen unter einem Gewicht von x Kilogramm, stattdessen Ausbau der Auslieferung an den in Nachbarschaft befindlichen Kiosk u.ä.

    • Folge: weniger Lieferverkehr von diversen, konkurrierenden Unternehmen, die oftmals niemanden antreffen und – u.U., nach mehreren Zustellungsversuchen – dann das Paket ohnehin irgendwo an einen Kiosk o.ä. liefern.

    • In diesem Sinne: Ist eine tägliche Postauslieferung an den eigenen Briefkasten noch zeitgemäß? Wäre es nicht an der Zeit, amtliche Online-Briefkästen einzurichten und/oder Briefe (außer Sendungen, deren persönliche Empfangsbestätigung erforderlich ist, das bliebe dann einer Art ‚Telegrammboten‘ überlassen) ebenfalls an den nächstgelegenen Kiosk auszuliefern? Wie viele ‚echte‘ Briefe erhalten Sie noch pro Monat? Pardon, auch wenn es Arbeitsplätze kostet, brauchen wir im digitalen Zeitalter in der Stadt wirklich noch den traditionellen Briefträger? vgl. Kanada, Dänemark.

  • Wer sagt eigentlich, dass ländliche Busse nur Passagiere befördern sollen/dürfen? „Der ‚KombiBus‘ in Brandenburg zum Beispiel befördert auch Fracht nach Fahrplan und stellt so für den Betreiber eine weitere Einnahmequelle da.“ (Herget 2019, 20)

  • Zersiedelung deckeln: Gemeint ist, dass die Städte immer weiter „ausfransen“

    • „Derzeit werden pro Tag jedoch knapp 60 Hektar als Siedlungs- und Verkehrsflächen neu ausgewiesen – häufig für Einfamilienhaussiedlungen am Rande wachsender Ballungsräume. Solche Flächen kann der ÖPNV schlecht erschließen. So wird der motorisierte Individualverkehr oft noch zusätzlich angekurbelt. “ (Herget 2019, 21)

    • Eine regionale Mobilitätsgarantie wie in der Schweiz sowie eine Pflichtanbindung neuer Siedlungen an den ÖPNV ist anzustreben (vgl. ebd.).

  • Inklusion ohne (eigenes/spezielles) Auto ermöglichen: Laut Mobilitätsatlas 2019 ist in London „jedes lizensierte Taxi rollstuhlgerecht und mit Hilfsmitteln ausgestattet, etwa mit anleg- oder ausklappbaren Rampen für den Ein- und Ausstieg und mit großen Handgriffen.“ (Krüger 2019, 40-41)

  • Multimodale Mobilität fördern: Entwicklung eines ‚MobilPasses‘, einer Plattform auf denen Reisen komplett, unabhängig vom Anbieter und Verkehrsverbund, geplant und gebucht werden können. In Finnland gibt es hier schon eine entsprechende App namens „Whim“ (vgl. n.n. 2019b, 27).

Quellen dieses Abschnitts

>> Herget, Melanie (2019): „Ländliche Räume: Wenn die Wege immer weiter werden“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 20. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Krüger, Anja (2019): „Inklusion: Fortkommen für Alle“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 40-41. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2019a): „Schlafwagen: Deutsche Bahn bleibt beim Nein zu Nachtzügen“. in: Die Zeit, 6.12.2019, online unter
https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-12/schlafwagen-nachtzuege-deutsche-bahn-umweltbilanz (Abrufdatum 6.12.2019)

>> n.n. (2019b): „Mobilität: Bequemer buchen fürs Klima“. in: Der Spiegel, 45/2.11.2019, S. 27.


Mobilität: Situation im globalen Süden.

Die Luftverschmutzung, hervorgerufen insbesondere durch Energiegewinnung und Autoverkehr, hat in den großen Städten des globalen Südens und Chinas, teilweise lebensverachtende Ausmaße angenommen.
Es gibt natürlich weitere Gründe, darunter das heimische offene Feuer zum Wärmen und Kochen, aber Fakt ist, dass laut WHO jährlich

  • 4,2 Millionen Menschen aufgrund von Luftverschmutzung sterben (vgl. n.n. 2019a)


Allein in den Städten Indiens, die in der Top 20 der Städte mit der meisten Luftverschmutzung maßgeblich prägen, gibt es aufgrund von hochgradiger Luftverschmutzung „mehr als eine Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr“ (n.n. 2019b).


In Neu-Dehli wurde im November 2019 für mindestens zwei Wochen der Gesundheitsnotstand ausgerufen:

  • „Private Autos dürfen nur an wechselnden Tagen auf den Straßen fahren, je nachdem, ob sie Nummernschilder mit geraden und ungeraden Zifferkombinationen haben. Schulen bleiben geschlossen, Baustellen wurden stillgelegt.“ (n.n. 2019b)
  • „In Deutschland gilt [für Feinstaubpartikel der Partikelgröße PM 2,5] ein durchschnittlicher Grenzwert von 20 Mikrogramm. Bei einer Überschreitung von 50 Mikrogramm werden in einigen Großstädten Fahrverbote verhängt“. (ebd.)

Neu-Dehli = aktuell 900 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (vgl. ebd.)

Quellen dieses Abschnitts

>> n.n. (2019a): „Ambient air pollution – a major threat to health and climate“. in: WHO, online unter https://www.who.int/airpollution/ambient/en/ (Abrufdatum 4.11.2019)

>> n.n. (2019): „Gesundheitsnotstand: Neu-Delhi verhängt jetzt auch Fahrverbote“. in: Der Spiegel, 4.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/indien-fahrverbote-in-neu-delhi-wegen-schlechter-luft-verhaengt-a-1294708.html (Abrufdatum 4.11.2019)



Nächster Abschnitt:

Klimagerechtigkeit („Climate Justice“) – und der ‚globale Süden‘


„Unser Lebensstandard basiert auf dem globalen Reichtum, der nicht gerecht verteilt ist.“

>> Quelle und Zitat: Hamed Abbaspur in Lisa König (2017): „heute in hamburg. „Elekroautos sind schwach nachhaltig“ in taz 2./3. Oktober 2017, S. 24

Das Privileg von Wenigen geht auf Kosten Vieler.

„[L]etzlich gibt es doch nur eine robuste und moralisch vertretbare Antwort: Jede Erdenbürgerin und jeder Erdenbürger hat exakt den gleichen Anspruch auf die Belastung der Atmosphäre, die zu den wenigen ‚globalen Allmenden‘ zählt.“

>> Quelle: Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 108

Soziale Gerechtigkeit…

… „lässt sich im Kontext der anthropogenen Erderwärmung in zwei ethische Grundüberzeugungen zusammenfassen:

  1. Jeder Mensch ist nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch vor der Natur gleich.
  2. Wer den Klimaschaden anrichtet, soll auch dafür geradestehen (‚Polluter Pays Principle‘).“

>> Quelle: Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 107

  • Die Klimakrise ist weit mehr als ein „Umweltproblem“. Hier geht es um Menschen, um Menschenleben – und hier wiederum um das Leben von den ärmeren Menschen, um die Menschen der Dritten Welt (=globaler Süden), die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben und am meisten von dieser Katastrophe betroffen sind und künftig am meisten darunter leiden werden.

Rahmstorf und Schellnhuber bringen es exakt auf den Punkt:

Die „Nutzung der Atmosphäre als Müllkippe den kommenden Generationen in den besonders klimasensiblen Entwicklungsländern auf[zu]bürden… empfänden [v]iele nichtstaatliche Umweltgruppen … als amoralische Krönung der historischen Ausbeutung der ‚Dritten Welt‘ durch die Industrieländer…“ (2018, 90).

Übersetzen wir diese Aussage mal für die Gegenwart in Zahlen:

Aktueller Stand der „Climate Justice“:

  • 3,5 Milliarden Menschen = die ärmere Hälfte der Menschheit = 10% der globalen Emissionen
  • 700 Millionen Menschen = die reichsten 10% der Menschheit = 49% der globalen Emissionen

Zurzeit ist es so, dass „[d]ie ärmere Hälfte der Menschheit … nur für 10% der globalen Emissionen verantwortlich [ist], während die reichsten 10% die Hälfte aller Emissionen produzieren.“ Und: „[D]ie am wenigsten Verantwortlichen [bekommen] zugleich die Auswirkungen der Klimakrise am härtesten zu spüren…“

>> Quelle: Goeßmann, David: „Extreme Klima-Ungerechtigkeit: Die reichsten 10% für Hälfte der Emissionen verantwortlich / Industrienationen müssen bis 2030 um 80% reduzieren“ [Sendemanuskript]. in: Kontext, 10.3.2016, online unter http://www.kontext-tv.de/de/sendungen/extreme-klima-ungerechtigkeit-die-reichsten-10-fur-halfte-der-emissionen-verantwortlich (Abrufdatum 29.6.2019)

Weitere Zahlen aus der Studie von Oxfam:

  • „The average footprint of someone in the richest 1% could be 175 times that of someone in the poorest 10%“.
  • „The average emissions of someone in the poorest 10% of the world population is 60 times less than that of someone in the richest 10%.“
  • „Women bear the heaviest burden in a warming world, generally more heavily dependent on climate-sensitive livelihoods and with least to fall back on in harsh times.“

>> Quelle: n.n. (2015): Extreme Carbon inequality. Studie von Oxfam, 2.10.2015. online unter: https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2015-12-02-oxfam-reichsten-10-prozent-verursachen-haelfte-weltweiten (Abrufdatum 29.6.2019)

Der ehmalige Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) dazu:

  • „Ich frage mich, wie „Fridays for Future“ in Afrika aussähe. Das Durchschnittsalter der Menschen dort liegt bei zwanzig Jahren, sie sind unfassbar arm, suchen Arbeit, wollen diesen Teufelskreis durchbrechen. Wir müssen die Situation dieser Menschen mitdenken, wenn wir über Klimaschutz diskutieren. Es genügt nicht, weniger zu fliegen oder mit dem Rad ins Büro zu fahren, so wichtig das auch ist… Wir müssen die beiden großen Herausforderungen unserer Zeit miteinander verbinden: Beseitigung von Armut und erfolgreiche Klimarettung.“

>> Quelle und Zitat: Haberl, Tobias (2019): „Klaus Töpfer im Interview: ‚Wir leben mit einer Wohlstandslüge'“. in: Süddeutsche Zeitung, 28.9.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/klaus-toepfer-umweltminister-naturschutz-natur-1.4617465-2 (Abrufdatum 1.10.2019)

„Solange wir den Klimawandel und die Ungleichheit nicht gleichzeitig angehen, kann man weder das eine noch das andere lösen. Wir müssen also verstehen, wir diese beiden verknüpft sind.“

>> Quelle: Goeßmann, David: „Extreme Klima-Ungerechtigkeit: Die reichsten 10% für Hälfte der Emissionen verantwortlich / Industrienationen müssen bis 2030 um 80% reduzieren“ [Sendemanuskript]. in: Kontext, 10.3.2016, online unter http://www.kontext-tv.de/de/sendungen/extreme-klima-ungerechtigkeit-die-reichsten-10-fur-halfte-der-emissionen-verantwortlich (Abrufdatum 29.6.2019)

Die globale Ungerechtigkeit wird auch anhand der finanziellen Besitztümer der Weltbevölkerung deutlich:

Das reichste eine Prozent der Welt, und noch abscheulicher, die reichsten acht Menschen der Welt haben jetzt so viel Reichtum wie die gesamte ärmste Hälfte der Weltbevölkerung, wie Oxfam während des Weltwirtschaftsforums 2017 berichtete

>> Quelle und Zitat: Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus. 23-24.

Hier gibt es also – auch vollkommen unabhängig von der Klimakrise – extrem großen Handlungsbedarf.

Allgemein gilt: Nur eine globale Klimagerechtigkeit führt relevant zu Klima- und Umweltschutz:

  • “Die Armen neigen dazu, für ihr Überleben und ihre Bedürfnisse die Ressourcen zu übernutzen, oft sogar zu zerstören. Die Reichen dagegen übernutzen die verfügbaren Ressourcen erst recht und dies oft aus reiner Gier. Demgegenüber werden soziale Gerechtigkeit und  die Überwindung der Armut zu einem Schlüssel für den Umweltschutz.“

>> Quelle und Zitat: Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus, S. 208.


Die Verknüpfung der Aspekte Klimaklise und Beseitigung der globalen Ungleichheit birgt – in jeder Hinsicht – eine große Chance für die Menschheit.

Es geht auch nicht anders, denn der globale Süden wird beim Klimaschutz nur mitmachen, wenn er davon profitiert, in dem er z.B. vergünstigt und u.U. patentrechtefrei bzw. lizenzfrei Zugang zu Technologien betreffend erneuerbare Energien erhält.

  • Denn so wie es bisher lief mit dem post- bzw. neokolonialen Imperialismus, ist es schlicht äußerst zynisch vom Kapitalismus als dem bestmöglichen System zu sprechen. Das ist eine zutiefst westliche Sichtweise, die man wohl nur einnehmen kann, wenn man gerade auf dem Sofa die Füße hochlegt, weil man ach so hart gearbeitet hat – oder Trump heißt. Die Realität „da draußen“ ist eine andere.


Selbstverständlich geht es anders als bisher. Die angebliche Unausweichlichkeit von Politik und Geldwirtschaft – There Is No Alternative (TINA) – ist die vielleicht nachhaltigste Lüge von denjenigen, die alles so lassen wollen wie es derzeit ist.


Was Ressourcenausbeutung, CO₂-Emissionen und Lebensstil der Industrienationen zu Ende gedacht bedeutet:

  • Die „imperiale Lebensweise [ist] derzeit im Begriff…, sich zu Tode zu siegen.“

>> Quelle: Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom. S. 14.


Climate Justice, Neokolonialismus und unsere imperiale Lebensweise

Womit wieder das Thema „Wachstum“ auf der Agenda steht:

„Wachstum kann nur erzeugt werden, wenn andere „auf ihren proportionalen Anteil verzichten“ (müssen).

>> Quelle: Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom. S. 14. (zu Wachstum siehe auch Abschnitt Glaubenssätze dechiffriert: Von „Wachstumszwängen“ und anderen Glaubenssätzen.

Und weiter:

„Die imperiale Lebensweise beruht auf Exklusivität, sie kann sich nur so lange erhalten, wie sie über ein Außen verfügt, auf das sie ihre Kosten verlagern kann.“ (ebd. 15) 

Und in diesem Sinne, d.h. aufgrund der Kostenexternalisierung (Kostenauslagerung) – und in Kombination mit Shareholder Value (d.h. der Verpflichtung von Börsennotierten Unternehmen, den Gewinn zugunsten der Aktienbesitzer zu maximieren) – kann es unter den heutigen Gegebenheiten generell (so gut wie) keine wirklich nachhaltigen Produkte geben.


Warum?

Gegenfrage: Warum verlagert man denn Produktionen z.B. nach Südostasien?

Antwort: Weil es dort aufgrund mangelnder Gesetzgebung, niedrigeren Umweltstandards, Korruption und niedrigen Löhnen billiger und somit lukrativer ist, zu produzieren. Die Sache ist systemisch – d.h. im System so angelegt.
Daher ist eine grüne bzw. nachhaltige Wirtschaft/Produktion ohne tiefgreifende Änderungen im Betriebssystem der globalen Wirtschaft und Politik grundlegend nicht möglich.

  • Kathrin Hartmann spricht daher vollkommen zu Recht von der Grünen Lüge.

vgl. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing. 240 Seiten. | s.a. Boote, Werner u. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können. Film-Doku.

Ulrich Brand und Markus Wissen gehen in diesem Punkt noch einen Schritt weiter:

  • „Ausgeblendet wird, dass Ökosysteme nicht deshalb zerstört werden, weil ihnen kein Preisschild anhaftet, das die Kosten ihres Verlusts quantifizieren würde [was aber nicht gegen eine CO₂-Steuer spricht!]. Der Grund liegt vielmehr darin, dass die Rechte der Menschen (häufig Kleinbauern und indigene Gemeinschaften), die in den entsprechenden Territorien leben, systematisch missachtet werden.“ (ebd. 150)


Nächster Abschnitt:



Klimaschäden vor Gericht: Gerichtsprozesse als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise


Der Klimawandel ist längst auch zur juristischen Frage geworden: Während bislang Konzerne durch Nutzung der Allmende (=Gemeingut) „Umwelt“ bzw. „Atmosphäre“ als Müllhalde ihre Gewinne maximieren, die Schäden bzw. Kosten aber auf die Allgemeinheit abladen, gibt es auf der anderen Seite bereits jetzt eine Vielzahl von Menschen, deren Leben, Arbeit, Firma, Bauernhof, Ertrag geschmälert, bedroht oder gar unmöglich gemacht wird.

>> vgl. auch die vorigen Abschnitte Klimagerechtigkeit („Climate Justice“) – und der ‚globale Süden‘ und Konfliktpotenziale der Klimakrise: Zuerst trifft es immer die Armen.

In einigen Fällen – wie z.B. beim größten deutschen Stromkonzern – RWE – ist der Anteil an den jährlichen weltweiten CO₂-Emissionen nicht nur berechenbar, sondern in der Tat global relevant, sodass in solchen Fällen – theoretisch (und hoffentlich auch praktisch) – die prozentuale Mittäterschaft bei der Verursachung der Klimakrise gerichtlich festgestellt werden kann.

Gleichzeitig ist globales Umwelt- und Klimarecht weitgehend juristisches Neuland. Auf bestehende Gesetze und Normen kann hier nur bedingt zurückgegriffen werden. Doch vollkommen „mittellos“ sind die Jurist*innen nicht – so gibt es mittlerweile rund

900 Klagen in 24 Ländern.

>> Quelle: Ziegs, Beate (2019: „Bürger für mehr Klimaschutz: Klimawandel vor Gericht“. in: Deutschlandfunk Kultur, 29.1.2019, online unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/buerger-fuer-mehr-klimaschutz-klimawandel-vor-gericht.976.de.html?dram:article_id=439588 (Abrufdatum 10.7.2019)
>> Anmerkung: Der Spiegel spricht von „mehr als 800 Klagen“, die im Jahre 2017 anhängig waren, s. Bethge, Philip (2018): „In der Badewanne“. in: Der Spiegel, Nr.44/2018, 27.10.2018, S. 119

Jeder Mensch auf diesem Planeten hat ein Recht auf Klimaschutz. Das ergibt sich z.B. für Deutschland aus dem Grundgesetz

  • GG Art. 2 „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“
  • GG Art. 20a „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere“

und allgemein bzw. global aus der sog. Menschenrechtscharta („Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Resolution 217A (III) der Vereinten Nationen (UN) vom 10.12.1948“), Artikel 3:

  • Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

>> Quelle Grundgesetz: n.n. (2019): „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“. in: Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, online unter https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html (Abrufdatum 10.7.2019)
>> Quelle Menschenrechtscharta: Meisen, Silvia (2019): Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, online unter https://www.menschenrechtserklaerung.de/die-allgemeine-erklaerung-der-menschenrechte (Abrufdatum 10.7.2019)

>> siehe zu Grundgesetzverletzung auch Aspekt einseitige Kündigung des Generationenvertrages.

Bei Klagen gegen Staaten bzw. den eigenen Staat geht es vornehmlich darum, dass unterlassene bzw. unzureichende Klimapolitik Grundrechte gefährdet.

So simpel der Sachverhalt, so schwierig dessen „Justiziabilität“: Wer ist befugt zu klagen („Aktivlegitimation“)? Wen verklagen? Und wie kann dem Konzern, der Institution oder dem Staat nachgewiesen werden, dass er Verursacher/Verletzer ist und die Rechte Dritter verletzt? Und wie kann sichergestellt werden, dass ein Gerichtsurteil (z.B. gegen ein weltweit operierendes Unternehmen) auch umgesetzt wird?

Klimaklagen gegen Konzerne

Der Peruaner Saúl Luciano Lliuya verklagt RWE

Es ist eine Art Musterprozess gegen die Klimakrisen-Verursacher: Der peruanische Kleinbauer Saúl Luciano Lliuya verklagt mit Hilfe von Germanwatch und eines deutschen Anwaltteams um die Anwältin Roda Verheyen RWE, weil RWE als CO₂-Emittent „0,47 Prozent der weltweiten Treibhausgase“ ausstößt und somit Mitverursacher des Gletschertauens oberhalb seines Dorfes, dass sein Haus zu zerstören droht, ist. Das Oberlandesgericht Hamm sieht, dass die Klage zulässig und schlüssig begründet ist – und hat deshalb die Beweisaufnahme eröffnet.

>> Quelle und Zitat: n.n. (2017): „Klimawandel: Peruanischer Bauer bringt RWE vor Gericht.“ in: Die Zeit, 30.11.2017, online unter http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-11/klimawandel-rwe-klage-bauer-peru (Abrufdatum 24.2.2018)
>> vgl. Bethge, Philip (2018): „In der Badewanne“. in: Der Spiegel, Nr.44/2018, 27.10.2018, S. 119.

Bei dieser Art von Klimaklagen können nunmehr die Forschungsergebnisse der jungen aber schon etablierten Wissenschaftsdisziplin ‚Attribution Science‚ (‚Zuordnungsforschung‘) – die errechnen kann, um wie viel wahrscheinlicher es ist, dass ein bestimmtes Klimaereignis unter den derzeitigen klimatischen Voraussetzungen eintritt als in einer vorindustriell geprägten Atmosphäre – die Vorwürfe der Kläger*innen untermauern.

>> siehe dazu auch Aspekt Die stets aufkeimende Diskussion nach jedem Extremwetter…

Derzeit sind hunderte solcher Klagen weltweit anhängig, die klären sollen, inwieweit die Verursacher der Klimakrise zur Verantwortung gezogen werden können. Damit haben wir die interessante Situation, dass Großkonzerne auf klimabedingte politische Entscheidungen, die Einschränkungen ihres Betriebes zur Folge haben, mit Schadensersatzklage bzw. Investitionsschutzklage reagieren – und umgekehrt selbige vor den Kadi gezogen werden, weil sie dem Klima schaden.

>> Quelle Investitionsschutzklagen vgl. Klein, Naomi (2015): Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. S. 85 ff.

  • Problem: Wir haben eigentlich zu wenig Zeit, um das Klima auf dem zweifellos langwierigen juristischen Weg zu retten. Gleichwohl ist es selbstredend richtig, auch diesen Weg zu gehen, erhöht er doch den politischen bzw. juristischen Druck auf Staaten und Großkapital.

Kurz herausgegriffen:

Auch Exxon wird mittlerweile verklagt, weil der Konzern bereits 1982 genau wusste, dass sein Geschäftsmodell und Konzernpolitik zerstörerisch ist – leider klagen hier die Anleger, die hier am Ende mutmaßlich finanziell profitieren werden. Doch was ist für die Erde und die Menschheit hiermit gewonnen?

vgl. auch Abschnitt „Historie des Klimawandels“

>> vgl. Hahn, Dorothea (2019): „Exxon wusste alles“. in: tageszeitung, 7.11.2019, online unter https://taz.de/Prozess-gegen-Oelkonzern/!5639408/ (Abrufdatum 8.11.2019)


Klimaklagen gegen Staaten

(und Staats-ähnliche Institutionen wie z.B. die Europäische Union)

>> Quelle Zitat und Video: n.n. (2019): „Was ist eine Klimaklage? – Anwältin Roda Verheyen
erklärt“. in: Greenpeace Deutschland,
19.1.2019, online unter: www.youtube.com/watch?v=ecKBlfInhL0
(Abrufdatum 4.7.2019)

Die auf dem Rechtsgebiet „Klimaklagen“ Pionierarbeit leistende Anwältin Roda Verheyen erklärt, was eine Klimaklage ist:

  • „Wir sind aus der Zeit hinaus, in der Klimaschutz eine diplomatische oder politische Ermessensentscheidung ist. Es geht hier um Menschenrechtsschutz und den muss man aus meiner Sicht auch einklagen können.“

Roda Verheyen ist Mitbegründerin des 2002 ins Leben gerufenen Netzwerkes Climate Justice Program (CJK) – einer NGO bestehend aus Anwälten, Wissenschaftlern und Aktivisten, die eine Art juristisches Handwerkszeug für Anwälte in der ganzen Welt entwickelt haben, das es ermöglicht, Klimaklagen im Sinne der Climate Justice vor Gericht zu bringen,.


Der „People’s Climate Case“:

  • Zehn (vorwiegend) in Europa lebende Familien verklagen die EU

„Mit der Klimaklage „People’s Climate Case“ haben zehn Familien aus Portugal, Deutschland, Frankreich, Italien, Rumänien, Kenia und Fidschi sowie der samische Jugendverband der Sáminuorra, ein Gerichtsverfahren angesichts des Klimawandels und seiner bedrohlichen Folgen angestrengt. Ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlagen, ihre traditionelle Familienarbeit und ihre Kultur sind vom Klimawandel betroffen. Deshalb verklagen diese Menschen die EU-Institutionen: um ihre Grundrechte zu schützen und um den gefährlichen Klimawandel zu verhindern.“

>> Quelle Zitat: Gohr, Markus (2019): „Das sind die Kläger“. in: Protect The Planet, online unter: https://www.protect-the-planet.de/klimaklage-die-klaeger/ (Abrufdatum 10.7.2019)

Video-Kurzporträts einiger Kläger*innen: https://www.protect-the-planet.de/video/uebersicht/ (Abrufdatum 10.7.2019, jeweils ca. 3 min)


Die „Greenpeace Klimaklage“

  • Drei deutsche Biobauern-Familien verklagen die deutsche Regierung vor dem Berliner Verwaltungsgericht (Vollzugsklage eingereicht im Oktober 2018; im Juni 2019 ist nach verlängerter Frist die Erwiderung der Bundesregierung eingegangen.)

Deutschland verfehlt deutlich das Klimaschutzziel des Aktionsplanes Klimaschutz 2020, demzufolge die CO₂-Emissionen um 40% gegenüber 1990 zurückgefahren werden mussten (vgl. ebd. 9[]). Dieses Scheitern ist derzeit Gegenstand der sog. Greenpeace-Klimaklage, in der Greenpeace den Standpunkt vertritt, dass der Aktionsplan Klimaschutz 2020 verbindlich ist und daher nicht einfach – wie geschehen – in den Koalitionsverhandlungen im Frühjahr 2018 quasi per Nebensatz vom Tisch gefegt werden kann.
(siehe auch Abschnitt Klimakrise in Zahlen: CO₂-Emissionen in Deutschland.)

Konkret klagt Greenpeace gemeinsam mit drei Familien, die allesamt in der Bio-/Öko-Landwirtschaft tätig sind auf der Insel Pellworm (Bio), im Alten Land (an der Elbe bei Hamburg, Bio-Obst) und in Brandenburg (Öko) – sowie mit 213 Bürger*innen und Bürger als Antragsteller*innen auf Beiladung zur Klage (die aus 4500 Interessierten ausgewählt wurden).

Video-Kurzporträts der Kläger-Familien: youtu.be/B9SNZxf5KHk | www.youtube.com/watch?v=l8w6ToNrCOo | www.youtube.com/watch?v=9V1NfFeCIr4 (Abrufdatum 9.7.2019, jeweils ca. 4 min)
>> Quelle „Beigeladene“ und Updates: n.n. (2019): „Das Gerichtsverfahren zur Klimaklage: Der aktuelle Stand“. in: Greenpeace, online unter https://www.greenpeace.de/klimaklage-aktuell (Abrufdatum 10.7.2019)

  • Verklagt wird hier die „die Bundesregierung als Teil der Verwaltung der Bundesrepublik Deutschland… Verwaltungsgerichte sind dazu da, die Handlungen oder auch das Unterlassen von Verwaltungsorganen zu überprüfen. Das Ungewöhnliche an dem Fall ist, dass wir auf die Einhaltung einer Norm klagen, die nicht als Gesetz verabschiedet ist… Im Kern hängt der Erfolg der Klage davon ab, ob das Gericht uns folgt, dass es sich bei dem Klimaschutzziel 2020 um einen justiziablen Rechtsakt handelt.“

>> Quelle Zitat: Rechtsanwältin Roda Verheyen in: Weiland, Michael (2018): „Regierung zur Rechenschaft. Wer trägt die Schuld an den Folgen der Erderhitzung? Rechtsanwältin Roda Verheyen erklärt, warum Greenpeace und Betroffene gegen die Bundesregierung klagen.“ in: Greenpeace, online unter https://www.greenpeace.de/themen/klimawandel/regierung-zur-rechenschaft (Abrufdatum 10.7.2019)

Transparenz durch Offenlegung: Der Autor dieses „Party-Kit Klimakrise“ hat im Januar 2019 einen 23-seitigen Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gestellt. Begründung: Nicht nur (Öko-)Bauern oder Menschen in besonderen geologisch vulnerablen (verletzlichen) Gegenden sind schon gegenwärtig und in absehbarer Zukunft persönlich, unmittelbar und evtl. sogar existenziell von den Folgen der Klimakrise betroffen, sondern auch ich als im Jahrgang 1971 geborener Bürger der Stadt Hamburg. Und wenn ein Durchschnittsbürger wie ich in dieser eindeutigen Weise betroffen ist, dann ist quasi jede(r) BürgerIn Deutschland in gleichartiger Weise betroffen. Diese Betroffenheit wird dann ausführlich erörtert und zeichnet ein gleichermaßen fundiertes wie detailliertes Bild, was uns in Deutschland gemäß aktuellem Forschungsstand mutmaßlich „blühen“ wird. Siehe LLL-Beitrag: „Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gegen die Bundesregierung

>> vgl. n.n. (2019): „Das Gerichtsverfahren zur Klimaklage: Der aktuelle Stand“. in: Greenpeace, online unter https://www.greenpeace.de/klimaklage-aktuell (Abrufdatum 10.7.2019)

Update 1.11.2019.
Obige Klage wurde nunmehr vor dem Verwaltungsgericht Berlin verhandelt und abschlägig beschieden; man sehe die Klagenden nicht in ihren Grundrechten gefährdet – und der Kabinettsbeschluss zum Aktionsplan Klimaschutz 2020 sei nicht bindend, sondern eine politische Absichtserklärung. Doch die Richter wiesen darüber hinaus „explizit darauf hin, dass der Staat geeignete ‚Vorkehrungen zum Schutz der Grundrechte‘ treffen müsse. Damit bauten sie eine Brücke zwischen Grundrechten und Klimawandel, deren Tragfähigkeit Kläger künftig austesten können…“. (Bauchmüller 2019). Die Berufung wurde zugelassen.

>> vgl. n.n. (2019): „Klimaziele 2020: Verwaltungsgericht weist Klimaklage gegen Bundesregierung ab“. in: Der Spiegel, 31.10.2019, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/berlin-verwaltungsgericht-weist-klimaklage-von-bauernfamilien-ab-a-1294262.html (Abrufdatum 1.11.2019)
>> Quelle des Zitats: Bauchmüller, Michael (2019): „Die Beweisaufnahme beginnt“. in: Süddeutsche Zeitung, 1.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/politik/klage-klimawandel-politik-1.4663981 (Abrufdatum 4.11.2019)

Im August 2019 haben auch in Österreich Betroffene der Klimakrise gemeinsam mit Greenpeace eine Klimaklage beim Verfassungsgericht eingereicht. Im Fokus stehen offensichtlich klimaschädliche Gesetze.

>> Quelle: n.n. (2019): „VfGH soll klimaschädliche Gesetze kippen: Opfer reichen erste Klima-Klage ein“. in: OE24, online unter https://www.oe24.at/oesterreich/politik/Opfer-reichen-erste-Klima-Klage-ein/394117434 (Abrufdatum 18.10.2019)


Die Urgenda-Klage in den Niederlanden

  • 900 Niederländer verklagen ihren Staat auf ihre Grundrechte

Im April 2015 gingen ca. 900 Niederländer mit Hilfe der Umweltschutzgruppe Urgenda vor Gericht, um die niederländische Regierung auf Basis der Fürsorgepflicht zu relevantem Klimaschutz zu verpflichten – und setzten sich sowohl in der ersten Instanz als auch vor dem Berufungsgericht durch.

  • „Der Klimawandel stelle eine konkrete Bedrohung dar, sagte die Vorsitzende Richterin Marie Anne Tan-de Sonnaville. ‚Der Staat ist verpflichtet, dagegen Schutz zu bieten.‘ Das Gericht skizzierte die hohen Risiken für die Niederlande wie Überflutungen, Krankheiten, Dürre, Waldbrände, Mangel an Trinkwasser und Schäden des Ökosystems.“

>> Quelle: n.n. (2018): „Regierung verliert vor Gericht: Niederlande werden zu Klimaschutz gezwungen“. in: Frankfurter Allgemeine, 9.10.2018, online unter https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/gerichtsurteil-niederlande-werden-zu-klimaschutz-gezwungen-15829057.html (Abrufdatum 10.7.2019)

Nunmehr haben die Niederlande bis 2020 die CO₂-Emissionen um 25% gegenüber dem Wert von 1990 zu senken. Zudem wurde im Mai 2019 ein Klimagesetz verabschiedet, dass vom GroenLinks-Chef Jesse Klaver als „das ehrgeizigste Klimagesetz der Welt“ bezeichnet wird. Wobei festzuhalten ist, dass die Niederlande weniger die Musterschülerin der EU als vielmehr eines der Schlusslichter ist, dass nunmehr aufholen möchte(n muss)

>> Quelle Zitat: n.n. (2019): „KLIMA: Erste Kammer segnet Klimagesetz ab“, in: WWU Münster/NiederlandeNet. [Universität Münster], 4.6.2019, online unter https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/aktuelles/archiv/2019/0604-Klimagesetz.html (Abrufdatum 10.7.2019)
>> Quelle Anmerkung „Schlusslicht“: Schweighöfer, Kerstin (2019): „Energiewende in den Niederlanden: Der schwierige Einstieg in den Ausstieg“. in: Deutschlandfunk Kultur, 24.6.2019, online unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/energiewende-in-den-niederlanden-der-schwierige-einstieg-in.976.de.html?dram:article_id=452155 (Abrufdatum 10.7.2019)

  • Die wichtige Botschaft lautet hier: Ja, man kann seinen Staat auf juristischem Weg zu mehr Klimaschutz zwingen.

>> weitere Informationen zu „Gerichtsverfahren zum Klimawandel“ siehe gleichnamigen Artikel bei wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Gerichtsverfahren_zum_Klimawandel



Nächster Abschnitt:

Die Klimakatastrophe bzw. die daraus resultierenden vielen Katastrophen kosten:
VIEL Geld.



Graphische Veranschaulichungen der Erderwärmung


„warming stripes“ by Ed Hawkins:
Durchschnittliche jährliche globale Temperaturen 1850-2017

Jedes Jahr seit 1850 entspricht einem Farbbalken.
(4.12.2018 veröffentlicht)
The colour scale represents the change in global temperatures covering 1.35°C [data]
Image by Ed Hawkins. This image is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.
Creative Commons License
www.climate-lab-book.ac.uk/2018/warming-stripes/ (Abrufdatum 1.6.2019)

s.a. https://showyourstripes.info/ (Abrufdatum 28.6.2019)

Hier findet man zusätzlich auch die „warming stripes“ für Deutschland 1881-2017

Auf der Grafik beträgt die Differenz 1,35° Celsius, weil die Zahlen bis 1850 zurückreichen. Als Referenzwert für die aktuelle Erwärmung dient das Jahr 1900 – wo es eben global „nur“ 1,1° Celsius kühler war als heute.

2018 Was the Fourth Hottest Year on Record, NASA Goddard
https://youtu.be/2S6JTLRmQdU

Die Farbgebung der „warming stripes“ findet man im Prinzip auch bei diesem von der NASA aufbereiteten Video:


Daneben gibt es u.a. noch die sog. „Hockeyschlägerkurve“ von Michael E. Mann, Raymond S. Bradley und Malcolm K. Hughes, 1999, bezogen auf die letzten 2000 Jahre, deren Verlauf einem rechts aufragenden Hockeyschläger ähnelt, d.h. nach langer relativer Stabilität bricht die „Gerade“ als exponentielle Kurve immer steiler nach oben aus.

Hier zunächst ein Blick auf die deutliche Entwicklung seit 1850:

Quelle bzw. Rahmstorf, Stefan (2019): eigene Webpage derUniversity of Potsdam, Institute of Physics and Astronomy, online unter http://www.pik-potsdam.de/%7Estefan/ (Abrufdatum 11.6.2019)


Wie dramatisch diese Steigerung tatsächlich ausfällt, wird sichtbar, wenn man den Zeithorizont aufzieht:

Author: Mrfebruary; used by Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported – Anmerkung: Mit Stand 2019 sind wir bei 407,8 ppm CO₂-Konzentration in der Atmosphäre.
[ppm = parts per million = Anteile pro Million]
Zeithorizont 400.000 Jahre – mit deutlichen Eiszeit-bedingten Schwankungen – aber über 300 ppm CO₂ waren nie zu verzeichnen. Quelle: Phrontis at Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported



Der seit der industriellen Revolution in die Atmosphäre gelangte „Kohlenstoff hat eine besondere Isotopenzusammensetzung, daher konnte Hans Suess bereits in den 1950er Jahren nachweisen, dass das zunehmende CO₂ in der Atmosphäre einen fossilen Ursprung hat.“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 34)



Weitere Grafiken zur globalen Temperaturentwicklung:

Der Artikel, der die vorstehenden Grafiken enthält und erläutert:
Rahmstorf, Stefan (2013): „Paläoklima: Das ganze Holozän“. in: Spektrum Klimalounge, 17.6.2013, online unter: scilogs.spektrum.de/klimalounge/palaeoklima-das-ganze-holozaen/ (Abrufdatum 2.6.2019)

… und schließlich gibt es noch die berühmte Keeling-Kurve, die der Klimaforscher Charles Keeling erstmals 1962 veröffentlichte und die seither stets aktualisiert wird. Die Kurve zeigt den steigenden CO₂-Gehalt der Erdatmosphäre:

Die Keeling-Kurve mit den Messwerten des atmosphärischen Gehalts an Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre, gemessen am Mauna Loa.
Von Delorme – Eigenes Werk. Data from Dr. Pieter Tans, NOAA/ESRL and Dr. Ralph Keeling, Scripps Institution of Oceanography., CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46146497
s.a. Abschnitt Klimakrise in Zahlen:
CO₂-Gehalt der Atmosphäre…


Nächster Abschnitt:



Forschungs-Historie Klimawandel

…in a nutshell – extrem stark verkürzt

200 Jahre Wissen. Und politisch kaum einen Schritt weiter:

1824 hält der Physiker Jean-Baptiste Joseph Fourier hält fest:

  • „[D]ie Auswirkungen der menschlichen Industrie und alle versehentliche Änderungen der Oberflächen der Erde ändern die Temperaturen in jedem Klima. … [E]s sind die Auswirkungen auf die Temperatur zu beobachten, die sich von denen unterscheiden, die ohne den Einfluss der zusätzlichen Ursachen auftreten würden.“

>> Quelle: Fourier, Joseph (1824, 1827): Über die Temperaturen der Erdkugel und den Planetenräumen. Kommentierung und Übersetzung: Jochen Ebel, 2014. S. 11 des PDF-Dokuments, Punkt 50 http://www.ing-buero-ebel.de/Treib/Fourier.pdf (Abrufdatum 14.6.2019), siehe ausführlich Fußnotenapparat von LLL-Beitrag 146.000.000 Dollar/Jahr per Pipeline direkt ins US-Regierungsviertel.

Anmerkung zur historischen Einordnung des Zeitpunkts der Niederschrift:
Napoleon 3 Jahre tot | Beethoven schrieb an der 9. | 8 Jahre vor dem Bau der ersten Eisenbahn in HH | Mr. Glühlampe Edison (*1847) war noch nicht einmal geboren.


1861 beschreibt John Tyndall den natürlichen Treibhauseffekt auf Basis von Gasen wie CO₂, Ozon, Lachgas und Methan. (vgl. Bonner/Weiss 2017, 78 u. Kriener 2015).


1896 formuliert der spätere Nobelpreisträger Svante Arrhenius ein erstes Klimamodell. Dies markiert den Beginn der eigentlichen Klimaforschung.

  • „Dabei sind seine Kalkulationen nicht nur so genau, dass sie erstaunlich nahe an jene heutiger Supercomputer herankommen.“ (Bonner/Weiss 2017, 81).
The Bell Telephone Science Hour im Jahre 1958 (!) über den Klimawandel (nur 1:54 min)
https://www.youtube.com/watch?v=qF9WdV8pUPk (Abrufdatum 4.7.2019)
Backgrounds: Bell_Laboratory_Science_Series#The_Unchained_Goddess_(1958)
(Abrufdatum 4.7.2019)

1958 läuft im US-Fernsehen folgende populärwissenschaftliche Sendung, siehe rechts:


[1964 bohren Wissenschaftler einen 1390 Meter langen Eiskern, der auch Luftbläschen von vor über 100000 Jahren enthält, aus dem Grönlandeis heraus, Ergebnis: Selbst in warmen Jahren lag der CO₂-Wert zehntausende Jahre nie über 300 ppm“ (vgl. Bonner/Weiss 2017, 91). [ppm = parts per million = Anteile pro Million]


1965 erhält US-Präsident Lyndon B. Johnson eine Studie, in der der heutige (Forschungs-)Stand der Dinge vorhergesagt werden, Zitat: „Der Mensch… hat unwissentlich ein ungeheures geophysikalisches Experiment in Gang gesetzt.“


1971 kommt das Thema unwiderruflich in der Bundesrepublik Deutschland an: Unter der Überschrift „Industrialisierung und Bevölkerungswachstum beeinflussen das Klima“ ist hier zu lesen, dass bei einem weiter so „spätestens in zwei bis drei Generationen der Punkt erreicht [wird], an dem unvermeidlich irreversible Folgen globalen Ausmaßes eintreten.“ (n.n. 1971)


1982 weiß Exxon exakt, was 2019 los sein wird:

  • 2019 = weltweit ca. 420 ppm CO₂ in der Atmosphäre
    • korrekt ist:
      • 2019 = weltweit ca. 408 ppm CO₂ in der Atmosphäre
  • 2019 = weltweit ca. 0,9° Celsius mehr als in der vorindustriellen Zeit mit weiter exxonponentiell ansteigender Kurve, projiziert bis 2100.
    • korrekt ist:
      • 2019 = weltweit ca. 1,1° Celsius mehr als in der vorindustriellen Zeit.

        [ppm = parts per million = Anteile pro Million]

vgl. n.n. (2019a): „Ölriese Exxon wusste schon 1982, wie stark die Erderwärmung 2019 ausfällt“. [2017 geleakte Geheimstudie]. in: Der Spiegel, 17.5.2019, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/exxon-sagte-co2-gehalt-der-atmosphaere-fuer-2019-genau-voraus-a-1267915.html (Abrufdatum 14.6.2019) (Man sehe sich die große Graphik des Artikel genau an, es lohnt sich.) (vgl. auch Otto 2019, S. 44f.)

vgl. LLL-Beitrag „Geld UND Wahrheit?“ Unwahrscheinlich. Wesentlich naheliegender ist: „Geld ODER Wahrheit“

1988 gibt es die geheime Shell-Studie, die die anstehende Katastrophe genau beschreibt: „Es ist möglich, dass die Umwelt in einem derartigen Ausmaß geschädigt wird, dass einige Teile der Erde unbewohnbar werden könnten.“ (n.n. 2019b).


1995 ist die promovierte Physikerin Angela Merkel als deutsche Umweltministerin Gastgeberin der ersten UN-Klimakonferenz (COP-1) in Berlin. Sie hat seither viel über Klimaschutz geredet.
(COP = Conference of the Parties; Madrid 2019 = COP 25)


1997 wurde das erste rechtsverbindliche Klimaschutzabkommen, das sog. Kyoto-Protokoll, vereinbart und „wurde von 191 Staaten ratifiziert, darunter alle EU-Mitgliedstaaten sowie wichtige Schwellenländer wie Brasilien, China, Indien und Südafrika. Die USA haben das Kyoto-Protokoll bis heute nicht ratifiziert. Kanada ist im Jahr 2013 ausgetreten“ (BMU: n.n. 2017).


2015 findet die UN-Klimakonferenz in Paris 2015 (COP 21) statt – die einundzwanzigste ihrer Art.


2018 Am 20. August setzt sich Greta Thunberg das erste Mal und alleine vor das schwedische Parlament. Am nächsten Tag setzt sich jemand spontan dazu.


mehr zur Klimaforschungs-Historie: LLL-Beitrag 146.000.000 Dollar/Jahr per Pipeline direkt ins US-Regierungsviertel.

Quellen des Abschnitts Forschungs-Historie Klimawandel

>> Bonner, Stefan und Weiss, Anne (2017): Planet planlos. Sind wir zu doof die Welt zu retten? München: Knaur.

>> Kriener, Manfred (2015): „Die Erde im Schwitzkasten. Schon 1824 wurde der Treibhauseffekt entdeckt, seit mehr als 100 Jahren tobt die Debatte um die Erderwärmung.“ in: Die Zeit, 28.11.2015, online unter http://www.zeit.de/2015/48/treibhauseffekt-klimawandel-erderwaermung-klimagipfel (Abrufdatum: 14.6.2019)

>> n.n. (1971): „Machen Menschen das Wetter? Industrialisierung und Bevölkerungswachstum beeinflussen das Klima“. [Presseerklärung zur 36. Physikertagung 1971.] in: Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), online unter https://www.dpg-physik.de/veroeffentlichungen/publikationen/stellungnahmen-der-dpg/klima-energie/pi_ake_27091971.pdf (Abrufdatum 3.7.2019)

>> n.n. (2017): „Kyoto-Protokoll“. in: BMU, 26.5.2017, online unter https://www.bmu.de/themen/klima-energie/klimaschutz/internationale-klimapolitik/kyoto-protokoll/ (Abrufdatum 2.12.2019)

>> n.n. (2019a): „Ölriese Exxon wusste schon 1982, wie stark die Erderwärmung 2019 ausfällt“. [2017 geleakte Geheimstudie]. in: Der Spiegel, 17.5.2019, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/exxon-sagte-co2-gehalt-der-atmosphaere-fuer-2019-genau-voraus-a-1267915.html (Abrufdatum 14.6.2019)

>> n.n. (2019b): „1988 Shell Confidential Report ‚The Greenhouse Effect'“. in: Climatefiles – Hard to Find Documents All in One Place, online unter http://www.climatefiles.com/shell/1988-shell-report-greenhouse/ (Abrufdatum 2.12.2019)

>> Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein.



Nächster Abschnitt:



Inhaltsverzeichnis

s.a. Stichwortverzeichnis (=Index) (under construction)

…des Party-Kit „Klimakrise“: mit (fast) allen für Diskussionen relevanten Fakten, Zahlen und Argumenten inkl. möglichen politischen, gesellschaftlichen und individuellen Veränderungen und Chancen für diese Welt.

– veraltet: under construction –

Schlaglichter | Grundüberlegungen | Zahlen: Temperaturen u. CO₂-Konzentrationen | Globales u. individuelles CO₂-Budget | Zahlen: CO₂-Emissionen in D | Klimakiller Flugverkehr | Kipppunkte des Klimas: Eisschilde, Permafrost & Co | Unhaltbarer Lebensstil in D | Tödlicher Lobbyismus: Geld zerstört die Welt | Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große KlimawissenschaftsleugnerInnen? Über die für viele Menschen unerträgliche Wahrheit, am eigenen Ast zu sägen | KlimawissenschaftsleugnerInnen auf Partys | Eine neue Rückzugslinie: KlimawissenschaftsverweigerInnen. Die immer gleichen Argumente | Die einseitige Kündigung des Generationenvertrages durch die „Erwachsenen“ | Gute Nachricht: Weltbevölkerungsentwicklung | Gute Nachricht: Ernährung der Weltbevölkerung | Sandkastenspiele adé: Wir brauchen Politik, die uns vor uns selber schützt | Glaubenssätze à la „Wachstumszwang“ dechiffriert | Was kann ich tun? – Haltung! | mögliche konkrete Verhaltensänderungen | Ohnmachtsgefühle: Klimakrisen-Depression | Fatalismus und Klimakrise | Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase| Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen | Graphische Veranschaulichungen der Erderwärmung | Forschungs-Historie Klimawandel | Klimakrisen-Folgen zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheidergeneration in D | Konfliktpotenziale der Klimakrise: Zuerst trifft es immer die Armen (auch in D) | Klimagerechtigkeit („Climate Justice“) und der ‚globale Süden‘ | Gerichtsprozesse als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise: 900 Klagen in 24 Ländern | Klimaschutz in ökonomischer Perspektive | Was ist politisch zu tun? | Luftschlösser einreißen à la Mondlandungen und Flugtaxis | Fazit: Noch haben wir die Möglichkeit| Quellenverzeichnis „Klimakrise“ | Noch’n Fazit

>> Zurück zum Inhaltsverzeichnis kommt man mit dem „Back“-Knopf im Browser.



Nächster Abschnitt:



Wir sind Erde.


Grundlegende Gedanken zur Klimakrise.

Der große Irrtum der Menschen, besonders der Industrienationen:

Wir sind nicht die Herrscher der Erde, wir unterliegen den Gesetzen der Natur, wir sind Teil der Erde: Wir sind Erde.

oder in den Worten von Naomi Klein:

  • „Stop pretending we can control nature and start acting like we are nature“ (2015b).

Damit ist im Grunde genommen alles gesagt.

Hinzufügen kann man noch…

… die Worte von Papst Franziskus, der 2015 mit der Laudato si‘ ein äußerst fundiertes Buch über die Klimakrise veröffentlicht hat:

„Wenn wir die Schöpfung (Natur) zerstören, wird die Schöpfung (Natur) uns zerstören.“

Details

>> Papst Franziskus bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 21. Mai 2014 – Verfasser der Umweltenzyklika Laudato si‘ (2015), in der der Papst deutlichst zum Kampf für den Klimaschutz und Klimagerechtigkeit aufruft. Gleiches tut er in der 2018er Kino-Dokumentation Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes vom Wim Wenders, die über weite Strecken als bildgewaltige Klimakrisen-Doku daherkommt.


Anders als bisherige Weltkrisen stellt die Klimakrise unser Wirtschaftssystem samt vorgeblichem Wachstumszwang und unseren gesamten westlichen Lebensstil in Frage.

Die Soziologin Anita Engels über Gründe für die Härte, mit der die Klimadebatte geführt wird:

  • „Man darf nicht vergessen, was auf dem Spiel steht. Wirtschaftliches Wachstum basiert in der Industriegesellschaft, wie wir sie kennen, auf dem unbegrenzten Gebrauch fossiler Brennstoffe. Jedes politische Bemühen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren, berührt nicht nur viele Interessen, sondern fordert unser gesamtes Wohlstands-Modell heraus“ (Täubner 2019).

Anders drückt Naomi Klein es aus:

„Was unser Klima braucht, um nicht zu kollabieren, ist ein Rückgang des Ressourcenverbrauchs durch den Menschen; was unser Wirtschaftsmodell fordert, um nicht zu kollabieren, ist ungehinderte Expansion.

Nur eines dieser Regelsysteme lässt sich verändern – und das sind nicht die Naturgesetze.“ (2015a)

Unser grundlegende Herausforderung:

Wir haben – endlich – anzuerkennen, dass die Natur nicht mit sich handeln lässt. Übrigens: Die Natur kennt uns gar nicht.

>> Das ist ein Gedanke von Harald Lesch (Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator), hier nachfolgend noch einmal als Zitat:

  • „Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln. Ich glaube, dass es ein ganz, ganz großer Fehler ist, zu glauben, man könne mit der Natur irgendwelche Geschäfte machen, irgendwelche Deals, so DitFürDat-Geschäfte – „da geht doch noch irgendwas“ oder so was. Das tut mir leid: Die Natur kennt uns gar nicht. … Ihr ist es völlig egal. … Es handelt sich tatsächlich darum, anzuerkennen, dass es eine absolute Größe im Hintergrund gibt und die wird sich auch nicht ökonomischen Zielen irgendwie zuwenden“ (2016).

Es ist, in den Worten von Pierre Rabhi, …

Zeit für einen Perspektivwechsel:

„Unser Planet ist ist eine wunderbare Oase inmitten unbelebter Sterne, in der das Leben herrlich ist: ein wahres Wunder eben.“

Pierre Rabhi (*1938), französischer Schriftsteller, Landwirt und Umweltschützer. Autor von Manifest für Mensch und Erde im Interview in der Doku Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen von Melanie Laurent, Melanie und Cyril Dion (2016).

Wir sollten uns künftig als Gast der Oase „Erde“ begreifen – denn, was macht man mit Gästen, die sich dauerhaft nicht angemessen benehmen? Man schmeißt sie raus.

Die Natur hat uns schon vorgemerkt.

Per Naturgesetz.

Quellen des Abschnitts 'Wir sind Erde'

>> Klein, Naomi (2015a): Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. S. 33

>> Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015b): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.

>> Lesch, Harald (2016): „Keynote: Harald Lesch fordert endlich Konsequenzen aus dem Wissen um den Klimawandel zu ziehen“. in: Internationale Agrarkonferenz November 2016, veröffentlicht von Bündnis 90/Die Grünen, Upload 21.11.2016, online unter: www.youtube.com/watch?v=0r39TopOe4I (Abrufdatum 9.6.2019)

>> Täubner, Mischa (2019): „Klimawandel – Panik hilft nicht“. [Interview mit Anita Engels.] in: brand eins. online unter: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/gefuehle/klimawandel-panik-hilft-nicht?utm_source=zeit&utm_medium=parkett (Abrufdatum 9.6.2019) | Zum Thema Wachstum s.a. Abschnitt Glaubenssätze dechiffriert: Von „Wachstumszwängen“ und anderen Glaubenssätzen.



Nächster Abschnitt:

Was kann ICH tun? – mögliche konkrete Verhaltensänderungen und Aktivitäten


Einige Inspirationen für ein nachhaltigeres, minimalistisches und in diesem Sinne von materiellen Dingen freieres Leben, das dem Klimaschutz dient und – davon bin ich als Autor des LebeLieberLangsam-Webportals überzeugt – dass das eigene Leben sinnstiftender und intensiver macht:

Erst einmal erkennen, was überhaupt Sache ist:

  • Der eigenen Entfremdung von Natur, dem eigenen Leben und den Wünschen und Träumen, die man als junger Mensch hatte, auf die Spur kommen – in diesem Sinne auch:
  • Die eigene Endlichkeit annehmen – und daraus schöpfend andere und neue Prioritäten setzen

>> siehe dazu z.B. Ware, Bronnie (2015): 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden. Goldmann.

  • Die allgemeinen Glaubenssätze erkennen rund um
    • „Arbeitsplätze“ als Totschlagargument
    • den vermeintlichem Wachstumszwang (s.a. hier)
    • dem nie-nie-niemals funktionierenden bedingungslosen Grundeinkommen („dann geht ja keiner mehr arbeiten“ | „Das ist nicht finanzierbar“ Zu beiden Glaubenssätzen gibt es Studien, die das Gegenteil nahelegen, vgl. Werner, Götz (2018): Einkommen für alle: Bedingungsloses Grundeinkommen – die Zeit ist reif. Kiepenheuer und Witsch.)
    • dem HöherSchnellerWeiter-Dogma
    • das tagtägliche Hamsterrad und um
    • die „Werte“ der Leistungsgesellschaft
  • Drüberstehen erlernen, Reibungslosigkeit aufkündigen, bereit sein, anzuecken –
  • Das ewige Vergleichen mit „dem Nachbarn“ unterlassen lernen,
  • Niemals Dinge kaufen, weil jetzt alle sie haben, weil es zum „guten Ton“ gehört, vermeintlich Prestige bringt etc. – und
  • Letztlich erfahren und erkennen, was für das eigene Leben sinnstiftend und wichtig ist – und was nicht. Durch ausprobieren, lange Spaziergänge, eine Auszeit…

Inspirationen für konkrete Verhaltensänderungen:

  • Top 1: Reiseverhalten ändern:
    • Möglichst nicht fliegen – wenn überhaupt nur alle paar Jahre (sorry!) für eine mehrwöchige Reise und stets bei Atmosfair o.ä. kompensieren (nicht toll, aber besser als nicht kompensieren, siehe hier) – und vor allem prinzipiell und ausnahmslos keine Kurztrips sowie keine Inlands- und sonstigen Kurzstreckenflüge,
    • Kreuzfahrten unterlassen – insbesondere Kreuzfahrten mit Zubringer-Flügen ablehnen – das ist der ökologische Doppelschlag (zzgl. des ethischen Problems der allzu oft unwürdigen Arbeitsbedingungen),
  • Mobilitätsverhalten ändern, gerade als Städter*in: Kein eigenes Auto, Car-Sharing, ÖPNV, Fahrrad, E-Bike (Pedelec), Lastenrad, Deutsche Bahn (fährt im Personen-Fernverkehr mit 100% Ökostrom),
    • kein SUV!
      (engl. „sport utility vehicle“ – Sport? sportlich zu nennen ist allenfalls der Ressourcenverbrauch der meisten Vehikel, die dieser Sparte zugerechnet werden.)
      • Ressourcen-, Platz- und Treibstoffverbrauch, massiv erhöhte Unfall- und Verletzungsgefährdung der Mitmenschen, Vermeidung von Aufrüstung im Straßenverkehr – und auch eigene erhöhte Gefahr
    • SUV, Jeep, Landrover & Co sind eindeutige Statements: Sie offenbaren das komplett fehlende Umweltbewusstsein ihrer Besitzerin bzw. ihres Besitzers. Wer brauchst so etwas? Eine Försterin? Ein Geologe? Das grenzt den Bedarf solcher Autos auf eine niedrige dreistellige Zahl ein.

      Politologe Markus Wissen dazu: „Sie sitzen in ihren kleinen Panzern und zerstören Natur“.

    • Stefan Aykut, Juniorprofessor für ökologische Krisen (Uni HH) wirft die Frage auf:
      • „Ist es okay, dass manche Leute mit diesen riesigen Autos durch die Gegend fahren und dadurch viel mehr CO2 produzieren?

        Ist das noch private Freiheit, oder greift das schon in die Freiheit von anderen ein, weil die Umwelt verpestet und das Klima erwärmt wird?“


    • Und, durchaus mehr als eine Randbemerkung:
      • Elterntaxi vermeiden: Kinder gewinnen an Selbstbewusstsein, wenn sie selbstständig – ob allein, in Begleitung, per ‚Laufbus‘ – zur Schule gehen. Und das ist doch der ‚Job‘ von Eltern: Hilfe zur Selbsthilfe – und ansonsten Loslassen. Damit gewöhnen wir die Kinder an die Mobilitätszukunft, es werden Autoverkehre vermieden – und Unfälle, denn all zu schnell wird die Verkehrssituation vor Schulen unübersichtlich.

>> vgl. dazu Website zetteln.de – hier gibt es Material für Klima-bezogene Graswurzel-Aktionen – u.a. einen ausdruckbaren „Zettel“ namens „Dieses Auto ist ein Statement“, den man hinter die Scheibenwischer entsprechender Autos klemmen kann mit folgenden Ankreuzmöglichkeiten: „Ich wusste nicht, dass dieses Auto schlecht fürs Klima ist“ | „Was soll das schon bringen, wenn ich mein Verhalten ändere“ | „Die Klimaüberhitzung ist mir egal“ | „Die Katastrophe können wir ohnehin nicht mehr aufhalten“ – Quelle: https://www.zetteln.de/zettel/das-auto-ist-ein-statement/ (Abrufdatum 12.7.2019)

>> Quelle und Zitat „kleine Panzer“: Kolb, Matthias (2017): „Konsumverhalten im Westen: ‚Sie sitzen in ihren kleinen Panzern und zerstören Natur‘. [Interview mit dem Politologen Markus Wissen]. in: Süddeutsche Zeitung, 3.8.2017, online unter https://www.sueddeutsche.de/politik/konsumverhalten-im-westen-sie-sitzen-in-ihren-kleinen-panzern-und-zerstoeren-natur-1.3610212 (Abrufdatum 12.7.2019)
>> Quelle und Zitat Stefan Aykut: Schmidt, Fabian (2019): „Klimakrise: Muss es in der Gesellschaft manchmal knallen, damit sie sich wandelt?“ in: bento – das junge Magazin vom Spiegel
, 6.11.2019, online unter https://www.bento.de/politik/klimawandel-wie-die-klimakrise-die-gesellschaft-spaltet-kann-man-sie-versoehnen-a-f9755034-db23-44b9-9946-a42cfc69b084#refsponi (Abrufdatum 6.11.2019)

>> Anmerkung zu „Die Bahn fährt im Personenfernverkehr mit 100% Ökostrom“: Das kann man so rechnen – aber der Gesamtkonzern DB bezieht seine Energie lediglich teilweise aus Ökostrom: Der Strommix der Bahn AG besteht zu 44% aus Ökostrom – neben Atom- Gas und Kohlestrom.

>> Quelle: Groll, Stefanie (2019): „Kosten: Falsche Abrechnung – zahlen sollen die Anderen“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. S. 33. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

  • Stromanbieter wechseln – das ist eine einmalige Aktion und geht in wenigen Minuten. Den Satz „Geiz ist geil“ aus dem Kopf streichen und: Zu „echtem“ Ökostromanbieter wechseln: Ein Unternehmen wählen, dass ausschließlich Ökostrom anbietet und nicht auch Braunkohle- oder Atomkraftwerke betreibt. Die jährlichen i.d.R. nicht besonders groß ausfallenden Mehrkosten als Spende bzw. perfekte Investition in die Zukunft Deutschlands und in die seiner Kinder betrachten. Es kommt immer der gleiche Strom aus der Steckdose, schon klar – aber ich entscheide, wer meine Kröten bekommt und damit gut investieren kann (und wer nicht).
    • Wahlhilfe bietet Ökotest mit Stand 11/2018: https://www.oekotest.de/bauen-wohnen/Oeko-Strom-im-Test-Das-sind-die-besten-Anbieter_111510_1.html (Abrufdatum 5.7.2019)
    • Der Spiegel liefert im Juli 2019 eine Grafik, der zufolge die durchschnittlichen Strompreise für Haushaltskunden im Jahre 2018 wie folgt gestaltet waren: Grundversorger, Standardtarif 31,47 ct/kWh | Grundversorger, anderer Tarif 29,63 ct/kWh | Tarif bei anderem Versorger 28,80 ct/kWh | Ökostromtarif 29,24 ct/kWh; als Quellen werden „Bundesnetzagentur, Finanztip“ angegeben. Inwieweit hier echter Ökostrom gemeint ist, ist ungewiss – aber es ist klar. Ökostrom muss in der Tat nicht oder nicht viel teurer sein – und bringt eine Menge.
      >> Quelle: Hage, Simon et. al (2019): „Die Weltverbesserer“. in: Der Spiegel Nr. 29, 13.7.2019, S. 15.
  • Die Bank wechseln: z.B. zu EthikBank, GLS Bank, Triodos Bank, UmweltBank (alphabetische Reihenfolge!) – diese Banken nehmen i.d.R. höhere Gebühren und auch einen Grundbeitrag – aber im Ernst, die anderen Banken können meist nur deshalb tiefere Preise bieten, weil sie ethisch fragwürdig arbeiten (Disclaimer: Die aufgeführten Banken sind Beispiele – und keine Geschäftsempfehlungen: Ich kenne diese Banken bis auf eine nicht wirklich.)
    • Die Bank zu wechseln, kann, je nach dem,
      • wie man aufgestellt ist, oder,
      • ob man schon zuvor Online-Banking betrieb oder nun bei dieser Gelegenheit auf die Online-Ebene wechselt, mehr oder wenig aufwändig sein. Es ist indes eine hochwirksame Maßnahme, die zudem nach Außen strahlt – und sie ist eine einmalige Aktion.
    • Bei Abschluss von Rentenverträgen und sonstigen Fonds- bzw. Aktien-basierten Versicherungen extrem auf die Zusammensetzung dieser Fonds etc. achten – hier lauert die große Falle, dass unser Geld (wie bei eben auch bei einer konventionellen Bank) jahrzehntelang in Klimakillerbranchen rund um fossile Energien, unhaltbare Arbeitsbedingungen oder Kinderarbeit gesteckt wird – die o.g. Banken bieten auch solche Versicherungen an, bestimmt ist auch hier nicht immer alles ideal, aber besser ist es allemal.),
    • Das gleiche gilt natürlich auch allgemein für Aktien- und Aktienfonds-Geschäfte. (siehe auch Abschnitt Divestment)
  • Rindfleisch vom Speiseplan verbannen
    • besonders heftige Methan-Schleuder! „Es hat eine viermal so hohe CO₂-Bilanz wie Geflügel- oder Schweinefleisch.“ – was am hier in CO₂-Äquivalente umgerechneten Methan liegt.
      • 1kg Rindfleisch = 13,3kg CO₂e (Geflügel 3,5kg CO₂e | Schwein 3,2kg CO₂e)
      • Darmkrebs-Risiko!
        • n.n. (2019): „Krebsforschung: Der Ursache von Darmkrebs auf der Spur“. in: Der Tagesspiegel, 27.2.2019, online unter https://www.tagesspiegel.de/wissen/krebsforschung-der-ursache-von-darmkrebs-auf-der-spur/24046994.html (Abrufdatum 30.6.2019)
        • Dörhöfer, Pamela (2019): „Krebsforschung Erreger in Milch und Rindfleisch begünstigen Entstehung von Krebs“. in: Frankfurter Rundschau, 27.2.2019, online unter https://www.fr.de/wissen/erreger-milch-rindfleisch-beguenstigen-entstehung-krebs-11808238.html (Abrufdatum 30.6.2019)
        • UN-Empfehlung: „rotes Muskelfleisch von Säugetieren – also von Rind, Schwein, Schaf, Pferd und Ziege … [ist] als ‚wahrscheinlich krebserregend'“ (Gruppe 2) klassifiziert. „Verarbeitete Fleischwaren wie Salami, Schinken, marinierte Steaks oder Brüh- und Bratwürstchen … Verarbeitete Fleischwaren wie Salami, Schinken, marinierte Steaks oder Brüh- und Bratwürstchen … [gelten] sogar als offiziell „krebserregend“ [Gruppe 1 = höchste Stufe, in der auch Tabak und Asbest eingeordnet sind]… Auch dann, wenn sie aus Geflügelfleisch hergestellt wurden.“
        • Update Okt. 2019: Eine mannigfach von den Medien aufgegriffene (NutriRECS-)Studie gibt Entwarnung hinsichtlich des Krebsrisikos von rotem Fleisch. Doch letztlich weist diese Meta-Studie lediglich darauf hin, dass die Datenlage zur Frage „rotes Fleisch ja/nein?“ alles andere als ideal ist – deshalb Entwarnung zu geben, geht reichlich weit. So hebt die taz hervor, dass diese NutriRECS-Studie in der Fachwelt sehr umstritten ist: „Ernährungswissenschaftler widersprechen vehement.“ Mir persönlich erscheint letztlich die geltende („amtliche“) und erst nach langen Diskussionen erfolgte Einstufung der UN verlässlicher. Und der Ernährungsmediziner Martin Smollich weist in der Zeit darauf hin, dass „einer der größten Sponsoren des NutriRECS-Konsortiums … Text A&M AgrifLife [ist], ein Lobbyverband der texanischen Agrarindustrie. Ein erklärtes Unternehmsziel: die Rinderzucht in Texas zu fördern.“… immer wieder gilt die Frage: „Wer hat’s bezahlt?“
  • Vegetarisch oder sogar vegan leben– und wem das nicht erstrebenswert erscheint:
    • Biofleisch kaufen (Tierwohl, Antibiotika(-resistenzen),
    • der ärztlichen Empfehlung [nicht mehr als 600g pro Woche = 31kg pro Jahr statt des deutschen Durchschnitts 60 kg] folgen und
    • weniger Fleisch essen, Fleisch- und/oder Fischtag (wieder) einführen.
    • Anregung: Zu welcher Mahlzeit würden wohl die meisten Menschen Fleisch vermissen? Jonathan Safran Foer meint, es sei das Abendessen, daher schreibt er: „Keine tierischen Produkte zum Frühstück und Mittagessen zu konsumieren, spart jährlich 1,3 Tonnen [CO2].“
      • >> Quelle und Zitat: Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 117.

    • Statistiken von der Facts-Seite der Film-Doku Cowspiracy (2014):
      • Land, dass benötigt wird, um eine Person ein Jahr lang zu ernähren
        • vegan = 674 qm | vegetarisch = 2.023 qm (=Faktor 3) | Fleisch-essend = 12.141 qm (Faktor 18)
        • „A person who follows a vegan diet produces the equivalent of 50% less carbon dioxide, uses 1/11th oil, 1/13th water, and 1/18th land compared to a meat-lover for their food.“
        • Auf 6070 qm können 170Kg tierische Lebensmittel produziert werden
        • Auf 6070 qm können 16,8t pflanzliche Lebensmittel produziert werden (Faktor 44)
    • Derzeit werden 80% der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Zusammenhang mit Fleischproduktion genutzt. Daher sind Veränderungen hin zu einer weniger Fleisch-lastigen Ernährung sowohl ein wichtiger Hebel für die gelingende Ernährung der noch bis 2100 noch wachsenden Bevölkerung (vgl. Abschnitt Gute Nachricht: Weltbevölkerungsentwicklung) als auch für eine Reduktion von CO₂-Emissionen und sonstiger Umweltbelastungen inkl. Entwaldung.
      • >> vgl. Weindl, Isabelle et al. (2017): Livestock and human use of land: Productivity trends and dietary choices as drivers of future land and carbon dynamics. online unter: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921818117301480 (Abrufdatum 10.8.2019)
      • Umgekehrt wird ebd. festgestellt, dass „sich die durch Landnutzungsänderung entstehenden Kohlenstoffemissionen um fast 80 Prozent senken ließen, wenn die Menschheit ihre Ernährung bis 2050 auf einen Anteil von 15 Prozent tierischer Kalorien umstellt.
      • Nicht vorenthalten möchte ich an dieser Stelle Rezos gewohnt-treffendes Statement zu Massentierhaltung:
        • „[N]ach meinen christlich-humanistischen Werten und meinem Anspruch auf logisch-konsistente Ethik ist es nicht gerade der coolste Move, wenn Kinder ihren Eltern nach der Geburt entrissen werden, Neugeborene in Kammern vergast und lebendig zerschreddert werden, die Überlebenden durch psychische Zerfickung teilweise zum Kannibalismus getrieben werden oder ihr Leben lang bewegungsunfähig in Dunkelheit verbringen – und das alles nicht vereinzelt ausgeführt wird, sondern strukturiert in einer hundertmilliardenfachen systematischen Tötungsmaschinerie.“
          • n.n. (2019): „Der politische Fragebogen“, in: Die Zeit Nr. 39, 19.9.2019, S. 9.

    • Wenn vegan, dann bevorzugt ohne exotische Superfoods – mit diesen Superfoods wird die eigene CO-Bilanz, die ohne tierische Produkte ja eigentlich sehr gut aussehen könnte, anderweitig relevant belastet. []
  • Fleischkonsum genau analysieren und sich „ehrlich machen“: Die oft gehörte Aussage „Wir essen selten Fleisch und wenn, dann Bio“ und dann regelmäßig im Restaurant Fleischmahlzeiten bestellen ist: Selbstbetrug.
  • Perspektive beim Fleischkauf wechseln:

    Biofleisch ist nicht teuer: Der hier aufgerufene Preise ist der reale Herstellungs- bzw. Verkaufspreis für Fleisch (oder auch Fisch), wenn kein Schmu betrieben werden soll.

    Konventionelles Fleisch zu kaufen ist Tierquälerei, fördert stundenlange Tiertransporte, prekäre Arbeitsverhältnisse z.B. auf Schlachthöfen, unwürdige Stress-verursachende Massenschlachtungen, macht aufgrund der Massentierhaltung das Trinkwasser kaputt [], fördert Antibiotika-Resistenzen allgemein und bei entsprechendem Fleischgenuss direkt im eigenen Körper, was faktisch ein Lebensrisiko darstellt:

    • „In Europa sterben jährlich etwa 25.000 Menschen, weil Antibiotika nicht mehr wirken.“ … „[B]undesweit [werden] jede Minute 112 Schweine geschlachtet… 99 Prozent der Schweine stammen aus konventionellen Betrieben… [Resistenzen sind auch] Folge gnadenloser Preiskämpfe von Discountern und des gesamten Fleischhandels…“ und dann fällt noch das Stichwort „multiresistente Keime in Gülle“, die auf den Feldern landen… Punkt. Hm. Geiz ist geil?

      >> Quelle: n.n. (2017): „Billigfleisch. Verräterisches Leuchten.“ in: Greenpeace Nachrichten 4/2017. S. 12-13.

    • Die Überschriften gleichen sich. So schreibt der Spiegel über einen Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC im November 2019:

    • „In den USA sterben jährlich etwa 35.000 Menschen durch antibiotikaresistente Keime.“

      >> Quelle: n.n. (2019): „Resistenz gegen Antibiotika: 35.000 US-Bürger sterben jährlich durch ‚Superkeime'“. in: Der Spiegel, 14.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/resistenz-gegen-antibiotika-35-000-us-buerger-sterben-jaehrlich-durch-superkeime-a-1296378.html (Abrufdatum 14.11.2019)

    • Wenn Bio eigentlich das „Natürliche“ und „Normale“ ist, dann ist die Frage aufzuwerfen, warum eigentlich Bio-Produkte gesondert gekennzeichnet werden – und nicht die umweltschädigenden und Risiko-behafteten „konventionellen“ Nicht-Bio-Produkte:

„Alles, was mit Pestiziden behandelt, mit Zusatzstoffen vollgepumpt oder gentechnisch verändert ist, müsste dementsprechend ausgewiesen sein. Also statt der Kennzeichnung ‚Bio-Tomaten aus Österreich‘ bitte die Kennzeichnung ‚chemisch behandelte Tomate aus Spanien‘. Statt der Kennzeichnung ‚Bio-Eier aus Freilandhaltung‘ bitte die Kennzeichnung ‚Eier aus Käfighaltung‘ Und statt der Kennzeichnung ‚Bio-Fleisch‘ bitte die Kennzeichnung ‚Fleisch mit Antibiotika‘. Das würde unser Einkaufsverhalten nachhaltig verändern. Von einer Sekunde auf die andere.“

>> Quelle: Bauer-Gauss, Lisa (2018): „Andersherum, bitte!“ in: Facebook, online unter https://www.facebook.com/lisa.bauergauss.1?hc_ref=ARQ_kzsP4J960J0fpJwldBGDv-N-yL8frrqoA9xFm0XStPLWWqpWGzgTQOh39HDkZ5o&fref=nf&pnref=story (Abrufdatum: 8.2.2018)

  • Nur noch Bioland und Demeter als Bio-Siegel akzeptieren – alles andere ist nur lala, – es geht gar nicht nur um die eigene bessere Ernährung, sondern auch vor allem darum, optimal die ungiftige Pestizid-, Herbizid- und gänzlich Gentechnik-freie Landwirtschaft zu unterstützen – und man schützt via Einkauf die Ackerböden, das Trinkwasser, bewahrt das Tierwohl, sorgt für bessere Bedingungen von Insekten und insbesondere Bienen und entzieht den Großkonzernen in Landwirtschaft, Chemie- und Saatgutbranchen den Zugriff und das Kapital.

    • Und wenn die/der ab sofort Bio-Einkaufende es gleichzeitig schafft, künftig keine Lebensmittel mehr wegzuwerfen und Fisch/Fleisch nur noch im gesundheitlich empfohlenen Mengen zu kaufen, dann wird das finanziell in etwa ein Nullsummenspiel. Mit anderen Worten: Bio kann sich quasi jede(r) leisten [].
  • Selber kochen auf Basis von frischen Grundnahrungsmitteln („Lebensmitteln“) – industriell hergestellte Fertignahrung als seltene Ausnahme für Renovierungsarbeiten und Notsituationen sehen,
    • Der Sportmediziner Matthias Marquardt empfiehlt frische Lebensmittel und meint dazu: „Hören Sie auf ihre Nase“ (sic!), schreibt er, die Nase sei „ein formidables Organ zum Beurteilen von Speisen“ und das „seit Jahrtausenden“.
      • >> Quelle: Marquardt, Matthias: Warum Laufen erfolgreich macht und Grünkernbratlinge nicht. Spomedia, 2007, S. 80 (für Einsteiger) und für Fortgeschrittene: Marquardt, Matthias: Instinktformel. Das Erfolgsprogramm, das Sie wirklich glücklich macht. Random House, 2012.
  • Im eigenen Haus verändern: Z.B. Wärmedämmung und/oder Heizung optimieren, elektrische Wärmepumpe anschaffen, Solarzellen auf dem Dach montieren. Als Vermieter*in gleichartige Maßnahmen vornehmen – und fair und sozialverträglich mit Mieten umgehen. (Heizen = 2/3 des Energieverbrauchs von privaten Haushalten, vgl. n.n. (2019): „Sanieren kostet nicht die Welt. Nicht Sanieren schon.“ in: DUHwelt 3/2019, S. 28))
    Ölheizung rauswerfen – und von Zuschüssen des Bundes profitieren.
  • Einkaufsverhalten ändern: Einkaufen wie die Großelterngeneration es ihr Leben lang problemfrei getan habt: Mit Einkaufszettel (=Struktur, minimiert Spontankäufe), Plastik-, Verpackungs- und Müll-vermeidend auf dem Markt, mit Rucksack, per Rad mit Fahrradkorb, zu Fuß mit Hackenporsche, uneingepackte Dinge kaufen (evtl. Unverpacktladen), große Baumwollbeutel od. Rucksack dabei haben, statt die kleinen Einweg-Plastik-bzw. Papiertüten zu benutzen Baumwoll-Einkaufsnetze für Obst und Gemüse ein Mal käuflich erwerben und dann immer dabei haben, einmalig einen Brotbeutel kaufen oder Brot-Papiertüten stets erneut verwenden, alte Eierkartons dabei haben für lose Eier, Grundregel: „Mehrweg statt Einweg“ beherzigen, Tupperdosen mitführen etc. pp. und fies verpackte Waren aus Prinzip stehen lassen – einmal angewöhnen und dann läuft es.
  • hochwertig einkaufen:
    • keine Produkte essen/erwerben, die mit dem englischen Wort „fast“ konnotiert sind à la fast fashion, fast food – statt dessen idealerweise „Once-in-your-life“-Einkäufe tätigen z.B. bei Küchengeräten;
    • Möbel und Kleidung mit dem Anspruch einkaufen, dass sie lange halten und nicht zu Saison-spezifisch aussehen (also schnell aus der Mode kommen);
      • Fast-Fashion-Läden meiden und wenige, dumping-freie, hochwertige neue Klamotten von nachhaltigen Labels erwerben;
    • mehr Bio einkaufen (insbesondere, wenn es um tierische Produkte geht (>Tierwohl, >Nitratbelastung des Wassers), möglichst saisonal und regional, mehrfach in der Woche kleine, möglichst Mahlzeiten-genaue Lebensmitteleinkäufe tätigen und nichts mehr wegschmeißen = dann kann man sich problemfrei hochwertiges Essen und das in Bioqualität leisten.
    • Tiefkühlkost meiden – die gesamte Kühlkette ist energieintensiv;
    • extrem sparsame Haushaltsgeräte und Smartphones (check it out: Fairfone od. Shiftphone) für jahrelangen Gebrauch kaufen und nur ersetzen, wenn sie unwiderruflich kaputt sind;
    • Wenn der Wäschetrockner kaputtgeht (und die Kinder ein gewisses Alter haben) diesen nicht ersetzen, sondern Wäsche auf dem Wäscheboden oder Draußen trocknen; und,
      • für Fortgeschrittene:
        • Palmöl aus der Wohnung verbannen sowohl bei Nahrung als auch Pflegeprodukten; das gleiche gilt für die Ächtung von Mikroplastik – hier hilft die Website/App https://www.codecheck.info/ (oben rechts Suchfunktion) sehr – man hat sogar die Chance, das potenzielle Ersatzprodukt zu finden!);
        • Klamotten secondhand z.B. auf Flohmärkten kaufen;
        • bei Solawi („solidarische Landwirtschaft“) Mitglied werden und Gemüse etc. wöchentlich im Depot abholen (=möglichst nicht vor die Haustür liefern lassen);
        • Repair-Cafés aufsuchen und Geräte reparieren lassen.
        • Waschmittel, Shampoo, Seife, Waschmittel etc. selbst herstellen
  • Die Klimakrise zum Thema machen:
    • Mit Freunden, Bekannten, Zufallsbekanntschaften drüber reden, es zum Thema machen: Vorleben: Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich mit SUV oder mit dem Fahrrad an der Uni vorfahre, ob Einwegplastikwasser auf meinem Pult steht oder eine langfristig-nachhaltige Stahlflasche,
  • Im Garten: Insektenhotels u. Bienenstöcke aufstellen. Kies vermeiden – statt dessen ein Pflanzenbuffet für Insekten herrichten, keinen Torf bzw. keine Pflanzerde mit Torf kaufen (Moore sollen bestehen bleiben, weil sie sehr gute CO2e-Senken sind und umgekehrt ihre Trockenlegung massiv Treibhausgase freisetzt),

>> vgl. Abschnitt Politik für Enkel*innen: Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz. Moore.

  • Engagieren: Demos, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Dokus im Kino mit Freundeskreis besuchen, Besuch der Klimawoche o.ä., den eigenen Bundestagsabgeordneten um einen Termin für persönliches Gespräch bitten, Politikern/Parteien Briefe/Mails schreiben mit gut belegten Argumenten (Quellen unter Brief/Mail angeben – das ist seriös und steigert das Gewicht der eigenen Aussagen) – und, ein SpecialTip: DokuDinner mit dem Freundeskreis veranstalten,
    • Apropos Demonstrieren: Interessant ist, dass in Deutschland derzeit stets Gelbwesten gefürchtet werden, bislang aber nicht Aktionen wie die von Extinction Rebellion:
      • „Mir scheint, dass unsere Politik auch deshalb eine stärkere Klimapolitik scheut, weil sie Angst vor Gelbwesten hat. Da scheint es mir ein guter Gegenpol zu sein, dass eine zu schwache Klimapolitik dann Extinction Rebellion auf den Plan ruft – auch wenn das nicht meine Art des Protestes ist.“ schreibt ein Leser der Süddeutschen Zeitung im klimafreitag-newsletter vom 18.10.2019.
  • Rechenzeit zur Verfügung stellen (am besten unter der Voraussetzung, dass man Strom aus erneuerbaren Quellen bezieht):
    • Man kann „sich als Bürger-Wissenschaftler*in an der weltgrößten Klima-Modellsimulation beteiligen und die Arbeit der World Weather Attribution unterstützen“ (Otto 2019, 240): climateprediction.net. Konkret bedeutet das, dass die „Freiwilligen … [dem Team um Friederike Otto] Rechenzeit auf ihren Computern zur Verfügung stellen und damit im Grunde Geld, das sie für eine etwas höhere Stromrechnung ausgeben. Damit steht … [dem Team] der mit Abstand größte Großrechner der Welt zur Verfügung… Würden wir diese Zeit in der günstigsten Cloud kaufen, müssten wir [pro Jahr] sechs Milliarden Dollar dafür ausgeben.“ Der so entstehende Großrechner errechnet innerhalb weniger Tage, inwieweit ein Extremwetterereignis durch den Klimawandel bedingt gewesen ist – oder auch nicht und gibt damit Politiker*innen, Geschädigten, Rechtsanwält*innen, Journalist*innen und natürlich Forscher*innen wesentliche Informationen und Argumente an die Hand.

>> Quelle und beide vorstehende Zitate: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 240 bzw. S. 99.

  • Reduzieren: Letztlich und alles in allem eine Rückkehr vollziehen zu den Tugenden unserer Eltern und Großeltern, beim Einkauf Tüten, Beutel und Eierkartons dabeihaben (s.o.), no To Go, Take-away meiden bzw. optimieren durch Brotdosen und hochwertige Edelstahl-Trinkflaschen, keine Anschaffungen auf Kredit tätigen, allgemein Überfluss meiden, kurz: zu einem Leben in den Maßstäben der 1970er und frühen 1980er Jahre, aufgehübscht (im Maßen) durch die Techniken von heute.


… und um Himmels willen nicht alles auf einmal versuchen: Anfangen, einüben, zur Gewohnheit machen, Rückschläge als normal akzeptieren („Hinfallen. Krone richten – weitergehen.“) und alles: Schritt für Schritt.


Ein Zwischengedanke:

Die eigene Bequemlichkeit aufkündigen.
Konsequenz statt Bequemlichkeit.


Noch ein Wort zu Demonstrationen: Es ist ja schwer aus der Mode gekommen, auf Demos zu gehen. Und auch ich kenne und verstehe diesen Widerstand in mir, diesen inneren Schweinehund, der nicht so recht zu Demo möchte. Aber:

  • Demonstrieren ist wie Sportmachen: Es mag mühsam sein, sich aufzuraffen, aber hinterher fühlt man sich prima, versprochen. Und man ist nicht mehr so allein mit dem ganzen Mist. Und man genießt, für seine Ideen und Meinungen sichtbar einzustehen. (Bei der nächsten Demo ist der innere Schweinehund dann schon leiser!)
    • Und wenn man es nicht für sich selbst macht, dann vielleicht aber doch für die eigenen (zukünftigen) Kinder, für die Enkel*innen, für die Neffen, Cousinen – oder für die Kinder von Freunden etc pp.?


  • Wir haben nur rund neun Jahre. Zeit, die Komfortzone zu verlassen:

    • Das Gemeine ist: Nichthandeln führt ins Aus.
    • Das Tolle ist: Handeln bewahrt die Chance.

Schlussgedanke zu: Was kann ich konkret tun?

Nun, wir alle können – wo immer das Thema Klimawandel/Massenaussterben aufkommt – folgende Frage in die Diskussion einbringen:

Wie wollen wir eigentlich zusammenleben in einer Welt, die zunehmend unter dem Zeichen des Klimawandels steht?“

>> Quelle und Zitat Stefan Aykut: Schmidt, Fabian (2019): „Klimakrise: Muss es in der Gesellschaft manchmal knallen, damit sie sich wandelt?“ in: bento – das junge Magazin vom Spiegel, 6.11.2019, online unter https://www.bento.de/politik/klimawandel-wie-die-klimakrise-die-gesellschaft-spaltet-kann-man-sie-versoehnen-a-f9755034-db23-44b9-9946-a42cfc69b084#refsponi (Abrufdatum 6.11.2019)



Nächster Abschnitt:



Ohnmachtsgefühle & erlernte Hilflosigkeit: Klimakrisen-Depression


Immer wieder begegne ich Aussagen der Hilfs-, Hoffnungs- und Machtlosigkeit.

Dazu ist zu sagen, dass

  • es zurzeit noch nicht zu spät ist, einen sog. gefährlichen Klimawandel abzuwenden,
  • sogar der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber seinen Nachkommen empfiehlt, Kinder zu bekommen,

vgl. Hans Joachim Schellnhuber, in: „Ist die Erde noch zu retten? – Richard David Precht und Hans Joachim Schellnhuber im Gespräch“. in: Precht, 8.10.2019, ZDF-Mediathek https://www.zdf.de/gesellschaft/precht/ist-die-erde-noch-zu-retten-100.html (Abrufdatum 20.6.2019) oder https://www.youtube.com/watch?v=kXaKMYrK86w (Abrufdatum 20.6.2019)

  • wir unsere persönliche Macht und Ausstrahlung chronisch unterschätzen,
  • das vorschnelles Aufgeben fatalistisch ist und auf depressive Verstimmungen hindeutet und
  • ohnehin Aufgeben niemals eine Option ist – und es gilt in unserer Gesellschaft:

„Es erscheint immer unmöglich, bis es vollbracht ist.“

Nelson Mandela zugeschrieben.

und:

„You’re never too small to make a difference.“

Greta Thunburg, schwedische Klimaaktivistin, bei der Klimakonferenz in Kattowitz, Dezember 2018.

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

Molière zugeschrieben.

„Das Argument, dass ich allein nichts ausrichten kann, ist natürlich die allertörichteste aller Schutzbehauptungen.“

Warum?

„Na, stellen Sie sich vor, Sie sagten Ihren Kollegen, Sie kämen auf absehbare Zeit nicht mehr in die Arbeit, weil der Einzelne ohnehin keinen Unterschied machen würde! Jeder Ozean besteht aus einzelnen Tropfen, und so ist es auch mit der Gesellschaft.“

Hans Joachim Schellnhuber 2019, Klimaforscher
>> Quelle und Zitat: Haaf, Meredith (2019): „Interview mit Klimaforscher: ‚Verbraucher haben Einfluss'“. in: Süddeutsche Zeitung, 19.4.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/klimawandel-schellnhuber-1.4411311 (Abrufdatum 1.10.2019) [paywall]

Gleichwohl tut die Beschäftigung mit dem Thema weh. Natürlich. Wie sollte es anders sein. Niemand hat je behauptet, dass das Leben einfach ist. Aber:

  • „In Konfrontation mit unserem Klimadilemma habe ich gelernt, dass es keine Möglichkeit gibt, der Verzweiflung zu entkommen. Aber offenbar gibt es ein Weg durch die Verzweiflung: Liebe.“

Bendell, Jem (2019): „Untergang und Lebensfreude: Anpassung an den Zusammenbruch.“ in: Wann wenn nicht wir*. Ein extinction rebellion Handbuch. S. Fischer, S. 88.

Aber wenn uns nun eine Klimakrisen-Depression erwischt hat, was dann?

Dies ist keine therapeutische oder eine durch einen Arzt/Therapeuten betreute Seite, daher kann und möchte ich lediglich kurz und knapp auf zwei Websites, die hier über Zitate anmoderiert werden, verweisen:

  • „Aktives Handeln sei [gegen Klimaangst] laut Psychotherapeutin Anke Glaßmeyer die beste Lösung. Besonders in Situationen, in denen es wenig Hoffnung gibt, sei es wichtig, die eigene Kontrolle zurückzugewinnen. „Die Patientinnen müssen selbst aktiv werden und ins Handeln kommen, um zu merken, dass sie etwas gegen ihre Hoffnungslosigkeit tun können.“ Dabei gehe es nicht darum, zu belehren, sondern auf sich selber zu achten und so einen positiven Impuls für andere zu schaffen. Trotzdem sei es okay, sich an manchen Tagen schlecht zu fühlen. Wichtig sei es laut Anke, sich darin nicht zu verlieren und sich mit anderen auszutauschen. Das gebe ebenfalls Hoffnung“.

>> Quelle und Zitat: Wittenberg, Lucie (2019): „Zwischen Depression und Angst: Wie gehe ich mit meinen Gefühlen zum Klimawandel um?“. in: bento – das junge Magazin vom Spiegel, online unter https://www.bento.de/gefuehle/klimawandel-wie-mit-klimaangst-umgehen-zwischen-depression-und-angst-a-4f8e32c7-ea49-4644-a611-3baf714e7c73#refsponi (Abrufdatum 11.11.2019)

Hier geht es also um das Thema Selbstwirksamkeit.

Siehe auch den Link zum obigen Zitat und Instagram-Account „Klima-Angst – Leitfaden für mentale Gesundheit auf einer kranken Erde“:

  • „Heute ist ein wichtiger Tag für bzw. eher gegen deine Klima-Angst. Es ist internationaler Klimastreik und an kaum einem anderen Tag wirst du die heilsame Kraft der Gruppenzugehörigkeit so stark spüren wie heute. Mit zigtausend Gleichgesinnten zu rebellieren ist Balsam für unsere geschundenen Seelen. Der Effekt auf deine Psyche ist auch da, selbst wenn du nicht denkst, dass wir heute viel bewegen. Also hol dir deine Portion positiver Gruppenbestätigung. Du wirst mit dem guten Gefühl, es wenigstens versucht zu haben, nach Hause gehen.“

>> Quelle und Zitat: https://www.instagram.com/p/B2n_g68ohQI/?utm_source=ig_embed&utm_campaign=loading (Abrufdatum 11.11.2019)
>> Grund-Page: https://www.instagram.com/klimaangst/ (Abrufdatum 11.11.2019)

Wenn es schlimm ist: Im Zweifelsfall empfehle ich Ihnen, eine Ärztin/einen Arzt oder eine Therapeutin/einen Therapeuten aufzusuchen: Sie würden dort garantiert nicht die/der Erste sein mit diesem Thema. Niemand von uns ist allein mit diesem Thema: In den USA wird laut obiger Webpage von Lucie Wittenberg bereits versucht, eco-anxiety zu einer offiziellen Krankheit zu erklären.


Vorangehen…

…lohnt sich aus vielen Gründen – auch aus dem Folgenden:

Eine persönliche Anpassung des eigenen Lebens an die Klimakrise ist ohnehin erforderlich. Early Adopters haben es gewöhnlich leichter, weil sie sich aktiv und in einem selbstverantworteten Tempo anpassen und nicht gezwungenermaßen und abrupt angepasst werden.



Nächster Abschnitt:



Fatalismus und Klimakrise


Vielfach gibt es die individuelle Rückzugsebene à la „Was kann ich schon tun…“; „ob in China ein Sack Reis umfällt…“ und die gesellschaftliche Ebene, auf der dann etwa so lamentiert wird: „Das hat doch alles keinen Sinn, der Zug ist abgefahren, es ist zu spät, Deutschland ist zu machtlos bla-bla, bla-bla, bla-bla et cetera…“

  • Selbstverständlich hat Wirkung und Einfluss, was Deutschland beschließt, welche Normen es setzt, wie das Land mit seinen Partnern verhandelt, welche Waren es importiert, was es nicht exportiert und welche Innovationen es entwickelt. Wir leben in einer der größten Volkswirtschaften der Welt. Und auch wenn China mächtiger wird – natürlich haben G7-Staaten bedeutenden Einfluss. Und erst Recht hat die Europäische Union Einfluss auf das die politischen Entscheidungen und die Handlungen in der Welt.
  • Und wir Bürger*innen haben wiederum Einfluss auf den Kurs von Deutschland – und nicht nur auf dem Wahlzettel.
    Dass da mehr geht, haben die langwöchigen Fridays-for-Future-Demonstrationen sowie der Paukenschlag des Rezo zweifellos bewiesen.
    • Einfluss als Individuen haben wir auch auf anderen Ebenen: Alles was wir tun (oder lassen) hat irgendwie einen Impact. Ich kann nur empfehlen, sich nicht auf diese Opferhaltung im Gespräch einzulassen und erst recht nicht, diese Rolle selbst anzunehmen. Das macht depressiv.



Ganz oben in den einleitenden Worten schon erwähnt, hier noch einmal zentral abgehandelt:

Eine gute Nachricht:
Für die Durchsetzung einer politischen Agenda benötigt man nicht unbedingt die aktive Mehrheit der Bevölkerung.

  • „Es müssen drei bis fünf Prozent der Unternehmer und Vorstände sein, sie sich in diese Geschichte [eines neuen Narrativs wie es weitergehen soll] einschreiben, drei bis fünf Prozent der Unterhändler auf den internationalen Klimaverhandlungen, drei bis fünf Prozent der Staatschefs, drei bis fünf Prozent der Professorenschaft, der Lehrer, der Polizistinnen, der Anwälte der Journalisten, der Schauspielerinnen, der Hausmeister, der Arbeitslosen usw. Dann potenzieren sich die Kräfte, weil das, was die einen tun, von den anderen begleitet und gefördert werden kann.“

Man denke in diesem Zusammenhang an die Dynamiken rund um die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland 2017 – da hat dieser Mechanismus ganz hervorragend funktioniert.

„Der Weg in eine nachhaltige Moderne“ „wird nur unter der Voraussetzung wirkungsmächtig werden, dass in jedem gesellschaftlichen Segment, in jeder Schicht, in jedem Beruf, in jeder Funktion ein paar Prozent der Beteiligten beginnen, die Dinge anders zu machen.“

>> Quelle beider Zitate: Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 285.


Welzers Aussage „wenige Prozent der Bevölkerung können viel bewirken, wenn aus allen Gesellschaftsbereichen Menschen involviert sind“ wird bestätigt durch die Forscherinnen Erics Chenoweth and Maria J. Stephan, die umfassend belegen, dass

  • friedlicher Protest in etwa doppelt so effektiv ist wie Gewalt-beinhaltener Protest – und dass
  • die Aktivierung von 3,5% der Bevölkerung ausreicht, um relevante politische Veränderungen herbeizuführen.

>> Quelle und Zitat: Robson, David (2019): „The ‚3.5%-rule‘: How a small minority can change the world“. in: BBC Future, online unter https://www.bbc.com/future/article/20190513-it-only-takes-35-of-people-to-change-the-world (Abrufdatum 16.10.2019)

  • Anmerkung: 3,5% =2,87 Mio Bundesbürger*innen – bei Fridays for Future waren am 20.9.2019 immerhin laut Veranstalter rund 1,4 Mio Menschen bundesweit auf den Straßen, also immerhin rund die Hälfte der erforderlichen „kritischen Masse“.

>> Quelle: Wenderoth, Svea u. Koch, Jan (2019): „Klimaproteste in Köln: ‚Die Demo platzt aus allen Nähten'“. in: Tagesschau.de, online unter https://www.tagesschau.de/inland/klimastreik-koeln-101.html (Abrufdatum 16.10.2019)


So wichtig es ist, voranzugehen, so richtig ist auch, dass wir das Problem damit allein natürlich nicht in den Griff bekommen. Poltiker*innen versuchen allzu gerne abzulenken und Klimaschutz zum Privatproblem zu machen.

Mit unserem persönlichen Vorweggehen in Sachen Haltung, Konsumverhalten, Engagement können wir die Stimmung, Zeitgeist und unsere Umgebung mitprägen – und so den Boden bereiten für politische Maßnahmen.

Hans Joachim Schellnhuber, als renommierter Klimaforscher beteiligt an der Kohlekommission 2019 ist zwar ebenfalls ernüchtert vom Ergebnis der Kommission, hält aber dennoch fest:

  • „Ich sitze recht oft mit sogenannten Entscheidungsträgern zusammen, zuletzt als Mitglied der ‚Kohlekommis­sion‘. Doch die Politik reagiert weniger auf gute Beratung [von Klimaforschern wie mir] als auf Stimmungen der Wähler und Debatten in den Medien. … Was meinen Sie, wie wohl der Kohlekompromiss ausgesehen hätte, wäre nicht die Mehrheit der Deutschen laut Umfragen sogar zu persönlichen Opfern für den Klimaschutz bereit?“

>> Quelle und Zitat: Haaf, Meredith (2019): „Interview mit Klimaforscher: ‚Verbraucher haben Einfluss'“. in: Süddeutsche Zeitung, 19.4.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/klimawandel-schellnhuber-1.4411311 (Abrufdatum 1.10.2019) [paywall]

Trotzdem ist der unmittelbare Einfluss natürlich begrenzt – ohne die Politik geht es definitiv nicht. Mai Thi Nguyen-Kim:

  • „Nur politische Maßnahmen können große Veränderungen bringen. Ohne diese politischen Maßnahmen, ohne diese großen kollektiven Veränderungen ist alles was wir so als Einzelpersonen machen – Radfahren, weniger Fleisch essen, wie auch immer – das ist [im weltweiten Maßstab] alles nur Pillepalle.“ [Hervorhebung Pendzich]

„Das eigentlich Problematische an diesem Vorschlag [- gemeint ist die Abwälzung der Klimafragen auf das Individuum – ]… seien nicht die Empfehlungen, sparsam zu sein, weniger zu fliegen oder sich vegetarisch zu ernähren, was alles gut und schön sei, sondern vielmehr das Gesellschaftsmodell, auf dem solche Empfehlungen beruhen: Die ‚Vorstellung, wir könnten die Welt duch individuelle Verbraucherentscheidungen retten. Das können wir nicht.'“

>> Quelle und Zitat: Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 228 – zitiert hier Scranton, Roy (2013): „Learning How to Die in the Anthropocene“, New York Times, 10.11.2013, online unter https://opinionator.blogs.nytimes.com/2013/11/10/learning-how-to-die-in-the-anthropocene/ (Abrufdatum 18.10.2019)

Diese Vorstellung ist definitiv falsch: Notwendig ist bekanntlich nicht nur ein anders-konsumieren, sondern ein weniger-konsumieren. Das würde aber unter den derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen in die Rezession führen: Unsere Wirtschaft ist, wie sie aktuell aufgebaut ist, auf Überfluss angewiesen, um Wachstum zu generieren. Daher ist es mit kosmetischen Veränderungen oder eben einem weniger-konsumieren nicht getan.

Und das bedeutet, dass Politiker*innen, die die Verantwortung für Klimaschutz auf das Individuum abwälzen, uns schlicht anlügen. Es ist ein Perpetuum Mobile, das nicht funktionieren kann.

Einen weiteren Aspekt hebt Ottmar Endenhofer hervor:

  • „Wenn das alles auf die Individuen, auf uns Einzelne abgewälzt wird, dann passiert doch das, was wir eh schon wissen: Einige werden was tun. Andere werden nichts tun. Deswegen ist ein CO2-Preis so wichtig, weil erst durch den CO2-Preis addieren sich die individuellen Anstrengungen aller auf.“

Quelle und Zitate: Nguyen-Kim, Mai Thi (2019): „Klimawandel: Das ist jetzt zu tun! (feat. Rezo)“. in: maiLab, 14.9.2019, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=4K2Pm82lBi8 (Abrufdatum 30.9.2019)

  • „Es ist nie falsch, verantwortungsvoll zu leben, und es ist gut, wenn das Umfeld mitbekommt, dass einem dieses Thema wichtig ist. Letztlich wird so ja auch der Politik signalisiert, dass es eine Wählerschaft gibt, die sich eine konsequente Klimapolitik und verantwortungsvolles Handeln wünscht. Aber rein mathematisch ist es einfach so, dass individuelle Handlungen bei einer Krise solchen Ausmaßes kaum einen Effekt haben. Selbst eine globale Bewegung für Veganismus oder gegen Flugreisen würde nicht ausreichen. Was wir brauchen, ist eine ganz neue Politik.“

>> Quelle und Zitat: Schlüter, Nadja (2019): „Klimawandel: ‚Wir bewegen uns nach wie vor in die falsche Richtung'“. [Interview mit David Wallace-Wells, Autor von Die unbewohnbare Erde]. in: Süddeutsche Zeitung, 1.10.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/wallace-wells-interview-klimawandel-1.4621977 (Abrufdatum 1.10.2019) [paywall]

Mit einem Zitat von Jonathan Safran Foer möchte ich diesen Abschnitt beschließen:

  • „Die eigentlich Wahl, vor der wir stehen, ist nicht die, was wir kaufen, ob wir fliegen oder Kinder bekommen, sondern ob wir uns zu einem moralischen Leben in einer kaputten Welt verpflichten wollen, einer Welt, in der die Menschheit für ihr Überlegen auf eine Art ökologische Gnade angewiesen ist.“

>> Quelle und Zitat: Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 234.



Nächster Abschnitt:



Politik für Enkel*innen:

Tödlicher Lobbyismus: Geld regiert die Welt?

Ja. Aber eigentlich gilt: Geld zerstört die Welt.


Lobbyismus, Finanzialismus & die Klimakrise:

Geld verhindert Klimaschutz:

  • „So beziehen … klimaskeptische Denkfabriken und andere Lobbygruppen – der Soziologe Rolbert Brulle bezeichnet sie als ‚Klima-Gegenbewegung‘ – insgesamt über 900 Millionen Dollar jährlich.“ So spendete allein „ein Netzwerk anonymer amerikanischer Milliardäre zwischen 2002 und 2010 fast 120 Millionen Dollar an ‚Gruppen, die die Forschung zum Klimawandel in ein zweifelhaftes Licht rücken.'“ (Naomi Klein 2015, 61)

Und weiter:

  • „[I]n den Vereinigten Staaten hat die Öl- und Gasindustrie im Jahr 2013 knapp 400.000 Dollar pro Tag [ausschließlich] in die Lobbyarbeit bei Kongress- und Regierungsmitgliedern gesteckt“ (ebd., 186).

Konsequenz:

Die Klima-Politik und die Berichterstattung würden ohne diese Beeinflussung gewissermaßen 900-Mio-Dollar-anders aussehen. Was dramatisch ist.

Anders ausgedrückt: In Umwelt- und Klimaschutz bzw. der Arbeit von NGOs [Nicht-Regierungs-Organisationen] steckt insgesamt in Relation verdammt wenig Geld. Greenpeace, Fridays for Future & Co legen sich mit den mächtigsten Lobbys, den bestverdienenden Industrien der Welt und mit allen an, die Gewinnler*innen des fossilen Zeitalters an. Never forget: Exxon und Shell wussten spätestens seit 1982 bzw. 1988 exakt, dass ihr Geschäftsmodell die Menschheit tödlich bedroht – siehe dazu Abschnitt Forschungshistorie Klimawandel.

Meines Erachtens gilt daher:

  • Wo es um zuviel Geld, Ruhm, Einfluss und Macht geht, geht als erstes die Wahrheit [im Ölteich] baden.
  • Egal bei welchem Thema – wir alle sollten niemals auf diejenigen hören, die – auch persönlich – zuviel Geld, Ruhm, Einfluss und Macht zu verlieren haben.

siehe dazu auch LLL-Beiträge „Geld UND Wahrheit?“ Unwahrscheinlich. Wesentlich naheliegender ist: „Geld ODER Wahrheit“. und 146.000.000 Dollar/Jahr per Pipeline direkt ins US-Regierungsviertel.

Gemessen am relativen finanziellen Input kann man es sogar so sehen, dass das Thema Klimaschutz von Umweltverbänden und Aktionisten durchaus relativ erfolgreich durchgesetzt wird. Nur nützt uns diese Erkenntnis nichts, weil – symbolisch ausgedrückt – die Eisberge derzeit schneller schmelzen als Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden.


Exkurs: Strategien der Lobbyisten der fossilen Industrien.

Nun, pointiert ausgedrückt und in a nutshell: Die Fossilen hatten von der überaus erfolgreichen Tabakindustrie gelernt – und münzten deren todbringende Strategien einfach auf das „schwarze Gold“ um.

  • Das frühe, exakte zur Verfügung stehende Wissen der Fossilindustrie um die Folgen ihres Geschäftsmodells wurde nachfolgend umgehend zur intensiven Verteidigung des Geschäftsmodells um jeden Preis verwendet:

    Man säte an systematisch Zweifel. Auch mit der Kraft der steten Wiederholung.

vgl. ausführlich dazu Klein, Naomi (2015): Kapitalismus vs. Klima. Die Entscheidung. Frankfurt a.M.: S. Fischer.

  • „Die zentrale Taktik, die von konservativen Denkfabriken im Meinungskampf angewandt wird, ist die Produktion eines endlosen Flusses an Druckmaterial, das von Büchern bis Leitartikeln reicht, aufbereitet zum Briefing von Politiker*innen und Journalist*innen, kombiniert mit regelmäßigen Auftritten von Sprecher*innen im Fernsehen und Radio.“

zitiert Friederike Otto eine Studie der Central Florida University.

>> Quelle und Zitat: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 47.

  • „Zwischen 1979 und 2001 kaufte der Ölriese [Exxon] für jeden Donnerstag eine Anzeige zum ermäßigten Preis von jeweils 31.000 Dollar. Und was in den redaktionell aufgemachten Bekanntmachungen des Unternehmens zu lesen war, passte so gar nicht zu dem, was die eigenen Hauswissenschaftler*innen… in ihren Studien schrieben. Eine typische Anzeige aus dem Jahr 1997, kurz vor dem Klimagipfel in Kyoto, der die Industrieländer zum Klimaschutz verpflichten sollte, lautete: ‚Wissenschaftler*innen können nicht mit Sicherheit voraussagen, ob die Temperaturen ansteigen werden, wie stark und wo Veränderungen passieren werden. […] Lassen Sie uns die Entscheidung in Kyoto nicht überstürzen. Klimawandel ist komplex; die wissenschaftlichen Aussagen sind nicht schlüssig; die Auswirkungen für die Wirtschaft könnten verheerend sein.'“

>> Quelle und Zitat: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 45-46.

(Offensichtlich gab es auch schon vor der 1982er Studie ein Bewusstsein für die Situation, denn sonst hätte man wohl keine Anzeigen geschaltet!)

  • „Der Konzern [Exxon/ExxonMobil] brachte sogar Präsident George W. Bush dazu, dem Kyoto-Protokoll den Rücken zu kehren, wie durchgesickerte Regierungsdokumente offenbarte. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman nannte ExxonMobil vor einigen Jahren in der New York Times nicht ganz unzutreffend ‚einen Feind des Planeten.'“

>> Quelle und Zitat: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 50-51.

Dieses systematische Zweifel-Säen etwas könnte man wohl als größtmögliche anzunehmende Menschenrechtsverletzung (GAM) bezeichnen?


… zurück zu Aspekt „Berichterstattung würde 900.000 Mio-Dollar anders aussehen“:

Nun ist es so, dass vielen Menschen nicht ganz unsympathisch ist, was Lobbyisten uns auftischen: Denn die sprechen natürlich alles in allem von einem bequemen „weiter so“:



Nächster Abschnitt:



Wir Verdrängungskünstler*innen

Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große Klimawissenschaftsleugner*innen?

Realitätsverweigerung: „Weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf.“ Über die für viele Menschen unerträgliche Wahrheit, am eigenen Ast zu sägen.

Wer viel zu verlieren hat, neigt dazu, Fakten und Nachrichten, die seinen Interessen entgegenstehen, zu verharmlosen, zu ignorieren, zu leugnen oder gar sich eine Art Gegenwelt aufzubauen – vgl. z.B. Raucher, die gegen jegliche Statistik „anrauchen“.

Der Soziologe Harald Welzer spricht hier von „Dissonanzreduktion“ und meint damit, dass Menschen dazu neigen, sich ihre Welt „zurechtzudenken“, sodass unangenehme Fakten/Geschehnisse sich wieder in die eigene Logik, ins eigene Denken und ins Weltbild passen: Menschen halten Widersprüche nicht gut aus und reduzieren dissonante Fakten durch Verharmlosung, gleichen sie also durch angebliche Lebenserfahrung oder Gedankenkonstrukte aus, sodass sie aushaltbar werden: Raucher*innen zum Beispiel verweisen dann allzu gerne auf Helmut Schmidt.

  • „Daher wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit der eigenen Überzeugung angepasst, weshalb Raucher Lungenkrebsstatistiken für überbewertet halten und Anlieger von Kernkraftwerken das Strahlungs- und Unfallrisiko regelmäßig niedriger einschätzen als Menschen, die weit entfernt von Atommeilern leben.“

>> Quelle: Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 32-33

Eine typische Reaktion ist, die Person (z.B. Greta Thunberg) oder die Quelle (z.B. dieses Party-Kit oder den IPCC) in Zweifel zu ziehen:

  • „In der Psychologie nennt man solches Verhalten übrigens ‚Versuch der kognitiven Dissonanzreduktion durch Abwertung der Informationsquelle'“.

>> Quelle und Zitat: Stöcker, Christian (2019): „Klimadebatte: Leugnen ist zwecklos“. in: Der Spiegel, 29.9.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klimakrise-die-blamable-abwertung-von-greta-thunberg-kolumne-a-1289040.html (Abrufdatum 30.9.2019)

… oder auch „Argumentum ad hominem“: „Was willst DU mir über Alkohol sagen?“ – Selbst wenn der Gegenüber (ebenfalls) eher zu viel trinkt – seine Aussage wird dadurch nicht falscher – die Aussage bleibt qualitativ gleich – und wenn wir schlau sind, hören wir dem Menschen lieber mal zu.

Insofern: Wenn ein „Ad hominem“ fällt, sollte man nicht in die Falle gehen und selbige Unlogik ggf. benennen.

vgl. Nguyen-Kim, Mai Thi (2018): „Die schlechtesten Argumente im Internet“. in: maiLab, 31.10.2018, online unter https://www.youtube.com/watch?v=AlSmcBbT15Y (Abrufdatum 30.9.2019)

Insbesondere das Gewahrwerden der Klimakrise löst regelmäßig solche Reaktionen aus – und dann wird die Krise relativiert – die folgenden Sätze kennt jede(r) von uns:

  • „Zum Beispiel lässt sich sagen, dass jede eigene Anstrengung ohnehin von den Chinesen, den Indern, den Russen und den Brasilianers unterminiert wird: Alle sind sie um die Vermehrung ihres Wohlstandes bemüht, um den Preis, dass alle eigenen Anstrengungen, die Welt doch noch zu retten, sich im Angesicht der jährlichen Emissionensstatistik von vornherein in Luft [besser: in CO₂] auflösen. Oder von ‚den Politikern‘ fordern, dass sie mal endlich ein transnationales Klimaabkommen beschließen sollen. Vorher könne man ja sowieso nichts machen. Oder, auch sehr beliebt, auf die ‚Menschheitsgeschichte‘ weisen und aufgeklärt mitteilen, dass ‚der Mensch‘ ja erst lernt, wenn die Katastrophe schon geschehen ist. Wahlweise: dass ‚dem Menschen‘ am Ende ja immer etwas einfallen sei, was die Katastrophe abgewendet habe. Was sind solche Sätze? Mentale Anpassungen an sich verändernde Umweltbedingungen.“

>> Quelle: Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 33, Hervorhebung Pendzich

Hiermit ist auch eine (Teil-)Erklärung gegeben, weshalb Aufklärungskampagnen gewöhnlich – und erst recht, was die nicht-gleich-morgen-unmittelbar-lebensbedrohliche Klimakrise betrifft – scheitern bzw. nur äußerst geringe Wirkung haben.

Welzer hält dazu fest, dass „negative Argumente [keine]… proaktiven Handlungen motivieren. Dass mag im Rahmen akuter Notfallsituationen funktionieren, aber nicht dann, wenn die Benutzeroberflächen der Konsumgesellschaften noch glänzen und zu funktionieren scheinen.“ (ebd. 34-35)

In diesem Sinne kann auch Upton Sinclairs Feststellung

„Es ist schwierig, jemanden dazu zu bringen etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängig ist, es eben nicht zu verstehen.“

Upton Sinclair (1885-1951), „It is difficult to get a man to understand something, when his salary depends upon his not understanding it!“ in: I, Candidate for Governor: And How I Got Licked (1935), ISBN 0-520-08198-6; repr. University of California Press, 1994, p. 109., 1935 – vgl. https://en.wikiquote.org/wiki/Upton_Sinclair (Abrufdatum 3.6.2019)

nahtlos auf das Verhalten von Menschen in der Klimakrise übertragen werden. Denn es geht schlicht auch um Besitzstandswahrung:

So ziemlich jeder Mensch der Industrieländer hat eine Menge zu verlieren, wenn er sich wirklich auf die Wahrheit einlässt, die die Klimakrise für uns bereit hält. Sich auf diese Wahrheit einzulassen, bedeutet im Grunde,

  • sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen,
  • das bisherige Leben mit all seinen Bequemlichkeiten, des Überflusses, der Shopping-Malls, der Entgrenzung – also: sich selbst – in Frage zu stellen und
  • das eigene bisherige Leben – will man sich künftig noch selbst in die Augen schauen können – was Konsumismus angeht, weitgehend hinter sich zu lassen.

Ein Zwischengedanke:

Vielleicht ist ja die deutsche Diskussion um das Tempolimit unterschwellig mehr als ein Diskurs um die Geschwindigkeitsbegrenzung von AUTOS? Geht es möglicherweise vielmehr um die Frage, ob unsere Gesellschaft generell bereit ist, sich in Konsum- und Bequemlichkeitsfragen zurückzunehmen und zu reglementieren? Die irrationale Wut bei gleichzeitiger Anrufung des „gesunden Menschenverstandes“ (vgl. Cheflobbyist Scheuer) legt dies nahe.


Wichtig: Es geht hier bei alledem nicht nur ausschließlich um irgendwelche Millionäre oder Topmanager der fossilen Industrie – sondern um

  • Politiker*innen,
  • Angestellte,
  • Autobesitzer*innen,
  • Friseur*innen mit Wochenendhäuschen,
  • Eltern, die ihren Kindern etwas „bieten“ möchten, Steuerberater*innen mit dem Hobby „Tauchen“,
  • Tauchlehrer*innen die gern Lachs essen,
  • Professor*innen, die gern an internationalen Kongressen teilnehmen und
  • Rentner*innen, –

kurz: um(fast) jede(n) von uns.

Um fast jeden von uns, außer vielleicht

  • den raren Ausnahmen, die oft mit verächtlichem Unterton als Gutmenschen, Träumer*innen und Idealist*innen bezeichnet werden und
  • einigen noch in Ausbildung befindlichen jungen Menschen, die noch nicht established sind.

Also, die Wahrheit ungeschminkt zuzulassen, bedeutet, wirklich zu akzeptieren, dass es nicht mehr so weiter gehen kann – und dass das bisherige Leben ein Stück weit zu Ende ist.

Und wenn auf diese Weise der Boden unter den Füßen weggezogen wird – was bleibt dann? Leere.

  • Wie es weitergehen könnte, können sich viele Menschen nicht vorstellen – der Gedanke, dass das Leben keine Sicherheiten bietet und kein vorgezeichneter Plan existiert, überfordert viele Menschen.

Aber, liebe Mitmenschen: Es war nie anders. Das Leben bietet prinzipiell keine Sicherheiten. Und ein vorgezeichneter Plan hat auch noch nie existiert.

Alle Sicherheit(en), die Menschen (z.B. durch Job, Haus, Ehe, Geld etc.) verspüren, sind prinzipiell eine Illusion.

Wir haben nur eines ganz sicher: Diesen Augenblick.

Was auf der persönlichen Ebene gilt, gilt auch auf der gesellschaftlichen:

  • Auch der Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung wurde nicht am Reißbrett entwickelt. Er hat sich – unvorhersehbar – über Jahrzehnte und Jahrhunderte (weiter-)entwickelt. Und ist nie stehengeblieben.

Die aktuelle Erscheinung des globalen Finanzialismus-geprägten Neoliberalismus verdanken wir der politischen Ära von Margret Thatcher, ist aber selbstredend auch bereits schon wieder eine Weiterentwicklung, die für Mrs. Thatcher so nicht absehbar gewesen ist.

Weiterentwicklung findet in diesem Moment statt – z.B. weil irgendein Parlament ein den Handel betreffendes Gesetz beschließt.

Anders ausgedrückt: Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung ist nichts Feststehendes und zudem historisch betrachtet eine sehr junge Erscheinung.


Das System ist menschengemacht und daher auch von Menschen veränderbar.

  • Nicht-Veränderung führt ins Debakel.
  • Veränderung bietet eine Chance.

Und was für das Wirtschaftssystem und die Gesellschaft gilt, gilt gleichermaßen auch auf individueller Ebene, für den Menschen:

Das Leben auf persönlicher Ebene und
das Leben an sich
entwickeln sich –
es gibt keinen Stillstand – panta rhei (griechisch für „alles fließt“)
niemand steigt zwei Mal in denselben Fluss –
wer es dennoch versucht, d.h.
wer sich dem Fluss des Lebens verweigert, lebt nicht wirklich.

Leben ist Veränderung.

Weniger ist mehr.

….

Zurück zu dem Gedanken, dass so ziemlich jede(r) Deutsche viel zu verlieren hat.

Ein Grundproblem ist, dass die meisten Menschen ihren Luxus als „normal“ ansehen.
Aber: „Normal“ kann nur sein, was den Planeten nicht an die Wand fährt.

Zu suchen ist auf gesellschaftlicher, politischer, philosophischer und individueller Ebene nach dem „menschlichen Maß„. Und dies hat sich – logischerweise – am CO₂-Budget des Landes bzw. am CO₂-Budget der Individuen zu orientierten.

  • Wer die Zahlen nicht kennt, wird mir vermutlich zustimmen.
  • Wer die Zahlen (z.B. auf Basis dieses Party-Kits) kennt, wird sich i.d.R. jeder weiteren Diskussion verweigern: Weil unser derzeitiger Lebensstil in dieser Perspektive nicht zu halten ist.

Doch ist es so: Wir haben gar nicht die Wahl. Denn der Planet verhandelt nicht. Anpassen oder weichen (frei nach dem „Spatenrecht“: „Deichen oder weichen“). Ich rate zu ersterem.



Nächster Abschnitt:



Klimawissenschaftsleugner*innen auf Partys bzw. bei Diskussionen

Abgesehen davon, dass wir es wohl alle bevorzugen würden, dass die Sache nicht so brisant wäre, gibt es natürlich auch noch Menschen, die sich der Sache total verweigern: Ihnen begegnet man immer mal wieder… wie damit umgehen?

  • Weigern Sie sich, über das „ob“ zu diskutieren – das Thema ist „durch“. Verweisen Sie einfach darauf, dass die/der GesprächspartnerIn offensichtlich nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge ist:
    • „Ouih, ich fürchte da bist Du aber so gar nicht auf dem aktuellen Stand. Mach Dich mal schlau.“
    • „Von den in den Parlamenten sitzenden Parteien vertritt in Deutschland nur noch eine diese Position.“
  • Bei Behauptungen des Gegenübers kann es hilfreich sein, nach dessen Quelle zu fragen – bitten Sie sie/ihn zu erzählen, wo sie/er die Information erhalten hat.
  • Bei zu allgemeinen Aussagen können Sie gezielter nachfragen und Präzision einfordern.
  • Wichtig ist, rhetorische rote-[bzw. grüne-]Socken-Ablenkungen à la „Das ist Sozialismus“ als solche zu benennen und dann wieder zum eigentlichen Thema zurück zu kehren.

>> siehe auch:
Schleichert, Hubert (1997): Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Anleitung zum subversiven Denken. Beck.


Bitte haben Sie kurzzeitig Verständnis für ältere Menschen: Sie wurden in eine Welt hineingeboren, in der es

  • nur 1/3 der Weltbevölkerung,
  • in Relation wenig Konsumismus gegeben hat und
  • in der „Fortschritt“ und „Wachstum“ noch ein Versprechen waren.

Da kann es dann schon mal schwerfallen, einzusehen, dieses scheinbar sichere Wissen als Lebenslüge, die zur Zerstörung des Planeten führen wird bzw. kann, zu entlarven.

Machen wir uns klar, dass es schmerzvoll sein kann anzuerkennen, dass das eigene gelebte Leben das Leben künftige Generationen beeinträchtigt oder gar unmöglich macht.

Gleichzeitig reden wir hier aber tatsächlich auch über die Generationen, die eben durch ihr Leben und die von ihnen mitverantworteten Entwicklungen bzw. Entscheidungen massiv zur heutigen Situation beigetragen haben.

(Das trifft natürlich mehr oder weniger auch auf mittlere Jahrgänge zu.)

Denn:
„Wir haben’s nicht gewusst“ ist ein Satz, der noch nie gegolten hat, wenn man etwas, was man bei genauerem Hinsehen wissen könnte, nicht wahrhaben wollte.

  • Spätestens seit der Veröffentlichung von The Limits to Growth (Die Grenzen des Wachstums) durch den Club of Rome im Jahre 1972 konnte jeder Mensch der westliche Industrienationen wissen, dass
    • die planetaren Grenzen definitiv endlich sind
    • somit die Wirtschaftswachstumsdoktrin und das HöherSchnellerWeiter-Leben auf Dauer nicht machbar ist und massiv auf Kosten der eigenen Kinder, Enkel und Urenkel geht.

>> Quelle: n.n. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. [The Limits of Growth]. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.


In der Konsequenz dieses Gedankenganges rege ich an, die älteren Menschen recht deutlich an das daraus resultierende Handlungsgebot zu erinnern, für die jüngeren Generationen wählen zu gehen.

Das gilt erst recht vor dem Hintergrund, dass es aufgrund des Pillenknicks und den Babyboomern viel mehr ältere Menschen gibt als jüngere. Rezo hält dazu fest:

Die größte Wahlmacht haben die Alten. Allein die über 70-jährigen – also nur ein bestimmter Teil der Rentner – haben anderthalbmal so viel Stimmen wie alle unter 30-jährigen. Die Rentner entscheiden also mehr über unsere Zukunft, obwohl sie diese Zukunft gar nicht mehr miterleben werden.“

>> Quelle: Rezo (2019): „Die Zerstörung der CDU“. in: Youtube.de, 18.5.2019, Min 53f., online unter www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ (Abrufdatum 24.6.2019)
>> Quelle von Rezo: n.n. (2017): „Bundestagswahl 2017: 61,5 Millionen Wahlberechtigte“ in: Bundeswahlleiter.de, online unter: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/wo-steht-die-bildungsrepublik-deutschland,RCmwxjP (Abrufdatum 24.6.2019)

  • Hier ist die Frage aufzuwerfen und zu diskutieren, ob angesichts der eklatanten Ungleichverteilung von Stimmrechten in den Generationen das Wahlrecht gewichtet werden sollte – sodass jede Generation – oder jeder Jahrgang – die gleiche Wahlmacht erhält. Ich persönlich habe jedoch einige Bauchschmerzen damit, denn ein einfaches und aufgrund dieser Einfachheit und Grundsätzlichkeit auch schwerlich manipulierbares Prinzip aufzugeben, sollte nicht leichtfertig erfolgen und i.d.R. unterbleiben.
  • Es ist indes nicht einzusehen, dass Kinder kein Stimmrecht haben – in jungen Jahren könnten die Eltern dieses Wahlrecht wahrnehmen – aber ab einem bestimmten Alter können Kinder durchaus eigenständig eine Entscheidung in der Wahlkabine treffen. Hiermit wäre zumindest das Prinzip „Eine Stimme pro Mensch“ in seiner Einfachheit erhalten und insgesamt ein besonderer, wünschenswerter Fokus auf Familien bzw. Kinder gelegt.
    • Möglicherweise würde diese Art der Partizipation auch ein erweitertes Interesse an demokratischen Prozessen wecken können – auf jeden Fall würden sich unsere jüngeren Mitbürger*innen vermehrt ernst- und wahrgenommen fühlen. Dies entspricht dem Trend, den wir von Eltern-Lehrer*innen-Kind-Gesprächen etc kennen.


Ein Zwischengedanke:

„Wer die Erderwärmung leugnet, ist der eigentliche Feind der Freiheit.“

Naomi Oreskes, Harvard-Wissenschaftshistorikerin (2014)
>> Quelle: Oreskes, Naomi (2014): „‚So wird die Ökodiktatur Realität'“. in: taz, 29.11.2014, online unter https://taz.de/!260513/ (Abrufdatum 14.7.2019); weitere Gedanken zu „Ökodiktatur“ siehe Abschnitt Das Bonmot von den Verboten.



Nächster Abschnitt:



Eine neue Rückzugslinie: Klimawissenschaftsverweiger*innen – die immer gleichen ‚Argumente‘


Kreuzfahrt oder Enkel?

Das ist hier die Frage? …ernsthaft???

Wir müssen reden: Über Klimawissenschaftsverweigerung.

Kaum jemand würde heute in Deutschland noch behaupten, dass es generell keinen Klimawandel gäbe.

  • Die neue, weit verbreitete Rückzugslinie lautet, dass man die Handlungserfordernis zwar sehe, aber nur zu Veränderungen bereit ist wenn alles so weiter geht wie bisher (?????) – vielleicht auf Basis einer Green Economy.

Menschen, die diese Ansicht vertreten, sind de facto Klimawissenschaftsverweiger*innen.

Ihnen ist eigen, dass sie zwar jeder ihrer Ausführungen vorausschicken, dass wir uns in einer menschengemachten (anthropogenen) Klimakrise befinden und sehen, dass „etwas passieren muss“ – aber dann mit jedem ihrer nachfolgenden Sätzen ausschließlich die angebliche Unmöglichkeit von Veränderungen betonen.


Der Begriff „Verweiger*innen“ deutet dabei an, dass die Erkenntnisse der Klimaforschung zwar bis zu einem gewissen Grad gesehen, aber nicht ausreichend ernst genommen werden, sodass die Priorität auf einem „weiter so“ liegt.

Dieses „nicht ausreichend ernstnehmen“ fundierter Wissenschaft ist m.E. wunderlich:

  • Wir leben den ganzen Tag auf Basis von Wissenschaft. Unser gesamter Lifestyle, unser Essen, unser Smartphone, unsere Zahnkronen, der PC, das Internet, die Bremsgurte in unseren Autos – das Flugzeug, in das wir ohne zu zögern steigen -, unser Strom für Alles, der beschichtete Milch-Tetra-Pack, ja, auch unser zuverlässig-sauberes Trinkwasser aus dem Wasserhahn – was auch immer: All das existiert heute, so wie es ist, ausschließlich auf der Basis von jüngeren und älteren (natur-)wissenschaftlichen Forschungen.

Und wenn dann die so hilfreiche Wissenschaft eine allzu unbequeme Wahrheit (vgl. Al Gore) auftischt, dann wird gemauert.

Bernd Ulrich formuliert es in der Zeit so:

  • „[D]ie Abers sind der Schutzwall gegen eine Veränderung, die rhetorisch so bereitwillig begrüßt wird.“

>> Quelle: Ulrich, Bernd (2019): „Die Ja-aber-Sager“. in: Die Zeit, Nr. 32, 1.8.2019, S. 1.

Allgemein bevorzugen wir doch das Vorsorgeprinzip, oder? Hier nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

Wenn die Priorität auf einem „weiter so“ liegt, läuft das dann gewöhnlich so:

Jeglicher durch seinen Gegenüber vorgebrachten Lösungsansatz wird reflexartig mit pauschalen Glaubenssatz-artigen (Schein-)Argumenten wie

„Arbeitsplätze“ | „Wachstum“ | „Verbot“ | „Verzicht“ | „Die Anderen“ | „Die Chinesen“ | „Was kann ich schon tun“ | „Umweltschutz muss man sich leisten können“ | „Die Natur des Menschen“ | „Das ist ja Sozialismus“ | „Wenn es nach den Grünen geht, leben wir bald wieder in Baumhäusern“ etc. pp. pp. pp.

abgewatscht:

„Wer etwas will findet Wege – wer nicht will, findet Gründe.“

Albert Camus zugeschrieben – und auch dem Gründer von dm, Götz Werner, im Zusammenhang mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) zugeschrieben.

Oder es läuft so:
Die/der Klimawissenschaftsverweiger*in serviert etwas als Totschlagargument ohne sachliche Begründung. Eine solche Kostprobe für einen Wähler-anbiedernden unsachlichen Glaubenssatz liefert Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: „Klimaschutz kann nicht auf Kosten von Wohlstand und Arbeitsplätzen gehen.“ – womit er ruinös an seinem Nicht-Nachruhm arbeitet.

Der wahrscheinlich wichtigste Klimaschutz-Spiegel-Redakteur Christian Stöcker konstatiert in diesem Zusammenhang:

  • „Bislang besteht Altmaiers Traumziel augenscheinlich aus einer Regulierung, die den Klimawandel stoppt, aber keinerlei strukturelle Veränderungen herbeiführt. Das ist selbst für Kinder als Wunschdenken zu erkennen.“

>> Quelle Zitat: Stöcker, Christian (2019): „Klimapolitik Es gibt jetzt keine Ausreden mehr“. in: Der Spiegel, 14.7.2019, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gutachten-zur-co2-steuer-es-gibt-jetzt-keine-ausreden-mehr-a-1277096.html (Abrufdatum 14.7.2019)

Zurück zum Altmaier’schen Statement „Klimaschutz darf nicht…“. Ich finde, Wunschdenken steht einem Bundeswirtschaftsminister nicht zu:

Diese als Wahrheit verkaufte Behauptung kann – da wir hier von einem hochintelligenten belesenen und zudem von einem Beraterteam umgebenen Menschen reden – m.E. nicht anders verstanden werden als eine bewusste Lüge. Die Altmaiersche Formel ist eine bloße Behauptung, die die „blühenden Landschaften“ eines Kohl und die „sicheren Renten“ eines Blühm wie harmlose Bonmots erscheinen lässt: Hier ist davon auszugehen, dass es um eine gezielte Irreführung der Bevölkerung geht, die angesichts der Dimensionen der Klimakrise aus meiner Sicht gemeingefährlich ist und die – weil Altmaier eine Äußerung mit potenziell derart weitreichenden Folgen nicht zusteht, m.E. Amtsmissbrauch nahelegt.

  • Wobei festzuhalten ist, dass Altmaier damit lediglich in klare Worte fasst, was von den vormaligen Volksparteien zzgl. FDP seit Jahren vehement vertreten wird. Sich selbst und den Bürger*innen nicht die Dimension und Dringlichkeit der Klimakrise einzugestehen, bedeutet am Ende doch die Verweigerung von wissenschaftlichen Tatsachen und eine Verweigerung von zukunftsgeeigneter Realpolitik.


Letztlich wollten die Bürger*innen diese unbequeme Wahrheit bis etwa „Ein Jahr nach Greta Thunberg“ aber auch so gar nicht hören.

Hier haben quasi alle Menschen des Establishment gemeinsame Sache gemacht… – ein unausgesprochenes Abkommen, nicht so genau hinzusehen nach dem Motto: „Wenn Du nichts sagst, sag‘ ich auch nichts“.

Eine Art jahrelange Vogel-Strauss-Kopf-in-den-Sand-Laisser-faire-Komplizenschaft des „Weiter so“. Auf Kosten der jungen Generationen und künftiger Nachfahren.

Deswegen ist es auch richtig, wenn die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer feststellt:

Meine Generation wurde betrogen.

>> Quelle des Neubauer-Zitats: Amann, Melanie u. Traufetter, Gerald (2019): „Freitags-Demonstrantin Neubauer streitet mit Minister Altmaier – ‚Meine Generation wurde betrogen‘.“ [Peter Altmaier und Luisa Neubauer im Interview]. in: Der Spiegel, 15.3.2019, online unter: https://www.spiegel.de/plus/luisa-neubauer-und-peter-altmaier-im-streitgespraech-a-00000000-0002-0001-0000-000162913137 (Abrufdatum 31.5.2019) (Paywall)

„Betrogen“ ist angesichts der potenziellen Folgen ein m.E. viel zu vornehmes Wort – Rezo hebt in diesem Zusammenhang in seinem Youtube-Video „Die Zerstörung der CDU“ hervor, dass Eltern und Großeltern doch i.d.R. an ihrem Nachwuchs interessiert sind – er findet, junge Menschen sollten auf ihre (Groß-)Eltern einwirken, um beim Klimaschutz voranzukommen:

  • „Denn Eltern und Großeltern ist nichts im Herzen wichtiger als sicherzustellen, dass ihre Kinder und Enkel in einer sicheren Welt leben und kein beschissenes Leben haben.“

>> Quelle: Rezo (2019): „Die Zerstörung der CDU“. in: Youtube.de, 18.5.2019, Min 54f., online unter www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ (Abrufdatum 24.6.2019)


Diesen Satz belegt der sonst so beeindruckend gute Quellenarbeit betreibende Rezo nicht.

  • Mein persönlicher Eindruck ist, dass diese Generation viel zu sehr mit der Planung der nächsten Kreuzfahrt beschäftigt ist, um sich auch noch über so etwas Gedanken zu machen.
  • Oder: Die Großeltern sind auf Kreuzfahrt – statt auf dem Kreuzzug zugunsten ihrer Enkel*innen.

Ok, das war jetzt sarkastisch und pauschalisierend.

Zweifellos richtig hingegen ist:

Faktisch handelt es sich es beim derzeitigen Klima-Versagen von deutschen Politiker*innen und von uns Erwachsenen um die einseitige Kündigung des Generationenvertrages…

… der dem Mensch-sein seit Jahrtausenden zutiefst eingeschrieben war/ist und der sinngemäß besagt(e):

  • Die Altvorderen kämpfen dafür, dass es den Kindern und EnkelInnen einmal besser gehen wird als ihnen;
  • Die Kinder der Altvorderen bezahlen (heute) via Sozialsystem indirekt die Rente der Alten und unterstützen Eltern und Großeltern im Alter bei der Bewältigung des Alltags.


Stattdessen demontiert die Politik – m.E. Grundgesetz-widrig

  • GG Art. 2 „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“
  • GG Art. 20a „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere“

die Lebensgrundlagen der jungen und der kommenden Generationen.

Und, im Ernst, wir sog. Erwachsenen machen kollektiv mit, nach dem Motto: „Urlaub war uns wichtiger als eure Zukunft, sorry.“
… und reden uns die Welt schön.

>> vgl. dazu: Baumann, Marc: „Urlaub war uns wichtiger als eure Zukunft, sorry“, Süddeutsche Zeitung, 14.7.2017, online unter http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/46223/Urlaub-war-uns-wichtiger-als-Eure-Zukunft-sorry (Abrufdatum 24.2.2018)
und auf meinen teils davon inspirierten LLL-Beitrag „Kommen wir zur: Unbequemen Wahrheit.

Urlaub war uns nicht nur wichtiger als unsere Enkel*innen –
wir haben uns den Flug-Kreuz-Malediven-3xMalle-Urlaub sowie den gesamten alltäglichen Luxus-Überfluss nach Meinung vieler ach so hart arbeitender Bundesbürger*innen auch wirklich verdient.

  • Das möchte ich pointiert in Frage stellen – ausdrücklich mit Ausnahme der Menschen in Deutschland, die in Pflegeberufen und/oder im Niedriglohnsektor tätig sind, alleinerziehend durch alle Raster fallen und/oder mehr oder weniger Vollzeit arbeiten und trotzdem Hartz-IV-Aufstocker*innen sein müssen. Für alle Anderen gilt meines Erachtens:

Egal, was und wie viel wir arbeiten, wir Erste-Welt-Schnösel, wir arbeiten nicht hart. Das können wir komplett vergessen. Der Minenarbeiter im Congo, der arbeitet hart. Er riskiert Kopf und Kragen – damit seine Kinder heute, nach drei Tagen, mal wieder etwas zu essen bekommen. Er arbeitet hart für die ’seltenen Erden‘ Ihres Smartphones, ebenso wie der arme Mensch, der in Asien unser Smartphone unter sklavenähnlichen Bedingungen zusammenschraubt und seine Familie seit einem 3/4 Jahr nicht gesehen hat – wir haben mutmaßlich nur im Büro gesessen, einige E-Mails verzapft, uns ’ne Currywurst reingepfiffen und auf ein paar Sitzungen rumgegähnt.

Und falls Sie, werte(r) Leser*in, darüber hinaus zu den wirklichen Spitzenverdienern gehören und sich immer noch einbilden, dass Sie verdient haben, was Sie verdienen: Vergessen Sie auch das – Ihr Gehalt steht definitiv in keinem Verhältnis zu Ihrer Leistung: Niemand ist in der Lage, einen Arbeitsgegenwert von, sagen wir, +80.000 EUR jährlich zu erbringen.

Warum Sie trotzdem so viel verdienen? Nun, ich vermute: Es ist Schmerzensgeld. Wie geht es Ihnen wirklich?

PS:
Pflegeberufe sind in Deutschland aufgrund extrem mieser Arbeitsbedingungen, völlig unangebrachter Niedriglohn-Bezahlung sowie mangels gesellschaftlicher Anerkennung wirklich harte Arbeit.

Ich vertrete die Auffassung, dass die Wertigkeit von Berufen um 180° auf den Kopf zu stellen ist. Wir brauchen z.B. mehr hochqualifiziertes und daher auch: gut bezahltes Personal u.a. in Erzieherberufen, denn sie tragen maßgeblich zu unserer Zukunft bei.

Und ich bin mir sicher, dass wir – bezogen auf ‚grenzenlose‘ Spitzenverdiener -, keinem Menschen der Welt gut tun, wenn er ein (eigentlich) nicht-ausgebbares Gehalt erhält. Damit hält er einfach zu viel Macht in seinen Händen, Macht, mit der die meisten m.E. nicht umgehen können.


Exkurs mit Definitionen Klimawissenschaftsverweigerer*in & Co:

>Leugner*in – keine Ausführungen erforderlich.

>Verweiger*in – akzeptiert wissenschaftliche Befunde, argumentiert oberflächlich, dass Handlungserfordernis besteht, akzeptiert keinen Vorschlag oder Lösungsansatz als geeignet, ist nicht bereit Einschränkungen hinzunehmen – verweigerte sich also am Ende doch, Konsequenzen aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ziehen.

>Relativierer*in – betreibt eine mildere Form von Verweigerung; lässt sich jedoch nicht auf die ganze Wahrheit ein.

Wie hoch mag der Anteil der Deutschen sein, die die wissenschaftlichen Befunde vorbehaltlos akzeptieren und aktiv eine Lösung der Krise anstreben?

Denn daneben gibt es noch die

> Fatalist*in bzw. Evolutionist*in – sie geben die Menschheit verloren – manche finden das schlimm, andere zucken mit den Schultern – bis hin zu der Position der Antinatalist*innen, die lieber nicht geboren wären bzw. das mögliche Aussterben des Menschen begrüßen.

Wer diese Position ernsthaft vertritt: Ok.

Aber ich denke, dass es eine ganze Reihe von Menschen gibt, die sich hinter dieser „Evolutions“-Position verstecken, weil sie bequem sein kann, psychologisch entlastend wirkt und ggf. zügellosen Hedonismus ermöglicht.

Und das finde ich für meinen Teil nicht komisch, insbesondere dann, wenn diese Position von Eltern oder Großeltern vertreten wird: Wer Kinder in die Welt gesetzt hat, hat – im Rahmen ihrer/seiner Möglichkeiten – für sie einzustehen.

> Und dann gibt es noch Menschen, die sich – insbesondere im rechten Spektrum – aus der Gesellschaft zurückziehen und sich auf die Klimakatastrophe vorbereiten, siehe dazu: Grassegger, Hannes (2019): „Von der Klima-Angst radikalisiert“. [Die Story des Tages.]. in: Das Magazin, online unter https://mobile2.12app.ch/articles/20641537 (Abrufdatum 25.7.2019)

Auch wenn der Typus der Klimawissenschaftsverweigerin bzw. des Klimawissenschaftsverweigerers natürlich nicht auf das gesamte Establishment zutrifft, so ist doch deutlich festzustellen, dass sehr viele Menschen fraglos die etwas mildere Form der Klimawissenschaftsverweigerung betreiben und somit als „Klimakrisen-Relativierer*innen“ zu bezeichnen sind:


Beliebt und ständig präsent sind nach meiner Beobachtung in weiten Teilen der Bevölkerung bzgl. der Dringlichkeit und Dimension der Klimakrise Ausreden und vor allem Ablenkungsmanöver:

Streiken statt Pauken – ändert die Generation Greta die Politik
Anne Will, 31.3.2019, die Folge mit Greta Thunberg,
der Fridays for Future-Aktivistin Therese Kah,
Harald Lesch und Robert Habeck, hier ab Min 8:30,
als Habeck und Lesch über
Fridays for Future bzw. die Schulpflicht sprechen.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=p4nEjlGbGSc
  • Das einseitige Festklammern an einer Diskussion über vermeintliches Schulschwänzen:

    • Hier handelt es sich angesichts der dringenden Handlungserfordernisse schlicht um Notwehr und um zivilen Ungehorsam, die/der angesichts der vollkommen absurden Verweigerung der Regierung absolut gerechtfertigt ist.

      (Selbst wenn diese Sachverhalte so nicht exakt im BGB etc. festgeschrieben sein sollten: Die Klimakrise ist eine so noch nie dagewesene Bedrohung, die logischerweise auch ggf. neue juristische Sachverhalte schafft.)


      Auch der Astrophysiker und Autor diverser Bücher über den Klimawandel Harald Lesch verlautbarte bei Anne Will (siehe oben rechts), dass „dass die Demonstrationen [von Fridays for Future & Co] noch viel intensiver werden müssen“ – die Schulpflicht hält er in dem Zusammenhang im Vergleich zu der Bedrohung die der Klimawandel … darstellt, …für unerheblich.“
  • Das starre, beharrende Hinweisen auf die (inhaltlich natürlich nicht falsche) Vielfliegerei von Jugendlichen:
    • Hier geht es in erster Linie das Zeigen mit dem Finger auf andere, besonders dann, wenn sie sich nicht so edel verhalten, wie das ihre Kritiker*innen „erwarten“. Wobei diese das Argument auch dann, wenn Jugendliche(r) X tatsächlich nicht fliegt, trotzdem nicht gelten lassen. Die eigene Nase wird dabei zudem gar nicht angefasst. Im Übrigen sind diese Jugendlichen von der Generation, die ihr das vorwirft erzogen worden – und möglicherweise wird die Vielfliegerei auch gar nicht so selten von den Eltern finanziert.

  • Die unangenehme Überbetonung der Frage des Umgangs mit Geflüchteten seit einigen Jahren im Allgemeinen und namentlich durch Bundesinnenminister Horst Seehofer im Herbst 2018 im Besonderen:
    • Hier steht die politische und mediale Ausreizung dieses Themas in keinem Verhältnis zu den Fakten und deren Bedeutung – daher muss die Frage lauten: Worum geht es hier eigentlich? – Wer Themen setzt, sorgt auch dafür, dass andere Themen unterrepräsentiert bleiben.
  • Auch ein Ablenkungsmanöver kann das Verharmlosen oder Nicht-Setzen von Themen sein:
    • Der Bundestagswahlkampf 2017 zeichnete sich massiv dadurch aus, dass
      • ständig vor „Populismus“ gewarnt wurde und
      • die wirklich relevanten Themen nicht benannt wurden.
    • Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, Marlene Weiß, stellt hier die Frage, wie man das nennt, „was die meisten Parteien im [2017er] Wahlkampf beim Klima treiben?“. Ihre Antwort: „Dramatisierung kann man ihnen [, d.h. den Parteien,] nicht vorwerfen, im Gegenteil. Die größte globale Bedrohung wird einfach fast gar nicht erwähnt. Und wenn doch, dann so, dass es garantiert niemandem weh tut. Es ist ein Populismus, der die Gunst der Massen im Schweigen sucht… Wer sich davor um der Gunst der Massen willen drückt, der ist, so lange es kein besseres Wort dafür gibt, ein Populist der Verharmlosung.“

>> Quelle: Weiß, Marlene (2017): „Bundestagswahl: Populismus der Verharmlosung“. in: Süddeutsche Zeitung, 8.9.2017, online unter: https://www.sueddeutsche.de/wissen/bundestagswahl-populismus-der-verharmlosung-1.3657792 (Abrufdatum: 19.6.2019)

  • Das Bonmot von den Verboten, der alten Fratze „Verbotspartei“, der angeblich heraufdämmernden Ökodiktatur und der vermeintlich bedrohten Freiheit – insbesondere in Form der angeblich existierenden und zu verteidigenden FreienFahrtFürFreieBürger (FreieFahrtFürFreieBürgerinnen fordert übrigens niemand!)

    • Hier gibt es zu bedenken, dass CDU/CSU und FDP normalerweise nicht als Parteien bekannt sind, die sich für den „kleinen Mann“ (und für die „kleine Frau“?) und dessen/deren Freiheiten einsetzen. Warum also jetzt? Geht es wirklich um die Menschen mit nicht so hohen Einkommen? Oder nicht doch eher um die Verteidigung des Status Quo, der alten (fossilen) Industrien, der Merz’schen Aktionär*innen, der oberen Zehntausend – ergo: um die Profiteure des fossilen Zeitalters?

      • Sehr schön bemerkt dazu die SZ über den Liberalismus, d.h. vor allem über die FDP:

        „Anstatt eine realistische Einschätzung der Klimakrise zu gewinnen, wird deren Dramatik wegmoderiert, um denen, die dringende, komplexe Reformen fordern, unrealistische, unterkomplexe Panikmache zu unterstellen. Anstatt nüchtern die Klimafolgenforschung zu analysieren und nach geeigneten politischen Instrumenten zu suchen, werden die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Lernens, der diskursiven Vermittlung notwendiger Veränderung ideologisiert als „Umerziehung“. Das Erstaunlichste ist vielleicht, wie der gegenwärtige politische Liberalismus mit einem Repertoire an populistischen Trigger-Begriffen wie ‚Verbot‘, ‚Askese‘ und ‚Verzicht‘ das eigene Reflektionsdefizit zu maskieren sucht.“

      • Ich möchte dazu anmerken, dass ich weniger erstaunt bin als Carolin Emcke. Ein simpler, aber wesentliche Beweggrund so zu handeln ist wenig erstaunlich und in ein Wort zu fassen: Es geht hier neben kurzfristigem Denken m.E. vor allem um: Geld.

    • Die Taktik der „Freiheitskämpfer*innen“ von CDU/CSU, FDP und der SPD betont den mündigen Bürger, dem man möglichst wenig vorschreiben sollte. Ist prinzipiell ja sicher auch nicht falsch, verkennt aber, dass hier eine merkwürdige i.d.R. männlich-gewohnheitsrechtliche „Freiheit“ als Ausrede in Anspruch genommen wird, die so gar nicht existiert – und von der wohl auch kaum jemand möchte, dass es sie gibt:
      Festzuhalten ist, dass die Regeln, Gesetze, Gebote unseres Landes ganze Wandschränke füllen: Wir leben in einem äußerst regulierten Staat – und das ist – von der ausufernden Steuererklärung mal abgesehen – i.d.R. auch gut so. Ob nun dazu noch ein paar Gesetze hinzukommen oder nicht, macht den Kohl nicht fett und rechtfertigt erst einmal keinen Aufschrei, wie wir ihn quasi täglich zu hören bekommen.

      Mely Kiyak hält in der Zeit dazu fest:

      • „Ja klar, Verbote. Was denn sonst? Es braucht nicht weniger Regulierung, sondern mehr. …Und bei Grenzübertritt fette Strafzahlungen. Geld ist die einzige Sprache, die Konzerne verstehen. Wenn man Herstellern nicht verbietet, ihren chemischen Schrottzucker in süchtig machende Lebensmittel zu kippen, wird sich nichts ändern… Freiheit nennen es jene Politiker, denen das Wohl der Agrarindustrie – nur ein Beispiel – näher ist als das Wohl der Wähler. Wie lächerlich. Was ist denn der Staat? Wann genau fing das eigentlich an, dass das Verbieten tabuisiert wurde? Kann es sein, dass die am Diskurs beteiligten gar nicht merken, dass der Staat auf dem Fundament von Verboten steht?“ (Kiyak 2019)
      • Der Spiegel hält dazu fest: „In ihrer Verzweiflung über die Erfolge der Grünen greifen ihre politischen Gegner zum alten Klischee der ‚Verbotspartei‘ – und erkennen nicht, dass niemand mehr Angst davor hat… Bei den Wählern hat sich offensichtlich (auch dank ‚Fridays for Future‘) die breite Erkenntnis durchgesetzt, dass Spaß künftig nur noch zu haben ist, wenn wir die Erde nicht vorher unbewohnbar machen.“
    • Und hier hat man auch über die Freiheit der Anderen nachdenken: Über das Recht der Bürger*innen auf körperliche Unversehrtheit, z.B. auf gesunde Luft in den Städten zu atmen oder das Recht auf eine gleichberechtigte Teilnahme am Verkehr sowohl der Fußgänger*innen als auch der Radfahrer*innen – es geht also um einen Interessensausgleich und nicht um das angebliche Recht des am lautesten Plärrenden.

    • Es ist interessant, dass die Kontroversen um die Einführung der Gurtpflicht, der neuen deutschen Rechtschreibung und des Rauchverbots in Deutschland in Restaurants etc. zunächst mit gleicher Vehemenz wie die derzeitige Diskussion um Tempolimits und CO₂-Steuer geführt wurden – danach aber jeweils unerwartet gut und mit breitem Konsens angenommen wurden. Soll heißen, wir sollten uns davon nicht zu sehr beeindrucken lassen, das Ding durchziehen, aber selbstverständlich bei Ökosteuern auf Sozialverträglichkeit in Form von intelligenten Steuern mit Rückvergütungen etc. achten – dann gibt es erwartbar auch keine „Gelbwesten“-Dynamiken.

    • Und, bei der Gelegenheit: Ich möchte NIE WIEDER den Begriff „freiwillige Selbstverpflichtung“ hören müssen – dass ist ein Euphemismus für lobbyistische Parteipolitik, gekoppelt mit der Ausrede, dass jede(r) BürgerIn in einer Demokratie das Recht habe, sich täglich durch mit Fastfood das Leben zu verkürzen und es seine freien Entscheidung sei, ob er aufgrund einer Zigaretten-Plakatwerbung zum Raucher werde.

      • Noch ein Lieblingswort von Lobbyisten:
        Wenn man den CEOs (=Chief Executive Officer = HauptgeschäftsführerIn) der großen Konzerne zuhört, dann könnte man glauben, es sei ihnen nicht wichtiger als: Nachhaltigkeit.

      • Hier die allgemein anerkannte Definition des Begriffes aus dem sog. Brundtland Report von 1987:
        Eine Entwicklung ist nachhaltig, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“
        • im englischen Original: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“
          >> Quelle: n.n. (1987): „Report of the World Commission on Environment and Development: Our Common Future“. [Brundtland Report: Our Common Future]. in: UN-documents.net, onöline unter http://www.un-documents.net/wced-ocf.htm (Abrufdatum 14.7.2019), s.a. n.n. (2019): „Brundtland Bericht, 1987“. in: Lexikon der Nachhaltigkeit, online unter https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland_report_563.htm (Abrufdatum 14.7.2019)

      • In einfacheren Worten drückt es Harald Welzer aus:

        „Nachhaltigkeit bedeutet Wirtschaften in der Zeit: Also, ich darf zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht mehr verbrauchen als nachwachsen kann.“

Luisa Neubauer fügt hinzu:

  • Letztlich mache das alles deutlich, wie überfordert der öffentliche Diskurs ist, „der sich an das Einzige klammert, was im weitesten Sinne klimapolitisch bedeutsam und irgendwo begreifbar ist: Autos und Flugzeuge.
    Dabei sind die großen Fragen noch ganz andere: Woher kommt die Selbstverständlichkeit, dass es okay ist, dem Planeten und der Umwelt wissentlich so massiv zu schaden? Mit welchem Recht dürfen Naturkatastrophen wie die Überschwemmungen in Mosambik provoziert werden. Wieso dürfen Politiker und Industrien die Freiheiten der heutigen und vor allem der zukünftigen Generationen derart bedrohen?“

>> Quelle und Zitat: Neubauer, Luisa (2019): „Informiert euch! Viele Politikjournalisten haben eine Meinung zum Klima, aber leider wenig Ahnung. Auch deshalb werden Debatten lautstark ausgetragen – während die Regierung von kritischen Nachragen verschont bleibt. Ein Gastbeitrag.“ in: Die Zeit, Nr. 20/9.5.2019, S. 5.

  • Die aktuellste Nebelkerze der Bundesregierung oder auch: die neue Rückzugslinie lautet: Klimaschutz müsse sozialverträglich sein, niemand dürfe zurückgelasssen werden. Sonst drohten Zustände wie im Frankreich der Gelbwesten.
    • Das blöde an solchen „Argumenten“ ist, dass sie nie ganz falsch sind, sondern eine Teilwahrheit beinhalten, aber den Schwerpunkt falsch setzen.
    • Der Vergleich zu Frankreich ist das typische Politiker*innen-Spiel mit der Angst – Macron hat schlicht handfeste Fehler gemacht, die wir – gerade auch auf Basis von Macrons Erfahrung – leicht vermeiden können.
    • Natürlich soll Klimaschutz sozialverträglich sein – das stellt auch niemand in Frage. Hier wird also eine Trivilialität zur Message aufgeblasen, die letztlich unterstellt, es gäbe in der (linken) Politik, Politiker*innen, die den sozialen Aspekt nicht sehen.
    • Sozialverträglich soll Klimaschutz sein, und das haben wir immer auf dem Schirm zu halten – und richtig ist trotzdem: Die grundlegende Priorität muss logisch eine andere sein: Ohne Klima ist alles nichts, also können ungewünschte Veränderungen und auch soziale Härten entstehen. Alles muss unter einen Klimavorbehalt gestellt werden. Alles andere ist Traumtänzerei.
    • Auf die Vorbedingung „Sozialverträglichkeit“ des Hamburger Bürgermeisters Tschentscher – der auch das Klimapaket großartig findet (Stand Herbst 2019) – reagiert Luisa Neubauer: „‚So zu tun, als sei Klima eine Sache, die man verhandeln kann, das stimmt einfach nicht. Das ist annähernd leugnerisch’… Klimaschutz müsse stattdessen die Grundlage aller politischen Entscheidungen sein.“
      >> Quelle und Zitat: n.n. (2019): „Klima-Diskussion: Aktivistin gibt Tschentscher Kontra“. in: NDR 90,3, online unter https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Klima-Diskussion-Aktivistin-gibt-Tschentscher-Kontra-,klimawoche142.html (Abrufdatum 3.10.2019)

  • Um soziale Härten zu vermeiden bedarf es nicht weniger Klimaschutz, sondern mehr:
    • Das Weiter so führt ins Aus. Beharren ist daher keine Lösung.
    • Ein Sprung nach vorne, d.h. Veränderung um unseres Wohlstandes willen – ist anstrengend, aber unsere Chance.

  • Um soziale Härten zu vermeiden bietet es sich an, als Gesellschaft unseren Lebensstil nachhaltig zu überdenken und die große (finanzielle) Ungleichheit in Deutschland zugunsten einer größeren Gleichheit zu beenden. Hier können Regeln, Verbote und ordnungsrechtliche Neuregelungen im Sinne der großen Mehrheit der Bürger*innen wirken. (Zumal nicht einzusehen ist, dass ein Reicher z.B. das Klima weiterhin totfliegt ohne Einschränkung – nur weil er es sich leisten kann.)

  • Von einem solchen, großen Gesellschaftsprojekt, mit dem wir die alten Ungleichheiten gleichsam parallel zum Klimaschutz loswerden, spricht zurzeit rechts der Grünen niemand.

Attribution Science: Schlechte Zeiten für Klimaleugner |
WDR (15.11.2017)
www.youtube.com/watch?v=lQ_5SbbOH1g Abrufdatum 24.7.2019
  • Die stets aufkeimende Diskussion bei jedem Extremwetter nach dem Motto „Ist das noch Wetter oder doch schon Klima?“ – „Ist der Sturm X oder ein Extremwetter Y ein Resultat der Klimakrise oder einfach nur ein Sturm bzw. ein Unwetter, das auch ohne die Erderwärmung eingetreten wäre?“

    • Diese Diskussion ist an sich irrelevant, weil sie den wissenschaftlichen Fakten nichts hinzufügt oder deren Gültigkeit relativiert.

    • Seit einigen Jahren sind solche Fragen gut zu beantworten, u.z. durch das neue wissenschaftliche Fachgebiet namens ‚Event Attribution Science‘: Die ‚Attributions-Wissenschaft‘ oder auch ‚Zuordnungsforschung‘. Hier berechnen die Forscher – vornehmlich ein Kreis um die deutsche Klimaforscherin Friederike Otto – mit den etablierten Wetter- und Klimamodellen die Wahrscheinlichkeit eines Wetterereignisses zweimal: Einmal unter den aktuellen CO₂-geschwängerten Bedingungen und einmal unter den Bedingungen „einer simulierten [vorindustriellen] Welt, die eben nicht mit Unmengen an Treibhausgasen wie Kohlendioxid aufgeheizt worden ist“ (Evers 2017). Eine deutliche Differenz der beiden Wahrscheinlichkeiten markiert den statistisch signifikanten Einfluss des Klimawandels.
      • Ein Beispiel: „So kamen durch die Gluthitze im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh im Jahr 2015 mit Temperaturen bis zu 48 Grad über 1800 Menschen ums Leben, vor allem in den Elendsvierteln, wo es weder Klimaanlagen noch Schatten spendende Bäume gibt. Wir fanden heraus, dass eine solche Hitzewelle durch den Klimawandel fort etwa doppelt so wahrscheinlich geworden ist“ (Otto 2019, 105).
    • Hilfreich ist, dass der Befund der Klimaforscher*innen innerhalb weniger Tage erfolgt, was ihnen den Titel „Climate SWAT Team“, d.h. „Klima-Spezialeinheit“ (vgl. Otto 2019, 76), eingebracht hat. Somit können sich Klimaforscher*innen nun mittlerweile doch zum Thema „Wetter“ äußern – und das noch in der Phase, in der ein Thema für Mensch, Politik und Medien relevant ist.
    • Dieser neue Wissenschaftszweig ist derart erfolgreich (und wichtig!), dass der Deutsche Wetterdienst (DWD) als erste Wetterdienst weltweit spätestens ab 2020 regelmäßig entsprechende Studien zum „Fingerabdruck des Klimawandels“ (Otto 2019, 135)= veröffentlichen wird.

>> weitere Details und Beispiele siehe LLL-Beitrag: https://faq.lebelieberlangsam.de/wie-kann-man-extremwetterereignisse-vom-klimawandel-unterscheiden
>> Quelle: Evers, Marco (2017): „Meteorologie: Was hat Hurrican ‚Irma‘ mit dem Klimawandel zu tun, Frau Otto?“ in: Der Spiegel, 38/2017, 19.9.2017, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/friederike-otto-deutsche-physikerin-in-oxford-entschluesselt-den-klimawandel-a-1168623.html (Abrufdatum 12.12.2018)
>> Quelle “ Andhra Pradesh“, „Climate SWAT Team“, „Fingerabdruck des Klimawandels“: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 105, 76, 135. [Buch über die Zuordnungswissenschaft/Event Attribution Science].

Die Klimakrisen-Wahrheit, die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier verschweigt:

„Es wie bei vielen Krankheiten: Je länger man wartet, desto unangenehmer wird die Therapie.“

>> Quelle: Martin Kolmar, Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen – über die Erfordernis möglichst schnell umfassend zu handeln.

Zurück zur handfesten Klimawissenschaftsleugnung: Dies ist eine Einstellung, mit der man sich ins Abseits stellt. Daher empfehle ich umgehenden Aufmerksamkeitsentzug und sofortige Rückkehr zum eigentlichen Thema der Party-Diskussion:

  • Es ist nicht unsere Aufgabe, Menschen von etwas zu überzeugen, von dem sie nicht überzeugt werden wollen. Und: Wer z.B. schlicht nicht weiß, was unabhängige Wissenschaft bedeutet und meint, sich auf Basis von Nicht-Wissen eine Meinung über erwiesene Fakten bilden zu können, nur auf ihm genehme Meinungen hört oder Verschwörungstheorien anhängt, den wird man auf einer Party, bei einer Diskussion mutmaßlich nicht auf den Boden der Tatsachen holen können. Da erscheint es m.E. sinnvoller, wenn diese Person – anstatt auf sie einzugehen – im Kreis der übrigen Teilnehmer*innen mitbekommt, wie die weitere faktenbasierte Diskussion ihren Lauf nimmt und wie andere Menschen mit dem Thema umgehen.

Fazit des Abschnitts „Klimawissenschaftsverweigerung“:

Aber… Kein aber.

Lieber Aberer*innen, die Zeit des „aberns“ ist vorbei. „Aber“ gilt nicht mehr. Für Aber haben wir keine Zeit mehr.

… und da kommt auch niemand, der noch mal eben schnell was erfindet…


Technologiegläubigkeit: Ein Konservatismus der besonderen Art.

Eine Wahnsinns-Idee.

Unter denjenigen, die die Klimakrise, das sechste Massenaussterben, die Endlichkeit der Ressourcen und allgemein die Grenzen des Wachstums, nicht wirklich auf der Pfanne haben, gibt es Menschen, die alles beim Alten lassen möchten – und zu diesem Zweck tief und irreversibel in die Chemie und Physik des Systems Erde eingreifen würden: Per Geo-Engineering. Da bliebe: Nichts beim Alten. Das würde einen ganzen Planeten inkl. Menschheit, Fauna und Flora zu Teilnehmern eines gigantischen Experiments mit ungewissem und potenziell vernichtenden Ausgang machen. Mehr möchte ich dazu nicht schreiben.

Obwohl… doch: Mein derzeitiger Favorit unter all den wunderbaren, faszinierenden Projektideen: Eine Mauer um die Antarktis, damit die Eisberge nicht abbrechen und fort schwimmen können. Denn: Dann schmilzt das Eis auch ganz bestimmt nicht. Ich bin dabei! Gleich Morgen steig‘ ich in einen Fischkutter und bringe mal eben auf einen Sprung das Baumaterial für 17.968 Kilometer Küstenlinie da hin. Ein Klacks.

Bei Dagobert-Duck-Geschichten in den Micky Mäusen hat so was auch immer funktioniert.

>> Siehe LLL-News-Beitrag: OMG des Tages: Eine Mauer um die Antarktis



nächster Abschnitt:

Globales und individuelles CO₂-Budget


Wie viel CO₂ wir noch emittieren „dürfen“:

Globales CO₂-Budget:

Die Klimaforscher haben ein globales CO₂-Budget errechnet, also eine Menge des Gases, die wir noch in die Atmosphäre bringen „dürfen“:

(rechts oben der Button für das wichtige 1,5°-Celsius-Ziel)
Die Budgets beziehen sich darauf, die 1,5°/2,0°-Ziele mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils 67% zu erreichen.
Gemeint sind jeweils CO₂-Äquivalente, d.h. alle weiteren Treibhausgase sind in CO₂-Emissionen umgerechnet (vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase.) (n.n.2019a)

  • Verbleibendes globales CO₂-Budget 1,5°-Ziel: ca. 358 Gt CO₂, bei derzeitigen Emissionen = 8,1 Jahre (13.11.2019, Update siehe tagesaktuelle Animation)
  • Verbleibendes globales CO₂-Budget 2°-Ziel: ca. 1107 Gt CO₂, bei derzeitigen Emissionen = 25,9 Jahre (13.11.2019, Update siehe tagesaktuelle Animation)
  • Derzeitige jährliche globale Emissionen: ca. 42 Gt CO₂
  • Derzeitige sekündliche globale Emissionen: ca. 1332 t CO₂ (n.n. 2019a)


Anders ausgedrückt:

  • Um das 1,5-Grad-Ziel mit einer nach Ansicht des IPCC „hohen“ Wahrscheinlichkeit von 67% zu erreichen, hatten wir im Oktober 2018 das Budget von 420 Gt CO₂ und 10 Jahre Zeit, aktuell = 8 Jahre Zeit, also bis etwa 2028…

  • Um das 2,0-Grad-Ziel mit einer „hohen“ Wahrscheinlichkeit von 67% zu erreichen hatten wir im Oktober 2018 das Budget von 1170 Gt CO₂ und noch etwa 27 Jahre Zeit, aktuell = 25 Jahre, also bis etwa 2045…

    • Um das 1,5-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% zu erreichen, hatten wir im Oktober 2018 das Budget von 580 Gt CO₂ und 14 Jahre Zeit, aktuell = 12 Jahre, also bis etwa 2032…

    • Um das 2,0-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% zu erreichen hatten wir im Oktober 2018 das Budget von 1500 Gt CO₂ und noch etwa 35 Jahre Zeit, aktuell = 33 Jahre, also bis etwa 2052…


… um global klimaneutral zu leben (vgl. n.n. 2018). Das bedeutet, dass wir – wenn wir jährlich auf dem 2018er Niveau CO₂ emittieren – spätestens ab dem jeweils genannten Zeitpunkt global insgesamt Netto-Null-Emissionen haben müssen, d.h. wir dürfen als Weltgemeinschaft nur noch so viel CO₂ pro Jahr in die Atmosphäre ausbringen, wie die Natur durch ihre Systemdienstleistungen der Atmosphäre entnimmt, z.B. durch Photosynthese.

  • „Mittels natürlichen Senken speichert Deutschland derzeit nur 15 Millionen [Tonnen Treibhausgase] pro Jahr“ (Geden/Strefler 2019). Zusätzliche Waldpflanzungen und „schonendere Methoden in der Landwirtschaft“ (ebd.) können hier ein wenig unterstützend wirken – aber klar ist: Da Deutschland 2017 auf dem Niveau von 900 Millionen Tonnen Treibhausgase emittiert, bedeutet die erforderliche netto-Null-Emission für Deutschland faktisch eine so-gut-wie-Null-Emission.


Fahren wir unsere CO₂-Emissionen auf globaler Ebene vorher deutlich zurück, verlängern sich die Deadlines entsprechend.

Aber nach der tatsächlichen Deadline gilt die globale netto-Null-Emission.

Anmerkungen/Details

>> Zahl „900 Mio Tonnen Treibhausgase“ vgl. Abschnitt Klimakrise in Zahlen: CO₂-Emissionen in Deutschland

>> „Weiterhin ist der Berechnung zugrunde gelegt, dass die jährlichen Emissionen auf dem Niveau von 2017 verharren, während die neuesten Zahlen zeigen, dass die Emissionen immer noch steigen.“ (n.n. 2019a)

> So stieg „der CO₂-Ausstoß aus fossilen Brennstoffen [2018 gegenüber 2017] um 1,8 Prozent auf einen neuen Rekordwert.“ (Eichhorn 2019)


Der sog. Kohlekompromiss, also das Verhandlungsergebnis der bundesdeutschen Kohlekomission im Frühjahr 2019, welches den Kohleausstieg bis 2038 vorsieht, reicht laut Klimaforscherin Brigitte Knopf für das 1,5°-Ziel nicht aus:

  • „Wenn man die Messlatte von nur 1,5 Grad Temperaturanstieg anlegt, ist die Strategie der Kohlekommission nicht Paris-kompatibel.“ (Seidler et al. 2019)

Das gleiche ist über das am 20.09.2019 von der derzeitigen Bundesregierung verkündete Klimaschutzpaket zu sagen. So erwartet die Chefin des Umweltbundesamts, Maria Krautzberger, „von der im Klimaschutzpaket der Bundesregierung geplanten CO2-Bepreisung ‚keinerlei Lenkungswirkung‘“ (n.n. 2019b)

Mehr Ohrfeige geht eigentlich nicht.

  • Was von Medien, Klimaforscher*innen und Umweltschutzorganisationen überraschenderweise kaum aufgegriffen wurde ist die Tatsache, dass das Budget des Klimaschutzpaktes von 54 Milliarden EUR zunächst oberflächlich gesehen hoch und in diesem Sinne beeindruckend erscheint.
    • Diese 54 Milliarden sollen bis inkl. 2023 ausgegeben werden, d.h. der Mittelwert beträgt jährlich 13,5 Mia EUR.
    • Laut der aktuellsten Studie des Umweltbundesamtes zu umweltschädlichen Subventionen in Deutschland liegen diese in der Höhe von 57 Milliarden – jährlich (n.n. 2016).
    • Innerhalb von vier Jahren laufen hier also rechnerisch 228 Milliarden EUR auf, die in die gegenteilige, d.h. in die klimaschädliche Richtung weisen.
      • Fazit: In der Summe haben wir also dann zwischen 2020 und 2023, rein rechnerisch, 171 Milliarden EUR gegen den Klimaschutz ausgegeben.

Es mag sein, dass das Klimapaket einige dieser Subventionen Schritt für Schritt und (viel zu langsam) langsam abbaut – aber dessen ungeachtet relativieren sich anhand dieses Zahlenspiels sich die „Höhe“ von 54 Milliarden EUR erheblich.


Daher mutet es dann nur und ausschließlich von der Wortwahl her, nicht aber hinsichtlich der Aussage, drastisch an, wenn der Klimaforscher Mojib Latif zum Klimaschutzpaket feststellt:

„Mit diesen Maßnahmen leisten wir dem Klima viel eher Sterbehilfe“ (n.n. 2019c).

Und, nebenbei bemerkt:

  • Die Bundesrepublik Deutschland plant für 2020 Verteidigungsausgaben in Rekordhöhe von 50,36 Milliarden Euro. (vgl. n.n. 2019d)
  • Der für 2020 vorgesehene Bundeshaushalt liegt bei 362 Mrd Euro. (vgl. Gathman 2019)

Quellen des Abschnitts Globales CO₂-Budget

>> Eichhorn, Christoph von (2019): „CO₂-Ausstoß steigt auf Rekordhoch“. in: Süddeutsche Zeitung, 27.3.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-co2-ausstoss-klimaschutz-1.4385141 (Abrufdatum 13.11.2019)

>> Gathmann, Florian (2019): „Merkels Rede im Bundestag: Einen vom Pferd erzählt“. in: Der Spiegel, 27.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/politik/deutschland/angela-merkel-zu-haushaltsberatung-im-bundestag-vielleicht-ein-finale-a-1298514.html (Abrufdatum 28.11.2019)

>> Geden, Oliver u. Strefler, Jessica (2019): „Netto-Null“. in: Süddeutsche Zeitung, 23.6.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/forum-netto-null-1.4495713 (Abrufdatum 13.11.2019) [pay wall]

>> n.n. (2016): Umweltschädliche Subventionen in Deutschland 2016. Aktualisierte Ausgabe 2016. online unter https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltschaedliche-subventionen-in-deutschland-2016 (Abrufdatum 1.10.2019)

>> n.n. (2018): „Special Report Global Warming of 1.5 °C“. [Weltklimarat-/IPCC-Sonderbericht]. in: IPCC.ch, Oktober 2018, online unter https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/sites/2/2019/02/SR15_Chapter2_Low_Res.pdf (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2019a): „Verbleibendes CO₂-Budget. So schnell tickt die CO₂-Uhr“. in: Mercato Research Institute on Global Commons and Climate Change. online unter: https://www.mcc-berlin.net/forschung/co2-budget.html (Abrufdatum 9.6.2019)

>> n.n. (2019b): „Klimaschutz: Chefin des Umweltbundesamts bezweifelt Wirksamkeit des Klimapakets“. in: Die Zeit, 23.9.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-09/klimaschutz-marie-krautzberger-umweltbundesamt-kritik-klimapaket (Abrufdatum 1.10.2019)

>> n.n. (2019c): „Elfte Klimawoche Hamburgs Grüne und SPD im Klima-Clinch“. in: Die Welt, 23.9.2019, online unter  https://www.welt.de/regionales/hamburg/article200808488/Elfte-Klimawoche-Hamburgs-Gruene-und-SPD-im-Klima-Clinch.html (Abrufdatum 1.10.2019) [Mojib Latif auf der Eröffnungskonferenz der Hamburger Klimawoche, deren Beiratsmitglied er ist]

>> n.n. (2019d): „Zwei-Prozent-Ziel rückt näher: Berlin meldet zum Nato-Gipfel Rekord-Verteidigungsausgaben“. in: Die Zeit, 18.11.2019, online unter https://www.zeit.de/news/2019-11/18/berlin-meldet-vor-nato-gipfel-hoehere-verteidigungsausgaben (Abrufdatum 22.11.2019)

>> Seidler, Christoph u. Römer, Jörg (2019): „Kohleausstieg und Klimaschutz: Reicht das, Deutschland?“. in: Der Spiegel, 29.1.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kohleausstieg-sind-die-klimaziele-noch-erreichbar-a-1250364.html (Abrufdatum 21.7.2019)


Tipp: Automatisch erzeugte englische Untertitel einschalten.
https://www.youtube.com/watch?v=ESDpzwWrmGg
(Abrufdatum 21.11.2019)

23.7.2019: Greta Thunberg spricht 11 Minuten lang vor der Assemblée nationale (dem französischen Parlament) in Paris und wiederholt VIER Mal, dass uns noch gerade mal 8,5 Jahre (s.o. Animation) bleiben, um mit einer 67%igen Chance das 1,5°-Ziel zu erreichen.



Globales CO₂-Budget >> Budget für fossile Industrie

Aus dem globalen CO₂-Budget ergibt sich des Weiteren konkret, wie viel die Energiekonzerne fördern, verfeuern und emittieren dürfen/können/sollen.

  • Hierzu hält Naomi Klein fest, dass die sicheren bzw. erschlossenen fossilen Quellen im Bereich Eröl/Kohle/Gas derzeit fünf Mal so groß sind wie der Anteil, den wir noch in die Atmosphäre bringen können/dürfen.


Und das finanzielle Interesse, diese Quellen auch auszuwerten, ist – logischerweise (?) – immens hoch.

  • „Here’s the big problem. If you look at how much oil and coal and gas companies already have in their proven reserves, you’ll notice one thing: It’s up to five times as much as the entire carbon budget for the earth. If we let them digg it all up, we’re cooked. If it stays in the ground, we have a chance.“

>> Quelle: Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.

Wenn man dann noch berücksichtigt, wie viele Quellen durch technologische Fortschritte künftig theoretisch zusätzlich erschließbar sind und die Tatsache einbezieht, dass viele Quellen überhaupt erst durch den Klimawandel erschließbar werden (z.B. durch Eisschmelze), dann wird deutlich, dass die Menschheit gefordert ist, diese Rohstoffe bewusst in der Erde zu lassen.

Und hier können keine Sonderinteressen von Belang sein. Es geht schlicht nicht.

„Pictures help“ – ein Bild:

Der Planet hatte einst eine heiße Atmosphäre, die sehr viel CO₂ enthielt: Die Erde war eine heiße CO₂-Hölle. Es bildete sich Leben, dass das Kohlenstoff C von dem CO₂ zum Leben braucht. Meist mit Hilfe der Photosynthese entzog dieses pflanzliche Leben dem CO₂ das C (=Kohlenstoff). Übrig blieb sozusagen der nicht benötigte Abfallstoff Sauerstoff O₂. Als es ausreichend von diesem Abfallprodukt Sauerstoff O₂ in der Atmosphäre gab, entstand eine andere Form von Leben, das genau dieses Abfallprodukt zum Leben braucht: Tierisches Leben. Eine Art Gegenspieler, denn es braucht Sauerstoff O₂ und gibt beim Ausatmen CO₂ in die Atmosphäre. So entstand ein Kreislauf und langfristig eine gewisse Balance – wobei im Laufe der Jahrmillionen der Atmosphäre nach und nach mehr und mehr C bzw. CO₂ entzogen wurde – so wurde es langsam kühler auf der Erde. (Lassen wir mal die Eiszeiten und so was weg). Wenn die Pflanzen, die das C gespeichert enthielten, starben, fielen sie auf den Waldboden, wurden von anderen Pflanzen, Bäumen, Laub etc irgendwann auf verschiedene Weise verdeckt. Durch unterschiedliche Vorgänge – z.B. durch Luftabschluss und Druck – wurden aus dem Kohlenstoff C Stoffe wie Öl, Kohle oder Gas. Wenn wir diese fossilen Stoffe (bestehend aus C) verbrennen, zieht das Feuer – wie wir alle wissen – Sauerstoff (O₂) an, sonst kann es nicht brennen. Das Feuer würde ersticken ohne O₂. Der Kohlenstoff C verbrennt also, in dem er das C mit dem O₂ zusammenbringt zu CO₂.

  • Was also passiert – einfach ganz logisch betrachtet – wenn wir das zuvor nach und nach über einen unvorstellbar langen Zeitraum von Jahrmillionen hinweg gespeicherte und der Atmosphäre entzogenen Kohlenstoff als CO₂ – innerhalb von gerade mal 250 Jahren – wieder in die Atmosphäre jagen?

Wir verändern die Zusammensetzung der Atmosphäre und machen sie wieder, mit jedem Liter Öl, mit jedem Feuer, mit jeder Kohleladung, Stück für Stück zu der eingangs beschriebenen immer wärmeren und schließlich heißen CO₂-Hölle.

Wir feuern uns klimatisch gesehen sozusagen ins Dinosaurierzeitalter zurück.

  • Für dieses Klima sind wir definitiv nicht gemacht. Und unsere Häuser, unsere Technik, unsere Flora und Fauna auch nicht.

Zum Verständnis dieses Bildes bedarf es keines naturwissenschaftlichen Studiums. Wie kann es sein, dass das so lange kaum jemand gesehen hat / sehen wollte?

Weiter im Bild des ‚Dinosaurierzeitalters‘:

Über die Grünen wurde in der Vergangenheit immer mal wieder nachgesagt, wenn es nach ihnen ginge, lebten wir alle wieder in Baumhäusern.

Es ist genau umgekehrt: Die Grünen sind derzeit die einzige (parlamentarisch relevante) Partei, die aktuell (wenigstens ein bißchen!) daran arbeitet, dass unsere Nachfahren – um im Bild zu bleiben – nicht wieder in Baumhäusern leben müssen.


Siehe Aspekt ‚Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln‘ in Abschnitt Wir sind Erde.


Verbleibendes individuelles CO₂-Budget:

Aus dem globalen Budget kann man errechnen, wie viel jeder Mensch pro Jahr klimaverträglich emittieren kann/darf:

Jeder Mensch besitzt bis 2050 ein klimaverträgliches CO₂-Budget von 2,3t CO₂ pro Jahr.

Wichtig:
Die Angabe „2,3t CO₂ pro Person pro Jahr“ bezieht sich auf das 2-Grad-Ziel, d.h. in Wirklichkeit sind es noch weniger, denn das 1,5-Grad-Ziel soll unbedingt eingehalten werden laut dem Sonderbericht des Weltklimarats vom Herbst 2018 (siehe IPCC 2018) (vgl. n.n. 2019 u. n.n. 2009)

Tatsächliche durchschnittliche Emissionen pro Person pro Jahr:

D 11,6t | DK 7,25t | GB 7,09t | F 5,19t | A 7,77t | CH 4,63t | Polen 8,34t | Mexiko 3,88t | Senegal 0,59t | Indien 1,66t | China 6,71t | Japan 9,29t | USA 17,02t | Brasilien 2,19t | Rekordhalter: Katar 44,02t u. Niger 0,08396t (Gossy 2015, gemäß dortiger interaktiver Weltkarte)

Emissionen pro Person pro Jahr, aufgesplittet nach Einkommen:

  • „[D]ie drei reichsten Millionen [US-]Amerikaner [haben] durchschnittlich 318 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr…, während der Weltdurchschnitt pro Person etwa 6 Tonnen beträgt!“ (in: Wir sind dran/Club of Rome: Weizsäcker 2017, 91)
  • „Das eine Prozent der reichsten [US-]Amerikaner produziert etwa 2,5%(!) der weltweiten Treibhausgase. Und die top 10% der reichsten Haushalte der Welt tragen 45% der Gesamt-Treibhausgasemissionen bei.“ (ebd. 92)

Zusammensetzung der durchschnittlichen Emissionen pro Person pro Jahr in Deutschland:

Heizung (1,64t) | Strom (0,76t) | Mobilität (2,18t) | Ernährung (1,74t) | sonstigem Konsum (4,56t) | öffentliche Emissionen (0,73t)

>> vgl. http://www.uba.co2-rechner.de/de_DE/ (Stand: 24.6.2019)
>> UBA (Umweltbundesamt): Der Regierung zuarbeitende wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium – Das UBA ist sehr fundierte Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/

  • Aus der Nummer, zu viel CO₂ zu erzeugen, kommen deutsche Bürger*innen als Einzelpersonen nicht komplett raus – allein unsere öffentlichen Emissionen für Verwaltung, Schulen, Krankenhäuser etc. betragen 0,73t CO₂ pro Jahr pro Person (s.o.) – also mehr als eine Senegalesin bzw. ein Senegalese jährlich durchschnittlich generiert.
  • Aber selbstverständlich können wir etwas tun und unseren persönlichen CO₂-Abdruck reduzieren – persönlich habe ich laut Atmosfair eine jährliche CO₂-Bilanz von 5,05t CO₂. Mein Leben ist selbstgenügsam, aber nicht asketisch.


Rahmen für ca. 5t CO₂ pro Person pro Jahr in Deutschland:

kein eigenes Auto | nur Fahrrad & ÖPNV | mehrere Zugreisen in Deutschland | keine Flüge | ‚echter‘ Ökostrom | mäßig gedämmtes Mehrfamilienhaus | eine eher kleine Wohnung | geringer Wasserverbrauch | kein Wäschtrockner | tendenziell saisonal-regionale Ernährung & kaum Tiefkühlkost | vegetarische Ernährung („Alles was mal Augen hatte“)


Das bedeutet:

  • 5t CO₂ pro Person pro Jahr kann in Deutschland jede(r) erreichen, wenn sie/er es möchte. Es ist ein selbstgenügsames, aber nicht asketisches Leben.

  • 5t CO₂ pro Person pro Jahr – das ist immer noch viel zu viel, aber weniger als die Hälfte dessen, was die Bundesbürger*innen jährlich durchschnittlich raushauen. Und ohne eigenes Passivhaus, Wärmepumpe und Solaranlage auf dem Dach geht es in Deutschland auch kaum noch besser.

  • Nur weil etwas nicht ideal ist, nicht das Optimum erreichbar ist, wir als Individuen nunmal aus dem System ‚Deutschland‘ rauskommen bzw. dem Kapitalismus nicht (komplett) entgehen können, ist das entgegen Stammtischparolen kein Argument, die Hände von vorneherein in den Schoß zu legen.

  • Unser jeweiliger, im Weltmaßstab abstrus hoher CO₂-Abdruck macht eher deutlich, dass jede(r) jede Möglichkeit nutzen sollte, um Überfluss und überflüssige CO₂-Verbrauche zu vermeiden.

>> Hinweis: Zur Ermittlung der eigenen CO₂-Emissionen mittels des CO₂-Rechners des Umweltbundesamtes (UBA) gibt es dieses Tool: http://www.uba.co2-rechner.de/de_DE/
>> siehe auch weiter unten Abschnitt Was kann ich tun?.

Fazit zum individuellen CO₂-Budget:

Wir verbrauchen jede(r), selbst wenn wir überhaupt nicht fliegen und uns vorbildlich verhalten, zu viel CO₂ – daran ist unmittelbar nur teilweise etwas zu ändern – aber das bedeutet in der Konsequenz, dass die CO₂-Emissionen unseres Reiseverhaltens noch oben drauf kommen, obwohl wir dafür gar kein Budget übrig haben.

Quellen des Abschnitts Verbleibendes individuelles CO₂-Budget

>> Gossy, Florian (2015): „Ausstoß von Emissionen: Das ist die Weltkarte der Klimasünder“. in: Stern, 2.12.2015, online unter: https://www.stern.de/panorama/wissen/natur/co2-emissionen-pro-kopf–alle-laender-auf-einer-karte-6585868.html (Abrufdatum 26.5.2019) [gemäß interaktiver Weltkarte]

>> n.n. (2019): „Jährliches Klimabudget und Aktivitäten eines Menschen“. Atmosfair. online unter: www.atmosfair.de/de/gruenreisen/persoenliches_klimabudget/ (Abrufdatum 26.5.2019) (2,3t CO₂ pro Person/Jahr mit Berücksichtigung des Weltbevölkerungswachstums, ausgehend vom 2-Grad-Ziel)

>> n.n. (2009): „Der WBGU-Budgetansatz“. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), online unter: www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/wbgu/publikationen/factsheets/fs3_2009/wbgu_factsheet_3.pdf (Abrufdatum 26.5.2019) (2,7t CO₂ pro Person/Jahr ohne Berücksichtigung des Weltbevölkerungswachstums, ausgehend vom 2-Grad-Ziel)

>> Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus.



Nächster Abschnitt:



Klimakrise in Zahlen: CO₂-Emissionen in Deutschland

  • Eine kleine gute Nachricht vorweg: Seit 1990 sind die CO₂-Emissionen in Deutschland in einer sanft, aber insgesamt deutlich abfallenden Gerade zu veranschaulichen:

1990 = 1252 Mio t CO₂
2018 = 866 Mio t CO₂ (=-31%)
Für 2020 geht das BMU von einer Minderung von 32% aus. (n.n. 2019a)

> Anmerkung: BMU = Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
> Aufgrund internationaler Konventionen sind jährliche Emissionen aus dem Kraftstoffeinsatz für von Deutschland ausgehende internationale Verkehre nicht eingerechnet, d.h. rund 29 Mio t CO2 für internationale Flugstarts sowie 7 bis 8 Mio t CO2 für Schifffahrt, vgl. n.n. (2019b).


Aber die weniger gute Nachricht lautet: 32% sind nun mal keine 40%:

Deutschland verfehlt damit in relevantem Maß das Klimaschutzziel des Aktionsplanes Klimaschutz 2020, demzufolge die CO₂-Emissionen um 40% gegenüber 1990 zurückgefahren werden mussten (vgl. n.n. 2019a). Dieses Scheitern ist Gegenstand der sog. Greenpeace-Klimaklage, in der Greenpeace den Standpunkt vertritt, dass der Aktionsplan Klimaschutz 2020 verbindlich ist und daher nicht einfach – wie geschehen – in den Koalitionsverhandlungen im Frühjahr 2018 quasi per Nebensatz vom Tisch gefegt werden kann. Die Klage wurde in erster Instanz abgewiesen, wird aber von Greenpeace als Teilerfolg gesehen, weil die Richter*innen Klimaklagen grundsätzlich für zulässig halten (vgl. n.n. 2019c)


Transparenz durch Offenlegung: Der Autor dieses „Party-Kit Klimakrise“ hat im Januar 2019 einen 23-seitigen Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gestellt.

... mehr

Begründung: Nicht nur (Öko-)Bauern oder Menschen in besonderen geologisch vulnerablen (verletzlichen) Gegenden sind schon gegenwärtig und in absehbarer Zukunft persönlich, unmittelbar und evtl. sogar existenziell von den Folgen der Klimakrise betroffen, sondern auch ich als im Jahrgang 1971 geborener Bürger der Stadt Hamburg. Und wenn ein Durchschnittsbürger wie ich in dieser eindeutigen Weise betroffen ist, dann ist quasi jede(r) Bürger*in Deutschland in gleichartiger Weise betroffen. Diese Betroffenheit wird dann ausführlich erörtert und zeichnet ein gleichermaßen fundiertes wie detailliertes Bild, was uns in Deutschland gemäß aktuellem Forschungsstand mutmaßlich „blühen“ wird. Siehe LLL-Beitrag: „Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gegen die Bundesregierung“ sowie Abschnitt Klimaschäden vor Gericht: Gerichtsprozesse als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise.

Die Bundesregierung kommentiert das Nicht-Erreichen des Aktionsplanes Klimaschutz 2020 wie folgt: Die Wirtschaft sei seit 1990 deutlich gewachsen – und trotzdem seien die CO₂-Emissionen zurückgegangen (‚Altmaier’sche Rechnung‘ vgl. n.n. 2018).

Hm. Ja, klingt erst einmal gut und plausibel.

Aber: Dieses Wirtschaftswachstum kam nicht wirklich überraschend und die Tatsache, dass die Wirtschaft gemäß aktuellem Wirtschaftssystem wächst bzw. wachsen soll, wurde selbstredend bei Festsetzung des Aktionsplanes Klimaschutz 2020 erwartet und einkalkuliert: Es handelt sich also um eine nicht statthafte Relativierung, kurz: um ein Ablenkungsmanöver.

Und ein weiteres Mal sei darauf verwiesen:
Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln. (Siehe Aspekt ‚Die Natur kennt uns gar nicht‘ in Abschnitt Wir sind Erde.)

Ich denke, wir können uns darauf verständigen, dass die deutsche Politik nach anfänglichen Erfolgen im Bereich „Energiewende“ vor allem eines tut: reden.


Doch Konstantin Wecker hat es 2011 auf den Punkt gebracht:

„Es gibt nichts Gutes,
außer man tut es.“

>> Refrainzeile des gleichnamigen Liedes von 2011, hier heißt es auch: „Wie man das Klima der Erde rettet – nun ganz bestimmt nicht, indem man jettet.“

>> siehe dazu auch Aspekt ‚Ausreden und Ablenkungsmanöver‘ in Abschnitt Eine neue Rückzugslinie: Klimawissenschaftsverweiger*innen – die immer gleichen ‚Argumente‘.

Quellen des Abschnitts Klimakrise in Zahlen: CO₂-Emissionen in Deutschland.

>> n.n. (2018): [Peter Altmaier als Diskussionsteilnehmer]. in: Maybrit Illner, 13.12.2018. online unter: https://www.youtube.com/watch?v=sRUx0RtXa68 (Abrufdatum 21.6.2019)

>> n.n. (2019a): „Emission von Treibhausgasen“. in: Umweltbundesamt [UBA]. online unter: https://www.umweltbundesamt.de/indikator-emission-von-treibhausgasen#textpart-1 (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2019b): „Trendtabellen Treibhausgase 1990-2017“. in: Umweltbundesamt, 23.9.2019, online unter https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/361/dokumente/2018_12_19_em_entwicklung_in_d_trendtabelle_thg_v1.0.1_0.xlsx (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2019c): „Teilerfolg in erster Instanz“. in: Greenpeace, online unter https://www.greenpeace.de/klimaklage-aktuell (Abrufdatum 2.12.2019)


Zurück zu den Zahlen:


Klimakrise in Zahlen:

CO₂-Emissionen in Deutschland, aufgegliedert nach Sektoren:

Erläuterung: Das „e“ hinter CO₂ steht für „Äquivalente“: Die Wirkung anderer Treibhausgase wird zur Vereinfachung in CO₂-Wirkung umgerechnet und zum CO₂-Wert hinzugerechnet. (s.a. Abschnitt Die Physik des Klimawandels.)

  • Energiewirtschaft:
    • 343 Mio t CO₂e = 38% (1990=466 Mio t CO₂e)
    • Allein RWEs Braunkohlekraftwerke haben einen Anteil von etwa 13% an den Gesamtemissionen Deutschlands (vgl. n.n. 2019)
  • Industrie:
    • 188 Mio t CO₂e = 21% (1990=92 Mio t CO₂e = -34%)
      • Emissionen aus Verbrennungsprozessen und der Eigenstromversorgung des produzierenden Gewerbes sowie die Emissionen aus gewerblichen und industriellen Prozessen und der Produktverwendung (unter anderem auch von fluorierten Treibhausgasen, den sogenannten F-Gasen)
  • Gewerbe, Handel, Dienstleistungen (GHD)
    • 39 Mio t CO₂e = 4% (1990>>2016 = -50%)
      • Emissionen aus Verbrennungsprozessen in Gewerbe, Handel und Dienstleistungen (GHD; auch als „Kleinverbrauch“ bezeichnet), die im Wesentlichen der Wärmebereitstellung (Brennstoffe für Raumwärme, Kochen und Warmwasser in Nichtwohngebäuden) und Prozesswärme/-kälte dienen
  • Haushalte
    • 91 Mio t CO₂e direkte Emissionen (ohne Strom und Fernwärme) (1990>>2016 = -31%)
      • fallen fast ausschließlich bei der Bereitstellung von Raumwärme und Warmwasser in Gebäuden an.
  • Verkehr
    • 166 Mio t CO₂e = 18,2% (1990 = 163 Mio t CO₂e)
      • Verbrennung von Kraftstoffen im Straßen-, Schienen- und nationalen Luft- und Seeverkehr. Nicht enthalten sind der land-, forst- und fischereiwirtschaftliche Kraftstoffeinsatz (der im Sektor Landwirtschaft bilanziert wird) sowie die Treibhausgasemissionen aus internationalem Luft- und Seeverkehr.
  • Landwirtschaft
    • 72 Mio t CO₂e = 7% (1990 = 90 Mio t CO₂e = -20%)
      • Emissionen der Landwirtschaft Methan- und Lachgasemissionen aus der Tierhaltung und dem Düngemanagement sowie Kohlendioxidemissionen aus dem landwirtschaftlichen Kraftstoffeinsatz
  • Übrige Emissionen
    • 10 Mio t COe = 1%
      • Methan- und Lachgasemissionen aus der Abfall- und Wasserwirtschaft – seit 1990 um fast 73% gesunken, maßgeblich aufgrund des Verbots „der Deponierung organisch abbaubarer Siedlungsabfälle“
        (Alle Zahlen aus n.n. 2018)

>> Anmerkung: Der Sektor „Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft“ (LULUCF) wird bei der Berechnung des geänderten CO₂-Regimes beim Aktionsplan Klimaschutz 2020 nicht einbezogen. „Laut aktuellem Projektionsbericht entwickelt sich der gesamte LULUCF-Sektor im Zeitraum zwischen 2015 und 2020 von einer Senke zu einer Quelle für Treibhausgase… Das ergibt sich [u.a.] aus … einer … abnehmenden Senkenleistung im Wald “ (ebd.)

Quellen des Abschnitts CO₂-Emissionen in Deutschland, aufgegliedert nach Sektoren

>> n.n. (2018): „Klimaschutzbericht 2018“. in: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. online unter: https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/klimaschutzbericht_2018_bf.pdf (Abrufdatum 21.6.2019)

>> n.n. (2019): „Braunkohlenkraftwerke – Klimakiller Nr. 1“. in: BUND NRW, online unter: https://www.bund-nrw.de/themen/braunkohle/hintergruende-und-publikationen/braunkohlenkraftwerke/ (Abrufdatum 24.6.2019)


Ein Thema, dass im Zusammenhang mit der Klimakrise so gut wie nie genannt wird:

Bundeswehr & Rüstung in ökologischer Perspektive

Wer schon immer mal wissen wollte, wie vorbildlich-nachhaltig die Bundeswehr operiert, sei der entsprechende Nachhaltigkeitsbericht 2018 anempfohlen:

  • Hier erfährt man, dass
    „die beiden Dienstsitze des Bundesministeriums der Verteidigung in Bonn und Berlin zu 100 % Ökostrom“ beziehen – und das schon seit 2015. Daneben waren „[z]um Jahresende 2017… insgesamt 292 Nutz- und Transportfahrzeuge mit Elektroantrieb im Einsatz.“ Auch ergab „eine Gesamtauswertung der Bestellungen von Recyclingpapier der Bundeswehr im Jahr 2017“, dass die [90%-]Zielvorgabe „des Maßnahmenprogramms Nachhaltigkeit aus dem Jahr 2010 … in der Sparte Drucker- und Kopierpapier mit 91,18 % erreicht“ wurde. (n.n. 2018a)


Was so ein Panzer bei Übungen oder auch im Auslandseinsatz an CO₂ raushaut, was die Herstellung eines ebensolchen Kettenfahrzeugs an Ressourcen und Energie erfordert – oder wie es um die Umweltbilanz von Aufklärungsflügen aussieht, erfährt man hingegen nicht. Es wirkt, als wäre die Bundeswehr eine Behörde mit einigen Außenstellen. Es wäre doch durchaus interessant, was die – nennen wir sie die ‚Außendienstler*innen‘ – an Ressourcen und Treibhausgasen verbrauchen?


Anlässlich der Diskussion um den Afghanistan-Krieg ergab die Antwort zu einer kleinen Anfrage im Jahr 2007 im Bundestag:

  • „Der Kraftstoffverbrauch des Waffensystems TORNADO liegt in Abhängigkeit von Flughöhe, Fluggeschwindigkeit und anderen Variablen zwischen 30 und 100 kg pro Minute. Hieraus ergibt sich ein Kraftstoffverbrauch pro Flugstunde zwischen 1 800 und 6 000 kg. Aus einem Kilogramm des Turbinenkraftstoffs Kerosin und 3,4 kg Sauerstoff entstehen bei der Verbrennung im Triebwerk rund 3,15 kg Kohlendioxid (CO₂) und 1,24 kg Wasserdampf… Daneben entstehen weitere Abgaskomponenten“ (zit. nach Rosenkranz 2007).

    > Rechnung Minimal: Flugstunde = 1800kg Kerosin x 3,15kg CO₂= 5,67 t CO₂/h
    > Rechnung Maximal: Flugstunde = 6000kg Kerosin x 3,15kg CO₂= 18,9 t CO₂/h


  • Nun, hier an weitere und seriöse Zahlen zu kommen, ist schwierig. Festzuhalten ist, dass „Verteidigung … der zweitgrößte Etat im Bundeshaushalt“ (Schmeitzner 2019) ist, dass Deutschland 2020 einen Verteidigungsetat von 50,3 Mrd Euro haben wird (vgl. n.n. 2019c), dass die USA 2018 Militärausgaben in der Höhe von 649 Mrd US-Dollar hatten (n.n. 2019a) – und dass Militärübungen und -operationen neben vielem Anderen defintitiv auch äußerst Ressourcen- und Energie-intensiv sind. Wenn also ein Eurofighter vom Stillstand bis zum Abheben weniger als 8 Sekunden benötigt und dabei einen mit 6215 Liter Kerosin gefüllten Tank mitnimmt und „ohne Nachbrennereinsatz verbraucht ca. 70-100 Liter Flugbenzin pro Minute“ verbraucht, dann ist damit mehr als angedeutet, dass der Bereich „Militär“ auch in Klimafragen problematisch ist.


Naja, und SUVs werden zwar als Stadtpanzer bezeichnet, aber dieser Vergleich hinkt dann im Vergleich zum Leopard 2 dann doch: Es schluckt im Gelände 530 Liter auf 100 Kilometern (vgl. n.n. 2019b).


Und dann ist da noch das Geschäft der deutschen bzw. internationalen Rüstungsindustrie:

  • „Das Geschäft mit Angriff und Verteidigung boomt weltweit: Im vergangenen Jahr haben die 100 größten Rüstungsfirmen dieses Planeten Waffen im Wert von umgerechnet 350 Milliarden Euro verkauft. Mit diesem Geld könnte man für ein Jahr den kompletten deutschen Bundeshaushalt finanzieren.“ (n.n. 2018b)


Imagine.
In Zeiten, in denen die Menschheit dabei ist, den Kampf um das eigene Überleben als Spezies zu führen, wäre es wohl – endlich, endlich – an der Zeit, aufzuhören, sich gegenseitig zu bekämpfen. Ein frommer Wunsch? Imagine, was alleine mit dem Geld der Rüstungsindustrie und den jährlichen US-Militärausgaben alles erreicht werden könnte…

Quellen des Abschnitts Bundeswehr & Rüstung in ökologischer Perspektive

>> n.n. (2018a): „Nachhaltigkeitsbericht 2018 des Bundesministeriums der Verteidigung und der Bundeswehr“. in: Bundesministerium der Verteidigung, online unter https://www.bmvg.de/resource/blob/33208/55714c1f567542a17feda42b892e05f8/g-01-nachhaltigkeitsbericht-2018-data.pdf (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2018b): „Das Geschäft der größten deutschen Waffenhersteller“. in: orange by Handelsblatt, 11.12.2018, online unter https://orange.handelsblatt.com/artikel/52811 (Abrufdatum13.11.2019)

>> n.n. (2019a): „Länder mit den höchsten Militärausgaben 2018“. in: statista, 29.5.2019, online unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157935/umfrage/laender-mit-den-hoechsten-militaerausgaben/ (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2019b): „Leopard 2“. in: wikipedia.de, online unter https://de.wikipedia.org/wiki/Leopard_2 (Abrufdatum 15.11.2019)

>> n.n. (2019c): „Zwei-Prozent-Ziel rückt näher: Berlin meldet zum Nato-Gipfel Rekord-Verteidigungsausgaben“. in: Die Zeit, 18.11.2019, online unter https://www.zeit.de/news/2019-11/18/berlin-meldet-vor-nato-gipfel-hoehere-verteidigungsausgaben (Abrufdatum 22.11.2019)

>> vgl. Kreutzfeldt, Malte (2019): „CO₂-Ausstoß der Bundeswehr: Auf Kriegsfuß mit dem Klimaschutz“. in: tageszeitung, 18.9.2019, online unter https://taz.de/CO2-Ausstoss-der-Bundeswehr/!5627003/ (Abrufdatum 13.11.2019)

>> Zitat „Tornado“: Rosenkranz, Jan (2007): „Der CO₂-Krieg der Bundeswehr“. in: Stern, 1.3.2007, online unter https://www.stern.de/politik/deutschland/afghanistan-der-co2-krieg-der-bundeswehr-3363116.html (Abrufdatum 13.11.2019)

>> Schmeitzner, Birgit (2019): „Streit über Verteidigungsetat Zwei-Prozent-Ziel spaltet Koalition.“ in: tagesschau.de, 12.8.2019, online unter https://www.tagesschau.de/inland/verteidigungsausgaben-105.html (Abrufdatum 13.11.2019)

>> s.a. Angaben zu CO₂-Bilanz des US-Militärs in Abschnitt Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen.

>> technische Angaben „Eurofighter“ siehe http://eurofighter.airpower.at/technik-daten.htm und https://www.imi-online.de/2019/06/21/krieg-ist-der-groesste-klimakiller/ (Abrufdatum 13.11.2019)



Nächster Abschnitt:



Eckdaten: °C, CO₂ & Co.


Temperaturen und CO₂-Konzentrationen

Klimakrise in Zahlen:

Temperaturen auf der Erde…

in Schlagwörtern:

  • Seit 1900 ist die globale Durchschnittstemperatur um 1,1° Celsius angestiegen. (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 36)
  • „Die 20 wärmsten Jahre lagen in den vergangenen 22 Jahren.“ (n.n. 2019a)
  • „Die sieben wärmsten Jahre fallen allesamt ins vergangene Jahrzehnt.“ (Otto 2019, 29)
  • „Die vergangenen vier Jahre waren nach Angaben der Weltwetterorganisation (WMO) die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen vor fast 170 Jahren“:
    • 2018 war das viertwärmste Jahr = 1,0° Celsius über dem vorindustriellen Mittel
    • 2015, 2017 = 1,1°
    • 2016 = 1,2° (maßgeblich war hier ein ungewöhnlich starker El Niño-Effekt) (n.n. 2019a)
  • Um höhere Temperaturen als heute zu finden, muss man „bis vor die letzte Eiszeit zurückschauen: bis in die [sog.] Eem-Warmzeit vor rund 120.000 Jahren.“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 28)
2018 Was the Fourth Hottest Year on Record, NASA Goddard
https://youtu.be/2S6JTLRmQdU
  • Auch wichtig in diesem Zusammenhang: Im Unterschied zu früheren Temperaturschwankungen, wie etwa die der sog. kleinen Eiszeit, die nacheinander in verschiedenen Weltregionen verteilt über mehrere Jahrhundert stattfand, sehen wir jetzt „[i]m Gegensatz dazu …, dass die wärmste Periode der vergangenen zwei Jahrtausende [=letzte 150 Jahre], in der wir uns gerade befinden, auf 98 Prozent der Erde stattfindet“. Die Forscher*innen bezeichnen dies als „beispiellos“ – auch deshalb weil das das Tempo, mit der die Erwärmung stattfindet so rasant ausfällt (Merlot 2019).

>> weiteres Zitat zum Aspekt ‚kleine Eiszeit‘ von Merlot (2019): „Im 15. Jahrhundert hätten die tiefsten Temperaturen im Zentral- und Ostpazifik geherrscht, im 17. Jahrhundert in Nordwesteuropa und dem südöstlichen Nordamerika und im 19. Jahrhundert in wieder anderen Weltregionen.“

  • „In Deutschland haben wir einen Temperaturanstieg von ungefähr 1,5 Grad der Jahresmitteltemperatur seit [Beginn der Wetteraufzeichnung] 1881.“ (Christian Franzke in n.n. 2019b)
  • „Allein in den vergangenen fünf Jahren stieg diese [Jahresmitteltemperatur der Luft in Deutschland] um 0,3 Grad an.“ (n.n. 2019c)
  • Eckart von Hirschhausens Analogie über die klimatische Erderwärmung:
    • „Viele denken, ein Grad, zwei Grad, drei Grad – was macht denn den Unterschied. Als Arzt kann ich Ihnen sagen, es macht einen großen Unterschied, ob Sie 41 Grad Fieber haben oder 43 Grad. Das eine ist mit dem Leben vereinbar, das andere nicht“ (Nguyen-Kim 2019).

>> Hinweis: Weitere, graphische Veranschaulichungen der Erderwärmung und zur Temperaturentwicklung auf der Erde inkl. der sog. Hockeyschläger-Kurve siehe Abschnitt Graphische Veranschaulichungen der Erderwärmung.

Quelle des Abschnitts Temperaturen auf der Erde

>> Merlot, Julia (2019): „Globaler Temperaturanstieg: Schweizer Forscher entkräften Argument von Klimawandel-Leugnern“. in: Der Spiegel, 25.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-frueherer-temperaturanstieg-oft-nur-regional-a-1278753.html (Abrufdatum 25.7.2019)

>> Nguyen-Kim, Mai Thi (2019): „Rezo wissenschaftlich geprüft“. in: MaiLab, online unter www.youtube.com/watch?v=tNZXy6hfvhM (Abrufdatum 22.6.2019)

>> n.n. (2019a): „2015 bis 2018 waren die wärmsten vier Jahre“. in: Der Tagesspiegel, 7.2.2019, online unter: https://www.tagesspiegel.de/wissen/daten-der-weltwetterorganisation-2015-bis-2018-waren-die-waermsten-vier-jahre/23959530.html (Abrufdatum 1.6.2019)

>> n.n. (2019b): „Extremtemperaturen: Was der Klimawandel mit der aktuellen Hitze zu tun hat“. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/hitze-was-klimawandel-mit-dem-extremwetter-zu-tun-hat-a-1274390.html (Abrufdatum 28.6.2019) [Christian Franzke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsbereich Dynamik und Variabilität des Klimasystems, Uni Hamburg]

>> n.n. (2019c): „Klimabericht der Bundesregierung: Deutschland hat sich bereits um 1,5 Grad erwärmt“. in: Der Spiegel, 26.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klima-deutschland-hat-sich-bereits-um-1-5-grad-erwaermt-a-1298283.html (Abrufdatum 26.11.2019)

>> Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 29 (Rangfolge der weiteren wärmsten Jahre: 2014, 2010, 2003)

>> Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans-Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck.


Klimakrise in Zahlen:

CO₂-Gehalt der Atmosphäre…

…in Schlagwörtern:

Die Keeling-Kurve mit den Messwerten des atmosphärischen Gehalts an Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre, gemessen am Mauna Loa. 1962 erstmals vom Klimaforscher Charles Keeling veröffentlicht, wird diese seither stetig akualisiert.
Von Delorme – Eigenes Werk. Data from Dr. Pieter Tans, NOAA/ESRL and Dr. Ralph Keeling, Scripps Institution of Oceanography., CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46146497
s.a. Abschnitt Graphische Veranschaulichungen der Erderwärmung
  • CO-Konzentration 2019 = 407,8 ppm, 2018 = 405,5 ppm (ppm = parts per million = Anteile pro Million = 4 Moleküle pro 10.000 = 0,04%
  • Vor der Industrialisierung = 280 ppm
  • Zur Zeit der Geburt meiner Generation: 326 ppm (1971) (vgl. Quaschning 2019 u. n.n. 2019a)

Anders ausgedrückt:

  • Die globale Konzentration von Kohlendioxid ist seit Beginn der Industrialisierung um gut 44% gestiegen. Demgegenüber war die Kohlendioxid-Konzentration in den vorangegangenen 10.000 Jahren annähernd konstant.“ (n.n. 2019b)
  • „Dies ist der höchste Wert seit mindestens 800.000 Jahren“ – vor der Industrialisierung lag der Wert bei 280 ppm. (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, S. 33 u. 41.)

  • „Die Konzentration des ebenfalls sehr klimaschädlichen Methans stieg [2019] auf ein Rekordniveau und liegt nun um 259 Prozent über dem Niveau der vorindustriellen Zeit.“ (n.n. 2019a)

>> 407,8 ppm (parts per million = Teilchen pro Million) oder auch: 0,04%: Das klingt zunächst nach wenig. Zum Verständnis, dass im chemischen Atmosphären-Cocktail auch wenig sehr viel bewirken kann, sei kurz daran erinnert, dass das Ozon-Loch seinerzeit durch noch viel geringere FCKW-Konzentrationen ausgelöst wurde: Dort ging es um ppb = parts per billion = Teilchen pro Milliarde. (1000 Millionen sind eine Milliarde.) Die entscheidende Mitteilung ist also nicht, dass die Menge von CO2 in der Atmosphäre grundsätzlich nur gering ist. Die entscheidende Nachricht ist, dass sich dieser Anteil seit der Industrialisierung um 44% erhöht hat (s.o.). (vgl. Lesch/Rahmstorf 2019)

>> CO2 wirkt. Ohne Treibhausgase, ohne CO2 hätten wir eine globale Mitteltemperatur von -18° Celsius. Anders ausgedrückt: Uns gäbe es gar nicht. Hätte also der vorindutrielle CO2-Wert auch nur geringfügig unter 280 ppm (=Mitteltemperatur 15° C) gelegen, wäre alles nichts. (vgl. n.n. 2013).

Eine Folge der heftigen CO₂-Emissionen:

„Für jede Tonne, die irgendwo auf der Erde freigesetzt wird, etwa durch das Triebwerk eines Jets, verschwinden weitere drei Quadratmeter sommerliches Eis in der Arktis.“ (Notz 2016)

Beispiel:

  • Flugreise HH-NYC (Shoppingtrip zu Zweit, Hin/Rück) = 2,465t/CO₂ *3qm *2 = 15 qm sommerliches Eis der Arktis
  • Das mit 200 Passagieren besetzte Flugzeug, in dem die beiden Shopper*innen sitzen, verursacht also rund 150 qm Eis-Verlust. (vgl. Weiß 2016)

Quellen des Abschnitts CO₂-Gehalt der Atmosphäre

>> Lesch, Harald u. Rahmstorf, Stefan (2019): „Das AfD-Quiz für Schüler“. in: Terra X Lesch & Co, 3.4.2019, online unter https://youtu.be/pxLx_Y6xkPQ (Abrufdatum 6.11.2019)

>> n.n. (2013): „Wie funktioniert der Treibhauseffekt?“ in: Umweltbundesamt (UBA), 3.8.2013, online unter https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/wie-funktioniert-der-treibhauseffekt (Abrufdatum 6.11.2019)

>> n.n. (2019a): „Klimawandel: CO2 und Methan in der Atmosphäre auf Rekordniveau“. in: Die Zeit, 25.11.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-11/klimawandel-co2-konzentration-atmosphaere-treibhausgase (Abrufdatum 25.11.2019)

>> n.n. (2019b): „Atmosphärische Treibhausgas-Konzentrationen“. in: Umweltbundesamt, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/atmosphaerische-treibhausgas-konzentrationen#textpart-1 (Abrufdatum 19.6.2019)

>> Notz, Dirk (2016): „Mein Beitrag zur arktischen Eisschmelze. Messungen decken den Zusammenhang zwischen individuellem CO₂-Ausstoß und dem Rückgang des arktischen Sommereises auf“. in: Max-Planck-Gesellschaft, 3.11.2016, online unter: https://www.mpg.de/10815762/meereis-arktis-rueckgang (Abrufdatum 9.6.2019)

>> Quaschning, Volker (2019): „Weltweite Kohlen­dioxid­emissionen und -konzentration in der Atmosphäre“, online unter: https://www.volker-quaschning.de/datserv/CO2/index.php (Abrufdatum 14.6.2019)

>> Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans-Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck.

>> Weiß, Marlene (2016): „Die Arktis-Formel“. in: Süddeutsche Zeitung, 3.11.2016, online unter: https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-die-arktis-formel-1.3233125 (Abrufdatum 26.5.2019)



Nächster Abschnitt:



Fliegen, Kreuzfahrten

Klimakiller Flugverkehr

CO₂-Emissionen in Deutschland: Mobilität – herausgegriffen: Der Flugverkehr.

Wir müssen reden. Über den Klimakiller Flugverkehr.


Zum Unterschied zwischen Überfluss(gesellschaft) und Wohlstand(sgesellschaft): Dekadenz ist, wenn Luxus nicht mehr als selbiger angesehen, sondern als ’normal‘ und selbstverständlich empfunden wird.


Einleitung.

Viele Deutsche denken über sich, dass sie relativ umweltbewusst sind – aber wehe, man schneidet das Thema ‚Fliegen‘ an auf einer Party/bei einer Diskussion… Dann geht es schnell hochemotional zu. Verständigen kann man sich – wenn es gut läuft – maximal darauf, dass Fliegen das zu kosten hat, was es kostet.


Das reicht nicht, denn:

  • „Fernreisen mit dem Flugzeug sind … die mit Abstand klimaschädlichste Art der Fortbewegung.“ (Spiegel, 2016)
  • „Fliegen ist die klimaschädlichste Art sich fortzubewegen“. (Umweltbundesamt, 2016)
  • „Flugreisen sind die ökologische Keule.“ (Süddeutsche Zeitung, 2019)
  • „Klimakiller Flugzeug: Kein Verkehrsmittel heizt das globale Klima so stark auf wie das Flugzeug.“ (BUND, 2019)
  • „Fliegen ist… eine Katastrophe für die Umwelt.“ (ZEIT, 2018)

>> Quellen:
> Seidler, Christoph (2016): „Klimawandel: Flug nach San Francisco – fünf Quadratmeter Arktiseis weg“. in: Der Spiegel, 3.11.2016, online unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-so-lassen-flugreisen-die-arktis-schmelzen-a-1119451.html (Abrufdatum 29.5.2019)
> n.n. (2016): „Flugreisen“. in: Umweltbundesamt, 11-2016, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/mobilitaet/flugreisen#textpart-2 (Abrufdatum 29.5.2019)
> Schlegel, Martin (2019): „Klimakiller Flugzeug“. in: BUND Nord, online unter: https://www.bund-berlin.de/themen/mobilitaet/flugverkehr/klimafolgen-flugverkehr/ (Abrufdatum 29.5.2019)
> Geier, Moritz (2019): „Flugreisen sind die ökologische Keule“. in: Süddeutsche Zeitung, 25.1.2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/leben/nachhaltigkeit-alltag-1.4296574?reduced=true (Abrufdatum 29.5.2019) (Paywall)
> Ahr, Nadine, Asendorpf, Dirk u. Pinzler, Petra (2018): „Flugverkehr: Die Hölle am Himmel“. in: Die Zeit, 8.8.2018, online unter: https://www.zeit.de/2018/33/flugverkehr-fliegen-flughafen-chaos-billigflieger-vielflieger/komplettansicht (Abrufdatum 29.5.2019)

Frage: Warum gelten Flugreisen als Klimakiller, wenn doch andere Industrien/Lebensbereiche mehr prozentuale Anteile am weltweiten CO₂-Ausstoß haben?

Die Antwort ist simpel:

  1. Der CO₂-Austoß pro Flugkilometer pro Person ist mit 201 Gramm pro Personenflugkilometer (Pkm) (siehe unten) ungleich höher als bei jeder anderen Form von Mobilität und findet zudem in einem besonders sensiblen Bereich der Atmosphäre statt.
  2. Im Gegensatz zu CO₂-intensiven menschlichen Grundbedürfnissen wie Ernährung und Heizen ist Flugverkehr letztlich zu einem guten Teil: verzichtbar.

Anders ausgedrückt: Flugreisen sind Luxus. Heizen und Essen nicht.

En détail:

Flugverkehr verursacht mindestens 5% der weltweiten CO₂-Emissionen.

>> Quelle: Bartz, Dietmar (2016): „Das Nein aus den Wolken“. Heinrich-Böll-Stiftung, online unter: https://www.boell.de/de/2016/09/15/das-nein-aus-den-wolken?dimension1=ds_fliegen (Abrufdatum 26.5.2019)

5%? – Andere Statistiken liefern andere Zahlen:

„Eine neue Untersuchung i.A. der Europäischen Kommission hielt einen doppelt so hohen Anteil [ergibt 7 Prozent] für realistisch und einen Anteil von bis zu 12 Prozent für möglich.“

>> Lege, Monika et al. (2005): „Der Traum vom Fliegen. Für ganze 20 Euro.: Kann man dagegen etwas haben?…“ in: Arbeitskreis Flugverkehr, online unter https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/traumvomfliegen.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

„Rechnet man diese Wirkungen [wie Flughöhe etc.] mit ein, gehen fast zehn Prozent der deutschen Verantwortung für die [CO₂-verursachte] Erderwärmung aufs Konto der Luftfahrt – das ist fast so viel wie der Autoverkehr.“

>> Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)

...weitere Zahlen

Die Europäische Umweltagentur errechnete hinsichtlich der zivilen Luftfahrt für 2016 einen Anteil von 13,5% an den europäischen CO₂-Emissionen.

>> vgl. Ilg, Peter (2019): „Kann man emissionsfrei fliegen?“. in: Der Spiegel, 9.11.2019, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-11/luftfahrt-flugverkehr-emissionen-hybrid-antrieb-synthetisches-kerosin-umweltschutz (Abrufdatum 11.11.2019)


Ob der Anteil des Flugverkehrs an den globalen CO₂-Emissionen nun 5%, 7%, 10% oder auch „bis zu 12%“ beträgt – diese Emissionen werden von sehr, sehr wenigen Menschen erzeugt:

  • „4,3 Milliarden Passagiere wurden 2018 weltweit befördert, rechnerisch etwa jeder zweite Bewohner der Erde.“

>> Bartsch, Matthias (2019): „Grüner fliegen“. in: Der Spiegel, 45/2.11.2019, S. 79; vgl. auch n.n. (2019): „Weltweiter Luftverkehr 2018 um fast sieben Prozent gewachsen“. in: Airliners.de, 6.8.2019, online unter https://www.airliners.de/weltweiter-luftverkehr-2018-prozent/51288 (Abrufdatum 14.11.2019)

Aber:

„Lediglich drei Prozent der Menschheit sind im Jahr 2017 geflogen. Nur 18 Prozent haben überhaupt schon mal ein Flugzeug betreten. Einfach gesagt: Ein paar wenige Privilegierte fliegen das Klima kaputt.“

>> Quelle „privilegierte Fliegen“: Weßling, Kathrin (2019): „Wer noch ins Flugzeug steigt, ist ein Klimasünder“. in: Die Zeit, 5.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/die-antwort/2019-04/flugreisen-klimawandel-co2-emissionen-flugzeuge-konsumverhalten-verantwortung (Abrufdatum 26.5.2019)



„Privilegierte“ meint hier Menschen der reichen Länder und hier noch einmal herausgegriffen besonders die reichen Menschen der reichen Länder:


Der Volkswirt und Umweltökonom Niko Paech erwähnt in seinem Buch Befreiung vom Überfluss, dass allwochenendlich 10.000 Menschen – das sog. „entgrenzte Easyjet-Weltbürgertum“ (Paech 2012, 52) – aus der ganzen Welt in Berlin einfliegen.

  • „Und warum? Nur weil hier ein vermeintlich besserer DJ auflegt als in Madrid, Tel Aviv, New York, Stockholm oder von wo aus sich die hedonistische Internationale gerade auf den Weg begibt.“

>> Quelle: Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom. S. 52.



Die Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA), Maria Krautzberger, meint zum gleichen Thema:

„Das Umweltbewusstsein spielt [bei der Höhe der individuellen CO₂-Bilanz] nur eine geringe bis gar keine Rolle. Entscheidend für den CO2-Verbrauch ist das Einkommen: Steigt es, steigen auch die Ansprüche – und klimaschädliche Taten. Oder, wie es die Studie sagt: ‚Menschen aus einfacheren Milieus, die sich selbst am wenigsten sparsam beim Ressourcenschutz einschätzen und die ein eher geringeres Umweltbewusstsein haben, belasten die Umwelt am wenigsten.‘
Das grüne Gewissen hilft lediglich als Bremse:

Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen,

sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des UBA [Umweltbundesamtes].“

>> Quelle: Hamann, Rene (2016): „Konsum und Umweltbewusstsein: Arm, aber gut für das Klima“. in: taz, 15.8.2016, online unter: http://www.taz.de/!5325200/ (Abrufdatum 26.5.2019, Hervorhebungen Pendzich)
>> UBA (Umweltbundesamt): Der Regierung zuarbeitende wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium – sehr fundierte Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/

s.a. Aspekt ‚individuelles CO₂-Budget‘ in Abschnitt Globales und individuelles CO₂-Budget: Emissionen pro Person pro Jahr, aufgesplittet nach Einkommen.

Der Spiegel kommentiert wie folgt:

  • „Wenn eine bestimmte Bevölkerungsgruppe das Klima ruiniert, dann sind es die gut verdienenden Akademiker, die ihren Kindern mal eben in den Sommerferien die Welt zeigen, zwei Autos und noch eine Vespa für die Sommersaison besitzen und eine 200-Quadratmeter-Wohnung beheizen.“

>> Quelle und Zitat: Hage, Simon et. Al. (2019): „Die Weltverbesserer. Nachhaltigkeit: Viele Deutsche versuchen, den Klimawandel zu bremsen. Sie kaufen bewusster ein, fahren mehr Rad, reduzieren Müll. Allein können sie das Problem nicht lösen – aber sie zwingen Politik und Wirtschaft zum Handeln.“ In: Der Spiegel Nr. 29/13.7.2019, S. 18.


Das bedeutet, dass viele Menschen, die von sich selbst glauben, sich „grün“ bzw. umweltbewusst zu verhalten, sich hier überschätzen.

Dass nun Grüne mit dem SUV beim Biomarkt vorfahren, ist derweil statistisch so nicht zu bestätigen:

  • „SUV-Fahrer gaben [in einer entsprechenden Umfrage] … besonders häufig an, konservativ (1,3 mal öfter als der Durchschnitt) oder rechts eingestellt zu sein (1,41 mal so oft wie in der Gesamtbevölkerung)“

>> Quelle: n.n. (2019) „Politisches Zerrbild Grün wählen, SUV fahren – das ist nur ein Klischee“. in: Der Spiegel, 28.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/suv-fahrer-fahrradfahrer-wer-waehlt-was-a-1274549.html (Abrufdatum 28.6.2019)

Würden nur SUV-Fahrer*innen den Bundestag wählen, sähe es so aus (in Klammern das deutsche Ergebnis der Europawahl 2019):

CDU/CSU 35,6% (28,9%) | AfD 16% (11%) | FDP 11,4% (5,4%)

>> Quelle: ebd. und n.n. (2019): „Europawahl 2019“. in: Der Bundeswahlleiter, online unter: https://www.bundeswahlleiter.de/europawahlen/2019/ergebnisse/bund-99.html#stimmen-prozente8 (1.7.2019)

Gleichwohl ist es so, dass auch „Grün-Wählen“ nicht gleichbedeutend ist mit einem konsistenten, vorbildlichen Umweltverhalten. Eine Umfrage vom Juni 2019 zeigt, dass grüne Wähler*innen dem Fliegen nicht abschwören und der Aussage „Ich bin in den letzten 12 Monaten in ein Flugzeug gestiegen“ etwa genauso oft zustimmen wie FDP-Wähler*innen und etwa 5% mehr als Unions-Wähler*innen.“ Leider versäumen Demoskopen genauer nachzufragen, wie oft wählende Bundesbürger*innen jährlich in ein Flugzeug steigen und wie viele Flugkilometer sie dabei zurücklegen – hier könnte sich durchaus ein anderes Bild ergeben, denn die solventen CDU-Rentner*innen benötigen ja – wenn sie nicht gerade auf Malle sind – die Zubringerflüge zu ihren Kreuzfahrten.

  • Dass Grüne fliegen „erklärt sich zumindest teilweise durch die gesellschaftliche Stellung von Grünen-Wählern. Die sind vergleichsweise jung, gut ausgebildet und gut verdienend. ‚Alles Merkmale, die positiv mit einer Nutzung des Flugzeugs zusammenhängen dürften'“ (Böcking 2017) – über den Zusammenhang „Gutsituierte belasten das Klima stärker – weil sie es können“, siehe hier.

>> Quellen:
> Böcking, David (2017): „Reiseverhalten von Grünen-Wählern Bahn predigen, Business fliegen“. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gruenen-waehler-halten-rekord-bei-flugreisen-a-1002376.html (Abrufdatum 24.7.2019)
> Vogt, Ragnar (2019): „Umfrage zur Flugscham Grünen-Anhänger fliegen am meisten – und haben das schlechteste Gewissen“. in: Der Tagesspiegel, 19.7.2019, online unter https://www.tagesspiegel.de/politik/umfrage-zur-flugscham-gruenen-anhaenger-fliegen-am-meisten-und-haben-das-schlechteste-gewissen/24679158.html (Abrufdatum 24.7.2019)

Grüne fliegen, nicht schön, aber mein Gott, mir würden auch tausende von Beispielen einfallen zum Thema ‚inkonsequentes Verhalten von Unions-Anhänger*innen‘, ich lass es. Dass indes auf diesem Thema so heftig herumgehackt wird – es wird quasi in JEDER entsprechenden TV-Diskussion erwähnt -, beruht auf diesem stetigen Kindergarten-mit-dem-Finger-auf-die-Anderen-zeigen.

Aber, mal im Ernst: „Die andern, die andern“ ist ein reines Schein-Argument:

  • Jede(r) von uns hat Unschärfen – und jeder hat für sich und sein Handeln selbst gerade zu stehen.
  • Jede(r) hat bei sich anzufangen, sich an die eigene Nase zu fassen.
  • Jede(r) ist für sich selbst verantwortlich – und hat die Wahl, ob sie/er sich als Idiot gegenüber dem Planeten, der ihm das Leben schenkt – oder nicht.

  • Die Qualität eines Arguments oder ein dargestellter Sachverhalt wird nicht besser oder schlechter, weil die vorbringende Person evtl. Wasser predigt und Wein trinkt.

Komischerweise finden Menschen es regelmäßig schlimmer, wenn jemand im Verdacht steht vorzugeben, besser zu sein als er ist, als wenn die gleiche Person lügt oder ihr alles egal ist. Wenn jemanden der Fortbestand der Erde egal ist, ist das nach menschlicher Unlogik sein gutes Recht. Menschen sind merkwürdig.

vgl. Nguyen-Kim, Mai Thi (2018): „Die schlechtesten Argumente im Internet“. in: maiLab, 31.10.2018, online unter https://www.youtube.com/watch?v=AlSmcBbT15Y (Abrufdatum 30.9.2019)


Ein Zwischengedanke:

Als Klima-Arsch tritt man das Wunder des Lebens mit Füßen.


Nicht zu unterschätzen:
Der ‚Rebound-Effekt‘

Der Begriff ‚Rebound-Effekt‚ beschreibt die Eigenart des Menschen,

  • sich z.B. ein sparsameres Auto zu kaufen, aber dann damit mehr zu fahren.
    • = direkter Rebound-Effekt oder auch „Direktrebound‘;
  • durch umweltverträgliches Verhalten eingespartes Geld für etwas anderes rauszuhauen, was man sich sonst nie gekauft hätte; oder
    • = ‚indirekter Rebound[-Effekt]‘
  • Zeitspartools (wie das Smartphone) so zu nutzen, dass er am Ende deutlich mehr Zeit verbraucht als ohne.

>> vgl. Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.
>> siehe auch Abschnitt Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität.

Auch beim Flugverkehr gibt es diesen Rebound-Effekt. So „ist der Treibstoffverbrauch pro Passagier seit 1990 um 43 Prozent gesunken… Doch diese Fortschritte werden zunichte gemacht, weil die Zahl der Flüge viel schneller zunimmt als der Pro-Kopf-Verbrauch sinkt.“

>> Quelle: Groll, Stefanie (2019): Tourismus: Gute Ferien, schlechte Ferien.“ in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 38. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]



In Unkenntnis und aufgrund des nicht-so-genau-Wissen-wollens um unsere wirklichen CO₂-Effekte unseres Verhaltens neigen wir dazu, uns für umweltverträgliches Verhalten irgendwann in anderem Zusammenhang zu belohnen – wir denken dann in etwa so was wie:

  • „Wenn ich das ganze Jahr ‚Bio‘ kaufe und Plastik meide, habe ich so viel für die Umwelt getan und meinen Beitrag geleistet, dann kann ich jetzt auch mal ins Flugzeug steigen.“



Und genau das ist – gerade im Zusammenhang mit Fliegen – ein krasser Fehlschluss:

Der effektivste Hebel, der uns zur Optimierung unseres persönlichen CO₂-Abdrucks zur Verfügung steht, ist die Änderung unseres Reiseverhaltens.

  • Weil Flugreisen den größten Impact haben.
  • Weil Kreuzfahrten – gemeint sind hier insbesondere die mit Hin- und Rückflug – der ökologische Doppelschlag sind (s.u.).
  • Weil Reisen unsere Urlaubszeit betreffen und somit losgelöst sind vom Alltag – und daher entsprechende Emissionen vergleichsweise leicht auf Null gefahren werden können.

Flugreisen… und das persönliche CO₂-Budget von 2,3 t CO₂ pro Jahr“>


Flugreisen… und das persönliche CO₂-Budget von 2,3 t CO₂ pro Jahr

Die Fluggastzahlen steigen auch aktuell immer noch jährlich an (siehe unten). Dazu ergeben sich einige Fragen:

  • Was, wenn künftig immer mehr Menschen aus immer mehr Staaten mehr fliegen (können/wollen)?
  • Haben diese Menschen nicht das gleiche Recht zu fliegen wie ein(e) deutsche(r) StaatbürgerIn?
  • Was bedeutet das in Bezug auf die umfangreiche historische Klimaschuld, die die Industrienationen tragen?
  • Was bedeutet das für uns persönlich und unser Flugverhalten?

Weltweites klimaverträgliches jährliches CO₂-Budget pro Person pro Jahr bis 2050 = 2,3t CO₂ (siehe Aspekt ‚individuelles CO₂-Budget‘ in Abschnitt Globales und individuelles CO₂-Budget)

Das bedeutet, dass jede(r) von uns ihr/sein Budget ausgeschöpft bzw. überzogen hat, ohne geflogen zu sein. In der Konsequenz ist jeder Flug eine Anmaßung und tatsächlich ökologisch nicht zu rechtfertigen, sondern nur schönzureden.



CO₂-Budget-Killer:
CO₂-Emissionen pro Kopf im Flugzeug von Hamburg nach…

Stuttgart 0,314t | Mailand 0,42t | Paris 0,428t | Mallorca 0,7t | Gran Canaria 1,3t | Lissabon 1,148t | Tel Aviv 1,64t | Mexico City 3,8t | Bali 3,011t | NYC 3,594t | Las Vegas 5,594t | LA 5,881t | Bangkok 5,666t | Tokio 7,928t | Melbourne (via Dubai) 10,862t (pro Person Hin-Rück, Economy, nach Atmosfair)

Innerdeutsches Beispiel „Flug Hamburg >> Stuttgart“:

(Hin/Rück, Economy, 1 Person, Daten nach Atmosfair u. bahn.de): Flugdauer 1:15 h + Hinfahrt zum Flughafen von Dammtor aus (28 min) + früher da sein + Gepäckaufgeben + Sicherheitscheck + Boarding + auf das Gepäck warten + in die Innenstadt zum Hauptbahnhof fahren (27 min.)
Mit dem grundsätzlich Ökostrom-nutzenden DB-Fernzug: 0 t CO2, 5:11h, Zeitersparnis pro Fahrt maximal 2 Stunden.
Sind insgesamt maximal 4 Stunden 0,341 t CO2 wert?
Der Preis ist ebenfalls nicht relevant: Mittelfristig gebuchter Super-Sparpreis der Deutschen Bahn inkl. Bahncard25 = 65 EUR + Reservierung.


Diese Zahlen bedeuten auch:

Wir können uns das ganze Jahr extrem umweltfreundlich verhalten, Plastik vermeiden, Palmöl aus dem Haushalt verbannen, Autofrei leben etc. pp – aber steigen wir auch nur einmal ins Flugzeug, ist unsere CO₂-Bilanz komplett ruiniert.


Drei Zwischengedanken:

>> Philosophisch gesehen: Man kann nicht auf etwas verzichten, was einem nie zugestanden hat.
>> Es fällt besonders schwer, Gewohnheitsrechte aufzugeben.
>> Gewohnheitsrechte gibt es eigentlich gar nicht. Erst recht nicht, wenn es um die Überschreitung planetarer Grenzen geht.


Exkurs: Verkehrsmittel im CO₂-Vergleich

Vergleich der durchschnittlichen CO₂e-Emissionen einzelner Verkehrsmittel im Personenverkehr (2017):

  • PKW 139 g/Pkm [Gramm pro Person pro Kilometer] (Auslastung 1,5 Personen/Pkw)
  • Reisebus 32 g/Pkm (Auslastung 60%)
  • Eisenbahn Fernverkehr 0 g/Pkm (Die Deutsche Bahn fährt im Fernverkehr mit Ökostrom)
  • Eisenbahn Fernverkehr 36 g/Pkm (Auslastung 56%)
    (diese Zahl basiert auf dem durchschnittlichen deutschen Strommix)
  • Flugzeug 201 g/Pkm (Auslastung 82%) (und hier fallen i.d.R. wesentlich mehr Pkm an als bei anderen Verkehrsmitteln.)
  • Linienbus 75 g/Pkm (Auslastung 21%)
  • Eisenbahn Nahverkehr 0 g/Pkm (Die Hamburger S-Bahn fährt mit Ökostrom)
  • Eisenbahn Nahverkehr 60 g/Pkm (Auslastung 27%)

>> Quelle: n.n. (2018): „Vergleich der durchschnittlichen CO₂e-Emissionen einzelner Verkehrsmittel im Personenverkehr“. in: Umweltbundesamt, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/emissionsdaten#verkehrsmittelvergleich_personenverkehr (Abrufdatum 23.6.2019)


Fliegen ist mehr als CO₂ in die Luft zu jagen.

„Flugreisen sind die ökologische Keule.“ (Süddeutsche Zeitung, 2019)
Und doch entwickeln sich die Flugverkehrs- und Fluggastzahlen bestürzend nach oben:

Flugverkehr ist ein Business mit extrem hohen Zuwachsraten, sowohl bei Passagieren als auch beim CO₂:

  • Anzahl der Fluggäste in Deutschland 2017>>2018 = +5,4%
  • Weltweite Fluggastzahlen seit 1990 verdoppelt
  • Deutsche Fluggastzahlen seit 1990 = +250%

„Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird der Flugverkehr im Jahr 2050 für fast ein Viertel aller globalen Emissionen verantwortlich sein.“

>> Quelle Zahlen und Zitat: Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)
>> Quelle „Flugreisen sind die ökologische Keule“: Geier, Moritz (2019): „Flugreisen sind die ökologische Keule“. in: Süddeutsche Zeitung, 25.1.2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/leben/nachhaltigkeit-alltag-1.4296574?reduced=true (Abrufdatum 29.5.2019) (Paywall)

  • Prognose Flugverkehr 2006>>2050 = Vervierfachung

>> Quelle: Merlot, Julia (2019): „Effekt von Kondensstreifen: Flugverkehr schadet dem Klima mehr als gedacht“. in: Der Spiegel, 27.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kondensstreifen-heizen-die-erde-immer-staerker-auf-a-1274340-druck.html (Abrufdatum 21.7.2019)



Des Weiteren geht es beim Flugverkehr nicht nur um CO₂, sondern auch um

  • Luftfahrtemissionen wie Stickoxid, Feinstaub, Wasserdampf, Kondensstreifen und Veränderungen in Zirruswolken [- und diese] erhitzen die Atmosphäre zusammengenommen sogar noch mehr. Da Flugzeuge ihren Treibstoff in großer Höhe verbrennen und dort ihre Abgase ausstoßen, wirkt sich das besonders gravierend aus. Beeinträchtigt wird dadurch und durch die entstehenden Kondensstreifen auch die natürliche Wolkenbildung …
  • Diese Nicht-CO₂-Effekte erhöhen den Schaden, den der Luftverkehr in der Atmosphäre anrichtet um den Faktor zwei bis vier, wie die Organisation Atmosfair … auf Grundlage eines IPCC-Berichts berechnet hat… Rechnet man diese Wirkungen mit ein, gehen fast zehn Prozent der deutschen Verantwortung für die Erderwärmung aufs Konto der Luftfahrt – das ist fast so viel wie der Autoverkehr.

>> Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)



Fliegen bedeutet auch nach Ansicht des UBA mehr, als CO₂ in die Luft zu jagen: Die Emissionen werden logischerweise in den hohen Bereichen der Atmosphäre emittiert.

  • „Stickoxide bauen unter der Sonneneinstrahlung Ozon auf, das in Reiseflughöhe als starkes Treibhausgas wirkt.
  • Der Ausstoß von Aerosolen (Partikeln) und von Wasserdampf führt zu einer Veränderung der natürlichen Wolkenbildung.
  • Diese verschiedenen Effekte summieren sich derart, dass die Treibhauswirkung des Fliegens im Durchschnitt etwa zwei- bis fünfmal höher ist als die alleinige Wirkung des ausgestoßenen CO₂.“

>> Quelle: n.n. (2019): „Flugreisen“. in: Umweltbundesamt, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/mobilitaet/flugreisen#textpart-3 (Abrufdatum 24.6.2019)
>> UBA (Umweltbundesamt): Der Regierung zuarbeitende wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium – sehr fundierte Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/



Durchschnittlich geht man – vereinfachend von einer Verdreifachung der Klimawirkung (=Klimaschädlichkeit) von Flugemissionen aus.

>> vgl. n.n. (2017): „Die Bundesregierung reist weiterhin klimaneutral“. in: Umweltbundesamt, 17.2.2019, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/die-bundesregierung-reist-weiterhin-klimaneutral (Abrufdatum 9.6.2019)

>> s.a. das folgende Zitat von der FAQ-Page von Atmosfair:

„Um die Klimawirkung der gesamten Flugemissionen angemessen wiederzugeben, multipliziert der atmosfair Emissionsrechner deswegen die in Höhen von über 9 km emittierten CO₂-Emissionen mit dem global gemittelten Faktor 3. Dieser Faktor ergibt sich, wenn das Global Warming Potential aller Non-CO₂-Effekte über 100 Jahre integriert (UNFCCC Konvention) und abdiskontiert wird (David Lee et al., ‚Transport impacts on atmosphere and climate: Aviation‘, in ‚atmospheric environment (44), 2010).“

>> Quelle: n.n. (2019): „Wieso rechnet der Emissionsrechner nur mit Kohlendioxid?“. in: atmosfair, online unter https://www.atmosfair.de/de/faqs/zur_co%E2%82%82-berechnung/ (Abrufdatum 23.6.2019)


Aktuell: Flugverkehr schadet dem Klima noch mehr als ohnehin angenommen.

Eine im Juni 2019 veröffentlichte Studie von Lisa Bock und Ulrike Burkhardt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt kommt zu dem Ergebnis, dass die Klimaschädigung durch Kondensstreifen (=langlebige Eiswolken) deutlich größer ist, als bislang gedacht (und als oben ausgeführt).

  • „Die Eiswolken, die durch den Flugverkehr entstehen, hätten in den vergangenen Jahren mehr zum Anstieg der globalen Temperatur beigetragen als alles CO₂, das seit Beginn der Luftfahrt in die Atmosphäre gelangt ist… In Klimaberechnungen würde der Effekt dennoch kaum berücksichtigt, dabei könne sich der Einfluss der künstlichen Wolken aufs Klima in den nächsten Jahrzehnten verdreifachen.“

>> Quelle und Zitat: Merlot, Julia (2019): „Effekt von Kondensstreifen: Flugverkehr schadet dem Klima mehr als gedacht“. in: Der Spiegel, 27.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kondensstreifen-heizen-die-erde-immer-staerker-auf-a-1274340-druck.html (Abrufdatum 21.7.2019)
>> vgl. Bock, L. and Burkhardt, U.: Contrail cirrus radiative forcing for future air traffic, Atmos. Chem. Phys., 19, 8163-8174, https://doi.org/10.5194/acp-19-8163-2019, 2019. , online unter https://www.atmos-chem-phys.net/19/8163/2019/ (Abrufdatum 21.7.2019)

Kondensstreifen?

n.n. (2014): „Animation zeigt Europas kompletten Flugverkehr“.
in: Fokus, online unter
https://www.youtube.com/watch?v=ptuV55p3iq8
(Abrufdatum 21.7.2019)

Nun, es sind mehr als die wenigen Kondensstreifen, die wir gewöhnlich per Alltagserfahrung am Himmel sehen:

Die Studie geht vom Eintreffen der Prognosen eines weltweit weiter steigenden Flugverkehrs aus (Vervierfachung 2006>>2050).

Verhindert werden könne dieser Effekt bzw. die befürchtete Verdreifachung des Einflusses von Kondenstreifen auf das Klima weitgehend durch „saubere Emissionen“, von denen die Rede sein könne, wenn der Rußgehalt des verbrannten Kerosins „um mehr als 50 Prozent reduziert“ (ebd.) werde.

Wovon wir weit entfernt sind.

Die Studien-Mitautorin Lisa Bock hält abschließend und durchaus verallgemeinernd fest, dass es „wichtig [ist], Klimaeffekte, die sich nicht direkt auf CO₂ zurückführen lassen, in Klimaprognosen stärker zu berücksichtigen“ (zit. in Merlot 2019).


Exkurs: Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. In Jahrzehnten.

Dazu halten Kretzschmar und Schmelzer fest:

  • Der Traum vom grünen Fliegen
    • per „Power-to-Liquid“ (synthetisches Kerosin) und vor allem
    • via allen weiteren, im Laborstatus befindlichen Flugverkehrsinnovationsideen
      „dient aktuell vor allem dazu, das Wachstum des Flugverkehrs zu legitimieren.“

>> Quelle: Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)

Hier geht es alles in allem mehr um die Schaffung einer Vision und eines vagen Versprechens, damit eben Fliegen eine Perspektive behält aus Sicht der Luftfahrtindustrie und der GerneVielFlieger.

...weitere Zahlen und Details
  • „Für Kurz- und Mittelstreckenflieger arbeiten die Münchner bereits an einer Brennstoffzelle, 2050 könnten erste Maschinen mit diesem Antrieb abheben, sagt“ „Jörg Sieber, Leiter Innovationsmanagement beim deutschen Triebwerkhersteller MTU Aero Engines in München.“

>> Quelle und Zitat: Ilg, Peter (2019): „Kann man emissionsfrei fliegen?“. in: Der Spiegel, 9.11.2019, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-11/luftfahrt-flugverkehr-emissionen-hybrid-antrieb-synthetisches-kerosin-umweltschutz (Abrufdatum 11.11.2019)

Anmerkung: Power-to-liquid ist derzeit das am weitesten gediehene Projekt zur Dekarbonisierung des Flugverkehrs. Man peile eine Marktreife in fünf Jahren an (vgl. ebd.) – bis solche Anlagen im großen Maßstab gebaut sind und der Produktpreis konkurrenzfähig sein wird, wird wesentlich mehr Zeit vergehen. Und: Das Ganze hängt an der Energiewende, denn es würden riesige Mengen an Ökostrom benötigt – und davon sind wir (vgl. Abschnitt Energie) bedauerlicherweise derzeit extrem weit entfernt, erst Recht im globalen Maßstab.


Personenflugverkehr in Deutschland in Zahlen

  • 2014 207,9 Mio Passagiere | 103,8 Mio. Ein- und Umsteiger | 77,8 Mio. Einsteiger
  • 2017 234,7 Mio. Passagiere | 117,1 Mio. Ein- und Umsteiger | 87,8 Mio. Einsteiger
  • 2018 244,3 Mio. (244.300.717) Passagiere = +4,1% gegenüber Vorjahr

>> Quellen:
n.n. (2018): Airport Travel Survey 2018. Zahlen, Fakten, Trends. Hg. Flughafenverband ADV, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2016/02/Airport-Travel-Survey-2018_Brosch%C3%BCre.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)
n.n. (2018): ADV-Monatsstatistik 12/2018. Hg. Flughafenverband ADV, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2019/03/12.2018-ADV-Monatsstatistik.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

  • 2018 = 122,6 Passagiere sind in Deutschland mit einem Flugzeug gestartet = 4% mehr als im Vorjahr

>> Quelle: n.n. (2019): „Statistisches Bundesamt : Zahl der Flugpassagiere in Deutschland steigt weiter“. in: Die Zeit, 7.3.2019, online unter: https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-03/statistisches-bundesamt-passagiere-flughafen-deutschland-reisen (Abrufdatum 24.6.2019)

  • 29.6.2018 = 11.015 Flüge im deutschen Luftraum – an einem Tag
  • 2018 = 119 Millionen Passagiere in Deutschland (1997 = 62 Mio = fast verdoppelt innerhalb von 10 Jahren)

>> Quelle: Ahr, Nadine, Asendorpf, Dirk u. Pinzler, Petra (2018): „Flugverkehr: Die Hölle am Himmel“. in: Die Zeit, 8.8.2018, online unter: https://www.zeit.de/2018/33/flugverkehr-fliegen-flughafen-chaos-billigflieger-vielflieger/komplettansicht (Abrufdatum 29.5.2019)

  • Zahl der Starts und Landungen in Deutschland 2017: 2,209 Mio
  • 38,6% aller Flüge im deutschen Luftraum sind Überflüge (und verursachen im deutschen Luftraum entsprechende CO₂e-Emissionen)

>> Quelle: Maurus, Kim et al. (2018): Luftverkehr in Deutschland. Mobilitätsbericht 2017. Hg. von DFS Deutsche Flugsicherung GmbH. online unter: https://www.dfs.de/dfs_homepage/de/Presse/Publikationen/Mobilitaetsbericht2017_Web.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

  • 2018 = 23,5 Mio Passagiere auf Inlandflügen in Deutschland
  • 2018 = 65.000 Inlandsflugpassagiere. Täglich.

>> Quelle: Weßling, Kathrin (2019): „Wer noch ins Flugzeug steigt, ist ein Klimasünder“. in: Die Zeit, 5.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/die-antwort/2019-04/flugreisen-klimawandel-co2-emissionen-flugzeuge-konsumverhalten-verantwortung (Abrufdatum 24.6.2019)


Reiseanlass der Passagiere in Deutschland:

  • Urlaub 2008 23,6 Mio | 2014 30,3 Mio | 2017 34,9 Mio (2014>>2017 = +15%)
  • Privat 2008 21,2 Mio | 2014 20,6 Mio | 2017 24,8 Mio (2014>>2017 +20%)
  • Business 2008 28,5 Mio | 2014 26,9 Mio | 2017 28,1 Mio (2014>>2017 = +4%)

>> Quelle: n.n. (2018): Airport Travel Survey 2018. Zahlen, Fakten, Trends. Hg. Flughafenverband ADV, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2016/02/Airport-Travel-Survey-2018_Brosch%C3%BCre.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)


Eine neue Vielflieger-Gruppe:
Die VFR-Passagiere
(visiting friends or relatives)

„Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt eine Gruppe von Passagieren an Bedeutung, die … lange Zeit übersehen wurde: die sogenannten VFR-Passagiere. … Allein am Londoner Flughafen Gatwick machten sie bereits 2010 immerhin schon knapp ein Viertel aller Fluggäste aus. Es sind weltumspannende Familiennetze ebenso wie der zunehmende Tourismus aus den sogenannten Schwellenländern, allen voran China und Indien, die den globalen Flugverkehr bis auf Weiteres um vier Prozent jährlich wachsen lassen.“

>> Quelle: Boeing, Niels (2019): „Flugreisen: Verzicht rettet die Welt nicht“. in: Die Zeit, 12.5.2019, online unter https://www.zeit.de/zeit-wissen/2019/03/flugreisen-klimaschutz-gewissen-co2-emissionen-treibhausgase/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)

  • Auch die Beförderung von Luftfracht (u.a. Erdbeeren im Winter, Ebay, Amazon) nimmt zu.

>> vgl. n.n. (2019): „ADV-Monatsstatistik“. in: Flughafenverband 12/2018, 11.2.2019, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2019/03/12.2018-ADV-Monatsstatistik.pdf (Abrufdatum 19.6.2019)

Fazit private Urlaubsflugreisen:

Flugreisen sind ähnlich wie das Autofahren der symbolische Inbegriff von Wohlstand und „Freiheit“: Erst wenn in diesen hochemotionalen Bereichen soziologisch oder auch politisch Veränderungen möglich und umgesetzt werden, können wir von einem relevanten Fortschritt im Sinne eines produktiven Klimaschutzes ausgehen.


Geschäftsreisen per Flugzeug:

Business Travellers

Vielfach herrscht die Annahme vor, das heute Videokonferenzen schon vielfach Geschäftsflüge ersetzen. Das ist richtig – und doch falsch:

  • 2008 = 28,5 Mio
  • 2014 = 26,9 Mio
  • 2017 = 28,1 Mio. (=+4% gegenüber 2014)

>> Quelle: n.n. (2018): Airport Travel Survey 2018. Zahlen, Fakten, Trends. Hg. Flughafenverband ADV, online unter: https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2016/02/Airport-Travel-Survey-2018_Brosch%C3%BCre.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

  • „Allen E-Mails, Videokonferenzen und Web-Seminaren zum Trotz – deutsche Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter so oft auf Geschäftsreisen wie nie zuvor.“

>> Quelle: Kotowski, Timo (2016): „Geschäftsreisen : Auszug aus der Business Class“. in: Frankfurter Allgemeine, 16.6.2016, online unter https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/buisness-class-bei-geschaeftsreisenden-unbeliebt-14287422.html (Abrufdatum 24.6.2019)

Manche Unternehmen melden starke Rückgänge an Geschäftsflugreisen, was aber nicht so richtig stichhaltig erscheint, sondern eher wie Image-Pflege bzw. Green Washing:

  • „Die Deutsche Bank etwa hat nach eigenen Angaben die Zahl der Flugreisen in den vergangenen sechs Jahren halbiert. Die Commerzbank meldet für die vergangenen acht Jahre einen Rückgang um 30 Prozent. Beide haben in den vergangenen Jahren kräftig Stellen gestrichen, was wohl ein Teil der Erklärung ist. Die Commerzbank hat heute etwa 20 Prozent weniger Mitarbeiter als noch 2010.“

>> Quelle: Heuzeroth, Thomas (2019): „Wirtschaft ohne ‚Flugscham‘ – Für 9,99 Euro mit Ryanair – da verstummt das ökologische Gewissen.“ in: Die Welt, 29.5.2019, online unter: https://www.welt.de/wirtschaft/article194015107/Flugscham-Deutsche-Wirtschaft-bleiben-Flugreisen-treu.html (Abrufdatum 10.6.2019)

Und:

  • „Immer mehr Unternehmen drängen ihre Mitarbeiter zu Bahnreisen. Doch viele Konzerne bewegen sich nur langsam – zu lukrativ sind die nichtökologischen Alternativen… ‚Eine Flugscham gibt es nicht, denn es handelt sich bei unseren internationalen Geschäftstätigkeiten [von Stahlkonzern Salzgitter] nicht um Lustreisen.'“

>>> Quelle: Heuzeroth, Thomas (2019): „Wirtschaft ohne ‚Flugscham‘ – Für 9,99 Euro mit Ryanair – da verstummt das ökologische Gewissen.“ in: Die Welt, 29.5.2019, online unter: https://www.welt.de/wirtschaft/article194015107/Flugscham-Deutsche-Wirtschaft-bleiben-Flugreisen-treu.html (Abrufdatum 10.6.2019)



Für die Zunahme von Geschäfts-Flugreisen im Zeitalter von Videokonferenzen sind m.E. wesentlich zwei Gründe hervorzuheben:

  • Wirtschaftswachstum verursacht hier den sog. Rebound-Effekt:
    • Das Geschäft/Unternehmen wird größer und globalisierter (Entfernungen!) und die Produktion kleinteiliger.
    • So ist mehr Abstimmung zwischen mehr Geschäftspartnern notwendig, sodass insgesamt mehr Meetings (ob nun virtuell oder persönlich) abgehalten werden
    • Die Folge: Wirtschaftswachstum frisst Einsparungen auf. Das ist der Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität.
  • Es gibt immer mehr Geschäftsreisende, deren Büro die Welt ist, soll heißen, die haben im eigentlich Sinne gar kein Büro mehr, sondern arbeiten überall auf der Welt und sind somit ständig unterwegs – auch im Flugzeug.

>> vgl. Lobbyistenbeitrag n.n. (2018): „Geschäftsreisen: Gut vernetzt auf Erfolgskurs“. in: Partners Magazin, 14.12.2018, online unter https://www.partners-magazin.de/geschaeftsreisen-gut-vernetzt-auf-erfolgskurs/ (Abrufdatum 24.6.2019)
>> mehr zum Rebound-Effekt siehe weiter oben in diesem Abschnitt.
>> Definition „Effizienz“: Wirtschaftlichkeit, rationeller Umgang mit knappen Ressourcen.
>> Definition „Effektivität“ = Wirksamkeit, Maß für es beschreibt das Verhältnis zwischen erreichtem und zuvor definiertem Ziel.
>> Erläuterung: Es mag sein, das eine Firma dank neuer Maschinen, die pro Produkt weniger Ressourcen verbrauchen, effizienter produziert – Wenn sie aber dadurch mehr Produkte produziert, ist der gewünschte Effekt – das Einsparen von Ressourcen – nicht eingetreten.

Zwischen 2008 und 2014 ging die Zahl der Geschäfts-Flugreisen wie oben gezeigt tatsächlich vorübergehend zurück:

  • In Zeiten der Finanzkrise und flankiert vom 2010er Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökul, gab es tatsächlich einen Boom von Videokonferenzen etc. (vgl. Rückgang 2008>>2014)

vgl. Rettig, Daniel et al. (2010): „Videokonferenzen: Chat statt Jet“. in: Wirtschaftswoche, 27.4.2010, online unter; https://www.wiwo.de/erfolg/trends/videokonferenzen-chat-statt-jet/5639848.html (Abrufdatum 24.6.2019)

  • Auch gibt es tatsächlich vermehrt Dienstreisevorschriften bei Unternehmen, die empfehlen, Flugreisen insbesondere auf kurzen Distanzen zu unterlassen – doch in der Praxis und insgesamt betrachtet ist das offensichtlich eher ein Wunsch/Vorschlag/Anliegen als eine grundlegende Umsteuerung, wie an den obigen Zahlen zu sehen ist (vgl. Zunahme 2014>>2018).
  • „‚Der persönliche Kontakt ist trotz aller Schritte der Digitalisierung immer noch entscheidend für das Geschäft‘, sagt VDR-Hauptgeschäftsführer Hans-Ingo Biehl.“

>> Quelle: Kotowski, Timo (2016): „Geschäftsreisen: Auszug aus der Business Class“. in: Frankfurter Allgemeine, 16.6.2016, online unter https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/buisness-class-bei-geschaeftsreisenden-unbeliebt-14287422.html (Abrufdatum 24.6.2019)

VDR = Verband Deutsches Reisemanagement

vgl. auch Lobbyistenbeitrag n.n. (2019): „Frauen lieben nachhaltige Geschäftsreisen“. in: Travelbusiness, 4.3.2019, online unter https://www.travelbusiness.at/studien/nachhaltige-geschaeftsreisen-frauen/0058727/ (Abrufdatum 24.6.2019)

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass in vielen Branchen Videokonferenzen nach wie vor als potenziell geschäftsschädigend bzw. als Wertbewerbsnachteil gesehen werden.

>> vgl. Strobl, Günther (2018): „Reiserichtlinien: Economy statt Business: Bei Geschäftsreisen regiert öfter der Sparstift“. in: Der Standard, 22.10.2018, online unter: https://www.derstandard.de/story/2000089806813/economy-statt-business-bei-geschaeftsreisen-regiert-oefter-der-sparstift (Abrufdatum 24.6.2019)

  • Fazit: Wie so oft will niemand ernsthaft anfangen (zumindest außerhalb der Ökobranchen), weil er das unökologische Verhalten der Konkurrenz fürchtet
    (Siehe Aspekt ‚Politik trägt Verantwortung. Wir brauchen eine Politik, die uns vor uns selber schützt‘ im Abschnitt Politik für Enkel*innen)

Aspekt „Geschäftsreisen: Reisen von Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden“

  • Dass Politiker*innen fliegen – geschenkt. Aber 229.116 Inlandflüge von Bundesministerien inkl. der angegliederten Verwaltungen im Jahr 2018? Bundestagsabgeordnete haben 2018 knapp 20% mehr Flugkilometer zurückgelegt als im Vorjahr? — Da geht doch noch was? Und was sicher nicht sein muss, sind 800 Leerflüge (Bereitstellungsflüge) im Jahr 2018.

>> Quelle „Inlandsflüge 2018“: n.n. (2019): „Treibhausgase Bundesbehörden unternahmen 2018 fast 230.000 Inlandsflüge“. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/politik/deutschland/klimaschutz-230-000-inlandsfluege-durch-bundesbehoerden-im-jahr-2018-a-1278911.html (Abrufdatum 24.7.2019)
>> Quelle „20% mehr“: n.n. (2019): „Trotz Klimadebatte: Bundestagsabgeordnete flogen 2018 deutlich mehr“. in: Der Spiegel, 10.8.2019, online unter: https://www.spiegel.de/panorama/klima-abgeordnete-flogen-2018-deutlich-mehr-a-1281354.html (Abrufdatum10.8.2019)
>> Quelle „Leerflüge“: Seibert, Evi (2019): „Streit um Flugbereitschaft: Grüne kritisieren Leerflüge“. in: Tagesschau.de, online unter https://www.tagesschau.de/inland/regierung-flugzeuge-101.html (Abrufdatum 24.6.2019)

  • Immerhin: Die Bundesregierung kompensiert sämtliche Dienstreisen (Stand: Februar 2017) – und zahlte dafür 2017 1,7 Mio Euro.

>> Quelle: n.n. (2017): „Die Bundesregierung reist weiterhin klimaneutral“. in: Umweltbundesamt, 17.2.2019, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/die-bundesregierung-reist-weiterhin-klimaneutral (Abrufdatum 9.6.2019)
>> >> Quelle „1,7 Euro“: n.n. (2019): „Treibhausgase Bundesbehörden unternahmen 2018 fast 230.000 Inlandsflüge“. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/politik/deutschland/klimaschutz-230-000-inlandsfluege-durch-bundesbehoerden-im-jahr-2018-a-1278911.html (Abrufdatum 25.7.2019)

  • Zu ergänzen ist, das internationale Fachtagungen und Kongresse gerade im wissenschaftlichen Bereich nicht weniger werden, sondern eher mehr. Eine Professur anzustreben ohne internationale Kongresserfahrung und entsprechende Kontakte ist m.E. ziemlich zweckfrei.
  • Und wenn man sich anschaut, welche und wie viel verschiedene Symphonie-Orchester (!) in der Hamburger Elbphilharmonie auftreten, dann ist auch hier eine klare (Flugverkehr ermöglichte und Flugverkehr verursachende) Internationalisierung zu beobachten.



Weitere Zahlen zu Geschäfts-Flugreisen:

  • 65% der innerdeutschen Passagiere sind geschäftlich unterwegs.

>> Quelle: n.n. (2019): „Wofür braucht es innerdeutschen Luftverkehr?“. in: Luftfahrt aktuell vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrsgesellschaft. online unter: https://www.bdl.aero/de/publikation/wofuer-braucht-es-innerdeutschen-luftverkehr-2019/ (Abrufdatum 19.6.2019)

  • Auch die Nutzung privater Jets für Geschäftsreisen nimmt zu.

>> Quelle: Erhardt, Mischa (2018): „Geschäftsreisen per Flieger nehmen zu“. in: Deutschlandfunk, 27.8.2018, online unter: https://www.deutschlandfunk.de/serie-luftverkehr-geschaeftsreisen-per-flieger-nehmen-zu.769.de.html?dram:article_id=424051 (Abrufdatum 19.6.2019)

>> s.a. Koenen, Jens (2019): „Luftfahrt Privatjets feiern ein Comeback“. in: Handelsblatt, 27.8.2018, online unter: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/luftfahrt-privatjets-feiern-ein-comeback/22957930.html (Abrufdatum 9.6.2019)

Fazit Geschäftsflugreisen:

Alles in allem sind – Ausnahmen bestätigen die Regel – Unternehmen, Kultur, Wissenschaft und Politik, was per Flugverkehr zurückgelegte Geschäftsreisen angeht, noch überhaupt nicht angekommen im digitalen Zeitalter.


CO₂-Kompensationen z.B. für Flüge und Kreuzfahrten

Ausgleichzahlungen für emittiertes CO₂ per Kompensation über die gängigen Portale sind für nicht vermeidbare Flüge wahrscheinlich besser als nicht zu kompensieren – aber mal im Ernst: das ist keine Lösung, sondern eine Art Ablasshandel, eine Ablenkung von der einfachen Wahrheit:

Flugverkehr ist auf dem aktuellen Stand der Technik und erwartbar in den nächsten Jahrzehnten ökologisch nicht zu haben (vgl. Grünes Fliegen?).

Die Zeit bemerkt dazu, dass erstens die Kompensationsprojekte oftmals nicht so viel Einsparen wie angegeben.

  • „Und zweitens verursachen diese Projekte oft lokale Konflikte oder führen gar zu Landraub. Menschen, deren CO₂-Fußabdruck weit unter dem globalen Durchschnitt liegt, werden durch angebliche Waldschutzprojekte an ihrer traditionellen Landnutzung gehindert und laut eines Berichtes des World Rainforest Movement teilweise sogar vertrieben. Das Magazin Vice sprach deshalb 2014 von Kohlenstoffkolonialismus.“

Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)

Aspekt „Flugscham (flygskam, flight shaming) & Kompensationen

  • Im Juni 2019 berichtet Atmosfair für 2018 über „eine Steigerung des Spendenaufkommens um 40 Prozent“.
  • 460.000 Flüge wurden 2018 via Atmosfair kompensiert = weniger als 1% aller Flüge ab Deutschland.
  • Atmosfair „geht davon aus, dass die Zahl der kompensierten Flüge sogar dann unter der Ein-Prozent-Marke bleibt, wenn man alle konkurrierenden Anbieter hinzurechnet.“

>> Quelle: Carstens, Peter (2019): „Flugverkehr Massentrend CO₂-Kompensation? So ernüchternd sind die Zahlen wirklich“. in: Geo, 12.6.2019, online unter: https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/21475-rtkl-flugverkehr-massentrend-co2-kompensation-so-ernuechternd-sind-die (Abrufdatum 28.6.2019)


Derweil ist die viel beschriebene „flygskam“ (Flugscham) in Schweden nun auch in Zahlen ausdrückbar: Im ersten Quartal 2019 sind die Schwed*innen 15% weniger im Inland geflogen als im entsprechenden Vorjahreszeitraum, obwohl sie gleichzeitig immer mehr reisen – großer Gewinner ist: Die Bahn.

>> Quelle: Ehl, David (2019): „‚Flugscham‘ ist kein Modewort – die Schweden fliegen wirklich weniger“. in: Perspective Daily, 11.6.2019, online unter https://perspective-daily.de/article/831/UMESbIT0 (Abrufdatum 11.6.2019) (Paywall)



Also, das Fazit lautet wie der Eingangssatz dieses Abschnitts:
Kompensieren ist wahrscheinlich besser als nicht kompensieren – aber es ist keine Lösung. Und kein Freibrief.


Wachstumsbranche ‚Flugverkehr‘

Derzeit werden überall auf der Welt Flughäfen erweitert, Startbahnen gebaut oder komplett neue (zusätzliche) Flughäfen gebaut. Auch hier gilt grundlegend das Prinzip:

„Wer Straßen [d.h. in diesem Fall Landebahnen/Flughäfen] sät, wird [Flug-]Verkehr ernten.“

Daniel Goeudevert (*1942), ehemaliger VW-Vorstandsvorsitzender (in den 1990er Jahren). []

  • Natürlich dürfen Politik und Industrie nicht die Verantwortung auf die Bürger abladen nach dem Motto: „Wenn Ihr alle nicht fliegen würdet, hätten wir kein Problem“ – es darf/kann nicht Sache des Individuums sein, die Welt zu retten.
  • Nur rechtfertigt das noch lange nicht, die Sau rauszulassen, bis die Politik in die Puschen kommt, nach dem Motto, alles was legal ist, ist auch legitim. Dem ist mitnichten so.
  • Das CO₂-Budget ist ein gutes Maß – und weist deutlichst darauf hin, dass Fliegen eine Anmaßung ist und man am Besten auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

Gute Reisegründe?

Oft wird zugunsten Fernreisen (per Flugzeug) das Argument vorgebracht, Reisen bilde, mache den Geist frei und diene der „Völkerverständigung“…


Ein Zwischengedanke:

Na, dann flieg‘ doch im Sinne der Völkerverständigung noch mal schnell nach Tuvalu! (Oops, ein Zynismus.)


„Völkerverständigung“: Nun, wenn es darum geht: Fahr‘ per Eisenbahn auf vierwöchige Interrailreise, da kannst Du reichlich was erleben und kommst mit unglaublich vielen Menschen der Europäischen Union und aus aller Welt in Kontakt

(Interrail gibt es inzwischen auch für 26+ = 1 Monat unbegrenzt durch 31 Länder Europas = 603 EUR).

>> Quelle: n.n. (2019) „Interrail Global Pass – Ein Bahnpass, tausende Reiseziele“. in: Interrail.eu, online unter https://www.interrail.eu/de/interrailpaesse/global-pass?gclid=Cj0KCQjw6cHoBRDdARIsADiTTzbAcm3dfFJw3z1cKeZMS6yOs7msFvS6GL2iq4MhhRs-V2ta_3RakocaAmdeEALw_wcB (Abrufdatum 24.6.2019)

Auf den Punkt gebracht: Es braucht immer einen Mutigen, der die Wahrheit ausspricht. In diesem Fall Klaus Raab in der Zeit:

„Der Anteil der Flugreisen [am Gesamtreiseaufkommen], die Deutsche unternehmen, ist von 30 Prozent aller Reisen im Jahr 2000 auf 41 Prozent im Jahr 2018 gestiegen. Nur acht Prozent sind Fernreisen. Was aber haben Zwei- bis Viertagetrips in überlaufene europäische Touristenstädte mit der Erlangung von Weltbürgerschaft zu tun? Was ist so weltbürgerlich daran, ohne Rücksicht auf die Welt das Billigste zu konsumieren? Je näher man an ein paar Verhaltensweisen heranzoomt, die für kosmopolitisch gehalten werden, desto spießbürgerlicher sehen sie aus. Viele dieser Reisen sind eigentlich verdammte Kaffeefahrten.“

>> Quelle: Raab, Klaus (2019): „Flugscham: Der dumme Weltbürger“. in: Die Zeit, 17.5.2019, online unter: https://www.zeit.de/entdecken/reisen/2019-05/flugscham-fliegen-reisen-umwelt-oekologisch-co2/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)


Jenseits der Vorstellungskraft:
Der Preis des Fliegens.

Flugpreise sind in den letzten Jahren stark gefallen.

  • „Im Jahr 2011 kostete ein Hin- und Rückflug durchschnittlich 549 US-Dollar. Im Jahr 2019 muss dafür durchschnittlich 324 US-Dollar ausgegeben werden.“

>> Quelle: n.n. (2019): „Durchschnittliche Ticketpreise für Hin- und Rückflug im weltweiten Luftverkehr in den Jahren 2011 bis 2019 (in US-Dollar)“. in: Statistika, online unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/975460/umfrage/durchschnittliche-ticketpreise-im-weltweiten-luftverkehr/ (Abrufdatum 19.6.2019)

Jede(r) Fliegende fliegt auf niedrigen eigenen finanziellen Kosten auf großen ausgelagerten (externalisierten) Kosten von anderen Menschen und ihrem Wohlergehen.

Dass das nicht so weitergeht, ist wohl (rational) jeder Bürgerin und jedem Bürger klar. Was tun?


Konsequenzen.

Erster Schritt:
Fliegen muss kosten, was es kostet.

Der Status Quo der massiven Subventionierung:

  • Der gewerbliche Flugverkehr ist in Deutschland von der „Mineralölsteuer, der Ökosteuer und bei internationalen Tickets von der Mehrwertsteuer“ (Lege 2019) befreit – im Gegensatz zum deutschen Schienenverkehr, was eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung zu Ungunsten umweltfreundlicher Verkehrsträger darstellt.

>> Quelle: Lege, Monika et al. (2005): „Der Traum vom Fliegen. Für ganze 20 Euro: Kann man dagegen etwas haben?…“ in: Arbeitskreis Flugverkehr, online unter https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/traumvomfliegen.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

>> vgl. n.n. (2019): „Abgabe auf Flugbenzin dringend erforderlich NABU warnt vor steigender Umweltbelastung durch Flugverkehr“. in: Nabu, online unter https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/verkehr/luftverkehr/kerosinsteuer.html (Abrufdatum 24.6.2019)

Der Arbeitskreis Flugverkehr einiger NGOs (darunter BUND, Nabu und VCD) benennt weitere Subventionen, die explizit Billigfluglinien erhalten, darunter der

  • „Verzicht auf kostendeckende Landeentgelte und Abfertigungsgebühren“,
  • die „Defizitübernahme von Flughäfen“,
  • „verbilligte Flughafenpachten“ und
  • diverse Zuschüsse, namentlich „für Pilotenausbildung, Bodenabfertigung und Marketing“ und „zur Eröffnung neuer Flugverbindungen.“

>> Quelle: Lege, Monika et al. (2005): „Der Traum vom Fliegen. Für ganze 20 Euro: Kann man dagegen etwas haben?…“ in: Arbeitskreis Flugverkehr, online unter https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/traumvomfliegen.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

Transparenz durch Offenlegung: Der Autor dieses Dokuments ist derzeit aktives Mitglied des ökologischen Verkehrsclubs (VCD).

Möglichkeiten, Flugverkehr künftig angemessen zu bepreisen und die Bahn zu fördern:

  • Kerosinsteuer zunächst auf Inlandsflüge (Der französische Präsident Emmanuel Macron fordert übrigens eine europaweite Kerosinsteuer.)
    • „Laut einer Studie der Europäischen Kommission würde eine Kerosinsteuer in Europa die Nachfrage nach Flugreisen sowie deren Treibhausgasemissionen um elf Prozent verringern.“ (Zimmer 2019)
  • Mehrwertsteuersatz für die Bahn senken bzw. abschaffen [] [under construction]

>> Quelle und Zitat: Zimmer, Wiebke (2019): „Die schwere Last Verkehr“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 26. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]


Zweiter Schritt:
Inlands- und Kurzstreckenflüge streichen…

… bzw. überflüssig machen durch massiven Ausbau des Schienenverkehrs.

Klingt hart? Nun, pardon: Ohne eine Veränderung unserer Lebens- und Reisegewohnheiten geht es nicht. Dazu gehört das Ankommen in der Digitalen Gesellschaft z.B. per massiv verschlüsselten Videokonferenzen in allen Lebenslagen – und eine andere Prioritätensetzung bzw. Terminplanung. Und: Arbeiten kann man auch in der Bahn – zukünftig hoffentlich noch besser. Und Urlaubs-Kurztrips per Flugzeug sind schon jetzt keine Option mehr, auch wenn dieser Befund noch nicht in der Gesellschaft angekommen ist.

Weitere Möglichkeiten, das Thema Flugverkehr Stück für Stück nachhaltiger zu gestalten:

  • Es ist nicht mehr einzusehen, weshalb klimaschädigens Vielfliegen Vorteile bringen soll. Bonusmeilen-Services oder auch „Vielfliegerprogramme“ à la „Miles&More“ sollten daher einfach umgehend eingestellt werden.
    (Lufthansa hat hier schon – ein bißchen – reagiert: Seit März 2018 sind nicht mehr die geflogenen Distanzen, sondern die Ticketpreise das Maß der Dinge.)

>> zu letzterem Punkt vgl. n.n. (2019): „Lufthansa belohnt künftig nur extrem loyale Kunden“. in: Der Spiegel, 11.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/reise/aktuell/miles-more-lufthansa-belohnt-kuenftig-nur-extrem-loyale-vielflieger-a-1295935.html (Anrufdatum 12.11.2019)

Und die soziale Dimension des Fliegens? Wird Fliegen wieder eine Sache der Upper Class, der „oberen Zehntausend“?


Ein Zwischengedanke:

Im weltweiten Maßstab gehört jede(r) BürgerIn Deutschlands zu den „oberen Zehntausend“.


Selbstverständlich gibt es hier – genau wie bei der CO₂-Steuer – Modelle und Möglichkeiten, z.B. alle paar Jahre (mehr ist sowieso ökologisch gesehen nicht drin) die dann hohen Steuern für den Flugverkehr erstattet zu bekommen o.ä.

Eine Möglichkeit wäre, Urlaub flexibler nehmen zu können, sodass es sich dann auch lohnt, für mehrere Wochen auf Reisen zu sein.

Aber mit solchen Gedanken verfehlen wir fast schon das Thema, weil dieses sich dahinter verbergende Anspruchsdenken angesichts der dramatischen Lage letztlich eher deutlich macht, dass der Ernst der Situation nicht vollständig durchdrungen wurde.



Der ökologische Doppelschlag: Kreuzfahrten

Kreuzfahrten für sich genommen sind ökologisch und ethisch in vielerlei Hinsicht hochproblematisch – siehe folgende Daten, Fakten und Aspekte.

Zum ökologischen Doppelschlag werden sie, wenn mit dieser Art Urlaub zu machen Zubringerflüge – meist sowohl Hin- als auch Rückflüge – verbunden sind, was sehr oft der Fall ist. Dann kommt die massive CO₂- und Umweltbelastung der Fernflüge noch dazu zur insgesamt extrem schlechten Ökobilanz.

Flug-Kreuzfahrttourismus ist ein Beweis dafür, wie ‚gut‘ Menschen in der Lage sind, die Augen vor der Realität zu verschließen.

  • Ein Kreuzfahrtschiff mit 2000 Passagieren an Bord generiert, wenn es eben nicht von Hamburg o.ä. startet, sondern z.B. in der Karibik unterwegs ist und vornehmlich europäische Gäste an Bord hat, die meistens eine Woche an Bord bleiben, pro Woche zusätzlich zur eigenen Ökobilanz bis zu 4000 interkontinentale Flüge – hinzu kommen u.a. die Flüge für die Besatzung und die globale Beschaffung der Versorgungsgüter.


Kreuzfahrttourismus in Zahlen

  • 2019 = ca. 30 Mio Menschen aus aller Welt auf Kreuzfahrt (vgl. Höfler 2019, 30)
  • 2018 = 28,5 Mio
  • 2009 = 17,5 Mio (vgl. Deckstein 2019, 46)
  • 2019 = >2 Mio Deutsche Deutsche sind nach US-Amerikaner*innen und Chines*innen Kreuzfahrtweltmeister*innen (vgl. Höfler 2019, 30)
  • „Allein die Zahl der Deutschen an Bord hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, auf 2,2 Millionen, in Europa sind nur die Briten ähnlich begeisterte Kreuzfahrer.“ (Deckstein 2019, 46)

  • Schifffahrt = 52.000 Schiffe, davon 300 Kreuzfahrtschiffe (vgl. Höfler 2019, 32)


Kreuzfahrten, Treibhausgase und Ökologie

Kreuzfahrtschiff = bis zu 5t Treibstoff, i.d.R. Schweröl – pro Stunde (vgl. Deckstein 2019, 46)

  • Dass es auch ohne Schweröl geht, beweist Hurtigruten seit 10 Jahren. Und im Juni 2017 setzte die Rederei mit der MS Roald Amundsen das erste Kreuzfahrtschiff mit Hybridantrieb (Kombination Elektro- und Verbrennungsmotor), der 20 Prozent sparsamer sein soll, in Fahrt. Doch sogar dieses vergleichsweise kleine Schiff schluckt, mit 530 Passagieren, ausgebucht, knapp neun 9 Liter Marinediesel pro Kilometer pro Passagier (vgl. Wüst 2019, 103-104).
  • „Die meisten Ozeandampfer benutzen als Kraftstoff Schweröl, das so umwelt- und gesundheitsschädlich ist, dass sein Einsatz in Binnengewässern verboten ist… Es gibt bisher nur ein Kreuzfahrtschiff, das mit flüssigem Erdgas (LNG) betrieben wird. Die Abgase sind sauberer, aber auch Flüssiggas ist ein fossiler Rohstoff und seine Nutzung nicht klimaneutral.“ (Groll 2019, 38)


Thema „LNG (liquefied natural gas) – Flüssig-Erdgas“

Derweil läuft immerhin die Aida Nova mit Erdgas – Carnival will bis 2025 zehn weitere Schiffe mit diesem Antrieb in Betrieb nehmen. (vgl. Wüst 2019, 103)

„Die Nova kostete ab Werk etwa 1 Milliarde Euro, sie ist eines der teuersten nicht-militärischen Fahrzeuge auf dem Planeten.“ (Höfler 2019, 30)

  • „Stand Ende Juni [2019] werden 124 neue Kreuzfahrtschiffe mit einem Ordervolumen von mehr als 69 Milliarden Dollar in den nächsten Jahren gebaut.“ (Deckstein 2019, 50)
  • „Welt weit sind bis 2027 bei Werften 120 neue Kreuzfahrtschiffe geordert, davon werden lediglich 27 über einen primären LNG-Antrieb verfügen. Alle anderen fahren mit Öl.“ (Höfler 2019, 36)


Die Nutzung von LNG um Schiffe anzutreiben, hat den Vorteil, vergleichsweise saubere Abgase zu verursachen, was sowohl für Passagiere und Besatzung, die Häfen als auch für die Natur zunächst positiv ist.

  • „In den Auftragsbüchern der Werften stehen inzwischen eine Reihe [also 27, s.o.] von LNG-Schiffe, die von Institutionen wie dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Rankings zumindest in puncto ‚Vermeiden von Luftverschmutzung‘ mit Bestnoten bewertet werden.“ (Schulz 2019, 6)


Während allgemein die Luft auf Kreuzfahrtschiffen i.d.R. als ungesund gilt, bietet hier LNG den Vorteil, dass aus dem Schornstein CO2 kommt, „aber kein Schwefeldioxid und kein Feinstaub“ (Höfler 2019, 36)


Gleichwohl ist und bleibt auch LNG – auch wenn die Abkürzung so modern anhört – ein fossiler Brennstoff und ist somit keine Lösung für eine klimaneutrale Welt:

  • LNG wird auf der Aida Nova bei -162° Celsius gelagert (vgl. Höfler 2019, 36). Das bedeutet: Kühlung, Kühlung, Kühlung.
  • LNG stammt oft „aus den USA, wo mit massivem Einsatz von Chemikalien das Methangas aus Boden und Gestein gepresst wird… Außerdem entweicht Gas beim Transport und der Lagerung. Man nennt es Methanschlupf. Methan ist ein Klimagas.“ (Höfler 2019, 36)
  • Und selbstredend muss dieses Gas über weite Strecken stark gekühlt um den halben Globus transportiert werden, um dann in die Tanks z.B. der Aida Nova gefüllt zu werden.


CO-Bilanz von Kreuzfahrtschiffen, Angaben von Carnival über Aida-Schiffe

  • 60 kg CO₂ pro Tag pro Person, betrieben mit Schweröl und Diesel

  • 27 kg CO₂ pro Tag pro Person, betrieben mit LNG (vgl. Höfler 2019, 36)

    • Hinzu kommt m.E. noch jeweils die Förderung des Brennstoffs, dessen Verarbeitung und Transport.
    • Hinzu kommen i.d.R. noch die Zubringerflüge, meist zwei pro Person. Ob die Crew-Flüge in die Umweltbilanz hineingerechnet werden, war nicht zu recherchieren.

Das legt also folgendes nahe:

Thema „Greenwashing in der Kreuzfahrtbranche“.

Letztlich gibt es derzeit für den Massen-Kreuzfahrt-Schiffstourismus keine wirkliche grüne Variante. MSC Cruises will ab 2020 „für alle Schiffsreisen selbst obligatorisch [CO₂-]Kompensationen vornehmen, sodass unter dem Strich klimaneutral gefahren wird. Das bedeutet für MSC … Mehrkosten in Höhe von rund 50 Millionen Euro jährlich.“ (Schulz 2019, 6)

So richtig wichtig mit der Umwelt scheinen sie es nicht zu nehmen – wenn keiner hinschaut:

  • „Kreuzfahrtschiffe gelten als Verpester der Meere. Dutzendfach wurden sie in den vergangenen Jahren dabei erwischt, wie sie Öl, Plastik und Abwässer aller Art in die Ozeane kippten. Auch Schicffe der Aida-Mutter Carnival waren dabei, Princess Cruise Lines [die mit der Pacific Princess das ‚Love Boat‘ stellten] musste 2016 in den USA die Rekordstrafe von 40 Millionen Dollar zahlen-. Über Jahre waren ölverschmutzte Abfälle ins Meer verklappt worden. Im Sommer dieses Jahres musste Carnival in den USA 20 Millionen Dollar zahlen, auf Schiffen waren Bewährungsauflagen nicht eingehalten worden.“ (Höfler 2019, 35)


Kreuzfahrten und ‚Overtourism‘

Definition „overtourism“:
„[E]ine feindliche Übernahme einer Stadt durch den Massentourismus“ (Deckstein 50)

  • „Beim Kreuzfahrttourismus ist die lokale Wertschöpfung besonders gering, weil die Besuchenden weder Übernachtung vor Ort buchen noch Essen kaufen müssen und für Besichtigungen nur wenig Zeit haben. So bleibt etwa der Stadt Venedig nur der Müll, ihr Image wird angeschlagen. Die Folge: Die ausgabenfreudigen Einzel- oder Gruppenreisenden bleiben wegen der Menschenmassen weg.“ (Groll 2019, 38-39)


Dubrovnik 2018 = mehr als 400 Kreuzfahrtschiffe (Deckstein 2019, 50) (Immerhin: Ab 2021 müssen Schiffe in Dubrovnik die Landstromanlagen benutzen (ebd. 50) – dann sollte das doch auch in Hamburg gehen)

  • „An den Ausflügen [z.B. nach Dubrovnik] verdient die Reederei mit. Diese einnahmen werden immer wichtiger. Die Ticketpreise sind unter Druck,da muss an Bord mehr eingenommen werden. Das System heißt ‚captive pricing‘, der Passagier ist eine Art Gefangener an Bord, Konkurrenz gibt es nicht. Rund ein Viertel des Umsatzes wird so gemacht.“ (Höfler 2019, 34)


Kreuzfahrten suggerieren Sicherheit: Man legt nur mal kurz an, hält sich aber die Probleme vom Hals, die entstehen könnten, wenn man beispielsweise in einer ägyptischen Hotelanlage bucht.

  • „Das Fremde behält seinen Reiz, verliert aber seine Schrecken. Die Welt löst sich auf in gut geplante Landausflüge… Niemand muss Angst haben, er könne zwischendurch nicht auf eine ordentliche Toilette, die abendliche Rückkehr zum eigene Zahnputzbecher ist garantiert, und gegen das Heimweh gibt es Hackbraten und deutsche Kuchen.“ (Deckstein 2019, 46)


Kreuzfahrten und Ethik: Für eine Handvoll Dollar.

Zwischengedanke
„Merkt eigentlich noch irgendwer, wie absurd die Gleichzeitigkeit von Kreuzfahrten und Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer ist?“ (Deckstein 2019, 46)

  • „Harold, ein anonymer Arbeiter aus der Putzkolonne [des Mein Schiff 6], der für 2,82 Dollar Stundenlohn an sieben Tagen die Woche für die von Kreuzfahrtpassagieren hochgeschätzte Sauberkeit sorgt.“ (Deckstein 2019, 46) „Harold verdient laut Vertrag 852 Dollar für 303,1 Stunden Arbeit im Monat [Vollarbeitszeit in D = 38,5h x 4 Wochen=154 Arbeitsstunden – der Mann arbeitet doppelt so lange, und über unbezahlte Überstunden haben wir da noch gar nicht gesprochen: Sein Leben besteht aus Arbeiten und Schlafen.]. Das sind 2,81 Dollar die Stunde bei zehn Stunden Arbeit pro Tag, sieben Tage die Woche. Überstunden sin damit abgegolten. Er sieht Frau und Kinder neun Monate am Stück nicht… Um mit seiner Familie zu kommunizieren, muss Harold an Bord Internetvolumen kaufen.“ (ebd. 52-53)

  • Wunderbar, die Kreuzfahrtbranche schafft Arbeitsplätze: Zwischen 2015 und 2017 waren es mehr als 43.000 neue Jobs (ebd. 53) – wieviele davon sind wie der von Harold?

    • „Chhabis Vertrah läuft acht Monate. Sie arbeitet an sieben Tagen pro Woche jeweils zehn Stunden. Also über 240 tage am Stück. Ihre erste Schicht beginnt um acht und endet um 16 Uhr. Abends dann noch einmal zwei Stunden… Chhabhi arbeitet rund 300 Stunden im Monat. Sie verdient 700 Dollar, also 2,33 pro Stunde. Kost und Logis sind frei.“ (Höfler 2019, 33) Hinzu kommt in diesem Fall Trinkgeld, pro Monat etwa 400 Euro. (vgl, ebd.)

    • „Kim aus der Wäscherei… wurde von der philippinischen Vermittlungsagentur Magsaysay auf den Job im Schiff vorbereitet. Dafür bekam die Agentur eine Vermittlungsgebühr von der Reederei. Die Gebühr holt sich die Reederei bei ihren Arbeitern wieder. Die Löhne beim ersten Heuervertrag sind entsprechend niedriger. Kim arbeitet zum zweiten Mal auf einem Aida-Schiff. Er verdient 2,70 Dollar in der Stunde. Trinkgelder bekommt er in seinem Job nicht. Die Hälfte seines Lohns schickt er seiner Familie. Er hat vier Geschwister. Eine Schwester studiert noch. Kim zahlt auch deren Ausbildung.“ (Höfler 2019, 33)

    • „In der Zeit zwischen den Arbeitsverträgen sind Chhabi und Kim arbeitslos und ohne Krankenversicherung.“ (ebd. 34)

    • 500 Mb hat auf der Aida Nova jeder pro Monat frei fürs Internet (ebd. 2019, 34) – das ist wohl mehr als auf anderen Schiffen.


Lange Rede, kurzer Sinn:

  • „Die niedrigen Reisepreise sind nur möglich, weil Zehntausende Frauen und Männer acht oder zehn Monate am Stück für eine Handvoll Dollar arbeiten.“ (ebd. 34)


Neben der Umgehung von Arbeitsschutzgesetzen und Mindestlöhnen hat die Ausflaggung auch massive steuerliche Gründe:


Kreuzfahrtentourismus als schwimmendes Steuerumgehungsmodell (vgl. Höfler 2019, 30)

  • „Vier Konzerne, Carnival Cruise, Royal Caribbean, Norwegian Cruise Line und MSC beherrschen mehr als 90 Prozent des Marktes. Sie erzielen zweistellige Umsatzrenditen, von denen andere Branchen nur träumen können.“ (Deckstein 2019, 48)


Aida Nova Bordsprache = deutsch, ausgeflaggt nach Italien, Steuersitz der Carnival Coprperation: Panama (vgl. Höfler 2019, 32)

  • „Alle seine [ – Carnivals – ] Schiffe, übrigens auch alle der Konkurrenz, fahren unter Billigflaggen.“ (ebd.)
  • „In Panama [, dem Sitz von Carnival, ] werden … fast gar keine Steuern fällig. Laut Bilanz machte Carnival 2018 einen Umsatz von 18,8 Milliarden Dollar. Auf einen Gewinn von 3,2 Milliarden zahlte der Konzern läppische 1,68 Prozent Steuern. Das ist so gut wie brutto für netto.“ (ebd. 32)
  • „Auf Schiffen von Aida weht am Heck die Flagge von Italien. Auch das hat Steuerspargründe. Statt Abgaben auf Gewinne zahlt Aida in Italien eine pauschale Tonnagesteuer. Für ein großes Kreuzfahrtschiff mit 360 Betriebstagen beträgt der ‚Tonnagegewinn‘ grob geschätzt 110.000 Euro, der zu einem sehr niedrigen Satz versteuertz wird. Für alle anderen Einnahmen auf den Aida-Schiffen, die nicht unter die Tonnagesteuer, wurden 29018 lediglich 4,8 Prozent Steuern gezahlt. Die grün-weiß-rote Fahne bringt noch einen weiteren geldwerten Vorteil: den sogenannten Lohnsteuereinbehalt. Das bedeutet: Auf dem Gehaltszettel wird der Crew Lohnsteuer abgezogen, die wird aber nicht an den Fiskus abgeführt, die Reederei darf das Geld behalten. Alles ganz legal. Das macht die Schiffe zu Gelddruckereien.“ (ebd. 32)
  • „Betriebe TUI in Deutschland ein Hotel von der Größenordnung der ‚Mein Schiff 6‘, müsste der Touristikkonzern Einkommen-, Mehrwert- und Gewerbesteuer abführen, seinen Angestellten Sozial-, Kranken und Rentenversicherungsbeiträge zahlen, und er dürfte sie nicht unter dem Mindestlohn von 9,19 Euro pro Stunden beschäftigen. Die Mitarbeiter hätten Anrecht auf Urlaub und einen Betriebsrat, der ihre Interessen vertritt. Auf hoher See gibt es solche Auflagen nicht.“ (Deckstein 2019, 48)


Fazit:

  • Per Ausflaggung z.B. nach Malta „werden Steuerzahlungen in Milliardenhöhe vermieden, und Angestellte können zu Arbeitsbedingungen wie in Sweatshops beschäftigt werden“ (Deckstein 2019, 48)

Quellen des Abschnitts Der ökologische Doppelschlag: Kreuzfahrten.

>> Deckstein, Dinah et al. (2019): „Massentourismus: Balkonien auf hoher See“. in: Der Spiegel. 33/2019, 10.8.2019, S. 44ff.

>> Groll, Stefanie (2019): Tourismus: Gute Ferien, schlechte Ferien.“ in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 38-39. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Höfler, Norbert (2019): „Wir Keuzfahrer“. In: Stern Nr. 47, 21.11.2019, S. 26ff.

>> Schulz, Georg J. (2019): „Wie Kreuzfahrten klimaneutral werden sollen.“ in: Hamburger Abendblatt, 8.11.2019, S. 6.

>> Wüst, Christian (2019): „Kapt’n Grünbär“. in: Der Spiegel Nr. 23/1.6.2019.



Nächster Abschnitt:



Kipppunkte des Klimas: Eisschilde, Permafrost & Co


Erderwärmung:

Am Thermostat der Erde rumzuspielen ist Wahnsinn. Jedes 10tel Grad zählt:

Mit jedem 10tel Grad Temperaturanstieg wird die Auslösung von sog. Kipppunkten (Tipping Points) wahrscheinlicher. Sind solche „Points of no return“ überschritten, kommt es unumkehrbar zu sich selbst verstärkenden Prozessen (=Rückkopplungseffekten), die dann Dynamiken in Gang setzen, die unumkehrbar und nicht mehr beherrschbar sind, die wie Dominosteine einer nach dem anderen umkippen und den jeweils nächsten Dominostein mit sich reißen:

„Es ist jener Punkt, ab dem es kein Halten mehr gibt.“ (Langer 2019)

  • „Klimawandel ist keine Krankheit wie Diabetes, mit der man leben kann; er gleicht eher einem Tumor, den man entfernen muss, bevor er Metastasen [=Kipppunkte] bildet.“ (Foer 2019, 100)


Vorweg: Wir befinden uns zudem bereits jetzt mitten im sog. Sechsten Massenaussterben (Mass Extinction), dass eine Folge von Umwelt- und Naturzerstörung ist und durch die Klimakatastrophe und insbesondere durch das Auslösen der Kipppunkte dieses Massenaussterben weiter befördert und massiv verstärkt: „Artensterben und Klimawandel sind Zwillingskrisen“ (Baier 2019).

>> siehe auch Abschnitt Sechstes Massenaussterben.

Vor allem geht es um folgende wesentlichen Kipppunkte:

Quellen des Abschnitts

>> Baier, Tina (2019): „Artensterben und Klimawandel sind Zwillingskrisen“. in: Süddeutsche Zeitung, online https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-artensterben-umweltschutz-1.4435719 (Abrufdatum 30.9.2019)

>> Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi.

>> Langer, Fred (2019): „Der neue Ozean“. in: GEO [online], online unter https://geo.pageflow.io/der-neue-ozean-8082681d-70e6-417f-8041-6d18afe207d6#209233 (Abrufdatum 30.9.2019)


‚Ewiges‘ Eis / Meeresspiegelanstieg

Erwärmung/Schmelze zieht weltweiten Meeresspiegelanstieg nach sich:
Grönland = 7m | Westantarktis = 3,5m | Ostantarktis = 55m

  • „Selbst bei striktem Klimaschutz [erwarten die Experten bis zum Jahr 2100 einen Meeresspiegelanstieg] von 27 und 60 Zentimeter…“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 63)


Laut IPCC-Sonderbericht „Ozeane und Eis“, 9/2019:
+2°C = 50 cm Meeresspiegelanstieg bis 2100.

  • „Derzeit ist die Welt allerdings auf dem Weg zu einer Erwärmung um drei bis vier Grad. Dies würde einen Meeresspiegelanstieg von 84 Zentimetern [bis 2100] bedeuten.“ (Das hätte gewaltige Folgen für Küstenstadtbewohner*innen, siehe Kapitel „Klima-Geflüchtete“. (n.n. 2019)
… in einem Monat, nur&allein durch grönländischen Eisverlust.


Grönland Juli 2019 = 180 Milliarden Tonnen Eisverlust in einem Monat = 0,5 mm Meeresspiegelanstieg, weltweit. (vgl. Weiß 2019a)


Antarktis 2012 >> 2018 = Verdreifachung des Schmelzwassers.
Josef Zens vom Geoforschungszentrum Postdam dazu:

  • „3.800 Tonnen Eis gehen pro Sekunde verloren.“ – „Das sind ungefähr 150 Tanklaster … stellen Sie sich vor, Sie würden pro Sekunde 150 solcher Laster auf der Autobahn überholen.“ (Schadwinkel 2018)


Eis-Albedo-Rückkopplung: Weißes Schnee und bzw. weißes Eis reflektieren „einen hohen Anteil der einfallenden Strahlung zurück ins Weltall“ (Nelles/Serrer 2018, 52) – Bei Schmelze kommen vermehrt dunklere Flächen wie Wasser oder Gestein zum Tragen = geringere Reflektion >> mehr Eisschmelze >> selbstverstärkend.


Hinzu kommt, dass beim Schmelzen die Höhenlinie des Eises sinke – und somit gerät die Oberfläche des Eises in tiefere und somit wärmere Lagen – was das Schmelzen wiederum verstärkt (vgl. dazu die Temperatur-Erfahrung, wenn man von einem Berg ins Tal steigt.) (vgl. Weiß 2019a)


Meereis der Arktis, Flächenverlust:
1979 – 2016 = ca. -43%, Volumenverlust = -77% (Nelles/Serrer 2018, 51)

Arctic sea ice growing younger, thinner; Quelle: NOAAClimate, 31.12.2016, https://www.youtube.com/watch?v=c6jX9URzZWg (Abrufdatum 1.10.2019)
Die „arktische Todesspirale“ (Arctic death spiral) – große Version: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Arctic-death-spiral.png – Man achte auch auf die deutliche Veränderung ab 2010.

Monthly averages from January 1979 – January 2014. Data source via the Polar Science Center (University of Washington). Data visualisation by Andy Lee Robinson.
CC by 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de
  • Meeresspiegelanstieg z.Zt. 3cm pro Jahrzehnt, immer stärkere Zunahme (vgl. Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 77)

  • Meeresspiegelanstieg zurzeit fast 4mm pro Jahr, immer stärkere Zunahme (vgl. Weiß 2019b)

  • Meeresspiegelanstieg gegenüber vorindustrieller Zeit = 23 cm. Jährlicher Anstieg nimmt mehr und mehr zu (vgl. Nelles/Serrer 2018, 73)


>> siehe Interaktive Weltkarte zum Meeresspiegelanstieg:
http://flood.firetree.net/ (Abrufdatum 22.6.2019)

>> Hier das Beispiel aus obiger Website zur „Elbmündung u. Hamburg Meeresspiegel +1m“: http://flood.firetree.net/?ll=53.5439,10.1112&zoom=10&m=1 (Abrufdatum 22.6.2019)

Quellen des Abschnitts ‚Ewiges‘ Eis / Meeresspiegelanstieg

>> n.n. (2019): „Weltklimarat: Bei Erderwärmung um zwei Grad verlieren 280 Millionen Menschen ihre Heimat“. in: Der Stern, 24.9.2019, online unter https://www.stern.de/panorama/wissen/klimawandel–bei-erderwaermung-um-zwei-grad-verlieren-millionen-ihre-heimat-8920272.html (Abrufdatum 24.9.2019).

>> Nelles, David u. Serrer, Christian (2018): Kleine Gase – große Wirkung. Der Klimawandel. s.a. www.klimawandel-buch.de

>> Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans-Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. München: Beck. 

>> Schadwinkel, Alina (2018): „Antarktis: Sie schmilzt“. in: Die Zeit, 13.6.2018, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-06/antarktis-klimawandel-eis-schmelze-gletscher-meeresspiegel (Abrufdatum: 11.11.2019)

>> Weiß, Marlene (2019a): „Klimakrise: Das Meer kommt“. in: Süddeutsche Zeitung, 2.8.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/wellen-meere-klimawandel-1.4548725 (Abrufdatum 4.9.2019)

>> Weiß, Marlene (2019b): „Erderwärmung: Klimarat warnt vor starkem Meeresspiegelanstieg“. [aus dem Sonderbericht des IPCC 9/2019]. in: Süddeutsche Zeitung, 25.9.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-meeresspiegel-arktis-ozeane-1.4615208 (Abrufdatum 25.9.2019)


Permafrost

= 1/5 der weltweiten Landmassen

Definition „Permafrost“:
Permafrost ist ein „Untergrund, welcher über mindestens zwei Jahre hinweg Temperaturen von 0° oder weniger aufweist“ (Nelles/Serrer 2018, 62).

Permafrostboden ist oft von einer dünnen Humusschicht bedeckt und ansonsten ein wilder Mix aus Erde, Pflanzenresten und gefrorenen Tierkadavern, besiedelt teilweise von Borrealem Wald, der nur existieren kann, wenn der Boden fest bleibt:

„drunken trees“ public domain, Foto von Jon Ranson (Abrufdatum 27.7.2019)
  • „Teilweise sinken bereits (jetzt) in ganzen Waldstücken die Bäume um, weil sie im aufgeweichten Boden keinen Halt mehr finden (‚betrunkene Bäume'[, siehe Foto]). (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 58)

  • Kommt der Boden ins Schwanken, brechen die Rohre: Pipelines, Straßen, Fundamente, Rollbahnen – es kommt bereits jetzt zu großen Infrastruktur-Schäden, die künftig stark zunehmen werden, sodass zukünftig ganze Regionen und Städte aufgeben werden müssen.

  • „Ganze Inselgruppen, die aus Permafrostboden bestanden, sind bereits ohne jede Spur in der Arktischen See verschwunden.“ (Langer 2019)


Taut der Boden vermehrt, dauerhaft und/oder in tieferen Lagen auf, beginnen zudem massive Zersetzungsprozesse:

  • „Organisches Material, Pflanzenreste vor allem, Jahrtausende im Permafrost tiefgekühlt, werden nun für Mikroorganismen zugänglich. Bakterien etwa können die aufgestaute Biomasse abbauen. Es kommen Stoffwechselprozesse in Gang, die Kohlendioxid [und insbesondere auch Methan] freisetzen.“ (Langer 2019)


Hier lagert und lauert die eigentliche CO₂-und-Methan-Zeitbombe, die hat eine vollkommen andere Potenz als sämtliche CO₂-Emissionen seit Beginn der Industrialisierung:

  • „Grob geschätzt ruht dort im Untergrund etwa doppelt so viel Kohlenstoff, wie in der Atmosphäre enthalten ist.“ (Charisius 2019).
  • Anderen „Schätzungen zufolge enthält der Permafrostboden der Arktis dreimal so viel Kohlenstoff wie wir derzeit in der Atmosphäre haben.“ (Seidler 2019)
  • „Am Grund des arktischen Ozeans lagern 50 Milliarden Tonnen gefrorenes Methan.“ Das entspricht einer Potenz von einem globalen Temperaturanstieg um zusätzliche 1,3 Grad. (Thelen 2019, 86)
Tipp: Min 5:20 – eine in den Permafrost gehauene Höhle zeigt,
wie der Boden zusammengesetzt ist.
www.youtube.com/watch?v=-4NW_jeom-E
Russland: Das Ende des Permafrosts | Weltspiegel-Beitrag =
gekürzte Version des Filmes Flimafluch und Klimaflucht
von Thomas Aders (2018), siehe ARD Mediathek
(siehe hier insbesondere Min 22ff wg einen heftiger
Krater-Erosion (Batagaika-Krater in Sibirien)
beim Tauen des Permafrostes)


Lange Jahre galt der Tipping Point „Permafrost“ als erst in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts relevant. Wie so oft müssen Klimaforscher sich hin zu noch dramatischeren Ergebnissen korrigieren: Die Süddeutsche Zeitung hält dazu im Juni 2019 fest:

  • Die UN hat den auftauenden Permafrost „als eines der gravierendsten Umweltprobleme der Menschheit identifiziert“. Und: „In der Arktis weicht der Permafrostboden derzeit mit ungeheurer Geschwindigkeit auf. Messungen zeigen, dass in einigen kanadischen Regionen der Boden bereits so stark abgetaut ist, wie Experten es eigentlich erst für das Jahr 2090 erwartet hatten“ (Charisius 2019).

Grafik:
Permafrostböden = 1/5 der globalen Landmasse:

Ausdehnung von Permafrost auf der Nordhalbkugel
Quelle: Flickr (2016): Permafrost extent in the Northern Hemisphere; ursprl. Hugo Ahlenius, UNEP/GRID-Arendal Lizenz: CC BY-NC-SA
  • „Wissenschaftler der finnischen Universität Oulu prognostizieren, dass bis 2050 3,6 Millionen Bewohner der Arktis von den Folgen des schwindenden Permafrostes betroffen sein werden, drei Viertel der derzeitigen Bevölkerung. 1200 Siedlungen stehen auf gefährdeten Böden, darunter Großstädte wie Jakutsk in Russland sowie 100 Flughäfen. 45 Prozent der arktischen Öl- und Gasinfrastruktur Russlands stehen auf Permafrostböden, die immer instabiler werden…“ (Thelen 2019, 87)


Diese Vorgänge rund um Eisschmelze und Permafrost sind auch nicht so weit weg, wie es sich anfühlt:

  • „Von Berlin bis zum nördlichen Polarkreis sind es lediglich rund 1500 Kilometer – die Arktis ist uns näher als Madrid: Wir sind sehr nah dran am Klimawandel.“ (Langer 2019)


Und noch ein Aspekt im Sinne von „Alles hängt mit allem zusammen“:

  • „In den Permafrostgebieten der Erde ist doppelt so viel Quecksilber gespeichert wie in allen anderen Böden und der Atmosphäre zusammen.“ (Götze 2018)


Schmilzt der Permafrost gelangt dieses Quecksilber (laut Spiegel: 800.000 Tausend Tonnen) ins Grundwasser und ins Meer – und von dort aus in die Nahrungskette: „Die zusätzliche Belastung durch den Metallaustrag aus den getauten Permafrostböden könnte gar dazu führen, dass es bedenklich und gefährlich wird, Fisch zu essen… Weltweit ernähren sich allein drei Milliarden Menschen hauptsächlich von Fisch“ (ebd. und vgl. unten Thema Ozeane) (Spiegel = Thelen 2019, 87)



>> Aktuelle Nachricht: Erderwärmung begünstigt Torfmoorfeuer in der Arktis und beeinflusst negativ den Permafrost, siehe:
Fischer, Lars (2019): „Mega-Feuer am Polarkreis: Der andere arktische Klima-Teufelskreis“. in: Spektrum.de, 9.7.2019, online unter: https://www.spektrum.de/news/der-andere-arktische-klima-teufelskreis/1658352?utm_source=zon&utm_medium=teaser&utm_content=feature&utm_campaign=ZON_KOOP (Abrufdatum 14.7.2019)

>> Aktuelle Nachricht: „Waldbrände so nah am Polarkreis beschleunigen laut Greenpeace Russland das Auftauen von Permafrostböden, die gigantische Mengen gefrorene Biomasse enthalten. Taue sie auf, setzen sie Treibhausgase in die Atmosphäre frei. Weil weniger Bäume vorhanden seien, könnten diese schlechter absorbiert werden, was wiederum zukünftige Waldbrände begünstige. Außerdem bedeckten Rußpartikel Eis- und Schneeflächen“.
> Quelle und Zitat: n.n. (2019): „Waldbrände in Sibirien: Drei Millionen Hektar Wald abgebrannt“. in: Die Zeit, 3.8.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/2019-08/waldbraende-sibirien-russland-flammen (Abrufdatum 4.8.2019).
(vgl. zu den durch Ruß schwarz werdenden Eisflächen etwas weiter oben Aspekt Eis-Albedo-Rückkopplung).

Quellen des Abschnitts Permafrost

>> Charisius, Hanno (2019): „Erderwärmung – Wie im Sommer 2090“. in: Süddeutsche Zeitung, 17.6. 2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/wissen/kanada-permafrost-klimawandel-co2-1.4489525 (Abrufdatum 20.6.2019)

>> Götze, Susanne (2019): „Klimawandel: Die Bombe im Eis“. in: Süddeutsche Zeitung, 23.3.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-quecksilber-permafrost-1.3913661 (Abrufdatum 24.7.2019)

>> Langer, Fred (2019): „Der neue Ozean“. in: GEO [online], online unter https://geo.pageflow.io/der-neue-ozean-8082681d-70e6-417f-8041-6d18afe207d6#209233 (Abrufdatum 30.9.2019)

>> Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans-Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. München: Beck. 

>> Seidler, Christoph, (2019): „Mikroben und die Erderwärmung: Die wahren Herrscher der Welt.“ [Antje Boetius, Chefin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven im Interview]. in: Der Spiegel, 25.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/antje-boetius-meeresforscherin-ueber-mikroben-und-klimawandel-a-1274093.html (Abrufdatum 25.6.2019)

>> Thelen, Raphael (2019): „Bedrohung aus dem Eis“. in: Der Spiegel, Nr. 41/5.10.2019


Regenwälder

Photosynthese wandelt CO₂ in Sauerstoff (O₂) um

Bäume sind langjährige Kohlenstoff-Speicher (=das verbleibende ‚C‘)

Rodung gibt CO₂ direkt und sofort in die Atmosphäre

Plantagen-Pflanzen speichern viel weniger Kohlenstoff C – die Pflanzen sind meist saisonal und geben ihren gespeicherten Kohlenstoff C als CO₂ schnell wieder zurück in die Atmosphäre

Entwaldung = Vernichtung von Lebensräumen und Biodiversität = massiver Beitrag zum sog. Sechsten Massenaussterben.

  • „Im Juni [2019] verschwand [in Amazonien] jede Minute ein Waldgebiet von der Größe eines Fußballfeldes. Trotz des geltenden Soja-Moratoriums. Und trotz freiwilliger Selbstverpflichtungen der globalen Konsumgüterkonzerne wie Nestlé und Unilever“ (n.n. 2019).


Dazu ist im Herbst 2019 im Spiegel zu lesen:

  • „‚Unter Bolsonaro ist die Abholzung explodiert‘, sagt Tasso Azevedo von der Umweltschutzorganisation Observatorio do Clima. …“. Wenn das so weiter geht, „könnte der Amazonasurwald nach Ansicht von Experten bereits Ende dieses Jahrzehnts unwiederbringlich verloren sein. … [Man schätzt, ] dass der ‚Tipping Point‘, an dem sich der Urwald in Savanne verwandelt, erreicht ist, wenn 25 Prozent zerstört sind. Knapp 20 Prozent sind bereits vernichtet.

  • ‚Der Regenwald ist ein geschlossenes System‘, sagt [der von Bolsonaro entlassene Direktor des Raumfahrtinstituts INPE, das in Brasilien für die Satellitenüberwachung des Regenwaldes zuständig ist Ricardo] Galvão. ‚Er muss eine große Fläche bedecken, damit er existieren kann‘. Wenn der Wald zur Steppe wird, falle auch im dichtbesiedelten Südosten Brasiliens weniger Regen, so Galvão: ‚Wenn wir den Amazonas verlieren, gibt es [mangels Regen] auch keine Landwirtschaft mehr.'“ (Glüsing 2019)

Quellen des Abschnitts Regenwälder

>> Glüsing, Jens (2019): „Jair Bolsonaros Feldzug gegen die Wissenschaft: Zahlenkrieg um den Amazonas“. in: Der Spiegel, 29.9.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/amazonas-jair-bolsonaros-feldzug-gegen-die-wissenschaft-a-1287486.html (Abrufdatum 1.10.2019)

>> n.n. (2019): „Amazonas: Konsum frisst Regenwälder“. in: Greenpeace Nachrichten 3/19, S. 12

s.a. auch Abschnitt Fleisch, Fisch & Ernährung.


Golfstrom

(korrekt: Nordatlantikstrom als Teil des Atlantic Meridonal Overturning Circulation AMOC)

  • ein sehr komplexes Naturphänomen, bei dem aber heute davon ausgegangen wird, dass der Atlantikstrom heute um 15% abgeschwächt ist (Rahmstorf in Ehring 2018).

  • Modellsimulationen zeigen, dass sich die AMOC durch den Anstieg der menschengemachten Treibhausgasemissionen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um 11 bis 34% abschwächen könnte (Nelles/Serrer 2018, 75).

  • Schwächt er sich ab oder würde er gar ausfallen, würde es im nördlichen Atlantikraum zu einer relativen (!) Abkühlungen kommen, aber: „Die Südhalbkugel würde sich dafür umso stärker erwärmen“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 67), weil ja die Wärmeenergie nicht mehr nach Norden transportiert wird, sondern vor Ort bliebe.

Quellen des Abschnitts Golfstrom

>> Ehring, Georg (2018): „Klimaforscher Stefan Rahmstorf: Golfstrom-Abschwächung begünstigt Hitzewellen“. in: Deutschlandfunk, 12.4.2018, online unter https://www.deutschlandfunk.de/klimaforscher-stefan-rahmstorf-golfstrom-abschwaechung.697.de.html?dram:article_id=415386 (Abrufdatum 28.11.2019)

>> Nelles, David u. Serrer, Christian (2018): Kleine Gase – große Wirkung. Der Klimawandel. s.a. www.klimawandel-buch.de

>> Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans-Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. München: Beck. 


Ozeane: Erwärmung, Versauerung, Leben im Meer, Überfischung und Verschmutzung

Erwärmung:

  • Ozeane haben zwischen 1971 und 2010 „93% derjenigen Energie aufgenommen, die durch den menschengemachten [=anthropogenen] Klimawandel zusätzlich auf der Erde gehalten wurde.“ (Nelles/Serrer 2018, 68).

  • Meerestemperatur global seit Industrialisierung: +0,8° Celsius (vgl. Baier 2019)

  • Bis etwa 3000 Meter Tiefe haben sich die Ozeane bereits deutlich erwärmt. (ebd.)


Versauerung:

  • Die Ozeane fungieren bislang als „CO₂-Senke“ und speichern viel von den jährlichen CO₂-Emissionen („22%“ = Nelles/Serrer 2018, 68; „ungefähr 1/4“ = Latif 2014, 174).

  • Der Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif hält fest:

    „Seit Beginn der Industrialisierung haben die Ozeane fast die Hälfte des von den Menschen durch das Verbrennen der fossilen Brennstoffe in die Luft gepustete CO₂ geschluckt.“ (Latif 2014, 174)

    • Es gilt: Je mehr gesättigter (=saurer!) das Meer mit CO₂ ist, desto geringer das weitere CO₂-Speicher-Vermögen (vgl. ebd.).


  • „[D]er durchschnittliche pH-Wert der Meeresoberfläche [ist] von 8,2 auf 8,1 gesunken. Dieser winzige Schritt auf der logarithmischen pH-Skala entspricht einem Anstieg des Säuregehalts um 30 Prozent.“ (Baier 2019)

  • Leben im Meer = Sauerstoff zum Atmen für die Menschen

    • Dazu der Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif:

      „Kohlendioxid ist … nicht nur ein Klimakiller, sondern vor allem auch ein Umweltgift.“

      „Die Ozeanversauerung stellt schon für sich allein ein extrem großes Risiko für das gesamt Ökosystem im Meer dar.“

      „Eine zu starke Versauerung könnte dem Leben im Meer im wahrsten Sinne des Wortes den Garaus machen.“ (Latif 2014, 175, 177, 251)


    • Versauerung = niedrigerer PH-Wert = „Entkalker“ = dünnere Schalen/Skelette bei Muscheln, Schnecken, Krebse, Korallen etc. (en détail: Latif 2014, 175ff.)


    • Latif dazu:
      Die im Meer lebenden Organismen, die Photosynthese betreiben – vor allem pflanzliches/ bakterielles (Phyto-)Plankton, aber auch Korallen und allgemein Meerespflanzen -, produzieren 50% unseres globalen Sauerstoffgehalts (ebd. 288) – das bedeutet im Umkehrschluss, dass sie „genauso viel Kohlenstoff wie sämtliche Landpflanzen zusammen“ (ebd. 289) binden. „Die lebende Biomasse im Ozean beträgt allerdings nur etwa ein Zweihundertstel der in Landpflanzen enthaltenen Biomasse“ (ebd.) – Folglich sind die Organismen im Meer also wesentlich effizienter (Faktor 200).


    • Alles in allem:

      „Ohne die Meere geht auch biologisch betrachtet auf Land nicht viel, zumindest wenn es sich um sauerstoffbasiertes Leben handelt.“ (ebd. 290).

      Das ist sehr vornehm ausgedrückt für:

      Sterben die Meere, stirbt auch der Mensch (und, ja: die Tiere auch).

Überfischung:

  • „Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) sind heute insgesamt 660 bis 820 Millionen Menschen direkt oder indirekt von der Fischerei abhängig. Bis zu zwölf Prozent der Weltbevölkerung leben demnach von diesem Wirtschaftszweig.“ (Latif 2014, 292)

  • „Weltweit ernähren sich allein drei Milliarden Menschen hauptsächlich von Fisch“ (Götze 2019)

  • Aquakulturen = 66 Mio t : „Wildfang“ = 80 Mio t (Zahl der FAO 2012, zit. in Latif 2014, 293)

  • Aquakulturen sind: Massentierhaltung – und oft große Umweltverschmutzer: Fischmehl, starker Antibiotika-Einsatz (>>Antibiotika-Resistenzen), Fischfäkalien, Chemikalien (vgl. Latif 2014, 294)

  • Und: „[U]m einen Lachs mit einem Kilogramm Gewicht heranzuziehen, benötigen Farmbetreiber zwischen zwei bis vier Kilo Wildfisch als Futter.“ (ebd. 295)


Verschmutzung:

  • z.B. durch Öl, radioaktive Stoffe, (Mikro-)Plastik, Verklappungen, Kreuzfahrtschiff-Abfall…

  • „[W]enn die Ozeane zu Schmutzwasser und die Meeresökosysteme kippen würden[, würde]… [d]er Hunger auf der Erde … dramatisch zunehmen.“ (Latif 2014, 292-293)


Veränderung des Salzgehalts der Ozeane und Meere:

  • Auch der Salzgehalt verändert sich – z.B. aufgrund von tauendem (salzfreien) Eis. (vgl. n.n. 2019a)


Alle Faktoren setzen einzelnen und zusammen genommen Meeresbewohner unter Stress:

  • Massive Korallenbleichen sind eine Folge:

    „[Z]eitweise [waren im Jahr 2016] 93% der Riffe im Great Barrier Reef in Australien von der Korallenbleiche betroffen und in Flachwasserbereichen im Pazifik starben mehr als die Hälfte der Korallen von Februar bis Oktober 2016 ab“ (Nelles/Serrer 2018, 100)

    • Definition „Korallenbleiche“: Die auf den Korallen sitzenden Algen sterben ab.

      ‚“Die Algen geben den Korallen ihr bunt schillerndes Aussehen und dienen ihnen als Nahrungsquelle. Wenn die Wassertemperaturen wieder sinken, haben die Riffe die Möglichkeit, sich zu regenerieren. Wiederholte Bleichen aber… können der Studie zufolge die Korallen selbst abtöten – und zwar binnen Tagen oder Wochen und nicht wie bisher angenommen über Monate und Jahre.“ (n.n. 2019b). Demzufolge löst sich das Korallengerippe in Folge von Hitzewellen innerhalb kurzer Zeit regelrecht auf.

  • +2°C = Verlust von 99 % der Korallen. (Weiß 2019)

Quellen des Abschnitts Ozeane: Erwärmung, Versauerung, Leben im Meer, Überfischung und Verschmutzung

>> Baier, Tina (2019): „Ozean im Klimawandel: Krise unter Wasser“. in: Süddeutsche Zeitung, 24.9.2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/wissen/ozean-versauerung-ipcc-klimawandel-1.4613669 (Abrufdatum 24.9.2019)

>> Götze, Susanne (2019): „Klimawandel: Die Bombe im Eis“. in: Süddeutsche Zeitung, 23.3.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-quecksilber-permafrost-1.3913661 (Abrufdatum 24.7.2019)

>> Latif, Mojib (2014): Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben können. Herder.

>>Nelles, David u. Serrer, Christian (2018): Kleine Gase – große Wirkung. Der Klimawandel. s.a. www.klimawandel-buch.de

>> n.n. (2019a): „Weltklimarat: Bei Erderwärmung um zwei Grad verlieren 280 Millionen Menschen ihre Heimat“. in: Der Stern, 24.9.2019, online unter https://www.stern.de/panorama/wissen/klimawandel–bei-erderwaermung-um-zwei-grad-verlieren-millionen-ihre-heimat-8920272.html (Abrufdatum 24.9.2019)

>> n.n. (2019b): „Klimawandel: Marine Hitzewellen töten Korallenriffe schneller als gedacht.“. in: Die Zeit, 9.8.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-08/klimawandel-korallen-korallenriffe-hitze-oekosystem-meer (Abrufdatum 10.8.2019)

>> Weiß, Marlene (2019): „Klimawandel: Millionen Menschen könnten ihre Heimat verlieren“. in: Süddeutsche Zeitung, 20.9.2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-ozeane-ipcc-1.4609236 (Abrufdatum 24.9.2019)


Insekten- und Bienensterben

  • Im Oktober 2017 meldete die „Krefelder Studie“, dass die Biomasse von (Flug-)Insekten in deutschen Naturschutzgebieten in den letzten 27 Jahren, seit 1989 „um mehr als drei Viertel seit Beginn der Untersuchungen gesunken ist“ (Berger 2017). Das war dann nur kurzfristig „Tagesgespräch“ – das eigentlich erschreckende war m.E. gar nicht der vernichtende Befund, sondern die mangelnde Aufregung in der Bevölkerung.

    • See the Picture:
      Wenn dreiviertel der Belegschaft eines Unternehmens fehlen, wie viele Mitarbeiter*innen sind dann noch da? Gähnend leere Hallen – und funktionsfähig ist der Laden dann garantiert nicht mehr. In diesem Sinne:

      • „Etwa 80 Prozent aller wilden Pflanzen seien von Bestäubung durch Insekten abhängig, 60 Prozent aller Vögel seien auf Insekten als Nahrungsmittel angewiesen.“ (ebd.)

      • Nach Abwägung einer Reihe von Faktoren gehen die Forscher davon aus, dass davon auszugehen ist, dass die Intensivierung der Landwirtschaft hier hineinspielt.

      • „Der deutsche Bauernverband warnte hingegen vor einer übereilten Verurteilung der Landwirtschaft… [und verwies darauf, dass] ‚die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand… [und es somit] noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt'“ (ebd.).

      • Gewissheit wird man wohl erst haben, wenn sie alle, alle tot sind.

  • Weitere Studien zum Thema:

    • Do-it-yourself-Plausibilitäts-Studie: Sie sind ein Mensch mittleren Alters? Dann überlegen Sie mal, wie viele Insektenleichen Sie in früheren Jahren im Urlaub auf der Windschutzscheibe hatten – und wie wenige heute.


    • 2019er Übersichtsstudie des Sydney Institute of Agriculture:

      • „Weltweit geht der Bestand von mehr als 40 Prozent aller Insektenarten zurück. Schon in hundert Jahren könnten viele ausgestorben sein. Darunter sind vor allem Schmetterlinge, aber auch Hautflügler, zu denen Ameisen, Wespen und Bienen gehören.“ (Römer 2019)

      • Dazu im gleichen Artikel Tierökologe Johannes Steidle:

        „Ich bin geschockt. Zwar gab es Hinweise, dass das Insektensterben nicht nur auf Deutschland und Europa beschränkt ist. Aber dass es ein globales Problem ist, das überall in einem ähnlichen Umfang auftritt, hat mich erschreckt. Das war zumindest mir, und ich glaube auch meinen Kollegen, so nicht bekannt.“


    • US-Studie: In den letzten 21 Jahren gibt die Schmetterlingspopulation in Ohio um 33% zurück. (vgl. Merlot 2019)

      „Der Schmetterlingsschwund in Ohio sei damit größer als der weltweit geschätzte Wert von 35 Prozent in 40 Jahren.“ „Schmetterlinge dienten als wichtige Indikatoren, um feststellen, wie groß die Biodiversität in einem Ökosystem sei… Sie reagierten ähnlich auf Veränderungen der Umwelt wie viele andere Insekten. Somit sei die Studie ein weiterer Beleg für den Insektenschwund.“ (ebd.)

Glyphosat ist gemäß EU-Beschluss weiterhin zugelassen. []


Wie auch immer die genauen Prozente der verschiedenen Studien jeweils exakt aussehen: Wir haben uns klar zu machen, dass die Nahrungskette bzw. die Biodiversität auf dieser Welt einem engmaschigen Netz gleicht. Jedes Lebewesen – ob Tier, Pilz oder Pflanze -, das ausstirbt oder zahlenmäßig nicht mehr relevant vorhanden ist, repräsentiert eine durchgeschnittene Masche des Netzes. Es wird grobmaschiger, instabiler – und irgendwann reißt es an einigen und immer mehr Stellen und Lebewesen sterben vermehrt aus, weil ihre Nahrung/Lebensumgebung ausstirbt, was dazu führt, dass andere Pflanzen nicht mehr bestäubt werden oder andere Tiere keine Nahrung mehr finden… Dieses Netz trägt uns, einer Hängematte gleich – und wir sind: schwer.

Quellen des Abschnitts Insekten- und Bienensterben

>> Berger, Melanie (2017): „Studie Dramatischer Insektenschwund in Deutschland“. in: Der Tagesspiegel, 19.10.2017, online unter https://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-dramatischer-insektenschwund-in-deutschland/20472776.html (Abrufdatum 6.7.2019)

>> Römer, Jörg (2019): „Insektensterben: ‚Wir müssen jetzt sofort handeln'“. in: Der Spiegel, 13.2.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/insektensterben-wir-muessen-jetzt-sofort-handeln-a-1252867.html (Abrufdatum 11.7.2019)

>> Merlot, Julia (2019): „Größte Insektenstudie Nordamerikas: Ein Drittel der Schmetterlinge ist verschwunden“. in:
Der Spiegel, 10.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/usa-ein-drittel-der-schmetterlinge-ist-verschwunden-a-1276652.html (Abrufdatum 11.7.2019)


Kipppunkte lösen Kipppunkte aus.

Alles ist mit allem verbunden.

  • Ein denkbares, sehr vereinfachtes Beispiel:

    Schmilzt der Permafrost, werden Unmengen CO₂ und Methan freigesetzt, die für weitere massive Erderwärmung sorgen, die dann aufgrund eines geänderten Wasserregimes den Regenwald verdorren lässt, womit dieser keinen Sauerstoff mehr produziert, seine Funktion als CO₂-Senke einbüßt und umgekehrt durch Waldbrände bzw. durch Verwesung von Biomasse massenhaft CO₂e freisetzt.

Zu bedenken ist außerdem, dass die Natur uns Erdenbewohnern zurzeit noch „hilft“.

Prof. Dr. Yadvinder Malhi, Ecosystem Sciences, Oxford dazu:

„Bislang verhält sich die Biosphäre quasi wie ein Freund – sie bremst den Klimawandel ab. Etwa 40% des Kohlendioxids, dass wir Menschen emittieren, wird von der Biosphäre absorbiert, wodurch der Klimawandel deutlich verlangsamt wird. Eine der großen Sorgen, die wir Wissenschaftler haben, ist die entscheidende Frage: ‚Wie lange wird die Biosphäre noch unser Freund sein?‘ – Es besteht die Gefahr, dass irgendwann in der Zukunft diese Bremse zu einem Gaspedal wird.“ (Aders 2018, ab Minute 30)

  • Dazu ist festzuhalten: Wir meißeln uns immer mehr die CO₂-Senken (=“CO₂-Speichergebiete“) weg: Regenwälder, allgemein Baumbestand, Moore, Weltmeere (s.o.),… []

Was passiert, wenn uns die Natur nicht länger „hilft“?

Quellen des Abschnitts Kipppunkte lösen Kipppunkte aus

>>Aders, Thomas (2018): „Klimafluch und Klimaflucht – Massenmigration – Die wahre Umweltkatastrophe“ [Prof. Dr. Yadvinder Malhi, Ecosystem Sciences, Oxford, im Gespräch], ARTE, 13.11.2018, online unter: https://www.dw.com/de/klimaflucht-die-wahre-umweltkatastrophe/av-48537071 (Abrufdatum 24.6.2019), ab Minute 30.



Nächster Abschnitt:



Was kann ICH tun?

Vorweg: Unhaltbarer Lebensstil in Deutschland


Klimakrise:

Wir sind Erde – und haben unseren Lebensstil grundlegend zu ändern. Zumindest, wenn wir die ganz große Katastrophe noch verhindern möchten.

Grundlegend: Es gibt kein Recht auf

  • Überfluss,
  • Recht auf Verschmutzung oder Umweltschädigung,
  • subventioniertes Fliegen und auch keines auf
  • billiges Tierquäl-Antibiotika-Resistenzen-erzeugendes minderwertiges Fleisch.

Und, jawohl, auch wenn es schmerzt:
Es gibt kein Recht auf FreieFahrtFürFreieBürger – es gibt lediglich ein Recht auf Teilhabe und allgemein gefasst auf Mobilität, um eben am sozialen Leben teilhaben zu können.

Problematisch ist, wie derzeit Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft i.d.R. gleichgesetzt bzw. als gleichbedeutend verstanden werden.

M.E. müssen wir den Überfluss, der uns nie zugestanden hat, loslassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

>> in diesem Sinne s.a. Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.

Der deutsche Kabarettist Hagen Rether bringt es gewohnt gekonnt auf den Punkt:

  • „Fleischessen und Urlaubsflüge haben doch nichts mehr mit persönlicher Freiheit zu tun. Wir dürfen nicht die Freiheit haben, die Welt zu ruinieren, Millionen Menschen verhungern zu lassen und 21 Hühner pro Quadratmeter zu halten. Hier geht’s längst nicht mehr um persönliche Freiheit. Hier geht’s um die Wurst. Das sind doch Straftaten. Das muss man per Gesetz regeln. Vernünftige Dinge machen die Menschen nicht freiwillig. Kein Mensch zahlt freiwillig Steuern, damit das Gemeinwesen erhalten bleibt.“

>> Quelle: Hagen Rether zitiert in: Bonner, Stefan u. Weiss, Anne (2017): Planet planlos. Sind wir zu doof die Welt zu retten? München: Knaur, S. 297.



Nächster Abschnitt:



11 Milliarden Menschen

Weltbevölkerungsentwicklung & Ernährung der Weltbevölkerung: Zwei gute Nachrichten inmitten der vielen schlechten.


Ein oft bemühtes, aber dennoch vollkommen falsches Man-kann-ohnehin-nichts-machen-Argument ist das von der angeblichen Bevölkerungsexplosion. Diese fällt aus.

Gute Nachricht:
Weltbevölkerungsentwicklung

Daten zur Weltbevölkerungsentwicklung, in Generationen gedacht:

  • 1924 1,9 Mia (1.931.439.861) (Geburtsjahr meines Opas)
  • 1950 2,5 Mia (2.525.149.312) (Geburtsjahr meiner Mutter)
  • 1971 3,8 Mia (3.757.734.668) (mein Geburtsjahr)
  • 1998 6,0 Mia (5.971.882.825) (Geburtsjahr der nächsten Generation)
  • Aktuell 7,63 Mia (Stand: 10-2018)
  • 2100 UN-Prognose ca. 11 Mia – „Die UN geht davon aus, dass sich die Weltbevölkerung im Jahr 2100 zwischen 10 und 12 Milliarden einpendeln wird.“

>> Quelle: Roser, Max et al. (2019): „World Population Growth“. in: Our World in Data.org, online unter: https://ourworldindata.org/uploads/2013/05/WorldPopulationAnnual12000years_interpolated_HYDEandUNto2015.csv (Abrufdatum 23.6.2019)
>> Quelle „einpendeln“: Rosling, Hans (2018): Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein. S. 106

Eine aktuelle UN-Studie prognostiziert „10,9 Milliarden Menschen im Jahr 2100.“

>> Quelle: Stöcker, Christian (2019): „Kampf gegen Klimakrise: Die Bevölkerungsexplosion fällt aus.“ in: Der Spiegel, 23.6.2019, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klimakrise-die-bevoelkerungsexplosion-faellt-aus-a-1273492.html (Abrufdatum 23.6.2019)

Das sind natürlich eine Menge Menschen, aber der entscheidende Punkt ist, dass die Kurve eben NICHT exponentiell nach oben zeigt, sondern sich mehr und mehr abflacht. Der Background:

Hans Rosling, Arzt und Experte für internationale Gesundheit, hebt hervor, bis etwa ins Jahr 2000 immer mehr junge Erwachsene (langsam aber sicher) immer weniger Kinder bekommen haben:

  • In der Vergangenheit war es so, dass immer größere Eltern-Generationen jeweils viele Kinder zur Welt brachten. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren es weltweit im Schnitt fünf Kinder pro Frau – aber: nach 1965 sank diese Zahl allmählich und überaus deutlich auf knapp 2,5 Kinder. Parallel dazu wurde die gesundheitliche Versorgung extrem verbessert, die Überlebensrate von Kindern stieg stark an – und die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben nahm stark ab.

„Die überwiegende Mehrheit der Milliarden Menschen, die ihre extreme Armut hinter sich lassen konnten, entschied sich dafür, weniger Kinder zu haben. Sie benötigten nicht mehr die Großfamilie und die Arbeitskraft zahlreicher Kinder, um die familiäre Landwirtschaft betreiben zu können. Und man brauchte auch keine kinderreiche Familie mehr, um sich gegen die Kindersterblichkeit abzusichern. Männer wie Frauen bekamen Zugang zu Bildung und begannen, besser ausgebildete und besser ernährte Kinder haben zu wollen, und weniger davon zu haben war die offensichtliche Lösung.“

>> Quelle: Rosling, Hans (2018): Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein. S. 107-108.

Stabiles Niveau der Weltbevölkerung = 2,1 Kinder pro Frau

>> Quelle: Stotz, Patrick (2019): „Globale Bevölkerungsentwicklung Ist die Welt bald zu voll?“. in: Spiegel, 13.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/warum-waechst-die-weltbevoelkerung-bei-sinkender-geburtenquote-a-1292974.html (Abrufdatum 14.11.2019)


Von Rosling stark vereinfacht (und hier nochmals simplifiziert) ausgedrückt, leben seit etwa dem Jahr 2000 stets zwei Milliarden Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren auf der Erde. Die UN prognostiziert, dass dies auch im Jahr 2100 so sein wird. Ergebnis: Die Zahl der Kinder steigt nicht mehr an.
Und das bedeutet etwas – vom Mechanismus her – sehr einfaches:

  • Nachdem einige Generationen lang mit jeder Generation mehr Menschen auf der Erde leben, weil eben jeweils erstmals eine 2-Milliarden-Generation die nächste Alterskohorte erreicht, nivelliert sich dies, wenn die erste 2-Milliarden-Generation aus dem Jahre 2000 die nunmehr älteste Kohorte darstellt, auf 10 Milliarden (5 15-Jahres-Generationen à 2 Milliarden Menschen).

Noch einmal anders ausgedrückt:
Fünf 15-Jahres-Generationen lang wird diese Zahl „2 Milliarden Menschen“ durch die (zuvor nur 1 Mia Menschen umfassenden) Altersklassen weitergereicht, sodass hiermit nach fünf Generationen – etwa im Jahre 2060 – ein Plateau erreicht wird.

  • Die UN rechnet damit, „dass die Lebenserwartung sich bis zum Jahr 2100 etwa um elf Jahre verlängert haben dürfte, wodurch bis etwa 2075 eine [weitere] Milliarde ältere Menschen hinzukommen…“ (Rosling 2018, 110) – sodass die Weltbevölkerung bei etwa 11 Milliarden Menschen plus/minus eine Milliarde eingepegelt ist.

„Es wird erwartet, dass der dramatische Rückgang an Geburten pro Frau sich fortsetzen wird, solange mehr Menschen aus der extremen Armut herausfinden und mehr Frauen zu Bildung, sexueller Aufklärung und Verhütungsmitteln bekommen. Drastische Maßnahmen sind nicht nötig…. [D]ie globale jährliche Anzahl an Geburten [hat] bereits aufgehört, weiter anzusteigen, was bedeutet, dass die Phase des schnellen Bevölkerungswachstums bald vorbei sein wird. Wir erreichen gerade ‚peak child‘, die maximale Kinderzahl.“

>> Quelle: Rosling, Hans (2018): Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein. S. 108-109

Das oft gehörte Argument und die dazugehörige Medienberichterstattung (die i.d.R. nicht durchschnittliche Geschichten, sondern die sensationelle Story sucht) zu besonders kinderreichen Gegenden bzw. der Verweigerung von Verhütungsmitteln aus religiösen Gründen bezeichnet Rosling als: Ausnahmen (vgl. ebd. 112f.).

In diesem Sinne verweist Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, darauf, dass

  • „Iran… den schnellsten Fertilitätsrückgang weltweit erlebt – von 6,5 auf 1,8 Kinder innerhalb einer Generation. Kluge Politik ist unabhängig von der Religionszugehörigkeit“.

>> Quelle und Zitat: Reiner Klingholz im Interview mit: Schmundt, Hilmar (2019): „‚Wir sind spät dran‘. Globalisierung: Der Demograf Reiner Klingholz erklärt, wie Afrika aus der Überbevölkerungsfalle entkommen kann – und welche Länder auf diesem Weg bereits erfolgreich sind.“. in: Der Spiegel, Nr. 24/8.6.2019, S. 113.

Im gleichen Zusammenhang weist Rosling darauf hin, dass das Überleben von Kindern durch bessere medizinische Versorgung zu weniger geborenen Kindern führt:

  • „Sobald die Eltern… sehen, dass die Kinder überleben, sobald die Kinder nicht mehr als Arbeitskräfte benötigt werden und sobald Frauen eine gewisse Bildung haben und über Verhütungsmittel Bescheid wissen und Zugang zu diesen haben, werden Männer und Frauen [wie bislang überall auf der Welt] Kultur- und Religions-übergreifend danach streben, weniger, aber dafür gut ausgebildete Kinder zu haben.“

>> Quelle: Rosling, Hans (2018): Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein. S. 115

Es kann sogar noch besser laufen für die Menschheit:

  • „Eine … Studie von KC und Lutz [aus dem Jahre 2014] schätzt, dass eine bessere Bildung zu einer Milliarde weniger Menschen im Jahr 2050 führen kann, als dies derzeit erwartet wird.“ 

>> Quelle und Zitat: Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus, S. 70-71.

Im Mai 2019 zitiert der Spiegel ein Buch von Darell Bricker und John Ibbitson namens „Empty Planet“ sowie eine weitere Studie, deren „Autorenliste … sich [liest] wie ein Who’s who der Demografenbranche. Beide Quellen kritisieren die UNO-Zahlen als deutlich zu hoch und klagen, dass die UNO dem Faktor Bildung eine zu geringe Berücksichtigung schenke und zudem übersehe, dass „[g]egen Mitte des Jahrhunderts… der [Bevölkerungs-]Schwund [analog zu den Industrienationen]… auch riesige Schwellenländer wie Chile, Indonesien oder Brasilien“ erfasst.

>> Quelle und Zitat: Schmundt, Hilmar (2019): „Leerer Planet“. in: Der Spiegel, Nr. 21/18.5.2019, S. 103

Einer der Autoren o.g. Studie, Demograf Lutz, geht von dem Weltbevölkerungsmaximum von neun Milliarden Menschen aus und erklärt:

  • „Das Gehirn ist das wichtigste Reproduktionsorgan… Schon wenig Bildung macht einen Unterschied. Wenn Frauen verstehen, dass Kinderkriegen nicht gottgegeben ist, sondern eine bewusste Entscheidung sein kann, ihre Entscheidung, bekommen sie automatisch weniger Kinder. je besser sie die sozialen und ökonomischen Kosten verstehen, die ein Kind mit sich bringt, desto strategischer planen sie. Teenager-.Schwangerschaft werden weniger, Frauen beginnen zu verhüten, und da sie ihrem Nachwichs die besten Chancen ermöglichen wollen, fördern sie lieber wenige Kinder viel als viele Kinder wenig.“

>> Quelle und Zitat: Berbner, Bastian (2019): „Mensch, wir werden weniger“. in: Die Zeit Nr 47/14.11.2019, S. 17.

Ein Geburten-reduzierender Faktor ist die Urbanisierung. Bezogen auf die Landflucht im Zeichen der Industrialisierung Europas aber auch auf die heutige Enbtwicklung hält Bastian Berbner in der Zeit fest:

  • „Auf dem Land waren Kinder hilfreich gewesen. Zwei Hände mehr zum Säen und Ernten. In der Stadt lebten viele Arbeiter in winzigen Wohnungen… Beim Geldverdienen konnten kinder kaum helfen, essen mussten sie aber trotzdem.“

Die Urbanisierung schreitet fort.

„Keine Region der Welt wird sich laut Prognosen der Vereinten Nationen schneller urbanisieren als Afrika.“

>> Quelle und Zitate: Berbner, Bastian (2019): „Mensch, wir werden weniger“. in: Die Zeit Nr 47/14.11.2019, S. 16.

Rosling, Hans (2014): „Will saving poor children lead to overpopulation?“ in: Gapminder Foundation, 20.1.2014, online unter https://youtu.be/BkSO9pOVpRM (Abrufdatum 15.11.2019)

Zurück zu Rosling, der wie oben ausgeführt zeigt, dass das Überleben von Kindern durch bessere medizinische Versorgung zu weniger geborenen Kindern führt. Darüber hinaus reduziert die Bewahrung von Leben sogar das Bevölkerungswachstum:

  • „Die einzige Methode, die sich bei der Reduzierung des Bevölkerungswachstums bewährt hat, besteht darin, extreme Armut zu beseitigen und den Menschen ein besseres Leben, einschließlich Zugang zu Bildung und Verhütungsmitteln, zu ermöglichen. Überall auf der Welt haben Eltern dann für sich selbst beschlossen, weniger Kinder zu bekommen. Aber dieser Wandel trat nie ein, wenn es nicht gelang, die Kindersterblichkeit zu senken.

>> Quelle: Rosling, Hans (2018): Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein. S. 115

Zusammengefasst:

  • Wer die Kindersterblichkeit senkt, „[w]er in Gesundheit, Bildung und Jobs investiert, wer darüber hinaus die Familienplanung unterstützt und sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt, kann gar nicht verhindern das der Wohlstand wächst und die Geburtenziffer sinkt.“

„Staatlicher Zwang [wie bei der Ein-Kind-Politik Chinas] ist weder erstrebenswert noch nötig.
Thailand hat den gleichen Geburtenrückgang wie China erlebt – ohne Zwangsmaßennahmen. In Thailand haben sich drei Instrumente bewährt…: Gesundheitsversorgung, Bildung und Jobs.“

>> Quelle und beide Zitate: Reiner Klingholz im Interview mit: Schmundt, Hilmar (2019): „‚Wir sind spät dran‘. Globalisierung: Der Demograf Reiner Klingholz erklärt, wie Afrika aus der Überbevölkerungsfalle entkommen kann – und welche Länder auf diesem Weg bereits erfolgreich sind.“. in: Der Spiegel, Nr. 24/8.6.2019, S. 112.

>> Anmerkung: Zu Zeiten der Ein-Kind-Politik hat die Chinesin Yanghua Wu vier Kinder bekommen, weil sie sie wollte. Weil sie sich seinerzeit der Zwangsabtreibung entzieht, „plündern [die Beamten]… das Haus …[,] zertrampeln die wenigen Besitztümer der Familie“ und belegen die Familie mit exorbitanten Geldstrafen und absurden Zahlungsfristen (24h), siehe: Jin, Justin (2018): „Eine Frau, vier Kinder. Ein Traum.“ in: Geo Perspektive 2018, S. 22ff.

So gelingt der sog. „demografische Übergang“:

  • „Der demografische Übergang ist die einzige Theorie, welche die sozio-ökonomische Entwicklung sämtlicher Länder weltweit erklärt – von Deutschland bis Dschibuti. Grob vereinfacht beschreibt das Modell die Entwicklung von einer bäuerlich geprägten Gesellschaft mit vielen Kindern und hoher Sterblichkeit zu einer Gesellschaft mit geringen Kinderzahlen, hoher Bildung, Wohlstand und hoher Lebenserwartung.“

>> Quelle und beide Zitate: Reiner Klingholz im Interview mit: Schmundt, Hilmar (2019): „‚Wir sind spät dran‘. Globalisierung: Der Demograf Reiner Klingholz erklärt, wie Afrika aus der Überbevölkerungsfalle entkommen kann – und welche Länder auf diesem Weg bereits erfolgreich sind.“. in: Der Spiegel, Nr. 24/8.6.2019, S. 113.

  • „In Südkorea kommen all die Effekte, die zu einem Rückgang der Bevölkerung führen, wie unter einem Brennglas zusammen. Bildungshunger. Aufstiegslust. Urbanisierung. Teure Wohnungen. Wohlstandsegoismus. Südkorea ist die extreme Ausprägung eines Effekts, der sich inzwischen fast überall auf der Welt zeigt.“

Interessanterweise funktioniert es i.d.R. nicht, die so geprägte Bevölkerung angesichts der drohenden Überalterung und Unterbevölkerung dazu zu bringen, wieder mehr Kinder zu bekommen. (vgl. Bsp. bei Berbner wie z.B. der „‚National Night’…, in der Paare [in Singapur] Sex haben sollen.“)

  • „‚Jetzt müsste sich das Land strategisch verkleinern‘, sagt … [der Demograf Lee Sang Lim]. ‚Aber das haben wir nicht gelernt…. Südkorea ist der Testballon fpr andere. Leider sieht es im Moment so aus, als werde er platzen.'“ Und: „Diese Gesellschaft wird zerstört werden.“

>> Quelle und Zitate: Berbner, Bastian (2019): „Mensch, wir werden weniger“. in: Die Zeit Nr 47/14.11.2019, S. 17.

  • „In einige Regionen wird es … noch [Bevölkerungs-]Wachstum geben, während die meisten Gesellschaften schon mit der Alterung kämpfen. Spätestens dann dürfte der Wettbewerb um Einwanderer einsetzen. Um die letzten jungen Leute. Sie werden aus Afrika kommen… – zumindest für einige Jahrzehnte. Bis auch Afrika schrumpft.“

>> Quelle und Zitate: Berbner, Bastian (2019): „Mensch, wir werden weniger“. in: Die Zeit Nr 47/14.11.2019, S. 17.


>> In anderen Worten beschreibt auch Patrick Stotz im Spiegel die hier skizzierte globale Bevökerungsentwicklung:

Stotz, Patrick (2019): „Globale Bevölkerungsentwicklung Ist die Welt bald zu voll?“. in: Spiegel, 13.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/warum-waechst-die-weltbevoelkerung-bei-sinkender-geburtenquote-a-1292974.html (Abrufdatum 14.11.2019)

Diese Rechnung funktioniert selbstredend nur, wenn künftig kein überbordenes Klimachaos entsteht und wenn allen Menschen neben o.g. Rahmenbedingungen weiterhin (noch mehr) moderne Verhütungsmittel zur Verfügung stehen:

  • Dies wird bedauerlicherweise derzeit von den USA sabotiert, die noch 2015 viertgrößter Geldgeber (75 Mio US-$) für UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, dessen Aufgabe es ist, „sicherzustellen, dass jede Schwangerschaft erwünscht ist, jede Geburt sicher und das Potenzial jedes Kindes erfüllt wird“, waren und 2017 unter Trump die Gelder komplett strichen.

>> Quelle n.n. (2017a): „USA stoppen Zahlungen an den Uno-Bevölkerungsfonds“. in: NZZ, 4.4.2017, online unter https://www.nzz.ch/international/usa-stoppen-zalungen-an-den-uno-bevoelkerungsfonds-ld.155227 (Abrufdatum 31.5.2019)
>> vgl. auch n.n. (2017b): „USA wollen Geld für den Weltbevölkerungsfonds streichen“. in: Die Welt, 4.4.2017, online unter: https://www.welt.de/newsticker/news1/article163393781/USA-wollen-Geld-fuer-den-Weltbevoelkerungsfonds-streichen.html (Abrufdatum 31.5.2019)

Wie dramatisch diese Kürzung ist, verdeutlicht dieses Statement:

  • „Meeting the unmet need for modern contraception of women aged 15 – 19 would reduce unintended pregnancies among this age-group by 6.0 million annually. That would mean averting 2.1 million unplanned births, 3.2 million abortions and 5.600 maternal deaths.“

>> Quelle und Zitat: Darooch, Jacqueline et al. (2017): „Adding it up: Costs and Benefits of Meeting the Contraceptive Needs of Adolescents“. Guttmacher Institute.

Bevölkerungsentwicklung und Klimakrise

Abschließend ist noch zu betonen, dass die Geburtenrate im Südsudan nicht das Grundproblem unserer Welt ist. Franziska Bulban fasst das treffend wie folgt zusammen:

  • „[D]ie Tatsache, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, kann man nicht Menschen in Südsudan unterschieben.
    • Wenn wir alle wie sie lebten, kämen wir mit unseren Ressourcen aus … – hätten aber auch oftmals keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Elektrizität oder Bildung.
    • Wenn hingegen alle auf der Welt ungefähr so lebten wie Menschen in Deutschland, wäre es um die Welt schlechter bestellt. Mit meinem Verbrauch (mittelgroße Wohnung in Hamburg, Fahrrad, eine große Urlaubsreise pro Jahr und etwa vier paar Schuhe) bräuchte es beispielsweise schon drei Erden…
  • Wenn es also darum geht, die Zahl an Menschen zu reduzieren, um den Planeten zu retten, dann hätten weniger Menschen in Industrienationen den größten Einfluss auf die Rettung der Welt.“

>> Quelle und Zitat: Bulban, Franziska (2019): „Überbevölkerung: Was Rassismus, Sexismus und die Klimakrise mit dem Wort zu tun haben“. in: bento – das junge Magazin vom Spiegel, 14.11.2019, online unter https://www.bento.de/politik/ueberbevoelkerung-was-rassismus-sexismus-und-die-klimakrise-damit-zu-tun-haben-a-9b911d60-d6ff-4dfc-a807-398e6aab61d7#refsponi (Abrufdatum 15.11.2019)

Im Gleichklang damit konstatiert auch Bastian Berbner:

  • „Sollte die Welt daran scheitern, den Klimawandel zu stoppen, dann wird das nicht an den zusätzlichen menschen im Niger liegen, sondern daran, dass die Industrieländer es nicht schaffen, rechtzeitig ihre Emissionen zu senken.“

>> Quelle und Zitat: Berbner, Bastian (2019): „Mensch, wir werden weniger“. in: Die Zeit Nr 47/14.11.2019, S. 16.


Eine zweite gute Nachricht:
Ernährung der Weltbevölkerung

Auch die prognostizierten 11 Milliarden Menschen können dauerhaft (und zwar selbstverständlich besser und zuverlässiger als aktuell) und ohne Klimaschaden ernährt werden, indem der Fokus auf pflanzliche Ernährung gelegt wird. Das ergibt sich ganz simpel aus der Tatsache, dass zurzeit extrem große Ackerflächen für Massentierhaltung und die entsprechende Tiernahrung genutzt werden.

vgl. Film-Doku Anderson, Kip u. Kuhn, Keegan (2015): Cowspiracy bzw. die dazugehörige Website http://www.cowspiracy.com/facts (Abrufdatum 23.6.2019), Zitate der genannten Webpage:

>> „15x more protein on any given area of land with plants, rather than cows.“

>> „1.5 acres can produce 37,000 pounds of plant-based food.“
>> „1.5 acres can produce 375 pounds of beef.“

Die 2016er Studie Human appropriation of land for food: The role of diet stellt im Gleichklang mit obigen Zahlen heraus, dass nur die Hälfte der aktuellen Felder benötigt würden, wenn alle Menschen sich so ernähren würden wie die Bürger*innen Indiens – und nahezu die dreifache Menge an Feldern, wenn die Menschheit die Essgewohntheiten der US-Amerikaner*innen übernehmen würden.

>> Quelle: Alexander, Peter et al. (2016): Human appropriation of land for food: The role of diet, online unter https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0959378016302370 (Abrufdatum 10.8.2019)
>> vgl. auch Mast, Maria (2019): „Sonderbericht zum Klimawandel: So geht es nicht weiter“. in: Die Zeit, 8.8.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-08/sonderbericht-klimawandel-ipcc-landflaechen-nutzung-nachhaltigkeit (Abrufdatum 10.8.2019) [Diese Studie wurden in den IPCC-Sonderbericht Climate Change and Land vom August 2019 aufgenommen, siehe: https://www.ipcc.ch/report/srccl/ (Abrufdatum 10.8.2019).]

„Schon heute wird genug Nahrung für elf Milliarden Menschen produziert.“

>> Quelle und Zitat: Berbner, Bastian (2019): „Mensch, wir werden weniger“. in: Die Zeit Nr 47/14.11.2019, S. 16.

Es ist ein Verteilungsproblem, kein Mengen-Problem. Umso absurder ist:

Und so viele Menschen zu ernähren, geht – anders als Agrarlobbyisten es predigen, weil es ihr Job ist – hervorragend ohne westlich-industrielle Landwirtschaft und Gentechnik. Das muss auch so sein, denn – abgesehen von CO₂-Emissionen – industrielle Landwirtschaft laugt die Böden aus, der Einsatz von Kunstdünger bzw. Fäkalien verunreinigt das Trinkwasser mit Nitrat.

vgl. zu „Nitrat & Massentierhaltung“ vgl. Asendorpf, Dirk (2018): „Der globale Acker“ Aus der Reihe: „Unser künftig Brot (6/10)“. in: SWR2 Wissen Spezial, 23.6.2018, online unter:
> https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/der-globale-acker/-/id=660374/did=21646584/nid=660374/lf3t41/index.html (Sendungsseite)
> https://avdlswr-a.akamaihd.net/swr/swr2/wissen/sendungen/2018/06/swr2-wissen-spezial-20180623-der-globale-acker-unser-kuenftig-brot-610.m.mp3 (Sendung als Audio)
> https://www.swr.de/-/id=21646586/property=download/nid=660374/az4k7x/swr2-wissen-20180623.pdf (Sendemanuskript) (Abrufdatum 23.6.2019)

Zu dem Aspekt „industrielle Landwirtschaft löst das Problem nicht“ siehe Film-Doku Laurent, Melanie u. Dion, Cyril: Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen. (2016). Hier heißt es:

„Im Moment ernähren Kleinbauern mit Familienbetrieben die Welt.

Äußerst produktive Kleinstbetriebe liefern weltweit den Hauptanteil der Nahrung. Von industriellen Betrieben kommt nur ein Bruchteil. Was die Produktion angeht, sind industrielle Betriebe total ineffizient. Sie sind gut darin, Geld zu machen. Und schlechten darin, Nahrung anzubauen. Wenn die Leute selbst das Land besitzen, produzieren sie viel mehr.“

  • „Es stimmt nicht, dass nur industrielle Landwirtschaft die Welt ernähren kann. … Es ist ein Märchen, das uns die Chemieindustrie, die Hersteller landwirtschaftlicher Geräte und die Banken erzählen müssen, damit sie selbst überleben. Aber es ist nicht wahr. Es ist gelogen.“

>> Quelle: Nick Green, PhD Biochemie, Spezialist für Agrarökologie in
Laurent, Melanie u. Dion, Cyril: Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen. 2016, ab Min 19:36

Hilfreich wäre es indes, die Ozeane am Leben zu lassen – möglichst mit Fischen darin:

„Das Meer ist noch immer die größte Nahrungsquelle der Welt, auf die mehr als eine Milliarde Menschen direkt angewiesen sind.“

>> Quelle: Jarchau, Peter et al. (2019): „Nahrungsquelle Meer“. in: Bundeszentrale für politische Bildung, online unter http://www.bpb.de/apuz/32214/nahrungsquelle-meer?p=all (Abrufdatum 24.6.2019)

Ohne Fisch wird’s düster.



Nächster Abschnitt:



Politik für Enkel*innen


Sandkastenspiele adé:

Politik trägt Verantwortung. Wir brauchen eine Politik, die uns vor uns selber schützt.

Wo man auch hinschaut:
Inmitten der Klimakrise geht es zu wie im Sandkasten:

Jeder zeigt mit dem Finger auf „die Anderen“. Politik >> Bürger >> Wirtschaft >> Andere Länder…
… und dann Rolle rückwärts und das Ganze noch einmal:
„Sollen die doch Anderen anfangen…“

Das ist eine: Abwärtsspirale ins Aus.

1) Sandkastenspiele im politischen Kindergarten Deutschland

Politik schiebt Verantwortung an Bürger*innen ab. Hier macht sie sich zum Komplizen von Lobbyisten, die auf gleiche Weise argumentieren.

… nämlich in etwa so:

  • „Zucker in unseren Produkten ist nicht das Problem. Wer als mündiger, freier Bürger zu viel von unseren Produkten isst, handelt unverantwortlich. Es ist auch schädlich zu viele Äpfel zu essen.“
  • „Billiges Fleisch gibt es, weil Bürger*innen es kaufen und es somit gewollt ist – wir Politiker*inen können nur an die Vernunft der Bürger*innen appellieren.“ Blablabla.

vgl. LLL-Beitrag „Ich brauch das alles nicht. Heute: Lobbyismus„.

Politik und Industrie suggerieren, es wäre ein Problem, das wir als „mündige Bürger*innen“ und Individuen verantworten und lösen könnten. Die Politik entlastet sich, indem sie die Verantwortung auf die Bürger*innen überträgt:

  • „Wir können nicht gegen die Bürger*innen regieren“ heißt es da – und es ist viel von der Freiheit, individuellen Kauf-/Konsumentscheidungen und von Bildung die Rede…

Mit anderen Worten: Demokratie bedeutet in Deutschland, dass man sich sich totrauchen, tottrinken und krankessen darf – und sicher noch einiges mehr. Natürlich gibt es Eigenverantwortung. Das rechtfertigt aber keine Plakatwerbung für Dinge, die erwiesenermaßen Krebs oder Leberzirrhose verursachen – und auch keine definitiv schädlichen Nahrungsmittel, die nur dann einigermaßen in Ordnung sind, wenn man sie nur selten konsumiert – wovon aber die Branche gar nicht leben könnte.

Selbstverständlich sollten wir Bürger*innen uns eigenverantwortlich – und nicht wie Idioten aufführen, nur weil irgendwas erlaubt und legal ist.

Aber generell ist diese Ansicht von Politiker*innen einfach Bullshit. Und bequem. verlogen. Lobbyisten-freundlich. gesundheitsschädlich. umweltschädlich. Und im Falle der Klimakrise: gemeingefährlich.

Politik ist dafür da, den Bürger*innen den gesetzlichen Rahmen zu bieten, der ein zukunftsfähiges Zusammenleben möglich macht.
Und wenn sie, die Politik, sich dafür mit den Bürger*innen anlegen muss, dann ist genau das ihr Job.

Helmut Schmidt hat auch nicht jeden Bürger einzeln befragt, ob er dem Nato-Doppelbeschluss zustimmen soll. Eine Regierung hat zu regieren und nicht zu reagieren:

Das ist ein entscheidendes Missverständnis von Politik der letzten 30 Jahre.

Frage: Individuelles Handeln rettet nicht die Welt – wie also verhalten?

Antwort: Die Wahrheit liegt wie so oft, in der Mitte: Es geht darum…

…das eine zu tun, ohne das andere sein zu lassen.

„Es geht darum, sich nicht wie ein Arsch zu verhalten und gleichzeitig der Politik in denselben zu treten.“

Marc Pendzich zugeschrieben, 2019


Vornehmer ausgedrückt:

Wir brauchen, wie beim Rauchverbot, bei der Anschnallpflicht und dem weltweiten FCKW-Verbot eine Politik, die uns in der Klimakrise vor uns selber schützt.

Der nachstehende Abschnitt ist bis „2) Sandkastenspiele“ ‚under construction‘

  • In Wirklichkeit geht es nur darum, dass wir alle keine Lust haben als vermeintlich „einzige(r)“ der Dumme zu sein, der das Fliegen unterlässt, keinen SUV kauft, nachhaltig einkauft etc pp.
  • Wenn aber der Nachbar sich gleichartig zu verhalten hat, dann ist es plötzlich ok.
  • Menschen sind merkwürdig in diesem Punkt – aber so ist es.
  • Besser wir beziehen die Psyche des Menschen, seine Funktionsweise, mit ein in unsere Erwägungen, wie Entscheidungen fallen sollten. []

Und eine Politik, die Zukunftsorientierung bietet, die ein Narrativ entwickelt, wie es weitergehen kann und soll, kann durchaus auf Unterstützung der Bürger*innen setzen.

„Nach den zwei drängendsten Herausforderungen gefragt, [zählen laut der Studie ‚Umweltbewusstsein in Deutschland 2016‘ des Umweltministeriums] [f]ür jede und jeden Fünften in Deutschland zählen Umwelt- und Klimaschutz zu den wichtigsten Problemen, denen sich unser Land derzeit gegenübersieht“.

Konkret steht das Thema nach den beiden Überthemen „Migration“ (2016!) und „Kriminalität/Sicherheit“ an dritter Stelle teilweise sehr weit vor den anderen „Klassikern“ wie soziale Gerechtigkeit, Wirtschaft, Rente, Arbeitsmarkt und Bildung.

>> Quelle: n.n. (2018): „Umweltbewusstsein in Deutschland: Umwelt- und Klimaschutz als Erfolgsfaktor für andere Politikfelder“. in: Umweltbundesamt, 5.12.2018, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/2378/bilder/umweltschutz_wichtiges_problem.jpg (Graphik) u. https://www.umweltbundesamt.de/themen/nachhaltigkeit-strategien-internationales/gesellschaft-erfolgreich-veraendern/umweltbewusstsein-in-deutschland (Webpage) (Abrufdatum 21.7.2019)

Das UBA hebt explizit hervor:

  • Auch in Krisenzeiten bleibt das Umweltbewusstsein stabil im Mittelfeld der Problemwahrnehmung.

Geht es wirklich um die Vermeidung jeglicher Verbote? Oder geht es nicht doch eher um Gerechtigkeit? M.E. wissen wir alle (mindestens intuitiv), dass es mit dem HöherSchnellerWeiter nicht so weiter gehen kann.

In Wirklichkeit geht es weniger Vermeidung von vor allem darum, dass wir alle keine Lust haben als vermeintlich „einzige(r)“ der Dumme zu sein, der das Fliegen unterlässt, keinen SUV kauft, nachhaltig einkauft etc pp.

  • „Wenn es um nachhaltiges Verhalten gehe, zeige der typische Deutsche dabei eine klare Tendenz, sagt [der Psychologe Stephan] Grünewald. ‚Die Menschen befinden sich in einem Konflikt: Sie wollen die Umwelt schonen, aber Plastiktüten sind ja so praktisch.‘ Am einfachsten ließe sich dieser innere Zwist auflösen, indem sie zu Verhaltensänderungen gezwungen würden. ‚Und deshalb wünschen die Menschen Verbote, damit sie sich nicht selbst disziplinieren müssen.“

>> Quelle und Zitat: Hage, Simon et. Al. (2019): „Die Weltverbesserer. Nachhaltigkeit: Viele Deutsche versuchen, den Klimawandel zu bremsen. Sie kaufen bewusster ein, fahren mehr Rad, reduzieren Müll. Allein können sie das Problem nicht lösen – aber sie zwingen Politik und Wirtschaft zum Handeln.“ In: Der Spiegel Nr. 29/13.7.2019, S. 17.

  • „Die Naturbewusstseinsstudie der Bundesregierung hat ermittelt, das sich eine überwältigende Mehrheit der Bundesbürger strengere Regeln und Gesetz für die Landwirtschaft wünscht.“
    Kopatz 91 (vgl. Bundesamt für Naturschutz (2016): Naturbewusstseinsstudie 2015. Bonn [Thema: Niemand will der Dumme sein, Hauptsache, es gilt für alle, so sehen das auch Unternehmen]

„Bei jungen Menschen zwischen 14 und 17 Jahren sind sogar mehr als 90 Prozent dafür die Städte für Fußgänger, Radfahrer und den Nahverkehr umzugestalten.“

>> vgl. Umweltbundesamt (2015): Umweltbewusstsein in Deutschland 2014. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Berlin, 237.



2) Sandkastenspiele im politischen Kindergarten „Welt“

Was im Spiel zwischen Bürger*innen und Politik innerhalb eines Staates im kleinen Maßstab gilt, gilt exakt auf die gleiche Weise auch im großen Maßstab für das Verhältnis und die Umgehensweise der Staaten untereinander.

Auch hier kann man nicht warten, bis der letzte Staat im Sandkasten „Erde“ konstruktiv „mitspielt“.

Einfach anfangen und davon ausgehen, dass die anderen dazu kommen und irgendwann die Frage stellen: „Darf ich mitspielen?“

Und wer hat in diesem Fall die Regeln bestimmt?



Nächstes Kapitel:



Politik für Enkel*innen:

Glaubenssätze dechiffriert: Von „Wachstumszwängen“ und anderen Glaubenssätzen.

Wir alle haben unsere Unschärfen und haben Dinge qua Erziehung, Sozialisation, Gesellschaft und Medien ohne sie zu hinterfragen übernommen – und diese sind als Glaubenssätze tief in unserem Hirn eingefräst. Das macht diese so verankerten Dinge aber nicht notwendig wahr und richtig.

  • Wachstum – ein Naturgesetz? Du kannst es Dir eine Welt nicht ohne Wachstum vorstellen? Bedeutet das automatisch, dass Wachstum per se (immer) richtig ist?
  • Und Kuchen ohne Eier geht nicht? Oops, Du bist nicht auf dem neuesten Stand. Das geht. Sehr gut.
  • Du kannst ohne Fleisch nicht leben? Nur weil Du es seit Deiner Kindheit nicht anders kennst, ist das so? – Kann es sein, dass Du nur nicht über den Tellerrand Deiner Gewohnheiten schauen magst? Ist eine solche gedankliche Unflexibilität nicht eher ein wenig peinlich?
  • Ein Leben ohne Auto ist für Dich StädterIn nicht vorstellbar? Schau Dir die jungen Stadtbewohner*innen an – für die ist ein eigenes Auto ein Klotz am Bein – „Zugang statt Besitz“ lautet die Formel – und schon ist man ein aufmerksamkeitsintensives Ding los, das 23 Stunden ungenutzt vor der Tür steht.


Aber kommen wir noch einmal konkret zum stärksten Glaubenssatz unserer Zeit: Zur Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang.

Interessanterweise entlarven Kinder „ewiges Wachstum“ meistens sofort als „Quatsch mit Soße“ – Erwachsene brauchen da sehr viel länger, dabei hat es der US-amerikanische Ökonom Kenneth E. Boulding schon vor Jahrzehnten auf den Punkt gebracht:

Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.

Kenneth E. Boulding (1910-1993), US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler (“Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist.”)

Fassen wir das doch einfach ganz prinzipiell in einen Dreisatz:

  1. Wir haben endliche Ressourcen auf der Welt, die sich nur über lange Zeiträume langsam – und nur teilweise regenerieren.
  2. Wachstum basiert auf Ressourcen. Nicht nur auf physischen Ressourcen, aber definitiv zu einem guten Teil auf physischen Ressourcen.
  3. Daher ist ein weitgehend von Ressourcen entkoppeltes Wachstum – auch wenn Herr Lindner das anders sieht – am Ende des Tages aufs Ganze gesehen nicht möglich.

Moderner – und beeindruckend einfach – drückt sich hier der Club of Rome aus:

„Dass die Wirtschaft ein Subsystem der Ökosphäre ist, scheint zu offensichtlich, um es extra zu betonen.“

>> Quelle und Zitat: Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus, S. 110.

Im Sinne der Climate Justice ist noch in vielen Regionen des globalen Südens Wachstum notwendig, damit die dortigen Menschen ein menschenwürdiges Leben erlangen können.


Aber hier in Deutschland?

  • „Die Menschheit steht vor nichts anderem als der Schaffung eines neuen Denken und einer neuen Philosophie, da die alte Wachstumsphilosophie nachweislich falsch ist.

  • Es müssen zwei unterschiedliche Entkopplungsaufgaben verfolgt werden: Entkopplung der Produktion von Naturverbrauch… und Entkopplung der Zufriedenheit der menschlichen Bedürfnisse vom Imperativ zu immer mehr Konsum.“

>> Quelle und Zitat: Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus, S. 121. (bezieht sich auf Maja Göpel (2016): The Great Mindsgift. Berlin: Springer, 20-21)


Individuell:
Mal ernsthaft, was brauchen wir wirklich um ein gutes Leben zu führen? Wie viel brauchen wir von dem Mist der in unseren Wohnungen und Kellern vor sich hinvegetiert? Wie viele Dinge schaffen wir an, weil andere sie haben, weil es zum guten Ton gehört, weil wir mithalten wollen? Was sind diese Dinge am Ende – am Ende Deines Lebens – wert?


Gesellschaftlich:
Denken wir den Bauboom, den Flächenverbrauch durch Neubausiedlungen, die Trinkwasserverseuchung durch Export-orientierte Massentierhaltung, die immer noch zunehmenden Autozulassungen – den vermeintlichen „Wachstumszwang“ pro Jahr mal zu Ende – konsequent: Dann wäre Deutschland irgendwann eine einzige zergesiedelte versiegelte (=zuasphaltierte) Stadt im Dauerstau, unterbrochen nur von Massentierställen ohne sauberes Trinkwasser.

>> vgl. zum sog. „Wachstumszwang“ die Film-Doku System Error – wie endet der Kapitalismus? von Florian Opitz, 2018.
Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt? Geht nicht. Doch quasi alle für den Film interviewten Menschen aus Wirtschaft und Politik klammern sich an das Glaubensbekenntnis vom Wachstum. Rational ist das nicht zu erklären. [Website zum Film]

Noch einmal zum Thema „Wachstum und Climate Justice“:

  • Dem globalen Süden und „Afrika Entwicklungschancen einzuräumen heißt, dass sich die Industrie- und Schwellenländer noch viel mehr um Ressourcensparsamkeit kümmern müssen.“

>> Quelle und Zitat: Reiner Klingholz im Interview mit: Schmundt, Hilmar (2019): „‚Wir sind spät dran‘. Globalisierung: Der Demograf Reiner Klingholz erklärt, wie Afrika aus der Überbevölkerungsfalle entkommen kann – und welche Länder auf diesem Weg bereits erfolgreich sind“. in: Der Spiegel, Nr. 24/8.6.2019, S. 113.

Im gleichen Atemzug ist ebenfalls darauf zu verweisen: Die Industrieländer müssen sich viel mehr um ihre CO2-Einsparung kümmern, um dem globalen Süden Chancen zu eröffnen und Wachstum zu ermöglichen – in eigenen Interesse.


Im Namen der Freiheit brauchen wir: Grenzen.

Kinder brauchen Grenzen. | Erwachsene „Kinder“ brauchen Grenzen. | Erwachsene brauchen Grenzen. | Gesellschaften brauchen Grenzen. | Wirtschaft braucht Grenzen. | Die Natur setzt Grenzen. | Die wir ignorieren können, bis zu einem gewissen Grad. | Doch irgendwann meldet sich die Natur lauter und lauter. | Und irgendwann wird sie ggf. die sich schlecht benehmenden „Gäste des Planeten“ einfach rausschmeißen.

>> Anmerkung: Den Gedanken, dass wir Teil der Erde und alles andere als Herrschende sind – Gäste sind – nimmt auch Naomi Klein in ihrer Film-Doku explizit auf:
Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.

Das Schlusswort dieses Abschnitts überlasse ich gern den Ausführungen des Club of Rome:

  • „Im Angesicht der grausigen Gefahren ist es einfach nicht akzeptabel, dass Selbstsucht und Gier weiterhin positive soziale Wertschätzung als angebliche Triebkräfte des Fortschritts genießen. Fortschritt kann sehr wohl auch in einer Zivilisation gedeihen, die Solidarität, Demut und Respekt für Mutter Erde und künftige Generationen verlangt.“

>> Quelle und Zitat: Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus, S. 132.



Nächster Abschnitt:



Was kann ich tun?

Was kann ich tun? – Haltung!

Macht’s wie wir: Werdet erwachsen“ (frei nach: Fridays for Future)

Missionieren funktioniert nicht – das mündet eher in eine Verweigerungshaltung des Gegenüber und reduziert vor allem eines: den Freundeskreis.

Aber:

Wir können mit gutem Beispiel vorangehen – und uns nicht mehr darum kümmern, was die anderen lassen oder tun: Das Prinzip „Ich geh‘ schon mal voraus“.


Dazu ist etwas vollkommen Unmodisches erforderlich: Haltung.

„Sei du selbst die Veränderung, die Du Dir wünscht für diese Welt.“

Mahatma Gandhi zugeschrieben
  • Natürlich ist es ein riesiger Unterschied, ob ich beim Institut mit dem Porsche oder mit dem Fahrrad vorfahre, ob ich auf meinem Dozentenpult eine Plastikflasche mit Wasser hinstelle oder eine jahrelang verwendbare Edelstahl-Trinkflasche. Gerade wenn wir irgendwo im Fokus des Interesses stehen – und da reicht schon ein Vortrag – schauen die Menschen genau hin.
  • Selbstverständlich ist es ein riesiger Unterschied, ob ich mit meinem Bali-Urlaub angebe oder von meiner Harz-Trekkingtour erzähle.
    • In diesem Sinne auch Der Spiegel:
      • „Wenn niemand mehr Bewunderung dafür erntet, dass er mit dem Auto in unter fünf Stunden von Berlin nach München geheizt ist, sondern nur noch die irritierte Nachfrage hört, warum er nicht gleich den Zug genommen hat, dann kann den Verbrennungsmotor auch kein CSU-Verkehrsminister mehr retten. Wenn man die Bilder von der luxuriösen Fernreise keinem mehr zeigen mag, weil es peinlich geworden ist, mit seinem persönlichen Beitrag zur Klimakatastrophe auch noch zu protzen, dann wirkt das stärker als jede Erhöhung der Flugpreise.“

>> Quelle: Kuzmany, Stefan (2019): „Angst vor den Grünen. Die wollen uns ja alles verbieten“. in: Der Spiegel, 17.6.2019, online unter: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/angst-vor-den-gruenen-alles-verboten-kolumne-a-1272839.html (Abrufdatum 20.6.2019)

  • Solche Dinge mögen im Weltmaßstab und auch hinsichtlich des CO₂-Austoßes von marginaler Bedeutung sein, aber sie fördern das eigene Bewusstsein. Und: Wir speichern – wenn wir aktiv Dinge tun – die Dinge im Kopf leichter ab, die wir uns ohne praktische Anwendung nur schwer merken können, sodass wir an uns selbst wachsen und auf dieser neuen Basis weiter voranschreiten können auf unserem Weg.
  • Unser Verhalten färbt auf unser Umfeld ab. So wie die Wahrscheinlichkeit dick zu werden größer ist, wenn sich im Freundeskreis Menschen mit entsprechenden Körpermaßen befinden, so gilt das auch für anderes Verhalten: Besitzen wir ein Auto, und wenn ja: Was für eins? Wie oft kaufen wir ein Neues? Unser Reiseverhalten, unser Essverhalten, die Art uns zu kleiden – alles wird latent von unserem Umfeld beeinflusst und inspiriert.

>> Quelle „dicke Freunde“: n.n. (2007): „Übergewicht Dicke Freunde machen dick“. in: Der Tagesspiegel, 26.7.2007, online unter https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/uebergewicht-dicke-freunde-machen-dick/997102.html (Abrufdatum 23.6.2019)

  • Jetzt kommt’s: Das funktioniert auch umgekehrt: Wenn wir bewusst kein Auto haben, nicht fliegen, VegetarierIn sind etc. pp – dann bekommt das unser Umfeld mit (obwohl wir damit nicht hausieren gehen, ergo: nicht missionieren!), stellt Fragen, kommt manchmal ins Nachdenken, beobachtet, ob auch andere Menschen des Umfeldes ähnlich wie wir agieren…

  • Und noch eins: Wir rechtfertigen uns alle gegenseitig. Das wird immer dann augenfällig, wenn man als Einzelperson den stillschweigenden Konsens aufkündigt – z.B., in dem man nicht mit Sekt auf den Geburtstag xy anstoßen möchte. Die Reaktionen sind voraussehbar: Frauen wird unterstellt, dass sie schwanger sind (ich kann es nicht mehr hören), es ertönt unvermeidlich „ach komm ein Schluck geht doch“ und bla-bla-bla.
    Eigentlich geht es darum, dass die/der andere ein leises schlechtes Gewissen hat – spätestens, wenn es darum geht, dass Person X kein Fleisch isst, kann es am Grill sogar zu aggressiven Reaktionen kommen, obwohl die/der VegetarierIn nichts weiter möchte, als ihre/seine Veggie-Bratwurst nicht unter die anderen gemischt zu sehen…
    Wenn nun im Freundeskreis weitere Menschen keinen Sekt wollen, nicht fliegen, kein Fleisch essen – aber zu Demos gehen, das Fahrrad nehmen, das Auto abschaffen, die Bahn nehmen, an die Nordsee statt in die Südsee reisen – dann wird dieses etablierte Rechtfertigungsschema schwieriger.
    Egal, um welches Thema es geht: Anecken ist wichtig! Reibungslosigkeit aufkündigen!


Jeder kann etwas tun, jede Handlung färbt ab. Nicht 1:1 – und selbst wenn der Freundeskreis immun sein sollte – das eigene Bewusstsein für die Dinge nimmt zu. Und vielleicht braucht man auch mal neue Leute um sich?


Das gleiche gilt für das Einkaufsverhalten. Selbstverständlich ist jede (Nicht-)Kaufentscheidung eine Abstimmung an der Ladenkasse.
Und auch hier gilt: Natürlich erzähle ich im Freundeskreis, dass wir Palmöl mittlerweile komplett aus unserer Wohnung verbannt haben und Nestlé von uns keinen Cent erhält.


Aber es gilt – wie erwähnt – auch: Die Forderung nach einer reinen Individualisierung der Klimakrise ist ein Ablenkungsmanöver der CDUcsuSPDfdp-Politik und der Industrie samt ihrer „Green Washing“-Produkte.

Deren Aufforderung:
„Kauf nachhaltige Produkte und die Welt wird gerettet sein und Du kannst weiter unbesorgt shoppen“ ist: Schwachsinn.

  • Was ich hier bezogen auf individuelles Handeln schildere, rettet definitiv nicht die Welt und kann so verstanden sehr frustrierend sein.

Es geht vielmehr darum, durch eigenes Alltagshandeln Bewusstsein für sich und sein Umfeld zu schaffen, wach zu werden, proaktiv in die Welt hineinzugehen, an sich selbst zu glauben, die negative gegenseitige Negativ-Rechtfertigung und Reibungslosigkeit zu durchbrechen, um auf dieser Basis eben ins Gespräch zu kommen, miteinander zu diskutieren, zu Demos zu gehen, Podiumsdiskussionen zu besuchen, Mitglied einer Umweltschutzorganisation zu werden, politisch aktiv zu werden, in einer NGO mit zu arbeiten…

>> siehe dazu auch: Kuzmany, Stefan (2019): „Angst vor den Grünen. Die wollen uns ja alles verbieten“. in: Der Spiegel, 17.6.2019, online unter: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/angst-vor-den-gruenen-alles-verboten-kolumne-a-1272839.html (Abrufdatum 20.6.2019)

>> vgl. auch LLL-Beitrag: Unser Beziehungsstatus mit dem Klimakrise: „Es ist kompliziert.“



Nächster Abschnitt:



Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase

Naturgesetze, unumstößlich.

Treibhausgase:
Kohlendioxid (CO₂) | Methan (CH₄) | Lachgas (=Distickstoffoxid / N₂O) | „halogenierte Treibhausgase“ (inkl. FCKW)

Meist wird nur von Kohlendioxid CO₂ bzw. CO₂e gesprochen, wenn wir von klimaschädigenden Emissionen reden.
Das „e“ hinter CO₂ steht für „Äquivalente“: Zur Vereinfachung werden die anderen Treibhausgase wie Methan und Lachgas i.d.R. nicht gesondert aufgeführt, sondern auf Basis ihrer bekannten Klimawirkung in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet.

  • Treibhausgase sind nicht per se etwas Schlechtes:
    • „Ohne Treibhausgase würde die von der Erde emittierte Strahlung zum Großteil ungehindert zurück ins Weltall strahlen. Das Leben hier wäre ziemlich ungemütlich und kalt… Weil es Treibhausgase [grundsätzlich] gibt, es die Erdatmosphäre um 30 Grad wärmer, als sie es ohne Kohlendioxid, Wasserstoff und Methan wäre.“

      (Da bleibt die Frage, wie die Evolution ohne Treibhausgase verlaufen wäre.)

>> Quelle und Zitat: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 28.

Anteile der Treibhausgase zum weltweiten Treibhauseffekt:
CO₂ 66% | Methan (CH₄) 17% | Lachgas (N₂O) 6% | halogenierte Treibhausgase 11%

>> Quelle: n.n. (2019): „Atmosphärische Treibhausgas-Konzentrationen“. in: Umweltbundesamt, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/atmosphaerische-treibhausgas-konzentrationen#textpart-1 (Abrufdatum 19.6.2019)

Durchschnittliche Verweildauer von Emissionen in der Atmosphäre – Klimawirksamkeit des Gases in Relation zu CO₂:

  • CO₂ variabel – bis zu 1.000.000 Jahre (vgl. Nelles/Serrer 2018, 36)
  • Methan ca. 12,4 Jahre | 25x so klimawirksam (=klimaschädigend) wie CO₂*.
    • „Methan entsteht immer dort, wo organisches Material unter Luftausschluss abgebaut [zersetzt] wird. In Deutschland vor allem in der Land- und Forstwirtschaft, insbesondere bei der Massentierhaltung. Eine weitere Quelle sind Klärwerke und Mülldeponien.“

>> vgl. auch Dambeck, Thorsten (2019): „Klimawandel: Methan – die unterschätzte Gefahr“. in: Die Zeit, 6.6.2019, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klimawandel-methan-die-unterschaetzte-gefahr-a-1271189.html (Abrufdatum 7.6.2019)

  • Halogenierte Treibhausgase (Halone), darunter als Untergruppe:
    • FCKW, mehrere chemische Verbindungen, die beiden wichtigsten: CFC-11 45 Jahre bzw. CFC-12 100 Jahre | 10.000x so klimawirksam wie CO₂

vgl. Kasang, Dieter: „Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) als Treibhausgase“. in: Bildungsserver Hamburg, online unter: https://bildungsserver.hamburg.de/treibhausgase/2058180/fckw-treibhausgase-artikel/ (Abrufdatum 22.6.2019)

FCKW wurde bis Ende der 1980er Jahre vielfach als Kältemittel in Kühlschränken, als Treibmittel in Spraydosen und zur Produktion von Kunststoffschäumen(=Schaumstoffen) eingesetzt.

FCKW ist allgemein ein äußerst starkes Treibhausgas, verursacht also Erderwärmung, aber es zerstört darüber hinaus die uns Menschen vor ultravioletter (Sonnen-)Strahlung (=UV-Strahlung) schützende Ozonschicht in der Stratosphäre, sodass durch die Ausdünnung des Ozonanteils bzw. das (von den Erdpolen aus) entstehende „Ozonloch“ in bedrohlicher Dimension Hautkrebs verursacht wird/würde. Angesichts der eindeutigen großen Bedrohung erwies sich die Weltgemeinschaft als ungewöhnlich handlungsstark: Die Produktion, Einfuhr und der Verbrauch von FCKW wurde via des am 1.1.1989 in Kraft tretenden völkerrechtlich bindenden multilateralen Umweltabkommens „Montreal Protokoll“ verboten.

>> vgl. Baumann, Sven et al. (2017): „1987 – 2017: 30 Jahre Montrealer Protokoll“. in: Umweltbundesamt, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/376/publikationen/1987_-_2017_30_jahre_montrealer_protokoll_bf.pdf (Abrufdatum 22.6.2019)

Leider steigt der Atmosphärengehalt von FCKW seit etwa einem Jahrzehnt wieder an.

Der Spiegel konstatiert:
„Forscher kalkulieren, dass von 2008 bis 2012 pro Jahr rund 64.000 Tonnen Trichlorfluormethan [=CFC-11] ausgestoßen wurden, von 2014 bis 2017 sogar 75.000 Tonnen. Berechnungen und Simulationen mit Atmosphärenmodellen ergaben, dass knapp zwei Drittel dieser Emissionen aus China stammten. Die Wissenschaftler grenzten die Herkunft der Stoffe mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die ostchinesischen Provinzen Shandong und Hebei ein… Wie aus einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) hervorgeht, haben chinesische Behörden zuletzt mehrere illegale CFC-11-Produktionsstätten geschlossen und gegen vier Firmen Geldstrafen verhängt.“

>> Quelle des Zitats: n.n. (2019): „Ozonschicht-Killer: China produziert trotz Verbots offenbar FCKW“. in: Der Spiegel, 22.5.2019, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ozonschicht-killer-quelle-mysterioeser-fckw-emissionen-entdeckt-a-1268733.html (Abrufdatum 22.6.2019)

Nicht zu vergessen:

Wasserdampf ist das wichtigste Treibhausgas

„Es taucht in der obigen Diskussion nur deshalb nicht auf, weil der Mensch seine Konzentration nicht direkt verändern kann…. Warme Luft kann nach dem Clausius-Clapeyron-Gesetz der Physik [pro Grad 7%] mehr Wasserdampf enthalten. Daher erhöht der Mensch indirekt auch die Wasserdampfkonzentration der Atmosphäre, wenn er das Klima aufheizt. Dies ist eine klassische verstärkende Rückkopplung, da eine höhere Wasserdampfkonzentration wiederum die Erwärmung verstärkt.“

>> Quelle: Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 35

Friederike Otto nutzt zur Illustration dieses thermodynamischen Effektes das Bild eines Schwammes:

„Je größer dieser ist, desto mehr Wasser kann er aufsaugen – einmal zusammengepresst, entlässt er die Menge wieder. Unsere Atmosphäre ist wie ein Schwamm, der ständig wächst.“

>> Quelle und Zitat: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 30.



>> Mehr Wasserdampf = mehr Extremwetterereignisse.

  • „[A]ufgrund des Clausius-Clapeyron-Gesetzes der Physik [nimmt] die Luft für jedes Grad Erwärmung 7% mehr Wasser auf…“

>> Quelle: Rahmstorf/Schellnhuber 2018 69, 71

Das bedeutet auch, dass Hurricanes deutlich stärkere Extremniederschläge als früher verursachen können.

>> vgl. Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 70

… allgemeiner gefasst, und vereinfacht, aber prinzipiell richtig:

Höhere Temperatur = Mehr Energie (Kraft) im Gesamtsystem.

  • „Mit der steigenden Temperatur der Meeresoberfläche verstärken sich die Winde und die mittlere Höhe der Wellen steigt, ihr Tempo wächst. Vor allem extreme Wellen wachsen, wie Satellitenaufnahmen zeigen, um bis zu 0,9 Prozent pro Jahr. … [D]ie mittlere jährliche Energie, die von Wellen transportiert wird, [ist]seit 1950 um rund ein Drittel gestiegen…“

>> Quelle: Weiß, Marlene (2019): „Klimakrise: Das Meer kommt“. in: Süddeutsche Zeitung, 2.8.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/wellen-meere-klimawandel-1.4548725 (Abrufdatum 4.9.2019)

Zudem nehme die Zahl der Stürme zu (vgl. ebd.).

Wichtig:

Dieser Mehr-Niederschlag kann ganz woanders fallen als bislang gewohnt oder gewünscht:

  • „Da die Verdunstungsrate steigt[,] … werden allein deshalb [Dürren] wahrscheinlicher.

  • Zusätzlich verändern sich Niederschlagsmuster – und obwohl insgesamt die Regenmengen in einem wärmeren Klima zunehmen, nehme sie leider gerade in ohnehin trockenen Regionen ab.“

>> Quelle: Rahmstorf/Schellnhuber 2018 69, 71

Nelles und Serrer halten dazu allgemein fest:

  • „Trockene Gebiete, wie z.B. die Subtropen, werden häufig noch trockener und feuchte Gebiete, wie die mittleren Breiten oder die Tropen, werden noch feuchter.“ (2018, 81)

Das gilt zum Beispiel für den Südwesten Australiens. Die Klimaforscherin Friederike Otto, Spezialistin für Event Attribution Science, kann unterscheiden, ob und inwieweit meteorologische Extremereignisse dem Klimawandel zuzurechnen sind:

  • „Der Südwesten Australiens etwa erlebt seit über einen halben Jahrhundert eine dramatische Abnahme an Regenfällen – und das lässt sich teilweise auf den Klimawandel zurückführen“.

>> Quelle und Zitat: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 31.

Und:

  • „Aktuell können … ca. 18% der weltweiten Starkregenereignisse über Land auf die globale Erwärmung zurückgeführt werden.“

>> Quelle: Nelles/Serrer 2018, 81

Bleibt die Frage: Warum regnet es plötzlich mehr an Orten, an denen es bisher üblicherweise nicht bzw. wenig regnete – und umgekehrt?

Antwort: Nicht nur Temperatur und die Wasseraufnahme-Menge ändert sich, sondern aufgrund der anderen Zusammensetzung der Atmosphäre (=mehr Treibhausgase) auch die Luftzirkulation („dynamischer Effekt“).

  • „Das heißt, [es ändert sich,] wann und wo Tief- und Hochdruckgebiete entstehen und wohin sie ziehen, wann und wo es regnet, wie stark der Wind weht, zu welcher Jahreszeit er weht und aus welcher Richtung er kommt.“

Und weiter:

  • „Wirbelstürme können sich heute an Orten aufbauen, wo es sie früher nicht gegeben hat. Denn die Ozeane erwärmen sich, und damit wird an bestimmten Orten überhaupt erst die Schwelle überschritten, ab der die Wirbel genügend Energie aus dem Wasser ziehen können, um sich zu bilden.“

>> Quelle und Zitat: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 31.



Nächster Abschnitt:



Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen

Länder mit den jährlich größten Emissionen von Kohlenstoffdioxid aus energetischer Nutzung (Verkehr, Heizen, Stromerzeugung, Industrie)
(Top 10 Stand 2016)

China 28,21% | USA 15,99% | Indien 6,24% | Russland 4,53% | Japan 3,67% | Deutschland 2,23% | Südkorea 1,75% | Iran 1,72% | Kanada 1,71% | Saudi-Arabien 1,56% (n.n. 2016)

Deutschland stellt 1,1% der Weltbevölkerung (n.n. 2019a), stößt aber im Verhältnis zu den weltweiten Gesamtemissionen das Doppelte aus.


Hier gilt es des Weiteren zu berücksichtigen, dass z.B. die Emissionen eines in China produzierten Fernsehers China zugerechnet werden, obwohl dieser z.B. in Deutschland verkauft und genutzt wird.

  • „Die Bundesrepublik ‚importiert‘ so beispielsweise 42 Prozent ihrer Emissionen, demgegenüber stehen 25 Prozent bei den Exporten. Unterm Strich bleiben Emissionsmengen, die … eigentlich Deutschland angerechnet werden müssten.“ (n.n. 2014)
  • Auch der Transport all dieser Waren via Schiff oder Flug geht nicht in die nationalen Bilanzen ein. []

Eine kurze Geschichte der CO2-Emissionen, animierter Kurzfilm vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und vom Urban Complexity Lab der Fachhochschule Potsdam (FHP); online unter https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/videos-1/eine-kurze-geschichte-der-co2-emissionen und https://www.youtube.com/watch?v=SAfIe6Pqaec (Abrufdatum jeweils 30.9.2019)

Länder mit der größten aufsummierten Gesamt-CO₂-Emission 1918-2012

USA 26% | [EU 22%] | China 12% | Russland 8% | Deutschland 5,6% | Indien 3% (Nelles/Serrer 2018, 44)

Hans Joachim Schellnhuber:

  • „Rechnen wir die Emissionen zusammen, die in der Atmosphäre wie in einer Mülldeponie eingelagert wurden, steht Deutschland seit der industriellen Revolution immerhin auf Platz vier. Wir haben massiv zur klimatischen Veränderung der Welt beigetragen.“ (Haaf 2019)



32 Staaten verursachen derzeit 80% der gesamten weltweiten CO₂-Emissionen. (Merlot 2018)

10 Staaten verursachen derzeit fast 2/3 der gesamten weltweiten CO₂-Emissionen

3 Staaten verursachen derzeit 50% der gesamten weltweiten CO₂-Emissionen

China = 1/4 | USA = 1/6

(Nr. 3 ist Indien mit 6,24%)

  • Hier ist zu vermerken, dass EU-28 mit Stand 2016 deutlich vor Indien als drittgrößter Emittent liegt.

Anmerkung

>> „Greenhouse Gas Emissions and Emissions Targets“, Datengrundlage PIK, Indien = 2,87 Gt CO2e; EU-28 = 4,35 GT CO2e, vgl. https://www.climatewatchdata.org/countries/IND?source=43 | https://www.climatewatchdata.org/countries/EU28?source=43 (Abrufdatum 30.9.2019)

  • Anders gerechnet:
    Laut UN-Klimarahmenkonvention stünden die Rinder der Welt in Sachen Treibhausgasausstoß an dritter Stelle hinter China und den USA.“ (Foer 2019, 110)


    oder so:
  • „[D]ie G20 [sind] für 80% der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich…“ (n.n. 2019b)


Weitere Zahlen:

  • Laut der Zeit hält allein der Energie“riese“ RWE allein einen Anteil an den weltweiten CO₂-Emissionen von 0,47%. (n.n. 2017)
  • „Über zwei Drittel der weltweiten CO2-Emissionen werden von 90 Konzernen verursacht.“ (Haaf 2019)
  • „In 2018, online videoviewing generated more the 300 MtCO2, i.e. as much greenhouse gases as Spain emits: 1% of global emissions. … The greenhouse gas emissions of VoD (video on demand) services (e.g. Netflix and Amazon Prime) are equivalent to those of a country like Chile [=0,3% of global emissions]“. (Studie von The Shift Project: Efoui-Hess 2019)
  • U.S. military greenhouse gas emissions 2017 incl. domestic/overseas military installations and operations: „over 59 million metric tons of carbon dioxide equivalent. If it [=the Pentagon] were a country, it would have been the world’s 55th largest greenhouse gas emitter, with emissions larger than Portugal, Sweden or Denmark.“ (Crawford 2019)
    • Festzuhalten ist, dass die US-Streitkräfte sowie allgemein das Segment „globales Militär“ ein riesiger CO2e-Verursacher sind.
    • Man kann noch weiter gehen und konstatieren, dass Kriege (neben vielen, vielen anderen Gründen) auch aus rein ökologischen Gründen heraus nicht mehr geführt werden können/dürfen.



Energiebedingte CO₂-Emissionen weltweit, 2018: 33,1Gt CO₂ (+2,3% gegenüber Vorjahr) (vgl. Eichhorn 2019a)

2015 = 32,294Gt CO₂ | 2010 29,840Gt | 2005 27,136 | 2000 23,444 | 1995 22,134 | 1990 21,536 | 1985 19,800 | 1980 19,342 | 1970 14,890 | 1960 9,391 | 1950 5,961 | 1900 1,960 | 1860 333 (vgl. Quaschning 2019)

Sämtliche anthropogenen CO₂-Emissionen weltweit, 2018: 42Gt CO₂ (=Rekord)

  • „Rein physikalisch betrachtet gibt es auf der Erde bislang keinen Klimaschutz. Denn dies würde voraussetzen, dass die jährlichen Treibhausgas-Emissionen sinken, und damit auch der Gehalt von Kohlendioxid in der Atmosphäre.“ (Eichhorn 2019b)

CO₂-Emissionen weltweit, nach Sektoren

  • Industrie 37%
  • Transport 23%, davon:
    • Straßenverkehr 17%
    • Luftverkehr 2,6%
    • Schifffahrt 2,5%
    • sonstige 1%
  • Dienstleistungen 11%
  • Haushalte 12%
  • Andere 17%

>> Quelle: Nelles/Serrer 2018, 40


Anders ausgedrückt:

CO₂-Emissionen weltweit durch

  • fossile Brennstoffe ca. 85%, davon
    • Kohle 44%
    • Erdöl 35%
    • Erdgas 21%
  • Zementproduktion 5% [in Beton steckt viel Zement]
  • Landnutzungsänderungen 10% (z.B. Entwaldung, Waldbrände)

>> Quelle: Nelles/Serrer 2018, 40


Methan-Emissionen weltweit durch

  • fossile Brennstoffe 29%
  • Viehhaltung 27%
  • Mülldeponien 23%
  • Reisanbau 11%
  • Biomasse und Biokraftstoff 10%

>> Quelle: Nelles/Serrer 2018, 42



Lachgas-Emissionen weltweit durch

  • Landwirtschaft 59% (Stickstoffe im Kunstdünger; Gülle)
  • Biomasse und Biokraftstoff 10%
  • Fossile Brennstoffe und Industrie 10%
  • Flüsse 9% (wg. eingeschwemmter Dünger-Stickstoffe)
  • anderes, z.B. menschliche Exkremente 12%

>> Quelle: Nelles/Serrer 2018, 43


Thema „Zement/Beton“:

  • „Laut einer Prognose der Internationalen Energieagentur führen das weltweite Bevölkerungswachstum und der Urbanisierungstrend bis 2050 zu einer Zunahme des Zementverbrauchs um mehr als 20 Prozent.“ (Römer 2019)


Dazu ist festzuhalten, dass schon zwei funktionierende, deutlich ökologischere Verfahren zur Zementherstellung existieren, die sich jedoch derzeit nicht durchsetzen können (vgl. ebd.).

Das Thema wird tendenziell immer unterschätzt. Tunnelbauwerke sind enorme CO2-Schleudern: Der Verkehrsexperte Karlheinz Rößler dazu:

  • „Der Treibhausgas für die Herstellung von Zement und Bewehrungsstahl ist immens hoch. Pro Kilometer Tunnelröhre entstehen rund 30.000 Tonnen CO2. Ich habe am Beispiel der neuen ICE-Strecke Nürnberg-Berlin errechnet, dass die Fahrgäste, die die Bahn vom Flugzeug weglocken will, 30 Jahre lang mit dem Zug statt fliegen müssten, um den Klimaschaden durch die Tunnelwerke zu kompensieren.“ (n.n. 2019c, 95)


Thema „committed emissions“ = Die künftigen Emissionen, die sich aus den Laufzeiten der derzeit in Betrieb befindlichen fossilen Kraftwerken ergeben.

  • Diese committed emissions (ca. 660 Gt CO₂) sind zu hoch zur Erreichung des 1,5°-Celsius-Klimaziels.
  • Zugelassen sind aber nur ca. 420 Gt CO₂

vgl. Animation in Abschnitt Globales CO₂-Budget, Knopf rechts oben in der Animation drücken.

  • „Wissenschaftler … von der University of California haben ermittelt, dass diese bestehenden Kraftwerke sowie CO₂-intensive Fabriken und derzeitige Autos bei einer normalen Lebensdauer weitere Emissionen von rund 660 Gigatonnen verursachen werden [- zugelassen wären: 580t CO₂]. Damit wäre das im Pariser Klimavertrag angestrebte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, praktisch schon perdu… Zählt man … [die Emissionen von in Planung oder im Bau befindlichen Kraftwerken] auch dazu, vergrößert sich der fixierte Ausstoß um weitere 190 Gigatonnen.“ (Eichhorn 2019b)
  • Es gilt also, Laufzeiten zu reduzieren, was laut der oben genannten Studie „häufig auch wirtschaftlich tragbar“ (Eichhorn 2019b) sei.

Die gute Nachricht inmitten der weniger guten:

  • „Seit 2014 immerhin ist der Trend in Indien und China rückläufig, was unter anderem einem Boom bei den Erneuerbaren Energien zu verdanken ist.“ (Eichhorn 2019b)

Quellen des Abschnitts Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen

>> Crawford, Neta C. (2019): „The Pentagon Emits More Greenhouse Gases Than Any Other Part of the US Gov’t.“. in: LiveScience.com, online unter https://www.livescience.com/65698-defense-department-climate-change.html (13.11.2019)

>> Efoui-Hess, Maxime (2019): „Climate Crises: The unsustainable uses of onlie video: The practical case for digital sobriety.“ in: The Shift Project, 7/2019, online unter https://theshiftproject.org/wp-content/uploads/2019/07/2019-02.pdf (Abrufdatum 6.12.2019)

>> Eichhorn, Christoph von (2019a): „Klimaschutz: CO₂-Ausstoß steigt auf Rekordhoch“. in: Süddeutsche Zeitung, 27.3.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-co2-ausstoss-klimaschutz-1.4385141 (Abrufdatum 2.7.2019)

>> Eichhorn, Christoph von (2019b): „Erderwärmung: Geplante Kraftwerke sprengen Klimaziele“. in: Süddeutsche Zeitung, 1.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-co2-emissionen-kohle-kraftwerke-1.4507114 (Abrufdatum 2.7.2019)

>> Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 110.

>> Haaf, Meredith (2019): „Interview mit Klimaforscher: ‚Verbraucher haben Einfluss'“. in: Süddeutsche Zeitung, 19.4.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/klimawandel-schellnhuber-1.4411311 (Abrufdatum 1.10.2019) [paywall]

>> Merlot, Julia (2018): „Uno-Konferenz in Katowice Wer ist Klimasünder Nummer eins?“ in: Der Spiegel, 13.12.2018, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klimakonferenz-in-katowice-wer-ist-klimasuender-nummer-eins-a-1241962.html (Abrufdatum 24.6.2019)

>> Nelles, David u. Serrer, Christian (2018): Kleine Gase – große Wirkung. Der Klimawandel. s.a. www.klimawandel-buch.de

>> n.n. (2014): „Welthandel: Der unterschätzte Klimakiller“. In: Handelsblatt, 16.9.2014, online unter https://www.handelsblatt.com/technik/energie-umwelt/welthandel-der-unterschaetzte-klimakiller/10708300.html?ticket=ST-11803699-o9KNSGoZl9a2N36SZ6Qe-ap5 (Abrufdatum 30.9.2019)

>> n.n. (2016): „Die zehn Länder mit dem größten Anteil am CO₂ Ausstoß weltweit im Jahr 2016“. in: Statista Research Department, 1,12.2016, online unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/179260/umfrage/die-zehn-groessten-c02-emittenten-weltweit/ (Abrufdatum 12.6.2019)

>> n.n. (2017): „Klimawandel: Peruanischer Bauer bringt RWE vor Gericht.“ in: Die Zeit, 30.11.2017, online unter http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-11/klimawandel-rwe-klage-bauer-peru (Abrufdatum 24.2.2018)

>> n.n. (2019a): „Einwohner nach Ländern“. in: Länderdaten.de, online unter https://www.laenderdaten.de/bevoelkerung/einwohner.aspx (Abrufdatum 5.12.2019)

>> n.n. (2019b): „‚Brown to Green‘-Report zur Klimakrise: Industrieländer treiben die Welt Richtung drei Grad Erwärmung“. in: Der Spiegel, 11.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-kein-g20-staat-ist-auf-1-5-grad-kurs-a-1295841.html (Abrufdatum 11.11.2019) „Der [von Climate Transparency erstellte] ‚Brown to Green‘-Report stellt seit 2015 jedes Jahr dar, wie die G20 im Klimaschutz vorankommen.“ (ebd.)

>> n.n. (2019c): „Mobilität: ‚Einfach oben fahren'“. [Gespräch mit dem Verkehrsexperten Karlheinz Rößler]. in: Der Spiegel, Nr. 25/15.6.2019, S. 95.

>> Quaschning, Volker (2019): „Weltweite Kohlen­dioxid­emissionen und -konzentration in der Atmosphäre“, online unter: https://www.volker-quaschning.de/datserv/CO2/index.php (Abrufdatum 14.6.2019)

>> Römer, Jörg (2019): „Umweltfreundlich bauen: Zement, der heimliche Klimakiller“. in: Der Spiegel, 3.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/plus/zement-der-heimliche-klimakiller-a-0d863a07-d143-4335-a64e-b10de499af21 (Abrufdatum 24.6.2019) [Paywall]



Nächster Abschnitt:



Klimakrisen-Folgen zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheidergeneration – in Deutschland

Bei diesem Themenbereich vermeide ich gewöhnlich bewusst die Nennung von Durchschnittswerten:

  • Menschen neigen dazu, innerlich die genannte Gradzahl auf die typischen Sommertemperaturen – auf ihre alltäglichen „Erfahrungswerte“ – draufzuschlagen und sind dann: eher beruhigt.


Dabei besteht definitiv kein Grund zur Beruhigung:

Klimaforscherin Friederike Otto dazu:

  • „Um es zugespitzt auszudrücken:
    Die veränderte globale Mitteltemperatur bringt niemanden um. Jedenfalls nicht direkt.
    Wohl aber durch ihren Einfluss auf das Wetter.“
    (2019, 29)


Durchschnittstemperaturen verschweigen, dass mit zunehmender (Wärme-)Energie eine höhere Neigung zu stärkeren Extremwetterereignissen besteht, u.a. zu mehr, längeren und wärmeren Hitzewellen, aber auch zu Extremniederschlägen:

  • Der Sommer 2018 war eine leise Andeutung dessen, was auf uns zukommt mit dem Zeithorizont 2050, also zu einer Zeit, in die derzeitigen Entscheidergenerationen der Jahrgänge 1960 und jünger noch durchaus präsent sein werden – und Temperaturen aushalten werden müssen, an die sie sich im Laufe ihres Lebens nicht gewöhnt hatten und die sie als dann ältere/alte Menschen umso schlechter vertragen werden können.

  • Dies gilt übrigens auch, wenn wir sofort global quasi sämtliche CO₂-Emissionen unterbinden würden. Dieser Zug ist bereits abgefahren.


  • Auf andere Weise verdeutlicht eine Studie der ETH Zürich, die für diverse Städte/Regionen Deutschlands und der Welt unter der Annahme „einer eher konservativen Entwicklung der CO₂-Emissionen“ die für 2050 zu erwartenden Veränderungen zeigt (s.a. Urban Heat Islands etwas weiter unten):

    Herausgegriffen:
    „Ort (Erhöhung der Durchschnittstemperatur im wärmsten Monat) >> 2050 Klima wie in… in 2018″:
    • Berlin (+6,1° Celsius) >> Canberra
    • Hamburg (+5,4°) >> San Marino
    • München (+4,6°) >> Mailand
      • Amsterdam (+3,4°) >> Paris | Barcelona (+3,4°) >> Adelaide | Edinburgh (+4,3°) >> Paris | Kopenhagen (+5,0°) >> Paris | Marseille (+5,2°) >> Algier | Stockholm (+5,9°) >> Budapest (n.n. 2019)

Details

>> weitere Beispiele im Spiegel.

>> In der nachfolgenden Quelle sind bereits erfolgte Veränderungen und Ihre Folgen in Städten/Regionen nachzulesen: Kayser-Bril, Nicolas u. Wallentin, Leonard (2019): „Interaktive Karte zur Erderwärmung: So stark trifft der Klimawandel Ihren Ort“. in: Der Spiegel, 24.9.2018, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-wetter-analyse-fuer-ueber-500-staedte-in-europa-a-1224569.html (Abrufdatum 12.7.2019)


Dazu ist festzuhalten:

„Im sog. „Jahrhundertsommer“ 2003 sind europaweit 70.000 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 69).


Im Einklang mit diesem Zitat statuiert die EuroHEAT-Studie:

  • „In der europaweiten EuroHEAT-Studie zu den Auswirkungen von Hitzewellen auf die Mortalität in Großstädten wurden während Hitzewellen Werte der Übersterblichkeit zwischen 7,6 und 33,6%, in extremen Einzelfällen auch über 50% gefunden…“ (Brasseur et al 2017, 139)


Die Klimaforscherin Friederike Otto dazu:

  • „Die Bestattungsinstitute in Paris waren so überfüllt, dass auf dem Großmarkt Rungis ein Kühllager für Lebensmittel zur Leichenhalle umgewidmet wurde.“ (Otto 2019, 103)

  • Berlin im Sommer 2018 = 490 Hitzetote (laut Robert-Koch-Institut, vgl. Evers 2019, 98)


Machen wir uns klar:

Hitze kann man nicht wirklich ausweichen.
Da helfen letztlich auch keine Klimaanlagen:
irgendwann muss man mal raus.


Logischerweise haben sich in Deutschland im Sommer 2018 die Verkäufe von Klimaanlagen deutlich erhöht:

  • „‚Mit jeder Hitzewelle entscheiden sich mehr Menschen zum Kauf‘, sagt Energieexpertin Tanja Kenkmann“. Und „Energietechnologieexperte John Dulac von der Internationalen Energieagentur (IEA) sagt: ‚Viele Deutsche arbeiten heute in klimatisierten Büros und fahren klimatisierte Autos – so wollen sie diese Temperaturen auch zu Hause.'“ (n.n. 2018)


Die Welt gibt nunmehr Tipps, wie man für seinen Haushalt die richtige Klimaanlage findet (29.7.2019). Eine Boulevardzeitung fordert im Juli 2019 konkreten Klimaschutz unter der Überschrift „Tödliche Gluthitze in den Altenheimen“: „Schützt endlich unsere Omis und Opis mit Klimaanlagen“, so gesehen auf Seite 1 der Bild am 27.7.2019).

  • Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Höhere Temperaturen führen zu mehr Klimageräten führen zu höherem Stromverbrauch führt in der fossilen Welt zu mehr CO₂ und damit zu höheren Temperaturen.
  • Hinzu kommen die bislang i.d.R. klimaschädlichen Kühlflüssigkeiten in der Klimanlage, die durch Beschädigung oder nicht fachgerechter Entsorgung in die Atmosphäre gelangen können – also realistisch betrachtet viel zu oft tatsächlich in die Atmosphäre gelangen.

Es gibt funktionierende Alternativen, die sich aber bislang nicht durchgesetzt haben, vgl. Hoferichter, Andrea (2019): „Klimaanlagen sind Klimakiller“. in: Süddeutsche Zeitung, 9.9.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimaanlage-energieverbrauch-kuehlmittel-1.4589436 (Abrufdatum 9.9.2019)


Interessant: „China und Südkorea beschlossen, öffentliche und staatliche Gebäude nie auf weniger als 26 Grad zu kühlen.“ (n.n. 2018)

Quellen des einleitenden Abschnitts

>> Brasseur, Guy et al. (Hg.) (2017): Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven. Springer Open. Auch als kostenfreies E-Book verfügbar:      
https://play.google.com/books/reader?id=KNhCDwAAQBAJ&hl=de&pg=GBS.PA24 (Abrufdatum 19.12.2018)

>> Evers, Marco (2019): „‚Jeder kann etwas ändern‘: Hitzetote, Hungernde, Flutopfer – die Epidemiologin Sabrin Gabrysch warnt vor drastischen Auswirkungen der Erderwärmung. Aber noch könne die Menschheit umsteuern.“ in: Der Spiegel, Nr. 32/3.8.2019, S. 98, beruft sich auf eine Schätzung des Robert-Koch-Instituts.

>> n.n. (2018): „Absatz von Klimageräten: Supersommer für die Kältebranche“. in: Der Spiegel, 10.8.2018, online unter: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/sommerhitze-klimageraetehersteller-erwarten-rekordverkaeufe-a-1222506.html (Abrufdatum 4.6.2019)

>> n.n. (2019): „Klimawandel-Prognose: Berlin so heiß wie Australien, Madrids Sommer wie in Marrakesch“. in: Der Spiegel, 14.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaprognose-berlin-so-heiss-wie-australien-madrids-sommer-wie-in-marrakech-a-1276922.html (Abrufdatum 14.7.2019)

>> Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein.

>> Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans-Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage.


Die konkreten Folgen der Klimakrise in Deutschland für die derzeitige Entscheidergeneration:

Dazu seien hier einige Fakten aus dem 350-seitigen Ergänzungsbericht Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven (Brasseur et al. 2017) zum fünften Sachstandbericht des Weltklimarates (IPCC) zusammenfassend herausgegriffen.

Meist wird der Zeithorizont 2100 gewählt, aber von alledem wird – wie auch schon jetzt – auch 2050, zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheidergenerationen, schon eine Menge zu spüren sein – alles andere betrifft die jetzigen Kinder und Kindeskinder:


Abnahme der Frosttage:
Man geht bei einer „gemäßigten Entwicklung der atmosphärischen Treibhausgaskonzentrationen … davon aus…, dass die Zahl der Frosttage im Vergleich zum Bezugszeitraum 1971–2000 bis zum Ende des 21. Jahrhunderts abnehmen wird: um voraussichtlich rund 30 Tage pro Jahr im nordwestdeutschen Bereich und um bis zu 50 Tage pro Jahr in der Alpenregion. Für den Fall eines hohen Treibhausgasausstoßes … ergeben sich sogar Werte zwischen 40 und 70 Tagen pro Jahr.“ (Brasseur et al 2017, 51).

  • Erinnert sei dazu, dass 30 Tage ein Monat sind und somit vom Frostwinter im nördlichen Deutschland eigentlich nichts übrig bleibt.


Friederike Otto hebt hervor, dass das Ausbleiben von Kältewelle – gefühlt ein Nicht-Ereignis – es kaum in die Schlagzeilen schafft:

  • „Über Kälte wird nur dann gesprochen, wenn es dann doch mal richtig kalt wird. Dabei sollte man es viel stärker thematisieren, dass unsere Winter aufgrund des Klimawandels immer milder und Frosttage zunehmend selten werden. … Wenn es allerdings einen ganzen Winter lang keinen Frost gibt, hat das gravierende Konsequenzen. Die machen sich nicht nur durch vermehrte Mückenstiche … bemerkbar… Auch Parasiten treten häufiger auf, die Nutztieren und Getreide, Obst und Gemüse zusetzen – um sie in Schach zu halten, kippen die Bäuer*innen dann umso mehr Pestizide auf die Felder und Äcker. Ein weiteres Problem: Viele Nutzpflanzen sind darauf programmiert, nach dem Frost zu knospen und zu blühen. Oder, wenn es keinen Frost gibt, eben nicht.“ (2019, 107-108)


Hitzewellen und Tropennächte:
Die Häufigkeit von „gemäßigten Hitzewellen“ steigt bei einem mittleren Szenario „bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in Deutschland weitverbreitet um das 6- bis 18-fache an. In der Alpenregion könnte die Zunahme sogar noch größer ausfallen.

  • Zudem ist davon auszugehen, dass auch die Intensität von Hitzewellen in Mitteleuropa zukünftig deutlich zunehmen wird.“ (Brasseur et al 2017, 52).

  • Die Autoren ergänzen, dass die deutlich vermehrt auftretenden sog. Tropennächte aus medizinischer Sicht besonders relevant seien (vgl. ebd., 51). Dies gelte erst Recht für „Städte[, die auch heute schon] bis zu 10 °C wärmer als ihre Umgebung sein können“ (ebd. 139), sodass man von Urban Heat Islands (vgl. ebd., 226) spricht.

  • Die derzeit übliche extreme Nachverdichtung der Städte wirkt hier stark problemverschärfend (vgl. Pendzich 2019, 20).


Die Attribution Science konstatiert für die oben beschriebene 70.000-Opfer verursachenden Hitzewelle von 2003 (!) bereits eine Verdopplung der Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses in Europa.

  • „Sommer wie diese – sie sind gekommen um zu bleiben“. (Otto 2019, 130).


Höhere Temperaturen sind mehr als ‚mehr Wärme‘:

  • „Die Überwärmung des urbanen Bodens kann für Stadtbewohner … negativ sein,… weil es durch die höhere Temperatur in einer Vermehrung hygienisch relevanter Mikroorganismen kommen kann, wodurch die Qualität des Trinkwassers herabgesetzt wird.“ (Brasseur et al. 2017, 226)

  • „Die gesundheitlichen Risiken von thermischen Belastungen können [gerade in Städten] durch eine verringerte Luftgüte bei erhöhten Konzentrationen von Stickoxiden, Ozon und Feinstaub verstärkt werden.“ (ebd., 139)


Gesundheit:

Hinzu kommt die zunehmende Verbreitung von Krankheiten, die temperaturbedingt in der Vergangenheit nur weiter südlich vorkamen. (vgl. n.n. 2019a)


Neben der zunehmenden Gefahr von Allergien

…sind Zecken, die Borreliose und Hirnhautentzündung/FSME verursachen können, das prominenteste Beispiel:

  • „Die Verbreitung der Zecken nach Norden wird durch die globale Erwärmung und die milden Winter begünstigt.“ (n.n. 2019b)
  • „Vergleicht man die durchschnittlichen FSME-Inzidenzen der Zeiträume 1974/1983 und 1994/2003 in den 10 wichtigsten FSME-Ländern so stellt man eine Steigerung auf 411% fest.“ (n.n. 2019c)
  • Im Juni 2019 schrieb die Zeit: „Tropische Zeckenart überwintert erstmals in Deutschland: Nach dem Fund von sechs Exemplaren halten es Wissenschaftler für möglich, dass sich die [fast zwei Zentimeter große] Hyalomma-Zecke in Deutschland ansiedelt. Die Art überträgt ein gefährliches Virus…[, dass das] Krim-Kongo-Hämorrhagische-Fieber verursacht. Diese Viruskrankheit ist die am weitesten verbreitete Viruskrankheit des Menschen, die durch Zecken übertragen wird. Zehn bis 40 Prozent der Erkrankungen enden tödlich, einen Impfstoff gibt es bisher nicht.“ (n.n. 2019d)

    Eher unangenehm:

    • „Anders als europäische Zecken jagt die Hyalomma-Zecke aktiv und kann Warmblüter über mehrere hundert Meter verfolgen.“ (ebd.) (s.a. auch Schumann 2018)


Auch invasive (=eingewanderte) tropische Mücken siedeln sich zunehmend an:

  • „Um sich mit dem Dengue-Virus, dem Zika-Virus oder dem Chikungunya-Virus zu infizieren, muss man längst nicht mehr in die Tropen reisen… ‚Der Sommer 2018 brachte nicht nur eine Hitzewelle mit sich – sondern auch neue Krankheiten‘, sagt Renke Lühken, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. So konnte 2018 erstmals die Übertragung des Westnil-Virus, das für das sogenannte Westnil-Fieber verantwortlich ist, nachgewiesen werden.“ (n.n.2019e)


Beim Webportal Mückenatlas.com kann man mittels einer interaktiven Karten die Ausbreitung der asiatischen Buschmücke zwischen 2012 und 2016 sehen (hier – etwas runterscrollen, rechts kleine Karte anklicken.) (n.n. 2019f)



Zusammenfassend formuliert laut Spiegel eine britische Medizin-Fachzeitschrift:

  • „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für die globale Gesundheit des 21. Jahrhunderts.“ (zit. in Evers 2019, 98)


Die Inhaberin des einzigen Lehrstuhls für Klimawandel und Gesundheit in Deutschland, die Epidemiologin Sabine Gabrysch, bestätigt diese Aussage und führt aus:

  • „Leider ist die Schwere dieser Diagnose noch nicht richtig verstanden worden in der Gesellschaft. Die Klimakrise ist ein Thema, dass erste Priorität haben muss. Wir haben es hier nicht mit einer leichten Grippe zu tun…, sonder mit einem planetaren medizinischen Notfall.“ (Evers 2019, 98)


Die medizinische Fachzeitschrift The Lancet hebt im Herbst 2019 gemeinsam mit 120 Wissenschaftlern von 35 Institutionen hervor, dass insbesondere die Gesundheit von Kindern durch die Gefahren, die mit den steigenden Temperaturen der Klimakrise einhergehen, gefährdet ist,

  • „weil sich ihr Körper und ihr Immunsystem noch in der Entwicklung befinden“. Es fallen dann die Stichwörter Vibrio-Bakterien, Cholera, Dengue, West-Nil-Virus, Unterernährung inkl. geschwächtes Immunsystem, Luftverschmutzung inkl. Asthma, Allergien und, wenig überraschend: Hitze:

    „Wenn es nicht gelingt, die Klimakrise zu stoppen, wird ein Kind, das heute zur Welt kommt, an seinem 71. Geburtstag in einer Welt leben, die durchschnittlich vier Grad wärmer ist als heute.“ (Baier 2019, vgl. auch Weber 2019)


Hitzestress der Fauna:

Nicht nur für Menschen ist die Einschleppung von Viren, Bakterien, Pilze, Schädlinge, Parasiten etc. von Bedeutung. Man denke hier im Bereich der Flora an den Borkenkäfer.

  • „Durch den Klimawandel werden aber häufiger dem Borkenkäfer zuträgliche Temperaturen (> 18 °C) erreicht. Je länger die Sommerperiode ist, desto mehr Generationen können sich pro Jahr entwickeln. In natürlichen Fichtenwäldern in borealen Zonen oder im Gebirge, kann der Buchdrucker oft nur eine Generation anlegen. Ein warmes Frühjahr mit Temperaturen über 18 °C und ein warmer Herbst können bis zu drei Generationen pro Jahr erzielen, was zur massenhaften Verbreitung [und Ausbreitung] der Buchdrucker führt… Zudem verursachen extreme Witterungen, dass Bäume verstärkt durch Sonnenbrand, Windwurf und Stress durch Wassermangel geschwächt werden. Solche Bäume werden dann auch leichter vom Borkenkäfer befallen.“ (Greenpeace, n.n.2019g)

Flucht in den Humor:
Loriot: die Steinlaus
www.youtube.com/watch?v=6ehcytFUV38
(Abrufdatum 25.7.2019)

Monokulturen begünstigen den Befall.

Borkenkäfer brauchen für einen Baum sechs bis acht Wochen (vgl. Köppe 2019) – dann ziehen sie weiter. Mir persönlich drängt sich da das Bild von Loriots Steinlaus auf – nur geht es halt nicht um Beton.

Aber das Bild von toten kahlen Bäumen, dass sich mir im Harz des Jahres 2019 im Unterschied zum Vorjahr geboten hat, ist schon beeindruckend – um nicht zu sagen: schockierend.

Tipp/Hinweis

Das Ganze kann man sich auch auf einer interaktiven Karte namen „Global Forest Change“ anschauen, hier herausgegriffen das Beispiel Harz (wenn Sie nicht wissen, wo Sie sind, mal rechts den Haken“ von „Data Products“ wegklicken oder darunter den Transparent-Layer-Schiebebutton verschieben. Sie können sich auf dieser Karte jeden Wald der Welt anschauen, oder auch Ihre unmittelbare Umgebung: http://earthenginepartners.appspot.com/science-2013-global-forest (Abrufdatum 27.7.2019)

„Waldsterben 2.0“

So nennt der Förster und Vorsitzende des Bundes Deutscher Forstleute (BDF), Ulrich Dohle, das, was zurzeit in Wäldern Deutschlands abgeht: Mittlerweile ist übereinstimmend von einem erneuten, schon begonnenen Waldsterben die Rede, denn auch abseits von den Borkenkäfer-Opfern Fichten gibt es z.B. von Pilzen befallene Eschen. „[E]ine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bei Ahorn ab“ (Köppe 2019). Das Hauptproblem sei vor allem die Trockenheit – im zweiten Jahr in Folge.

Auch die eigentlich widerstandsfähige Buche sei von Waldschäden betroffen (ebd.), was ein gewaltiges potenzielles Problem darstellt, weil die Buche einer der wichtigsten und weitbverbreitetsten Baumarten Deutschlands ist.


Forstwissenschaftler Jörg Ewald dazu:

  • „Die Buchen sind stark geschädigt und das ist wirklich beunruhigend, denn die Buche gilt eigentlich als eine robuste, gut an unsere Breiten angepasste Baumart… Aber jetzt sehen wir…, dass sie sehr stark von der Trockenheit betroffen ist… Die Dürre trifft den deutschen Wald im Herzen. Das Klima hat sich in einer Weise verschoben, dass es uns schwerfällt, damit umzugehen.“ (Endres 2019)


Im Vergleich zu den 1980er Jahren ist

  • „das Sterben … viel dramatischer. Betroffen sind viel größere Flächen – und nicht nur einzelne Baumarten, sondern viele.“ „Viele Bäume sterben, auch alte Exemplare, und an manchen Orten sterben ganze Baumbestände. Davor kann einem schon angst und bang werden. So eine Situation kannten wir bisher nicht.“ (ebd.)
Köckner: „Jetzt ist er in weiten Teilen am Sterben,
und kaum einer redet davon.“ Eine Analyse:
„Look up“ Gary Turk – 61 Mio views, Stand Juli 2019
https://youtu.be/Z7dLU6fk9QY

CDU-Bundesministerin Julia Klöckner erklärt im Juli 2019 in einem Moment ungewohnter Offenheit:

  • „In den Achtzigerjahren habe das Thema Waldsterben alle beschäftigt. ‚Jetzt ist er in weiten Teilen am Sterben, und kaum einer redet davon.'“ (n.n. 2019h)


Gewissermaßen ist leider auch von einem ‚Förstersterben‚ zu sprechen – es fehlt offensichtlich an Nachwuchs und finanziellen Mitteln. Warum der Harz so aussieht, wie er aussieht hat auch damit zu tun: „Es gab nicht genug Leute, um das Holz [der nach einem Sturm gefallenen Bäume] rechtzeitig aus den Wäldern zu holen“ – also bevor der Borkenkäfer zuschlagen konnte, sagt der schon zitierte Dohle im betreffenden Spiegel-Artikel (vgl. auch Endres 2019).


Auch interessant: In privaten Wäldern „ist die Lage jetzt besonders dramatisch“ (Endres 2019), weil hier vielfach im Unterschied zu öffentlichen Wäldern keine Investitionen unternommen wurden um die Monokultur der Nadelbäume aufzubrechen (vgl. ebd.).


Ich stelle fest: Was nicht dem “Wachstum‘ bzw. Shareholder-Value dient, fällt hinten rüber. Wälder, Bildung, Pflege, die nächste Generation, die Umwelt, das Klima… die Zukunft.

Es bedarf hier deutlicher Worte:

Ich schließe mich Rezo an, wenn er konstatiert, dass die CDU/CSU mit Stand 2019 in den letzten 36 Jahren 29 Jahre an der Macht war und somit maßgeblich unser Land geprägt hat – maßgeblich in einer zutiefst zerstörerischen Weise geprägt hat.

Denn egal, was unsere Merkel’sche Regierung vielleicht in der Vergangenheit in anderen Themenbereichen durchaus richtig gemacht hat: Sie hat wider besseres Wissens nicht mal ansatzweise zu verhindern versucht, dass wir nun auf den Abgrund zurasen.

>> vgl. Rezo (2019): „Die Zerstörung der CDU“. in: Youtube.de, 18.5.2019, Min 25f., online unter www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ (Abrufdatum 24.6.2019), s. a. Aspekt ‚Der Realitätsschock‘ in Abschnitt ‚Intro‘.



Zwischengedanke von Ulrich Dohle zum Waldsterben der 1980er Jahre:

„‚Viele halten das [aufgrund des sog. sauren Regens] prognostizierte Waldsterben von damals noch immer für eine Spinnerei… Doch das stimmt nicht.‘ Vielmehr hätten politische Maßnahmen wie der verpflichtende Einbau von Katalysatoren die Katastrophe verhindern können.“ (Köppe 2019)

>> Ulrich Dohle ist Förster und Vorsitzende des Bundes Deutscher Forstleute (BDF).


Weitere Folgen von Extremwetterereignissen:

Die Klimaforscherin Friederike Otto vom „World Weather Attribution“-Team“stellt grundlegend fest:

  • „Das Wetter ist heute ein anderes, weil wir Menschen das Klima verändert haben.“ (2019, 12).
  • „Jedes Wettergeschehen – ein Hurrikan genauso wie ein leichter Sommerregen – findet heute unter anderen Umweltbedingungen statt als noch vor 250 Jahren.“ (ebd. 10-11). und:
  • „Inzwischen hat jeder Sturm mit dem Klimawandel zu tun.“ (ebd. 17) – mal mehr, mal weniger, aber der Einfluss ist prinzipiell immer vorhanden.


Mit mehr Energie im System „Erde“ steigt die Häufigkeiten von Extremwetterereignissen an, betreffend Temperaturen, Wind, Niederschlag und dauerhafte Wetterlagen inkl. Dürreperioden:

  • „Übereinstimmend wird eine hohe Verletzlichkeit der Hochspannungsnetze gegenüber Extremwetterereignissen, Stürmen und Schneelasten angenommen, welche in größeren Gebieten die Versorgungssicherheit beeinträchtigen kann. Auch können Hitzewellen zu einer verminderten Leistungsfähigkeit und zu Kapazitätsengpässen bei konventionellen Grundlastkraftwerken führen, da diese auf ein kontinuierliches Wasserangebot zur Kühlung angewiesen sind“ (Brasseur et al., 244).


Man denke dazu an die

  • wochenlange Nicht-Schiffbarkeit des Rheins wegen zu niedrigen Flussständen mit großen Auswirkungen auf die Wirtschaft, die von Zulieferungen abhängig ist und die
  • Zwangsabschaltungen bei Atomkraftwerken aufgrund zu hoher (Fluss-)Wassertemperaturen in Frankreich im Jahre 2018.


Dies spricht übrigens interessanterweise

  • gegen Großkraftwerke, wie sie für die Vergangenheit maßgeblich waren – und
  • für eine dezentrale, kleingliedrige Energieversorgung, wie sie strukturell erneuerbare Energie bietet.


Hitzeschäden:

Naomi Klein leitet ihr Grundlagenwerk Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima mit dem Beispiel eines Flugzeugs ein, dessen Räder 2012 vor dem Abflug aus Washington 10 cm „in dem schwarzen Asphalt versunken [waren] wie in frischem Beton.“ (2015, 10)


Hitzeschäden auf Asphaltstraßen in Form von sog. Blow-Ups sind insbesondere für Motorradfahrer*innen lebensgefährlich – und sogar der Sonne ausgesetzte Bahnschienen können verbiegen [=Gleisverwerfung] – mit gleichfalls potenziell tödlichen Folgen.

  • Österreich testet nunmehr, Eisenbahnschienen weiß anzustreichen. Auch in der Schweiz und in Deutschland laufen derartige Versuche. (vgl. n.n. 2019i)


Zusammengefasst ist von einer größeren bzw. zunehmenden Vulnerabilität zu sprechen. Gemeint ist damit, dass die Verletzlichkeit der Systeme und damit die Versorgungssicherheit – in jeder Hinsicht – zunimmt.


Auch die Begriffe ‚Waldbrände‘, ‚Missernten‘ und ‚Meeresspiegel‘ müssen hier fallen.


Aufgrund von längeren trockenen Phasen, erkrankten Bäumen und natürlich höheren Temperaturen komm es vermehrt zu Waldbränden – auch in Deutschland:

  • Schon unterhalb von einem Grad Erwärmung dehnt sich demnach ‚mit hoher Konfidenz‘ [d.h. mit hoher (Forschungs-)Sicherheit] die Waldbrandsaison aus…“ (2019)

kommentiert dies Stefan Rahmstorf.


All die vorgenannten Faktoren haben neben dem Einfluss auf das Wohlbefinden des Menschen auch einen Impact auf die Landwirtschaft:

  • Mehr Starkwetterereignisse (inkl. Hagel, Starkniederschlagereignisse, Überflutungsgefahren) bedeuten mehr Ernteausfälle – Hitze bedeutet Hitzestress für das Vieh (insbesondere Rind).

  • Ökolandbau – also die Art von Landwirtschaft, zu der wir allein aufgrund der Bewahrung von fruchtbarem Boden wechseln müssen, wird „aufgrund der klimatisch schwierigen Bedingungen schwerer zu bewerkstelligen sein … oder sogar nicht mehr umzusetzen…

    • [S]omit [kann] das für Mensch, Böden, Trinkwasser und Biodiversität (inkl. bestäubender Insekten) wichtige Ziel, weniger Herbizide, Insektizide und Kunstdünger einzusetzen schlechter oder gar nicht erreicht werden…“ (Pendzich 2019, 19)

    • Und das bedeutet nicht weniger als, dass wir künftig weiterhin in nicht hinnehmbarer Weise fruchtbare Böden (Bodendegeneration) verlieren werden und somit potenziell unsere Versorgung mit Nahrung gefährden.)

Und schließlich geht es bei den konkreten Folgen für die derzeitige Entscheidergeneration (und deren Grundstücke in Küstennähe) auch um höhere Wasserpegel:

  • Über den zunehmend höheren Meeresspiegel ist zu sagen, dass die Norddeutsche Tiefebene „gleich zweifach von der Nordsee und der Ostsee von steigenden Meeresspiegeln bedroht ist“ (Pendzich 2019, 10).


Womit allenfalls zart angedeutet ist, dass der Klimaschutz als Anpassungsmaßnahme z.B. durch Küstenschutz oder Erosions-Anpassungsmaßnahmen in Gebirgen eine Menge Geld kostet:

  • „Die so investierten Gelder werden damit für andere Dinge wie z.B. für Soziales, Kulturelles oder sonstiges Infrastrukturelles nicht mehr zur Verfügung stehen.“ (Pendzich 2019, 10)


Es tritt hinzu:

Klimawandel gilt allgemein als „Risikoverstärker in komplexen Systemen“ (Brasseur et al. 2017, 287):

  • Er gilt als „Bedrohungsmultiplikator, der die Folgen durch komplexe Wirkungsketten in vernetzten Systemen verstärkt“ (ebd., 293);


Allgemein ist aus den vorherigen Ausführungen zu schließen, dass die Versorgungssicherheit, die so vielen Bundesbürger*innen derzeit hinsichtlich des Themas ‚Energie‘ Sorge bereitet, auch betreffend

  • die Ernährung und
  • lebenswichtige Medikamente für akut und chronisch Kranke,

schwieriger, mit mehr Aufwand als bisher und unter nur unter hohem finanziellen Einsatz zu gewährleisten sein wird.


Auch das ist Geld, das an anderer Stelle fehlen wird.

... mehr

Wer noch genauer wissen möchte, wie der Klimawandel konkret in Deutschland Einfluss nimmt/nehmen wird, kann hier meinen „Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage“ vom Januar 2019 einsehen. Hier wird genau beschrieben, was auf einen in Hamburg wohnhafte Person des Jahrgangs 1971 und ihre/seine Kinder zukommt. Fazit: Auch als Bürger ohne ein wetterabhängiges Business sind wir alle persönlich, unmittelbar und ggf. existenziell von den Folgend der Klimakrise betroffen.

>> Pendzich, Marc (2019): „Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gegen die Bundesregierung


Abschlussgedanke zum Thema „Klimafolgen für die Entscheidergeneration in D“:

Die Renten, die sind sicher?


Dazu ist im 2017er „Wir sind dran“-Club-of-Rome-Bericht folgender Hinweis zu finden:

  • „Dass Umweltschäden nicht eingerechnet werden, heißt, dass sich der Druck auf jetzt schon knappe natürliche Ressourcen beschleunigt: Bäume werden gefällt, Gewässer verschmutzt, Feuchtgebiete trockengelegt und die Ausbeutung von Kohle, Öl und Gas forciert, wenn es dafür Käufer gibt. Und große Vermögen, etwa Pensionsfonds, sind gefangen in Fossilwerten, die man zunehmend als Hochrisiko einstufen muss.“ (Weizsäcker 2017, 34)

Zu ergänzen ist, dass bei sich auswachsender Klimakrise die Weltwirtschaft angesichts von drohenden (regionalen) Katastrophen, Ernteausfällen etc. pp. erwartbar in eher unruhige Fahrwasser geraten wird – was sicher auch die angeblich so sicheren Renten betreffen könnte.

Deutschland ist ‚Exportweltmeister‘ – das macht uns abhängig und könnte uns künftig auf die Füße fallen.

s.a. LebeLieberLangsam-Beitrag Kommen wir zur: Unbequemen Wahrheit. Hier geht es ebenfalls darum, dass es eine Illusion ist, zu glauben, wir Deutschen/Europäer*innen/Bewohner*innen und Rentner*innen der Industrieländer lebten auf einer „Insel der Seeligen“.



PS: Eine gut verständliche Zusammenfassung der globalen Wirkungen bei +1,5°, +2°, +3° und sogar +4° Celsius ist in der Süddeutschen Zeitung zu finden:

>> siehe dazu Ebitsch, Sabrina et al. (2019): „Anatomie einer Katastrophe“. in: Süddeutsche Zeitung, online unter: https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/politik/was-die-klimakrise-wirklich-bedeutet-e946076/?utm_source=pocket-newtab (Abrufdatum 6.11.2019) (scrollen zum unteren Drittel ab „Was kommt also auf die Welt zu?“

Quellen des Abschnitts Die konkreten Folgen der Klimakrise in Deutschland für die derzeitige Entscheidergeneration

>> Baier, Tina (2019): „Klimakrise bedroht Gesundheit von Kindern weltweit“. in: Süddeutsche Zeitung, 14.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-gesundheit-allergien-1.4681233 (Abrufdatum 14.11.2019)

>> Brasseur, Guy et al. (Hg.) (2017): Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven. Springer Open. Auch als kostenfreies E-Book verfügbar:      
https://play.google.com/books/reader?id=KNhCDwAAQBAJ&hl=de&pg=GBS.PA24 (Abrufdatum 19.12.2018)

>> Endres, Alexandra (2019): „Trockenheit: ‚Die Dürre trifft den deutschen Wald im Herzen'“. [Interview mit Forstwissenschaftler Jörg Ewald]. in: Die Zeit, 27.7.2019, online unter https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-07/trockenheit-duerre-waelder-baeume-forstwissenschaft-joerg-ewald (Abrufdatum 27.7.2019)

>> Evers, Marco (2019): „‚Jeder kann etwas ändern‘: Hitzetote, Hungernde, Flutopfer – die Epidemiologin Sabrin Gabrysch warnt vor drastischen Auswirkungen der Erderwärmung. Aber noch könne die Menschheit umsteuern.“ in: Der Spiegel, Nr. 32/3.8.2019.

>> Klein, Naomi (2015): Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima.

>> Köppe, Julia (2019): “ Klimakrise und Trockenheit Förster warnen vor nächstem Waldsterben“. in: Der Spiegel, 25.7.2019, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/waldsterben-in-deutschland-foerster-warnen-vor-klimakrise-a-1279002.html (Abrufdatum 25.7.2019)

>> n.n. (2019a): „Die Gefahr von Allergien nimmt mit dem Klimawandel zu – Jeder 3. Bürger in Deutschland leidet an einer Allergie“. in: Warnsignal Klima. Wissenschaftler informieren direkt. online unter: https://www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de/die-gefahr-von-allergien-nimmt-mit-dem-klimawandel-zu-jeder-3-burger-in-deutschland-leidet-an-einer-allergie/ (Abrufdatum 25.6.2019)

>> n.n. (2019b): „Zecken auch in der Stadt. Eine Gesundheitsgefahr nimmt zu“. in: Warnsignal Klima. Wissenschaftler informieren direkt. online unter: https://www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de/zecken-auch-in-der-stadt/ (Abrufdatum 25.6.2019)

>> n.n. (2019c): „Mit der Erwärmung breiten sich die Zecken nach Norden aus“. in: Warnsignal Klima. Wissenschaftler informieren direkt. online unter: https://www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de/mit-der-erwarmung-breiten-sich-die-zecken-nach-norden-aus/ (Abrufdatum 25.6.2019)

>> n.n. (2019d): „Tropische Zeckenart überwintert erstmals in Deutschland“. in: Die Zeit, 11.6.2019, online unter: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-06/parasiten-tropische-zecken-ueberwinterung-mikrobiologie-hyalomma (Abrufdatum 11.6.2019)

>> n.n. (2019e): „Der Klimawandel bringt Viren und Krankheiten nach Deutschland“. in: radioWelt 3.9.2019 bei bayrischen Rundfunk [BR24]. online unter: https://www.br.de/nachrichten/wissen/der-klimawandel-bringt-viren-und-krankheiten-nach-deutschland,Rau90i7 (Abrufdatum 4.9.2019)

>> n.n. (2019f): „Verbreitungskarten – Stechmücken und wo sie zu finden sind“. in: Mückenatlas, online unter https://mueckenatlas.com/unsere-forschung/#verbreitung (Abrufdatum 4.9.2019)

>> n.n. (2019g): „Der (Fichten-) Borkenkäfer“. in: Greenpeace München, 23.5.2019. online unter: https://www.greenpeace-muenchen.de/index.php/gruppen/wald-papier/waldschutzgebiete/der-fichten-borkenkaefer.html (Abrufdatum 11.6.2019)

>> n.n. (2019h): „Forstwirtschaft: Julia Klöckner will Wälder aufforsten“. in: Die Zeit, 6.7.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/2019-07/forstwirtschaft-julia-kloeckner-aufforstung-waldverlust-duerre-agrarpolitik (Abrufdatum 7.7.2019)

>> n.n. (2019i): „Hitze: Österreich malt Schienen weiß an“. in: Der Spiegel, 25.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/hitze-oesterreich-malt-schienen-weiss-an-damit-sie-nicht-verbiegen-a-1278904.html (Abrufdatum 25.7.2019)

>> Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein.

>> Pendzich, Marc (2019): „Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gegen die Bundesregierung.“ in: LebeLieberLangsam.de, online unter: https://blog.lebelieberlangsam.de/klage

>> Rahmstorf, Stefan (2019): „Klimakrise in Australien Schweigen im Angesicht des Feuers“. in: Der Spiegel, 14.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/buschbraende-in-australien-klimawandel-dazu-sagen-wir-lieber-nichts-a-1296269.html (Abrufdatum 14.11.2019)

>> Schumann, Florian (2018): „Krankheitsüberträger: Die Zecken kommen“. in: Die Zeit, 15.9.2018, online unter https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-09/krankheitsuebertraeger-zecken-klimawandel-gesundheit (Abrufdatum 25.6.2019)

>> Weber, Nina (2019): „Internationaler Bericht Wie der Klimawandel krank macht“. in: Der Spiegel, 14.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/warum-der-klimawandel-risiko-und-chance-ist-fuer-die-gesundheit-a-1296247.html (Abrufdatum14.11.2019)

>> Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus.



Nächster Abschnitt:



Klimagerechtigkeit


Konfliktpotenziale der Klimakrise: Armut, Klimakriege, „Natur“-Katastrophen, Flucht.

Zuerst trifft es immer die Armen.

… und da reicht schon eine Missernte.

  • In Deutschland würde in einem solchen Fall die Regierung die entsprechenden Erzeugnisse von außen dazukaufen, also importieren.
    (Das was importiert wird, fehlt evtl. an andere Stelle!)
  • Im gleichen Fall würde sich in sog. Failed States (Staaten mit einer unzureichenden oder gar keiner Grundordnung) die Missernte u.U. umgehend zu einer Hungerkatastrophe ausweiten.


Und derartige Versorgungsengpässe können sich zu einem sog. Klimakrieg ausweiten.

  • Auch „[d]er Krieg in Syrien hat für viele seine Ursache in der Dürreperiode, die dem Kriegsausbruch vorausging. Sie führte dazu, dass viele Menschen vom Land in die Städte gehen mussten. Statt das mit Hilfeleistungen vor Ort zu verhindern, reagierte das Assad-Regime mit Kürzungen der Unterstützungsleistungen, was die Rebellionsbereitschaft – wir befinden uns in der Zeit der um sich greifenden ‚Arabellion‘ – heftig schürte.“

>> Quelle: Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)

Welzer führt weiter aus, dass der ‚Arabellion‚ „drastisch gestiegene Lebensmittelpreise vorausgegangen [waren], und die hatten wiederum mit Umweltereignissen zu tun.“ (ebd.)

  • Die Tatsache, dass klimakrisenbedingte Katastrophen vorrangig die Ärmeren trifft, trifft selbstverständlich auch in Industrieländern zu: Der Hurrikan Katrina (2015) traf in New Orleans vor allem die ärmere Bevölkerungsteile, die in den niedriggelegeneren Stadtteilen lebte – und bis heute lassen die Wiederaufbaumaßnahmen zu wünschen übrig.

>> vgl. Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch: Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)
>> vgl. auch die Situation in Jakarta, wo die ärmeren Menschen teils „illegal“ direkt an der Küste wohnen, während die Wohlhabenden in den höher gelegen Regionen leben. in: Aders, Thomas (2018): „Klimafluch und Klimaflucht – Massenmigration – Die wahre Umweltkatastrophe“, ARTE, 13.11.2018. online unter: https://www.dw.com/de/klimaflucht-die-wahre-umweltkatastrophe/av-48537071 (Abrufdatum 24.6.2019)


Es fragt sich, wie reibungslos die Katastrophenhilfe im Falle einer Klimakrise-beförderten „Natur-„Katastrophe abläuft – und wen sie zuerst erreicht.

  • In New York City jedenfalls hat das bei den heftigen Wassereinbrüchen in ganze Stadtviertel in Zuge des Hurricane „Sandy“ (2012) für die ärmere Bevölkerung bzw. die ärmeren Stadtviertel so gar nicht geklappt – hier ist u.a. die medizinische Versorgung weitgehend zusammengebrochen.

>> siehe dazu Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima. Filmminute: ab ca. Min 20.


Allgemein wird in den USA des Öfteren „Umweltrassismus“ beklagt – so wurden/werden „Sondermülldeponien vor allem in Gegenden gebaut…, in denen die ärmere Bevölkerung und Schwarze, Indigene und Latino lebten… Die Gefahr, in den USA an den Folgen von Luftverschmutzung zu sterben, sind für Schwarze drei Mal höher… [Auch] die Flint-Wasserkrise, [bei der bleiverseuchtes Wasser den Bürger*innen in die Trinkwasserleitungen gepumpt wurde,] traf eine überwiegend schwarze Gemeinden in den USA.“ (Dziedzic 2019)

>>Quelle

>> Quelle und Zitat:

Dziedzic, Paul Léonard (2019): „Umweltrassismus: Warum nicht alle gleich von Umweltproblemen betroffen sind“. in: Bento – das junge Magazin vom Spiegel, 4.11.2019, online unter https://www.bento.de/politik/umweltrassismus-warum-nicht-alle-gleich-von-umweltproblemen-betroffen-sind-a-46e476ca-4f3f-40c8-9432-2934010ca4c0#refsponi (Abrufdatum 4.11.2019) – bezieht sich u.a. auf Cox, Bartees (2018): „No Coincidence: Environmental racism has left black Americans three times more likely to die from pollution“. in: Quartz, 13.3.2018, online unter https://qz.com/1226984/environmental-racism-has-left-black-americans-three-times-more-likely-to-die-from-pollution/ (Abrufdatum 4.11.2019)

Klima-Geflüchtete

Schon ein verändertes Niederschlagsregime kann grundsätzlich ausreichen, um höchste Not auszulösen:

  • 2017 mussten „allein 900.000 Afrikaner ihren Grund und Boden aufgeben“.

>> Quelle: Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)

… womit diese Menschen heimatlos werden und ins nächste Dorf gehen, von dort in die nächste Stadt, von dort in die Hauptstadt oder in eine Stadt im Grenzgebiet des Nachbarlandes in den Slum gehen – das passiert überall in Afrika an den Rändern der Sahelzone – und einige wenige der vielen machen sich dann auf den Weg nach Europa, von denen es manche bis über das Mittelmeer schaffen.

>> vgl. Aders, Thomas (2018): „Klimafluch und Klimaflucht – Massenmigration – Die wahre Umweltkatastrophe“, ARTE, 13.11.2018, online unter: https://www.dw.com/de/klimaflucht-die-wahre-umweltkatastrophe/av-48537071 (Abrufdatum 24.6.2019)

Der Mitautor des Atlas der Umweltmigration, François Gemenne auf der Klimakonferenz in Bonn 2017 über den globalen Süden:

  • „‚Das ist die Region der Welt, die am stärksten leidet, es ist eine extrem verletzliche Zone’… Die Auswirkungen seien besonders gravierend, denn ‚dort ist der größte Teil der Weltbevölkerung konzentriert'“.

>> Quelle des Satzes „Pessimisten“ aus der Reportage zum Film: Aders, Thomas (2018): „Folgen des Klimawandels: Wo Leben verschwindet“. in: Die Zeit, 16.12.2018, online unter https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-12/folgen-klimawandel-sahelzone-russland-indonesien-auswirkungen-erderwaermung (Abrufdatum 27.7.2019)

Friederike Otto hebt indes hervor, dass – Stand Mai 2017 – aktuell der Klimawandel i.d.R. nicht die alleinige maßgebliche Fluchtursache ist:

  • „Lösten Wetterextreme Naturkatastrophen aus, flohen die Menschen nur dann, wenn auch andere politische und soziale Faktoren mit hineinspielten“.

>> Quelle und beide vorstehende Zitate: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein, S. 150 – letztere Erwägung bezieht sich auf eine im Mai 2017 erschienene Studie der Universität Hamburg und Greenpeace.

Gleichwohl sind mehr Geflüchtete auf der Welt unterwegs denn je – und das hängt letztlich zumindest auch mit Umwelt- und Klimafragen zusammen:

  • „Ende 2018 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei 70,8 Millionen. Im Vergleich dazu waren es Ende 2016 65,6 Millionen Menschen. … 84 Prozent der Flüchtlinge leben nach wie vor in Entwicklungsländern.“

>> Quelle: n.n. (2019): „Zahlen & Fakten zu Menschen auf der Flucht“. in: UNO Flüchlingshilfe/UNHCR, online unter https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/informieren/fluechtlingszahlen/ (Abrufdatum 25.7.2019)

Wichtig ist, hervorzuheben, dass wir Menschen in Europa von den meisten Geflüchteten derzeit schlicht nichts mitbekommen.

Ein prägnantes Beispiel bietet dafür das Schicksal der Nomadenvölker im Himalaya, das der Dokumentarfilm Der zerbrochene Mond aus dem Jahr 2010 beleuchtet. Hier wird hervorgehoben, dass

  • Haut- und Augenkrankheiten unter den Bedingungen der Erderwärmung inkl. verändertem Sonnen- und (Nicht-)Niederschlagsregime zunehmen,
  • die unwirtlichen Lebensbedingungen durch zunehmende Trockenheit nunmehr lebensfeindlich sind (u.a. weil die Tiere kein Weideland mehr vorfinden) und demzufolge
  • schon 2010 (!) mehr als 80% der Nomaden ihr traditionelles Leben hinter sich gelassen haben in die Städte gegangen sind und dort als Geflüchtete i.d.R. ein Schattendasein am Straßenrand führen.

>> Quelle: Rangel, André und Negrão, Marcos (2010): Der zerbrochene Mond. [The broken Moon]. Doku-Film.

Der deutsche Klimaschutzbericht 2018 prognostiziert, dass die Bedeutung des Faktors „Klimakrise“ als maßgebliche Fluchtursache künftig weiter und deutlich zunehmen wird:

  • „Die mit dem Klimawandel einhergehenden Veränderungen bedrohen mit Extremwetterereignissen wie Dürren, Überschwemmungen, Stürmen und Hitzewellen heute schon ganze Regionen und werden künftig voraussichtlich eine der bedeutendsten Fluchtursachen sein.“

>> Quelle: n.n. (2018): „Klimaschutzbericht 2018“. in: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. online unter: https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/klimaschutzbericht_2018_bf.pdf (Abrufdatum 21.6.2019)

Relevant und wichtig ist des Weiteren, dass „[s]chon heute leben [… in den Küstenregionen] laut dem [IPCC-Sonder-]Bericht 680 Millionen Menschen; bis 2050 dürfte es mehr als eine Milliarde sein. Hinzu kommen 65 Millionen Menschen, die in kleinen, ärmeren Inselstaaten leben.

Schon 2002 wurde von der UN herausgestellt, dass der Klimawandel für viele Menschen bereits Anfang des 21. Jahrhunderts eine tödliche Klimakatastrophe darstellt:

  • „In der bislang umfassendsten Studie hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2002 die Folgen des Klimawandels untersucht, Sie kommt zu dem Ergebnis, dass schon heute [Stand 2002!] jährlich mindestens 150.000 Menschen an den Folgen der globalen Erwärmung sterben. Die meisten Opfer sind in Entwicklungsländern zu beklagen und sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Durchfall, Malaria und anderen Infektionen oder an Nahrungsmangel.“

>> Quelle: Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 77

  • Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber ergänzen hier, dass Malaria sich künftig mutmaßlich auf afrikanische Hochlandregionen ausbreiten wird, wo Menschen leben, die gegen den Erreger mangels Kontakt keine Immunität besitzen (vgl. ebd.).

Laut Spiegel prognostiziert „[d]ie Weltgesundheitsorganisation [WHO] … bereits ab 2030 weltweit jedes Jahre 250000 zusätzliche Todesfälle infolge des Klimawandels, also Gründe führt sie zunehmend Unterernährung, Malaria, Durchfallerkrankungen und Hitzestress an.“

>> Quelle und Zitat: Thelen, Raphael (2019): „Apokalypse jetzt“. in: Der Spiegel, Nr. 24/8.6.2019, S. 95

Also quasi demnächst.

Eine Studie der ETH Zürich hält im Juli 2019 unter Annahme „einer eher konservativen Entwicklung der CO₂-Emissionen“ die für 2050 fest:

  • „’22 Prozent (der Großstädte) werden sich zu klimatischen Bedingungen hin verschieben, die derzeit in keiner großen Stadt auf dem Planeten herrschen.‘ Zu dieser Gruppe gehören gigantische Städte wie Peking, Jakarta, Seoul, Rangun und Kuala Lumpur. Was passiert, wenn diese Städte unbewohnbar werden, durch Hitzewellen und Flutkatastrophen?“

>> Quelle: Stöcker, Christian (2019): „Klimapolitik: Es gibt jetzt keine Ausreden mehr“. in: Der Spiegel, 14.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gutachten-zur-co2-steuer-es-gibt-jetzt-keine-ausreden-mehr-a-1277096.html (Abrufdatum 14.7.2019)

Der/m aufmerksamen Leser*in wird nicht entgangen sein, dass sich die hier genannten Prognosen und Zahlen mal mehr, mal weniger widersprechen. Das wird auch nicht besser unter Hinzunahme der Daten aus der Film-Doku Klimafluch und Klimaflucht (2018). Hier wird in den Schlussminuten der Doku Wissenschaftler*innen explizit die Frage gestellt, „[w]ie viele Menschen … bis 2050 zu Klimaflüchtlingen geworden sein“ werden. Die Antworten fallen – sagen wir – bunt aus:

  • Dina Ionesco, International Organsiation für Migration:

    „Man kann ehrlicherweise nicht sagen, wie viele Menschen zur Migration gezwungen sein werden.“
  • Walter Kälin, Platform on Disaster Displacement PDD:

    „Wir haben bewusst keine Schätzung, weil, was wir vorschlagen, ist, dass wir jetzt alles, was wir tun können, investieren müssen, damit eben Menschen ihr Land nicht verlassen müssen.“
  • Robert Oakes, UN University:

    „Wir wissen dass jedes Jahr rund 20 Millionen Menschen vertrieben werden. Das gilt für die letzten Jahrzehnte. Dazu kommt der Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Entstehung von mehr schutzlosen Menschen. Wir können davon ausgehen, dass diese Zahlen ansteigen werden.“
  • Nina Birkelund, Norwegian Refugee Council:

    „Jedes Jahr fliehen 25 Millionen. Wenn man das hochrechnet kommt man auf, konservativ gerechnet 500 Millionen.“

    Im Vorspann wird sie abweichend davon wie folgt zitiert:

    „Heute sprechen wir von einigen Millionen Flüchtlingen. In Zukunft sprechen wir von Milliarden.“ (Hier meint sie mutmaßlich nicht nur Klima-Geflüchtete)

Birkelund rechnet der Autor des Filmes Klimafluch und Klimaflucht, Thomas Aders, zum „Mittelfeld“ – „Und dann gibt es die Pessimisten, zu denen François Gemenne gehört“:

  • François Gemenne, Universität Liège und Sciences Pro sowie Mitautor des Atlas der Umweltmigration:

    „Wenn ich schätzen soll. Meiner Meinung nach werden wir leicht bei einem Fünftel oder einem Viertel der Weltbevölkerung liegen, die Migranten sein werden. Das bedeutet ungefähr zwei bis drei Milliarden Menschen.“

>> Quelle und Interview-Zitate aus: Aders, Thomas (2018): Klimafluch und Klimaflucht, 2018, SWR, siehe ARD Mediathek.
>> Quelle des Satzes „Pessimisten“ aus der Reportage zum Film: Aders, Thomas (2018): „Folgen des Klimawandels: Wo Leben verschwindet“. in: Die Zeit, 16.12.2018, online unter https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-12/folgen-klimawandel-sahelzone-russland-indonesien-auswirkungen-erderwaermung (Abrufdatum 27.7.2019)

Aus einem Entwurf des Sonderberichts „Ozeane“ des IPCC, der am 25.9.2019 der Weltöffentlichkeit präsentiert wird und der französischen Nachrichtenagentur AFP vorliegt, geht hervor, dass der „IPCC … bei einer Erderwärmung von höchstens zwei Grad Celsius mit 280 Millionen Flüchtlingen [allein] wegen steigender Meeresspiegel [rechnet]. Selbst wenn die Reduzierung der Erderwärmung auf unter zwei Grad gelingt, gehen die Experten [für das Jahr 2100] noch von 250 Millionen Klimaflüchtlingen aus.“

>> Quelle: n.n. (2019): „Weltklimarat rechnet mit 280 Millionen Flüchtlingen durch Meeresspiegel-Anstieg“. in: AFP, 29.8.2019, online unter https://www.afp.com/de/nachrichten/3966/weltklimarat-rechnet-mit-280-millionen-fluechtlingen-durch-meeresspiegel-anstieg-doc-1ju5el7 (Abrufdatum 4.9.2019)

Nun, keine dieser Aussagen und Zahlen ist beruhigend. Und die immer wieder gern aufgeworfene Frage, inwieweit es sich bei Geflüchteten um lupenreine Klima-Geflüchtete handelt oder handeln wird – ist am Ende ohnehin egal, entscheidend wird schlicht die Anzahl von Menschen sein, die aufgrund von diversen, meist Umwelt-bezogenen Gründen ihre Scholle verlassen werden, weil sie es müssen. Alleine dieser Aspekt mit der mutmaßlich hohen Zahl an künftigen Geflüchteten rechtfertigt m.E. für sich genommen eine massive Hilfe-zur-Selbsthilfe-Entwicklungspolitik ab heute: Aus ethischen Gründen – und wer es weniger edel möchte: Aus purer Egozentrik bzw. eurozentristischen Interessen. – Ich wiederhole mich, aber warum auch nicht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.



Nächster Abschnitt:

https://party-kit.lebelieberlangsam.de/klimagerechtigkeit-climate-justice-und-der-globale-suden/


Politik für Enkel*innen:

Klimaschutz in ökonomischer Perspektive.

Die Klimakrise allgemein und die damit einhergehenden immer zahlreicheren Katastrophen kosten:
VIEL Geld.

Es ist finanziell wesentlich günstiger, frühzeitig ein Feuer zu löschen, als ihm erst einmal eine Weile zu zu sehen.

  • „Die Kosten, nicht zu handeln, werden um Potenzen größer sein. Die menschliche Ökonomie funktioniert nur auf Basis einer intakten Ökologie.“

>> Quelle: Schwägerl, Christian (2019): „Uno-Bericht zum Artensterben Auf dem Weg in die ökologische Insolvenz“. in: Der Spiegel, 6.5.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/artenschutz-ipes-bericht-zeigt-wir-sind-auf-dem-weg-in-die-oekologische-insolvenz-a-1265939.html (Abrufdatum 30.6.2019)

Hanno Charisius von der SZ habt darauf ab, dass konkret CO₂-Vermeidung ökonomisch das Vernünftigste sei:

  • „Berechnungen zeigen auch, dass es billiger ist, Kohlendioxid zu vermeiden, als das Treibhausgas später wieder aus der Atmosphäre zu holen, etwa durch Aufforstung des Planeten. Politik, die solche Studien nicht berücksichtigt, ist nicht weitsichtiger als ein Schwarm Heuschrecken, der über einen Acker herfällt.“

>> Quelle: Charisius, Hanno (2019b): „Aufforstung allein verhindert keine Klimakrise“. in: Süddeutsche Zeitung, 9.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-wald-1.4515837 (Abrufdatum 14.7.2019)

In gleichem Sinne äußerte sich auch schon vor zu vielen Jahren der damalige EU-Kommissionspräsident José Barroso:

„Es ist billiger, den Planeten jetzt zu schützen, als ihn später zu reparieren.“

EU-Kommissionspräsident José Barroso, Dezember 2009, zitiert in Bonner/Weiss 2017, 138.


Und das er damit nicht übertreibt, zeigen dann Zahlen wie diese:

  • „[A]llein die Hurrikane in der Karibik haben [2017]… Schäden in der Höhe von 320 Milliarden Dollar verursacht.“

>> Quelle: Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)

  • „Die durch Unwetter verursachten Schäden für die US-Wirtschaft werden sich im kommenden Jahrzehnt auf jährlich mindestens 360 Milliarden Dollar summieren… Zu diesem Ergebnis kommt der ‚Universal Ecological Fund.‘ Die [NGO] macht vor allem den Verbrauch fossiler Brennstoffe für das Problem verantwortlich.“

>> Quelle: n.n. (2017): „Hochrechnung: Klimawandel kostet USA 360 Milliarden Dollar jährlich“. in: Der Spiegel, 28.9.2017, online unter http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/usa-klimawandel-kostet-us-wirtschaft-360-milliarden-dollar-im-jahr-a-1170355.html (Abrufdatum 14.7.2019)

Und das ist ja nur der Anfang.

Gerne wird ja darüber berichtet, dass eisfreie Meer- und Landteile wirtschaftliche Vorteile bringen können. Außer acht wird dabei gelassen, dass gleichfalls verwüstete (!) Meer- und Landteile nicht mehr für Fischerei, Ackerbau etc. pp. zur Verfügung stehen werden. Und:

  • „Allein das Entweichen des Methans aus dem Permafrost der Ostsibirischen See würde Kosten in Höhe von 60 Billionen Dollar erzeugen, schätzen Forscher der Universität Rotterdam und Cambridge, was in etwa der Gesamtgröße der Weltwirtschaft im Jahr 2012 entspricht.“

>> Quelle und Zitat: Thelen, Raphael (2019): „Bedrohung aus dem Eis“. in: Der Spiegel, Nr. 41/5.10.2019, S. 87

Hier sei daran erinnert, dass neben der angeführten Ostsiberischen See ganze 20% (=1/5) der weltweiten Landmassen aus Permafrost bestehen (vgl. Abschnitt Kipppunkte).

Fakt ist, wir reden hier allein nur über diesen einen Punkt über den potenziellen kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Da ist es doch sinnvoller, für und nicht gegen die Zukunft zu arbeiten, zumal:

Umgekehrt macht es ökonomisch (!) reichlich Sinn, in Klimaschutz zu investieren:

Klimaschutz ist ein gigantisches Zukunftsprojekt. Und das bedeutet globale Marktchancen für Innovationen und Weiterentwicklungen in Bereichen wie Gebäudedämmung und -sanierung, Energieeffizienz, Energiespeicher, neue Formen von Mobilität…

  • „Die notwendigen internationalen Anstrengungen zur Reduktion von Treibhausgasen führen zu neuen Märkten für klimafreundliche Güter und Dienstleistungen im In- und Ausland. Der Klimaschutz eröffnet damit erhebliche Möglichkeiten für die deutsche Wirtschaft.“

>> Quelle: Kahlenborn, Walter et al. (2019): „Wirtschaftliche Chancen durch Klimaschutz. Kurzbericht“. in: Umweltbundesamt. online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2019-05-07_texte_15-2019_chancen-klimaschutz_kurzbericht_de.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

Schon jetzt machen „Exporte dieser Klimaschutztechnologiegüter machen mit gut 100 Mrd. Euro im Jahr 2013 9,4 Prozent der deutschen Warenexporte aus.“ (ebd.)

  • „Insgesamt gehen gut 530.000 Beschäftigte [=Arbeitsplätze] auf die Nachfrage nach Gütern für den Klimaschutz zurück. Zusammen mit den Beschäftigten durch Klimaschutzdienstleistungen liegen die Beschäftigungswirkungen des Klimaschutzes damit bei rund 1 Million Personen. Werden wegfallende Arbeitsplätze in der Energieerzeugung aus fossilen Energieträgern mit eingerechnet, ergeben sich immer noch deutlich positive Netto-Beschäftigungseffekte der Energiewende.“

>> Quelle: Kahlenborn, Walter et al. (2019): „Wirtschaftliche Chancen durch Klimaschutz. Kurzbericht“. in: Umweltbundesamt. Mai 2019, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2019-05-07_texte_15-2019_chancen-klimaschutz_kurzbericht_de.pdf (Abrufdatum 9.6.2019)

Auch im Bereich Automobilindustrie ergeben sich durchaus Chancen: So rechnet eine Studie der European Climate Foundation (ECF), an der auch Vertreter von Daimler, BMW und VW mitgewirkt haben, vor, dass bis 2030 durch den Umstieg auf Elektromobilität 145.000 Arbeitsplätze entstehen könnten – anders als pessimistischere Studien bezieht diese Studie andere Branchen mit ein – sowie die Tatsache, dass der benötigte Strom ja nicht wie das Öl aus Saudi Arabien etc. stammt, sondern in Deutschland hergestellt würde.

Quelle: n.n. (2017): „Elektromobilität: Mehr E-Autos, mehr Jobs“. in: Die Zeit, 12.10.2017, online unter: https://www.zeit.de/mobilitaet/2017-10/elektroautos-arbeitsplaetze-studie-umwelt-autoindustrie (Abrufdatum 30.6.2019)

Apropos Arbeitsplätze:

  • Die Deutsche Bahn meldet im Oktober 2019, dass sie „[i]n den nächsten Jahren … 100.000 Mitarbeiter einstellen“ will.

>> Quelle und Zitat: Kranz, Beate (2019): Deutsche Bahn plant bequemere Sitze für den ICE“. in: Hamburger Abendblatt, 24.10.2019, S. 11.

Im günstigen Fall kann die Bundesrepublik Deutschland mittels eines investitionsorientierten Klimaschutzes sogar ‚Innovationsmotor‘ für die globale Klimawende werden, wovon sie zweifellos wirtschaftlich stark profitieren könnte.

  • Letztlich erscheint es m.E. geradezu fahrlässig, diese Zukunftsmärkte, die kommen MÜSSEN, nicht proaktiv zu besetzen.


So konstatiert dann auch das Umweltbundesamt:

  • „Neben der Verwirklichung umweltpolitischer Ziele bietet der Klimaschutz auch zahlreiche ökonomische Vorteile.“ (ebd.)

Oktober 2019: Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Prognos AG kommt zu dem Ergebnis, dass selbstredend in bestimmten Branchen wie Automobilbranche, Bergbau und konventionelle Energieerzeugung Arbeitsplätze verloren gehen werden, aber „Reformen sich langfristig leicht positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken werden.“ Interessant ist, dass diese Studie den Arbeitsmarkt modelliert für den Fall, dass Klimaziele von Paris erreicht werden würden. Demnach würden durch den ambitionierten Klimaschutz auch viele neue Jobs entstehen – allein in der Baubranche sei mit 20.000 neuen Arbeitsplätzen zu rechnen.

>> Quelle und Zitat: Cwiertnia, Laura (2019): „Bedroht Klimaschutz den Arbeitsmarkt?“. in: Die Zeit, 1.10.2019, online unter https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-10/jobs-klimaschutz-arbeitsmarkt-kohleausstieg-sorgen (Abrufdatum 2.10.2019)

Fazit des Abschnitts „Klimaschutz in ökonomischer Perspektive“:

Es gibt unvorstellbar große finanzgewaltige Interessen, ausgediente Geschäftsmodelle zu verteidigen – und es gibt diverse innovative Geschäftsfelder, die ohne nationale und internationale gesetzliche Leitplanken bislang riskanter – aber mittlelfristig Chancen-reicher – und vor allem zukunftsfähig (=enkeltauglich) sind.

  • Das alles bedeutet: Umweltschädigendes Verhalten, umweltschädigende Geschäftsmodelle und ebensolche Investments dürfen sich nicht mehr lohnen. Umweltschädigung – die Allmende „Umwelt“ bzw. „Atmosphäre“ – braucht einen angemessenen Preis.


Nächster Abschnitt:



Politik für Enkel*innen: Was ist politisch zu tun?

Wer die Vergangenheit wählt, verspielt die Zukunft.

Inhalt


Natur braucht einen Wert.

Ein wesentliches Grundproblem ist, dass Umweltverschmutzung keinen Preis hat. Unternehmensgewinne werden eingestrichen, die zur Erzielung dieser Unternehmensgewinne entstandenen Umweltschäden werden i.d.R. von der Allgemeinheit getragen. Das bedeutet Umweltzerstörung. Das bedeutet eine stillschweigende Subventionierung von umweltschädlichem Wirtschaften/Verhalten. Und es bedeutet, dass umweltschonendes Verhalten finanziell benachteiligt wird.

Übersetzt auf den einzelnen Verbraucher bedeutet das, dass man in diesen Tagen i.d.R. mehr bezahlt, wenn man klimaschonend per Bahn nach Paris reist, als wenn man rund 1t CO₂ in die Luft schleudert, um dort hin- und zurück zu kommen.

Übersetzt auf Firmen bedeutet das, dass umweltschonendes Wirtschaften einen Wettbewerbsnachteil bedeutet.

Es folgt:

Natur braucht einen Wert.

Die Menschheit braucht einen – wirkungsvollen – Preis für Umweltverschmutzung. Spezifisch auf die Klimakrise angewendet, liegt es hier nahe, CO₂ zu bepreisen.

Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dazu:

  • „Wenn wir CO₂-Bepreisung hätten, dann würden die Preise im Supermarkt auch den CO₂-Gehalt reflektieren. Und dann, an der Kasse würden wir weniger bezahlen, wenn wir CO₂-freundlicher eingekauft hätten.“ (Nguyen-Kim 2019)

Anders ausgedrückt:

„Wir übersetzen gewissermaßen Klimaschädlichkeit in Geld.“ (ebd.)

Quellen dieses Abschnitts

>> Nguyen-Kim, Mai Thi (2019): „Klimawandel: Das ist jetzt zu tun! (feat. Rezo)“. in: maiLab, 14.9.2019, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=4K2Pm82lBi8 (Abrufdatum 30.9.2019)


Mit einem CO₂-Preis allein ist es indes bei Weitem nicht getan:



Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem.


Überschrift eines Gastbeitrages des Soziologen Harald Welzer in der Süddeutschen Zeitung:

„Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen“.

Grundlegende Erwägungen:

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer weist angesichts der viel beschworenen Eigenheit des Menschen, immer mehr zu wollen, pointiert darauf hin, dass es „Folklore“ sei,

  • „es sei ‚der Mensch‘, der mittlerweile zu einer geologischen Kraft geworden sei und das Erdsystem nachhaltig aus dem Takt bringe“. Hieran stört Welzer die Perspektive eines vermeintlich unabänderlichen „kosmischen Verhängnisses“, das keine Verantwortlichen kenne. (vgl. Welzer 2018)

    Aber:

    „Es ist erst der global verbreitete wachstumswirtschaftliche Kapitalismus, also eine historisch extrem junge Wirtschaftsform, der die gigantischen Zerstörungswirkungen entfaltet, die systemisch zu werden drohen.“ (ebd.)

Auch Naomi Klein vertritt die Auffassung, dass es in erster Linie die aktuelle Ausprägung des Kapitalismus sei, die … jawohl: uns in die Scheiße geritten hat – und nicht der Mensch an sich. Womit der Buchtitel

  • „This Changes Everything: Capitalism vs. The Climate“.
    (Buchtitel des 2015er Grundlagenwerks zur Klimakrise von Naomi Klein)

viel Sinn macht.

Klimakrise bedeutet mehr als hellgrüne Politik im Sinne einer Energie- Verkehrs- und Agrarwende plus den Kauf grünangestrichener Produkte.

  • Klimapolitik darf, kann und muss – entgegen der Altmaierschen Formel, die das Gegenteil behauptet – selbstverständlich auch auf Kosten von Wohlstand und Arbeitsplätze gehen – wo und in welchen Bereichen es notwendig ist.


Frage: Warum?

Antwort: Nun, weil es sonst irgendwann gar keine Arbeitsplätze und erst recht keinen Wohlstand mehr geben können wird.

  • Machen wir uns klar: Ohne eine konsequente Politik, die Wert auf Zukunftsfähigkeit und zukunftsfähige Arbeitsplätze legt, kommen wir nicht vom Fleck. Ohne nicht vom Fleck kommen bedeutet am Ende genau das wo wir nicht hinwollen: Keine Arbeitsplätze mehr und keinen Wohlstand.

Die Klimakrise macht in allen Lebensbereichen Veränderungen erforderlich, mindestens deutliche Mäßigungen des Konsums und Lebensstils von uns Industriestaatler*innen, eine Orientierung an einem noch auszuhandelnden „menschlichen Maß“ (vgl. Niko Paech 2012).



Wir alle, sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen, werden uns und unser Verhalten stark ändern müssen – Bernd Ulrich hält dazu in der Zeit treffend fest:

„Wenn es einen Weg gäbe, die Klimawende auch ohne grundlegende Veränderungen bei Produktion, Konsum und Mobilität zu bewerkstelligen, dann hätte die GroKo ihn sicher schon gefunden.“ (Ulrich 2019)

Im Übrigen ist es angebracht einen Unterschied zwischen Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft zu machen.

Es braucht immer ein(n) Mutige(n), die/der die Wahrheit ausspricht – das bin jetzt mal zur Abwechslung ich selber. Für Deutschland auf den Punkt gebracht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

Und genau das ist die Botschaft, die von einer/m (nicht grünen) führenden PolitikerIn der deutschen Bürger*innen mitgeteilt werden muss.

  • Mit diesem eingeschenkten „reinen Wein“ wäre endlich die Voraussetzung für ein politisch probate Diskussion und Durchsetzung von Notwendigkeiten zu Veränderungen in allen Lebensbereichen gegeben: Dann hätte man eine fundierte Basis, auf der man miteinander reden kann – und sicher auch mehr Verständnis/Einsicht für Veränderungen.
  • Zurzeit gibt es (noch) eine stillschweigende Abmachung/Komplizenschaft zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und den meisten Politiker*innen, eine gemeinsame Vogel-Strauß-Kopf-in-den-Sack-Taktik: Wir sitzen das Ding aus, machen Symbolpolitik – und ansonsten machen wir einfach weiter wie bisher.
  • Es bleibt am Ende die Frage, inwieweit deutsche Politiker*innen der älteren Semester rechts der (Dunkel-)Grünen die Dimension und Dringlichkeit der Klimakrise begreifen (wollen).

Und:
Mit „weniger Konsumieren, weniger Reisen, weniger kaufen“ ist es nicht getan. Unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem „funktioniert“ nur, wenn wir ein HöherSchnellerWeiter-Leben im Überfluss führen, d.h. mehr konsumieren als notwendig, also: Überflüssiges kaufen, dass nach zwei Wochen in der Ecke steht. Und weil das in diesem System notwendig ist, lobt der Staat auch umgehend „Abwrackprämien“ u.ä. aus, damit die Nachfrage künstlich hoch bleibt – und Menschen kaufen dann Autos, die sie eigentlich zu diesem Zeitpunkt nicht benötigen.

Wenn also unsere Wirtschaft nur „brummt“, wenn Überfluss gelebt wird – und wenn wir diesen Überfluss loszulassen haben, um die Chance auf einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten, folgt daraus logisch, dass wir unser Wirtschaftssystem hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu reformieren haben.

Auch hierüber erfahren wir nichts von deutschen Politiker*innen. Wenn diese – insbesondere die Vertreter*innen der Union – hervorheben, es liege an den Bürger*innen selbst im Interesse des Klimaschutzes Vernunft walten zu lassen und weniger zu konsumieren, dann ist das eine faustdicke Lüge, weil genau diese geforderte „Vernunft“ im derzeitigen wachstumsorientierten Turbokapitalismus in die Rezession führen würde. Dieses Dilemma muss schnellstmöglich aufgelöst werden. Jeff Daniels bzw. Will McAvoy hält dazu in The Newsroom fest:

„Der erste Schritt, ein Problem zu lösen, ist, zu erkennen, dass es eins gibt.“

Übersetzt auf die Klimakrise bedeutet das:

  • Ein erster Schritt, die Klimakrise zu lösen, ist, zu erkennen und gegenüber den Bürger*innen zu benennen, dass das Dilemma „Vernunft = weniger Konsum = Rezession | mehr Konsum = Klimakollaps“ nur durch grundlegende Reform des derzeitigen deutschen Wirtschaftsmodells hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu lösen ist.

Hier kommt mein Ansatz „LebeLieberLangsam“ ins Spiel (siehe LebeLieberLangsam-Blog-Einführung)

Im 2018er „Wir sind dran“-Bericht vom Club of Rome ist dazu festgehalten:

  • „Dana Meadows lehrte uns: ‚Menschen brauchen keine riesigen Autos; sie brauchen Respekt. Sie brauchen keine überfüllten Kleiderschränke. Sie müssen sich attraktiv fühlen und sie brauchen Vielfalt, Schönheit, etwas Spannung. Menschen brauchen Identität, Gemeinschaft, Herausforderungen, Anerkennung, Liebe, Freude. Dies alles mit materiellen Dingen zu erfüllen, führt zu unstillbarem Appetit auf falsche Lösungen für echte Probleme. Die psychische Leere ist eine der Triebkräfte für den Wunsch nach materiellem Wachstum. Eine Gesellschaft, die ihre immateriellen Bedürfnisse artikuliert, sucht und findet auch immaterielle Wege, diese zu befriedigen. Sie benötigt dann viel weniger Rohstoffe und Energie, böte dafür aber höhere menschliche Erfüllung’“. (Meadows et al. 1992)

Quellen dieses Abschnitts

>> Daniels, Jeff (Rollenname: Will McAvoy), The Newsroom; im Original heißt es: “First step in solving any problem is recognizing there is one.” Sorkin, Aaron (2019): „The Newsroom Script Episode 1“. in: goodreads, online unter https://www.goodreads.com/work/quotes/23633463-the-newsroom-script-episode-1 2012 (Abrufdatum 13.7.2019)

>> Meadows, Donella, Randers, Jörgen und Meadows, Dennis (1992): Beyond the Limits. Confronting global collapse. White River Junction: Chelsea Green. Auf deutsch übersetzt zitiert in: Weizsäcker, Ernst Ulrich von; Wijkman, Anders et al. (2018): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloher Verlagshaus. S. 196.

>> Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.

>> Ulrich, Bernd (2019): „Europawahlergebnis: Angriff aus dem Kinderzimmer“. in: Die Zeit, 26.5.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/europawahlergebnis-klimapolitik-fridays-for-future-protestwahl-gruene/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)

>> Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch: Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)



Erforderlich ist ein komplette, gedankliche

Grundlegende Neuausrichtung von Politik und Gesellschaft.


Man kann die Dinge aus einer anderen, proaktiven Perspektive denken:

Was soll sich in Deutschland lohnen: Was soll belohnt und gefördert werden? Und was nicht?

  • Gesundheit – oder: Krankheit
  • Ein gutes Leben für Alle – oder: ein luxeriöses Leben für Wenige
    • Ein Leben basierend auf den Menschenrechten – oder: ein Leben, das im Grunde genommen auf faktischer Sklaverei, Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen basiert
  • Kooperation – oder: Konkurrenz
  • Pflege – oder: Aktienbesitz
  • ÖPNV – oder: privater PKW
  • Schiene – oder: LKW/Autobahn
  • Liebe – oder: Geld/Leistung
  • Hygge – oder: Hybris
  • Regionale – oder: globale Produkte (z.B. bei Produkten, die auch hier wachsen)
  • Dinge die lange halten – oder: Produkte mit implementierter Obsolenz
  • erneuerbare – oder: fossile Energien
  • CO₂-vermeidendes Leben – oder: CO₂-Prasserei
  • Parität – oder: Männer (Parität =Frauen sind gleichwertig an relevanten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen beteiligt. )
  • Lebendige Städte u.a. mit guter Luft – oder: privater Pendelverkehr
  • Strukturierte Städte – oder: zersiedeltes Land
  • Umwelt – oder: Untergang
  • Langfristiges – oder: Kurzsichtiges
  • bodenbewahrende – oder: konventionelle bodenvernichtende Landwirtschaft
  • Sauberes Trinkwasser – oder: Tierställe

>> Wenn man sich die Liste anschaut: Nichts ist, wie es sein sollte.

>> Aber: Die bessere Alternative ist nicht undenkbar, sondern vorhanden und ohne weiteres: denkbar.

Das ist eine Grundentscheidung, die dann ordnungspolitisch durch entsprechende Leitplanken und Normen begleitet werden kann. So wie es zurzeit in die falsche Richtung ordnungspolitisch durch entsprechende Leitplanken und Normen begleitet wird (und mit den Merkel’schen freiwilligen Selbstverpflichtungen).



Postfossile Gesellschaft und das Machtgefüge der Welt

Noch ein Aspekt: In einer postfossilen Welt werden i.d.R. keine Kriege um Öl geführt. Dies wird das globale Machtgefüge massiv verändern. Um zu illustrieren, wie viel Macht und umgekehrt Abhängigkeit das fossile Zeitalter – aber auch Krieg – mit sich gebracht hat, sei auf folgenden Aspekt hingewiesen:

  • „Konservativ geschätzt hat die USA zwischen 1999 bis 2003 allein für die Aufrechterhaltung ihrer militärischen Präsenz in der Golfregion 600 Milliarden Dollar aufgewendet.“ (Rammler 2017, 53-54)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 53-54, siehe hier auch zur engen „Verbindung zwischen unseren treibstoffsüchtigen Automobilflotten und Militärapparaten und der jahrzehntelangen Destabilisierung des Morgenlandes durch neoimperiale Ressourcensicherungspolitik der westlichen Industrieländer….“ (S. 48ff.)

Das bedeutet zweierlei:

  • Die Welt hat die Chance ohne diese Öl-Abhängigkeiten friedlicher zu werden.
  • Wenn jemand sagt, die Finanzierung des ökologischen Umbaus sei zu teuer – dann ist auf Basis obigen Zitats klar, dass diese Gelder zweifelsfrei vorhanden sind und wo die benötigten Mittel herkommen können. Sinnvolle Kriege gibt es nicht. In einer untergehenden Welt machen sie erst recht keinen Sinn.

Soweit ein kurzer Hinweis und Ausblick auf eine in Zukunft mögliche Gesellschaft, in der ohnehin zu wenig Arbeit für alle existiert und das Leistungsprinzip nicht mehr so krass identitätsprägend ist wie derzeit in Deutschland und den Industrienationen. Kommen wir zu den konkreten politischen Zielen, die zeitnah umzusetzen sind, damit wir die Chance haben, überhaupt über eine künftige Zivilgesellschaft nachzudenken:



Konkrete politische Ziele:

Vorweg: Fridays for Future’s Forderungen vom April 2019 entsprechen den Vereinbarungen des 2015er Pariser Abkommens (korrekt: „Übereinkommen von Paris“ vom 12. Dezember 2015) – das bedeutet, dass FfF lediglich das einfordern, was Deutschland ohnehin beschlossen hat – und damit sich ausschließlich auf Ziele berufen, zu denen sich Deutschland verpflichtet hat.
Daher mutet es grotesk und mehr als verlogen an, wenn nun die Politik-Hühner im Hühnerstall erschrocken aufflattern und FfF-Forderungen als überzogen/unrealistisch/utopisch bezeichnen.

Letztlich sind die Forderungen von FfF lediglich ein undezenter Reminder an die Regierung Merkel.

In Luisa Neubauers Worten:

  • „Was wir [als Fridays for Future] machen ist: Wir setzen uns dafür ein, dass die Bundesregierung selbst gesteckte Ziele einhält. Schon das ist absurd, dass wir dafür auf die Straße gehen müssen – das sollte selbstverständlich sein.“ (n.n. 2019a)

Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles einfordern:

  • Nettonull 2035 erreichen = Klimaneutralität bis 2035
  • Kohleausstieg bis 2030
  • 100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035
    (sog. „Dekarbonisierung“)
  • Subventionen-Stopp für fossile Energieträger bis Ende 2019
  • Abschaltung von 1/4 aller Kohlekraftwerke bis Ende 2019
  • Einführung einer CO₂-Steuer auf alle Treibhausgas-Emissionen. Zügige Preisentwicklung hin zu 180 EUR pro Tonne CO₂ – in Übereinstimmung mit den Vorstellungen des Umweltbundesamtes (nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium) (vgl. n.n. 2019b u. n.n. 2019c)

>> Anmerkung zu „Klimaneutralität“: Gemeint ist damit das Erreichen von Netto-Null-Emissionen, d.h. es darf weltweit jährlich nur noch so viel CO₂ emittiert werden, wie durch die Natur z.B. via Wälder aus der Atmosphäre entfernt wird.

Diese Ziele sind wünschenswert und selbstredend ein großer Schritt nach vorn.

Doch: Neben diesen auf eine Energiewende zielenden Forderungen und Ziele ist zweifellos auch in anderen Bereichen eine tiefgehende Umgestaltung unseres Lebensstiles erforderlich.

  • Eine grundlegende Verkehrswende, die nicht nur auf einen Austausch des Antriebssystems von Pkw setzt, ist erforderlich. Abgesehen von der ungünstigen Energiebilanz bei der Herstellung von E-Autos bzw. deren Batterien und den extremen Problemen rund um die Förderung der dafür nötigen seltenen Erden ist es einfach nicht sinnvoll zu viel fossilen Verkehr durch zu viel E-Auto-Verkehr zu ersetzen.
    • Eine ernstgemeinte Verkehrswende bedeutet die Umstellung von Privatbesitz-PKW-Individualverkehr (MIV) auf multimodale Sharing-Verkehrssysteme unter Betonung von Schiene, Zweirad und ÖPNV.
  • Zum Flugverkehr ist hier nur festzuhalten, dass dieser Wirtschaftszweig nicht weiter wachsen kann/darf – und zweifellos nicht alle Menschen der Welt in Flugzeuge steigen können. Dies wirft auch drängende Fragen der Climate Justice auf.
  • Eine grundlegende Agrarwende beinhaltet die Prioritätensetzung auf Bodenerhaltung und Bewahrung der Biodiversität. Eine Ende der Fleischexportwirtschaft scheint da m.E. der logische Schritt, weil die Nitratbelastung des Grund- und Trinkwassers durch Kunstdünger und Gülle dringend heruntergefahren werden muss. In diesem Sinne ist auch eine übermäßige und in diesem Sinne gesundheitlich schädliche Versorgung mit billigem Tierquäl-Antibiotika-Resistenzen-erzeugendes minderwertiges Fleisch künftig abzuwenden.

Noch einmal: Diese Ziele von FfF sind wünschenswert und auf jeden Fall ein großer Schritt nach vorn – aber:

  • Sie kratzen indes nicht am neoliberalen Wachstumsdogma, dem Finanzialismus, dem Extraktivismus (=übermäßige Ressourcenausbeutung) und dem globalen Kapitalismus inkl. Neo-Kolonialismus dieser Tage.
  • Dieser Party-Kit „Klimakrise“ verdeutlicht mindestens, dass die Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles einfordern, keine Maximalanforderungen für die Bewältigung der Klimakrise, sondern eher die allerunterste Kante der tatsächlich notwendigen Maßnahmen darstellen.
  • Zurzeit befindet sich die Weltgemeinschaft tatsächlich auf einem „drei-bis-vier-Grad-Pfad“ bis 2100. (vgl. n.n. 2019d, n.n. 2019e, n.n. 2019h)
  • Der neueste Unep-Bericht der UNO wird im Spiegel wie folgt analysiert:

    • „Wenn die Weltbevölkerung so weiterlebe wie aktuell, droht die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 3,9 Grad statt wie angestrebt um nur 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu steigen. Selbst wenn alle Staaten ihre derzeit zugesagten Beiträge zum Klimaschutz auch wirklich erbringen, werden demnach 2030 noch immer 32 Gigatonnen CO2 zu viel ausgestoßen, um das 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können.“ (n.n. 2019h)

    • Mit anderen Worten: Wir haben da derzeit ein CO2-Gap, dass dringend abgebaut werden muss.
  • In diesem Sinne fordern im November 2019 „mehr als 11.000 Wissenschaftlerinnen aus 153 Ländern … mehr Klimaschutz. Im Fachjournal BioScience (Ripple et al., 2019) konstatieren sie, ohne grundlegendes Umsteuern sei ‚unsägliches menschliches Leid‘ nicht mehr zu verhindern. Fast drei Viertel der 184 Zusagen zum Einsparen von Treibhausgasen, die Länder im Rahmen des Pariser Abkommens eingereicht haben, sind demnach nicht ehrgeizig genug. ‚Aus den vorliegenden Daten [und ohne weitere, ehrgeizige Zusagen] wird klar, dass ein Klima-Notfall auf uns zukommt.'“ (n.n. 2019f)

Im Spiegel ist dazu zu lesen:

  • „Gemessen am Ziel, den Ausstoß von klimaschädlichen Substanzen bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, seien nur die 28 EU-Staaten und sieben weitere Länder auf Kurs… Die Forscher fordern … Veränderungen vor allem in sechs Bereichen…[, darunter auch eine] nachhaltige Veränderung der Weltwirtschaft…“ (n.n. 2019g)

Quellen dieses Abschnitts

>> n.n. (2019a): „Luisa Neubauer rechnet mit Klimapaket ab: ‚Regierung lässt Millionen junger Menschen fallen!'“. in: Stern, 26.9.2019, online unter https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/luisa-neubauer-rechnet-mit-klimapaket-ab—regierung-laesst-millionen-junger-menschen-fallen—8923594.html (Abrufdatum 2.10.2019)

>> n.n. (2019b): Quasi wörtlich übernommen aus: https://fridaysforfuture.de/wp-content/uploads/2019/04/Forderungen.pdf bzw. https://fridaysforfuture.de/forderungen/ (Forderungen vom April 2019, Abrufdatum 30.5.2019)

>> vgl. auch n.n. (2019c): „“Fridays for Future“ stellt erstmals konkrete Forderungen an die Politik“. in: Der Spiegel, 8.4.2019, online unter: https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/fridays-for-future-schueler-stellen-forderungen-an-die-politik-a-1261773.html (Abrufdatum 19.6.2019)

>> vgl. n.n. (2019d): „CO₂-Reduzierung unzureichend: 11.000 Wissenschaftler warnen vor weltweitem Klimanotstand“. in: Der Spiegel, 5.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-unzureichend-forscher-warnen-vor-weltweitem-klimanotstand-a-1294979.html (Abrufdatum 6.11.2019)

>> vgl. n.n. (2019e): „‚Brown to Green‘-Report zur Klimakrise: Industrieländer treiben die Welt Richtung drei Grad Erwärmung“. in: Der Spiegel, 11.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-kein-g20-staat-ist-auf-1-5-grad-kurs-a-1295841.html (Abrufdatum 11.11.2019)

>> n.n. (2019f): „Tausende Wissenschaftler warnen vor Klima-Notfall“. in: Die Zeit, 5.11.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-11/klimawandel-klimaschutz-pariser-klimaabkommen (Abrufdatum 5.11.2019)

>> n.n. (2019g): „CO₂-Reduzierung unzureichend: 11.000 Wissenschaftler warnen vor weltweitem Klimanotstand“. in: Der Spiegel, 5.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-unzureichend-forscher-warnen-vor-weltweitem-klimanotstand-a-1294979.html (Abrufdatum 6.11.2019)
>> n.n. (2019h): „Klimabericht der Bundesregierung: Deutschland hat sich bereits um 1,5 Grad erwärmt“. in: Der Spiegel, 26.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klima-deutschland-hat-sich-bereits-um-1-5-grad-erwaermt-a-1298283.html (Abrufdatum 26.11.2019)



Klimakrise als Chance.

Die Klimakrise kann auch als Chance betrachtet werden: Anders zu leben. Weltweit. Ohne Sweatshops, ohne faktische Sklaven: Mit einem besseren Leben für Alle. Wir brauchen diesen Turbokapitalismus nicht. Es ist genug für alle da.

LebeLieberLangsam.

Dann geht’s auch dem Planeten besser.

Es gibt eine ganze Menge Menschen und Gruppen mit Ideen da draußen, wie wir den Laden grundlegend umkrempeln können. Diese Ideen verbergen sich hinter Begriffen wie Postwachstumsökonomie, Gemeinwohlökonomie, Degrowth, aber kleiner gedacht auch hinter Stichwörtern wie Solawi (=solidarische Landwirtschaft), Repair-Cafés…


Die einfachste und seit langer Zeit sehr erfolgreich umgesetzte Methode um die Sache anzugehen, sind: Genossenschaften.
Fahren wir den Finanzialismus zurück und fördern wir massiv privatrechtliche Betriebe/Unternehmensformen, die keinen Gewinn im eigentlichen Sinne machen können – und wir sind da, wo wir hinwollen: Dann sind wir bei mittelständischen, dezentralen Unternehmen, die dem dienen, wofür Wirtschaft eigentlich gedacht ist. Sie dienen: Der Gesellschaft.

Revolutionär einfach. Und doch so Welt-bewahrend.


Geht nicht – gibt’s nicht. Denn:

Die Natur setzt uns die Pistole auf die Brust – und das ist insbesondere dem Finanzialismus und dem Neoliberalismus zuzuschreiben.

Die Alternative – alles so lassen, nur an den kleinen Schrauben zu justieren – führt ins: Aus.



Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz.

  • Bäume pflanzen/globale Aufforstung.

Bäume sind sehr gute, langjährige CO₂-Speicher. Eine im Juli 2019 veröffentlichte Studie namens The global tree restoration potential zeigt, dass eine globale Pflanzung von Bäumen das 1,5°-Ziel „zweifellos“ erreichbar mache. Mittels Satellitendaten wurde ausgewertet, „wo auf der Erde Platz für neue Bäume wäre und wie viel Kohlendioxidmenge diese speichern könnten“ (Dambeck 2019). Die Erde könne „ein Drittel mehr Wälder [aktuell 2,8 Mia Hektar + Fläche der USA = 900 Mio Hektar] vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden“ (n.n. 2019). Bis zu 60 Jahre dauere es, bis die Wälder herangewachsen wären, dann aber „könnten sie 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern… Das entspricht rund zwei Dritteln der 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die der Mensch seit der industriellen Revolution in die Atmosphäre gebracht hat.“ (Dambeck 2019). Die Wirkung einer solchen Maßnahme sei viel größer als bislang bekannt gewesen sei. „Umso wichtiger sei es nun, schnell zu handeln … [zumal] sich in einem insgesamt heißeren Erdklima die Fläche [reduziere], die überhaupt für Wald geeignet ist“ (ebd.).

  • Ebenfalls in der Studie wird erwähnt, dass „[d]ie Menschheit … den ursprünglichen Baumbestand der Erde wohl bereits halbiert“ (Charisius 2019a) habe.

Diese Bäume global zu pflanzen und zu pflegen (Aufwand!!!/praktische Umsetzung!!!) kann uns Menschen sicherlich dabei unterstützen, das wichtige 1,5°-Ziel statt das ungleich riskantere 2,0°-Ziel zu erreichen – die Dringlichkeit des Handelns und der starken Transformation bleibt auch beim massenhaften Bäume pflanzen angesichts der gigantischen Herausforderung „Klimakrise“ ungebrochen: Zudem ist immer mehr Bäume pflanzen keine Dauerlösung auf diesem begrenzten Planeten, sondern kann allenfalls unterstützend wirken:

  • „Wälder können zwar Kohlendioxid aufnehmen und im Holz binden – aber eben nur in begrenzten Mengen während ihrer bis zu 100 Jahre dauernden Wachstumsphase. Will die Menschheit mit ihrem CO₂-Ausstoß weitermachen wie bisher, dann müsste sie alsbald die zwei-, drei- oder vierfache Fläche der USA freiräumen, um dort Bäume zu pflanzen.“ (Charisius 2019b) – freiräumen? Natürlich nicht.

Allgemein hat die Idee m.E. eine größenwahnsinnige Anmutung – und mich würde auch interessieren, inwieweit der positive Effekt wieder durch den (fossilen?) Energieaufwand bei Pflanzung und Pflege geschmälert wird… Trotzdem: Systematisch Wälder zu schützen und viele, viele neue Bäume zu pflanzen scheint dennoch definitiv richtig – es ist ein weiteres Puzzleteil auf dem Weg der „großen Transformation“.

  • Auf NGO-Ebene gibt es selbstredend schon länger umfangreiche Baumpflanz-Projekte. Hier engagiert sich u.a. die globale Nicht-Regierungsorganisation (Non-governmental organization) Plant for the Planet, die von dem seinerzeit 9-jährigen Felix Finkbeiner (*1997) gegründet wurde, unter der Schirmherrschaft von Fürst Albert von Monaco und Klaus Töpfer.

(Hier gibt es Diskussionen um die Zahl der gepflanzten Bäume – und das Ziel 1000 Milliarden Bäume liegt offensichtlich in weiter Ferne, aber festzuhalten bleibt: Der Plant for the Planet-Ansatz ist Teil der Lösung.)

  • Die Grüne Mauer im Sahel | The Great Green Wall | The Great Green Wall for the Sahara and the Sahel Initiative (GGWSSI)

    ist auch so ein 2007 von der Afrikanischen Union (AU) begonnenes Projekt, dass ein mindestens 15 km breites und etwa 8000 km langes Band quer durch Afrika unterhalb der Sahara in der Sahelzone etwa auf den Breitengraden vom Senegal, von Mali, Niger, Tschad, Sudan und Eritrea vorsieht. Etwa 15% des Projektes sind laut Projektkoordinator Elvis Paul Tangem (Stand 2017) umgesetzt. Inzwischen ist man davon abgekommen, dass dieser Baumwall unbedingt durchgehend zu sein habe – dies habe wohl in erster Linie große Symbolkraft. „Für den Agrarexperten [Chris] Reij geht es … weniger darum, massenhaft Bäume zu pflanzen, als vielmehr [pragmatisch von den örtlichen Gegebenheiten auszugehen, die Menschen einzubeziehen und in diesem Sinne] viele kleine, in den Dorfgemeinschaften verwurzelte Projekte zu unterstützen und existierende Baumbestände zu erhalten… [D]ie Verantwortlichen sprechen mittlerweile lieber von einem Mosaik als von einer Mauer. Außerdem geht die Initiative nun über die Sahelzone hinaus, insgesamt 21 afrikanische Staaten beteiligen sich“ (Goergen 2017). Klar ist auch, dass es hier um mehr geht, als um Bäume pflanzen.

  • Mitten in der Sahel-Zone, im unwirtlichen Norden von Burkina Faso hat ein einzelner Mann in dreißig Jahren harter körperlicher Arbeit (lang Jahre vollkommen allein) entgegen allen Widerständen (auch seiner Mitmenschen) gelungen, was westliche „Entwicklungshelfer“ vergeblich versuchten. Yacouba Sawadogo hat einen Wald geschaffen, „30 Hektar ehemals totes Land, 42 Fußballfelder, auf denen 60 verschiedene Bäume und Sträucher [und Getreide] wachsen, die größte Artenvielfalt in diesem Teil der Sahelzone“ (Jeska 2012) ( „Vor 20 Jahren stand hier nur ein Baum!“, ebd.) – und wurde er 2018 mit dem sog. alternativen Nobelpreis, dem „Right Livelihood Award“ ausgezeichnet (Grefe 2018).

Wenn ein einzelner Mensch in der Lage ist, einen 42 Fußballfelder umfassenden Wald zu schaffen mitten in der Sahelzone – dann zeigt das, wie viel eigentlich möglich wäre – und es ist m.E. äußerst frustrierend, dass es so oft bei einzelnen „Mutmachergeschichten“ bleibt – weil angeblich alles nicht geht. Machen statt reden. In diesem Fall allerdings hat Yacouba Sawadogo zahlreiche Nachahmer gefunden (vgl. Grefe 2018) – andererseits wurde das Projekt der eigene Erfolg zum Verhängnis: Dort, wo Wald und Felder waren und das Land wieder lebenswert war, baute die Regierung: Häuser. Sawadogo „tat das, was er immer getan hat, wenn das Leben sich ihm entgegenstellte: Er fing wieder von vorne an. Wanderte mit seiner Hacke ein Stück weiter: dorthin, wo niemand war und wo niemand sein wollte, hackte neue Löcher“ (Jeska 2012).

Quellen dieses Abschnitts

>> Bastin, Jean-Francois et al. (2019): „The global tree restoration potential“. in: Science, 5.7.2019, online unter https://science.sciencemag.org/content/365/6448/76 (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Dambeck, Thorsten (2019): „Klimakrise Wälder könnten zwei Drittel aller CO₂-Emissionen ausgleichen“. in: Der Spiegel, 4.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/waelder-koennten-zwei-drittel-aller-co2-emissionen-ausgleichen-a-1275799.html (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Charisius, Hanno (2019a): „Lasst uns Milliarden Bäume pflanzen“. in: Süddeutsche Zeitung, 7.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/russland-china-usa-brasilien-klimawandel-wald-baeume-co2-treibhausgas-1.4513739 (Abrufdatum 7.7.2019)

>> Charisius, Hanno (2019b): „Aufforstung allein verhindert keine Klimakrise“. in: Süddeutsche Zeitung, 9.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-wald-1.4515837 (Abrufdatum 14.7.2019)

>> Fischer, Tin (2019): „Plant for the Planet: Weißt du, wie viel Bäumlein stehen?“. in: Die Zeit, 6.3.2019, online unter https://www.zeit.de/2019/11/plant-for-planet-ngo-projekt-aufforstung-daten (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Goergen, Roman (2017): „Afrikas Grünstreifen: Wüstenbildung Einhalt gebieten“. in: Technology Review, online unter https://www.heise.de/tr/artikel/Afrikas-Gruenstreifen-3664743.html?seite=all (Abrufdatum 5.7.2019)
> Website des Projektes Great Green Wall: https://www.greatgreenwall.org/ (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Grefe, Christiane (2018): „Yacouba Sawadogo: Bauer aus Burkina Faso erhält Alternativen Nobelpreis“. in: Die Zeit, 24.9.2018, online unter https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-09/yacouba-sawadogo-alternativer-nobelpreis-landwirtschaft-trockenheit-boeden (Abrufdatum 6.7.2019)
> siehe auch Film-Doku: Dodd, Mark (2010): Der Mann der die Wüste aufhielt. [=The Man Who Stopped the Desert] – kann hier bezogen werden: https://www.journeyman.tv/film/5581/the-man-who-stopped-the-desert (Abrufdatum 6.7.2019)

>> Hörnlein, Katrin (2918): „Felix Finkbeiner: ‚Nicht lange reden, direkt etwas tun'“. [Interview mit Felix Finkbeiner]. in: Die Zeit, 27.6.2018, online unter https://www.zeit.de/2018/27/felix-finkbeiner-umweltschutz-klimawandel (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Jeska, Andrea (2012): „Sahelzone: Der Mann, der die Wüste aufhielt“. in: Die Zeit, 29.11.2012, online unter https://www.zeit.de/2012/49/Hunger-Sahelzone-Baeumepflanzer (Abrufdatum 6.7.2019)

>> n.n. (2019): „Bäume pflanzen gegen den Klimawandel“. in: Die Zeit, 4.7.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-07/klimawandel-klimaschutz-aufforstung-baeume-pflanzen-co2-emmissionen (Abrufdatum 5.7.2019)


  • Moore erhalten/renaturieren

Intakte Moore binden große Mengen an CO₂e

  • „Die dort wachsende Biomasse wird nach dem Absterben nämlich kaum zersetzt, sondern lagert sich in Form von Torf ab. Moore besitzen dadurch die Fähigkeit, Kohlenstoff aufzunehmen und dauerhaft zu speichern – sie sind ‚Kohlenstoffsenken‘. Legt der Mensch das Moor trocken, kehrt sich der Prozess um: Die einstigen Feuchtgebiete setzen dann grosse Mengen an Treibhausgasen frei – vor allem Kohlendioxid, Methan und Lachgas.“ – „Wie gross das Problem ist, verdeutlicht jetzt eine Studie von Jens Leifeld [et al.] am Forschungsinstitut Agroscope in Zürich … Laut ihrer Rechnung könnten die Trockenlegungen in den Tropen ein bis vier Zehntel des Kohlenstoffbudgets aufbrauchen, das zur Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze benötigt wird.“

>> Titz, Sven (2019): „Mit den Mooren das Klima schützen“. in: NZZ, 11.11.2019, online unter https://www.nzz.ch/wissenschaft/klimaschutz-was-der-verlust-der-moore-bedeutet-ld.1521230 (Abrufdatum 12.11.2019)

> Erläuterung: Sahel = arabisch „As sahil“ = „Ufer der Wüste“ (Jeska 2012.)


  • Divestment (Kapitalabzug aus fossilen Unternehmen)

Das ist ein äußerst mächtiger Hebel, vgl. dazu die Kampagne Fossil Free, die u.a. von Barack Obama, Prince Charles und Al Gore unterstützt wird – mittlerweile ziehen sich diverse Pensionsfonds, Stiftungen sowie das Land Irland finanziell aus entsprechenden Unternehmen zurück – siehe dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Divestment_(fossile_Energien) (Abrufdatum 5.7.2019)) []

  • Norwegen baut nunmehr, Stand Oktober 2019, Stück für Stück seinen Staatsfonds (der den Wohlstand der kommenden Generationen sichern soll) um und trennt sich von Anlagen in der Höhe von ca. 5,4 Milliarden EUR, die in die weltweite fossile Industrie investiert wurden.

>> Quelle: n.n. (2019): „Klimaschutz Norwegens Staatsfonds trennt sich von Öl-Aktien“. in: Der Spiegel, 2.10.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/klimaschutz-norwegens-staatsfonds-trennt-sich-von-oel-aktien-a-1289752.html (Abrufdatum 2.10.2019)


  • Klimanotstand ausrufen.

Derzeit haben über vierzig Städte in Deutschland – darunter Konstanz, Kiel, Bochum, Wiesbaden und Heidelberg – den sog. ‚Klimanotstand‘ ausgerufen. Hier streiten sich die Geister, inwieweit dies eine reine Symbolpolitik und somit überflüssig sei – und inwieweit der Begriff ‚Notstand‘, der ja eigentlich „eine Ausnahmesituation darstelle, deren Bekämpfung die Einschränkung von Bürgerrechten in Kauf nimmt“ (Gilbert 2019, 5) angemessen sei. „Manche Städte, darunter Kiel, sprechen deswegen in ihren Beschlüssen explizit vom international benutzten Begriff ‚climate emergency'“. (ebd.)

Was genau ist an Symbolpolitik prinzipiell schlecht? Nach meiner Ansicht sollte derzeit jede Maßnahme ergriffen werden, um den vielen noch vom unendlichen HöherSchnellerWeiter träumenden Bürger*innen zu verdeutlichen, dass wir vor drastischen Umbrüchen und Veränderungen stehen. (Der englischsprachige Begriff könnte evtl. nicht klar genug machen, worum es tatsächlich geht.) Und im Ernst: Es herrscht faktisch Notstand – auch wenn er sich aktuell im Alltag nur bedingt zeigt.

>> Quelle: Gilbert, Max (2019): Hochdruck in den Städten“. in: Süddeutsche Zeitung, 12.8.2019, S. 5, online unter https://www.sueddeutsche.de/politik/klimanotstand-klimaerwaermung-staedte-1.4560324 (Abrufdatum 12.8.2019)



Ideen pro Nachhaltigkeit.

Hier eine Liste von Ideen, Anregungen und Möglichkeiten, der Klimakrise nachhaltig zu begegnen (in loser Folge):

  • Grundsatz: Money is it >> Nachhaltigkeit muss sich lohnen.
  • Angesichts der Dramatik der Klimakrise ist bei neuen Gesetzesvorlagen ein Klimavorbehalt einzubauen: Alle Gesetzesentwürfe sind auf ihre Klimatauglichkeit hin zu prüfen.
  • Unser derzeitiges Wirtschaftssystem ist auf Überfluss angewiesen, um zu „funktionieren“ via „Wachstum“. Überflussgesellschaft und Shareholder Value auf der einen Seite und Wohlstandsgesellschaft und Nachhaltigkeit auf der anderen Seite schließen sich gegenseitig aus. Es bedarf daher einer grundlegenden Umgestaltung, um einen noch zu definierenden – angesichts der ‚Verspätung‘, mit der wir auf die Klimakrise reagieren angenehmen – Wohlstand zu erhalten.
  • Normen, die in der EU gelten, haben auch für Non-EU-Staaten/Unternehmen, die in der EU Produkte verkaufen möchten, zu gelten. Die Einhaltung von EU-Arbeitsschutzgesetzen, EU-Umweltauflagen, EU-Sozialversicherungs-Aspekte haben über von der EU finanzierte in der EU ansässige Non-Profit-Unternehmen zertifiziert zu werden. Damit schützt man nicht nur EU-Arbeitsplätze und verhindert die Abwanderung von Firmen, sondern auch Menschen des globalen Südens vor Ausbeutung und Umweltzerstörung.
    • Bspw. Fast Fashion gehörte – was die EU betrifft – umgehend der Vergangenheit an.
  • Verlängerung der „gesetzlichen Gewährleistung“ (umgangssprachlich „Garantie“ genannt) insbesondere für elektronische Neuwaren von 24 Monaten auf z.B. fünf Jahre. Und zack, plötzlich würden die gleichen Geräte viel länger halten.
    • Dass so viele Geräte bereits nach wenigen Jahren kaputtgehen hat oftmals mit der sog. ‚geplanten Obsolenz‘ zu tun. Hier kommen von Herstellern bewusst eingebaute ‚Sollbruchstellen‘ zum Tragen. Dies kann ein elektronisches Bauteil sein, welches so konstruiert ist, dass es mit Absicht nicht „ewig“ hält; es kann fest verbaut/verklebt sein, ohne dass das nötig wäre, Ersatzteile könnten fehlen oder nicht mehr hergestellt werden, Software nicht mehr mit Updates funktionsfähig/Sicher gehalten werden – geplante Obsolenz fördert den Konsumismus bzw. die Wegwerfgesellschaft und tritt immer dann auf, wenn die/der Kund*in das Gerät weiter verwenden wollen würde, aber aus den erwähnten Gründen nicht mehr kann.
  • Erweiterte Auflagen zur Bereitstellung von Ersatzteilen, zur Rücknahme von kaputten Produkten und zu Recycling-Verpflichtungen mit dem Ziel einer Kreislaufwirtschaft („Cradle to Cradle“). Wenn Produzenten ihre Produkte am Ende der Lebenszeit zurücknehmen und zudem Recycling-Auflagen zu erfüllen haben, werden sie ihre Produkte entsprechend so konstruieren, dass sie mit den zurückkommenden Rohstoffen möglichst viel anfangen können.
  • Nachhaltige Unternehmen könnten mit einer niedrigeren Gewerbesteuer belohnt werden, wie es z.B. Heidelberg plant (vgl. Friedmann 2019, 51.)
  • Gute Maßnahmen sind
    • ein Lobbyismus aufdeckendes/verhinderndes deutsches Transparenzregister,
    • ein Unternehmensstrafrecht sowie
    • die Ermöglichung von Gruppenklagen (statt nur Musterfeststellungsklagen) würden z.B. künftige Dieselskandale offensichtlicher machen.
  • Gegen die Verödung der Städte bzw. des Zusammenbruchs des Einzelhandels aufgrund von Onlinehandel schlägt Richard David Precht vor:
    • „Eine Idee in die richtige Richtung ist, den Erwerb von Konsumgütern über das Internet zu verteuern und den Einzelhandel steuerlich zu begünstigen. Bei einer Internet-Mehrwertsteuer von zusätzlich 25 Prozent wird der Einzelhandel wieder konkurrenzfähig. Und wenn der Bund den gigantischen Erlös an die Städte verteilt ,ist auch wieder hinreichend Geld in der Kasse für Stadt- und Strukturentwicklung.“ (Precht 2019, 62)
  • Italien führt derzeit das Schulfach Klimakunde ein. „33 Stunden im Jahr, eine Lektion pro Woche also. In allen Schulstufen, von der ersten Primarklasse bis zur Maturità. ‚Obligatorisch mit allem Drum und Dran, also auch mit richtigen Zensuren‘, sagt [der italienische Minister für Erziehung und Forschung] Fioramonti (Meiler 2019).

Quellen dieses Abschnitts

>> Friedmann, Jan (2019): „Tropennacht und Tigermücke“. in: Der Spiegel, 45/2.11.2019, S. 51.

>> Meiler, Oliver (2019): „Neues Schulfach: Warum in Italien Klimakunde unterrichtet wird“. in: Süddeutsche Zeitung, 26.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/bildung/italien-schulfach-klimawandel-unterricht-umwelt-1.4683139 (Abrufdatum 26.11.2019)

>> Precht, Richard David (2019): „Deutschlands Städte veröden. Die Lösung: Eine neue Steuerpolitik.“ in: Stern 48, 21.11.2019, S. 62



Nächster Abschnitt:

Fazit.

Fazit Nr. 1: Luftschlösser einreißen.

Menschen reden derzeit über und investieren viel, viel Geld in neuerliche Mondlandungen, Mars-Expeditionen, selbstfahrende Autos und Flugtaxis – lauter letztlich verzichtbare Luftschlösser – aber für die gigantischen irdischen Probleme gibt es hingegen kaum ein Bewusstsein.

Dieser Realitätsverlust ist… unmenschlich.

Ja, klar, Menschen brauchen Visionen – die Apollo-Missionen u.ä. haben die Menschheit sicher in vielerlei und auch in technologischer Hinsicht vorangebracht.
Angesichts der drohenden Existenzkrise der Menschheit gilt es aus meiner Sicht nunmehr vor allem eine Vision zu entwickeln: Wie es für uns weitergeht.

Gesellschaftlich. Politisch. Wirtschaftlich. Global.

Es geht gar nicht mehr um die Fragen:
> „Was ist ein gutes Leben?“ oder
> „Wie wollen wir leben?“

Es geht um unsere: Existenz.

„There are no gray areas when it comes to survival.“
(Greta Thunberg in Davos, 2019)

Jeder Cent von Luftschlössern hat daher m.E. in die Entwicklung von politischen, Lösungen der tiefen Krise unseres Planeten gesteckt zu werden.

Es geht nicht um’s gute Leben, sondern um unser Überleben.

Daher ist das hier auch kein Party-Kit.

Es ist ein Survial-Kit.


Fazit Nr. 2: Wir haben die Wahl.

Wir haben in Deutschland derzeit noch – nach menschlichem Ermessen und auf Basis des Standes der Wissenschaft – die Wahl zwischen

  • einem eher unangenehm warmen und streckenweise stürmischen Planeten mit der Chance auf einen gemäßigten Wohlstand, wenn wir jetzt individuell Handeln, die Zukunft aktiv mitgestalten und vor allem die Politik vor uns hertreiben und
  • einem Planeten,
    • auf dem Menschen schon in wenigen Jahrzehnten das Leben ihrer Großeltern für eine böse Anekdote halten werden,
    • Zivilisation und Wohlstand historische Begriffe sein werden und
      • unsere Kinder,
      • erst recht unsere Enkel und
      • ganz sicher alle nachfolgenden Generationen
    • für hunderte, wenn nicht tausenden von Jahren in einer dauerhaften Krisensituation des Mangels und des Kampfes ums Überleben kämpfen und diesen Kampf milliardenfach verlieren werden.

Haben wir wirklich eine Wahl?

Nein.

Lasst uns Anfangen.

Jetzt.

Nicht halbherzig.

Mit voller Kraft.

Sofort.

Heute.


Noch ’n Fazit:

Ich habe bei der Recherche – so detailliert, umfassend und langwierig sie war – trotz allem letztlich lediglich an der Oberfläche von unendlich vielen Tabellen und abertausenden Zahlen und Millionen von engbedruckten Seiten von wissenschaftlichen Studien gekratzt – der Klimawandel gilt nicht umsonst als das am besten erforschte Wissenschaftsfeld überhaupt.
Forschung ist eine gute Sache – aber diese dient seit vielen Jahren zu einem guten Teil dazu, ein paar Menschen von etwas zu überzeugen, die sich nicht überzeugen lassen wollen: Man kann sich hier im wahrsten Sinne totforschen.

Das ist eine Falle, die von den fossilen Gewinnlern mit ihren systematisch vorgebrachten ewigen Zweifeln gestellt wird, und in die die Klimawissenschaft und mit ihr gemeinsam die Politik und alle, die aufrichtig gern einen wohltemperierten Planeten behalten möchten, tief hineingetappt sind.

Ja, natürlich kann man z.B. das Insektensterben erforschen, bis sie alle, alle tot sind. Muss man aber nicht.

Es wäre m.E. hilfreich, das grundlegende Forschungsergebnis endlich als gegeben zu akzeptieren, und den Fokus von Forschung allgemein auf die Lösungen und zukunftsfähigen Ideen zu richten, z.B. auf die Optimierung von Technologien zur Zwischenspeicherung von Energie von erneuerbaren Energien.

Ihr seid dran.

Marc Pendzich.

PS:
#Film4Climate – Prince Ea „Three Seconds“ – Länge: 4:18 Minuten.
>> 1st Prize Short Film Winner – auf dem Klimagipfel in Marrakesch 2016
>> Prince Ea ist Spoken Word Artist und Rapper
>> Die einstellbaren (automatischen) englischen Untertitel helfen sehr!



#Film4Climate – 1st Prize Short Film Winner auf dem Klimagipfel in Marrakesch 2016
Prince Ea (2016): Three Seconds, online unter www.youtube.com/watch?v=sacc_x-XB1Y (Abrufdatum 6.7.2019)

s.a. Schilling, Sabine (2016): „Anthropozän: Der Zustand des Planeten aus Sicht von Prince Ea“. in: Spektrum, online unter https://www.spektrum.de/video/der-zustand-des-planeten-aus-sicht-von-prince-ea/1467337 (Abrufdatum 6.7.2019)

sowie das Video:
Prince Ea (2015): Dear Future Generations: Sorry, online unter www.youtube.com/watch?v=eRLJscAlk1M (Abrufdatum 6.7.2019)

Mein Manifest.

Apropos ‚Bitte mach mir den Teppich nicht nass, während du löschst!‘

Philipp Schröder, Experte für erneuerbare Energien und Ex-Tesla-Chef Deutschland, fasst die derzeitige Klimapolitik-Situation wie folgt in ein Bild:

„Man versucht ein Feuer zu löschen – das ist die Klimakatastrophe.  Und diejenigen, die die Feuerlöscher sind, sind … [die]  Politiker  … und um sie rum hüpfen Lobbyverbände, die sagen, ‚bitte mach mir den Teppich nicht nass, während du löschst.‘ … Allerdings sind wir alle … in einer Komfortzone, … und möchte[n] [auf dem] Sofa sitzen bleiben und … nicht nass werden – und das ist sehr schwer zu lösen.“ (13. Dezember 2018, Hervorhebung Pendzich)

Ich möchte nass werden.

Für mich selbst.

Für meine Kinder. Für alle unsere Nachkommen, die verdammt noch mal das gleiche Recht haben, in einem funktionierenden Ökosystem zu leben.

Für meine Enkel, denn es wäre schön, wenn es sie eines Tages geben könnte.

Für alle Menschen, die ich liebe. – Ja, und auch für die Menschen, die ich nicht mag.

Für ‚mein‘ Hamburg, für ‚meine‘ Nordfriesischen Inseln und sonstige von mir geliebte Orte.

Für Europa, als dessen EU-Bürger ich mich zugehörig fühle.

Für uns Menschen der sog. Industrienationen, in der Hoffnung, dass immer mehr Mitmenschen ebenfalls das Bedürfnis entwickeln, ’nass‘ zu werden, denn es ist eine pure Illusion, dass die Klimakatastrophe uns weniger treffen könnte. Die Erde ist ein ziemlich kleiner Planet für aktuell 7,6 Milliarden Menschen. Erst recht in einer globalisierten Welt, in der alles miteinander zusammenhängt.

Für die Menschen der Länder des Südens, die seit Jahrhunderten und bis zum heutigen Tag mit einem niemals eingelösten ‚Entwicklungsversprechen‘ von Politikern, Weltbankern und IWF-lern, von Unternehmern und auch den Verbrauchern der Industriestaaten verarscht und missbraucht werden – und nun auch noch zuerst und am heftigsten ‚den Kopf hinhalten‘ für die von ihnen garantiert nicht verursachte Klimakrise (‚Klimagerechtigkeit‘).

Für alle diejenigen Menschen, die aufgrund unserer westlichen ‚imperialen Lebensweise‘ und der daraus entstehenden sozialen Verwerfungen bzw. als einer von jetzt schon 20 Millionen ‚Klimaflüchtlinge‘ alles zurücklassen müssen. Würden wir G20-Bewohner unser anmaßendes ‚Leben im Überfluss‘ beenden, uns auf das ‚menschliche Maß‘ beschränken und statt dessen kosmopolitisch handeln, würden wir auch den „kollektiven Suizidversuch“ aufgeben oder zumindest die Chance wahren, ihn zu beenden (Rühle 2018 u. vgl. Brand/Wissen 2017).

Für das Wunder ‚Leben‘; für alles Leben auf dieser Erde, ob es nun CO2 generiert oder absorbiert; für alle Lebewesen, die mit unserem absurden Egotrip, der schlicht und einfach ins Nichts führt, nichts zu tun haben und doch fatalerweise uns Menschen bedingungslos ausgeliefert sind – und:

Für diese wunderbare Oase inmitten unbelebter Sterne, also: für diesen zum Kasino herabgewürdigten Planeten, für diese zutiefst geschundene Erde, auf dem wir rumtrampeln, anstatt uns so zu benehmen wie es sich für Gäste gehört (vgl. Rahbi 2018 u. Laurent 2016).

Für alles. Denn ohne alles ist alles nichts.


„Komm, tanz‘ im Regen ganz verwegen,
wild und ungestüm für Dich,
Du sollst nur du selber sein.“

(… statt Konsument.)

aus: ‚Regenzeit‘ (Song), Marc Pendzich, 1994

Quellen zu Mein Manifest.

n.n. (2018): „Klimaretter Deutschland – gut gedacht, schlecht gemacht?“ [Philipp Schröder im Gespräch mit Maybrit Illner.] in: Maybrit Illner, Talkshow im ZDF, 13.12.2018, online unter: 

Stichwörter „Oase inmitten unbelebter Sterne“ und „Planet zum Kasino herabgewürdigt„, siehe:

Laurent, Melanie und Dion, Cyril (2016): Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen. Film-Doku. Darin: Pierre Rabhi im Gespräch.

  • Hier heißt es:
    • „Diese unersättliche Menschheit sieht den Planeten nicht als wunderbare Oase inmitten unbelebter Sterne, in der das Leben herrlich ist: ein wahres Wunder eben.“

Rahhi, Pierre (2018): Manifest für Mensch und Erde. Matthes & Seitz Berlin, S. 89. Französische Originalausgabe 2008 unter dem Titel Manifeste pour la terre et l‘humanisme.

  • Hier heißt es:
    • Unser Planet ist „durch Plünderung und die Gesetze des Marktes von einer Oase zum Kasino herabgewürdigt“ worden.

Stichwort „menschliches Maß“, siehe:

  • Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. oekom. S. 52.

Stichwort „Klimaflüchtlinge“:

„Auf der Weltklimakonferenz 2017 in Bonn … schätzten UNO-Experten, dass bereits heute 20 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hitze, Dürren, Stürmen oder Überschwemmungen seien. Laut einer Weltbank-Studie könnten es bis zum Jahr 2050 mehr als 140 Millionen werden“ (22), siehe:

Stichwort „Imperiale Lebensweise“, siehe:

Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. oekom.

Stichwort „kollektiver Suizidversuch“, siehe     

Rühle, Alex (2018): „Klimawandel: ‚Gleicht einem kollektiven Suizidversuch'“. [Gespräch mit Hans Joachim Schellnhuber]. in: Süddeutsche Zeitung, 14.5.2018, online unter: 

Weitere Quelle:

Luley, Peter (2018): „Klima-Talk bei ‚Maybrit Illner‘: Im Weinbergschneckentempo.“ in: Der Spiegel, 14.12.2018, online unter: 

Mehr zum Thema ‚menschliches Maß‘ bei LLL:

Beitrag „Hybris vs Hygge / Hygge contra Hybris“:



Klimakrise: Weiterlesen im Netz:



Quellenverzeichnis „Klimakrise“

Tiefer einsteigen:
>> 4200 Seiten und 450 Minuten Basis-Wissen in alphabetischer Reihenfolge und nach Medium geordnet:

[fett gedruckt: Einige Hauptquellen des „Party-Kit Klimakrise“]

>> Literaturverzeichnis:

Bonner, Stefan und Weiss, Anne (2017): Planet planlos. Sind wir zu doof die Welt zu retten? München: Knaur. 320 Seiten. (Für Einsteiger)

Das Buch ist im Mai 2019 als überarbeitete Neuausgabe unter dem Titel Generation Weltuntergang: Warum wir schon mitten im Klimawandel stecken, wie schlimm es wird und was wir jetzt tun müssen bei Droemer erschienen.

Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom. 224 Seiten.

Brasseur, Guy et al. (Hg.) (2017): Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven. Springer Open. Auch als kostenfreies E-Book verfügbar: https://play.google.com/books/reader?id=KNhCDwAAQBAJ&hl=de&pg=GBS.PA24 (Abrufdatum 19.12.2018) (die nationale Version der IPCC-Berichte) ca. 350 Seiten.

Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing. 240 Seiten.

Klein, Naomi (2015): Kapitalismus vs. Klima. Die Entscheidung. Frankfurt a.M.: S. Fischer. (Der Originaltitel ist besser gewählt: This Changes Everything: Capitalism vs. The Climate.) 704 Seiten.

Kopatz, Michael (2016): Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. München: oekom Verlag. 416 Seiten.

Lesch, Harald u. Kamphausen, Klaus (2016): Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän. München: Knaur. 516 Seiten.

Lesch, Harald u. Kamphausen, Klaus (2018): Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen. München: Penguin. 366 Seiten.

Nelles, David u. Serrer, Christian (2018): Kleine Gase – große Wirkung. Der Klimawandel. 132 Seiten. s.a. www.klimawandel-buch.de

Papst Franziskus (2015): Laudatio Si‘ – Die Umwelt-Enzyklika des Papstes. Leipzig: benno. 200 Seiten.

Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans-Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. 144 Seiten.

Weizsäcker, Ernst Ulrich von u. Wijkman, Anders u.a. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. 400 Seiten.

Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer. 336 Seiten.

>> Kino-Dokumentationen zur Klimakrise:

  • Before The Flood. Film-Doku von Leonardo DiCaprio und Fisher Stevens, DVD, 2016.
  • Chasing Ice. Film-Doku von Jeff Orlowski über das per ‚Dauerfotografie‘ sichtbar gemachte Verschwinden des Polar-Eises, DVD, 2012.
  • Immer noch eine unbequeme Wahrheit. Die Zeit läuft. Film-Doku-Update von Al Gore, DVD, 2016.
  • System Error – wie endet der Kapitalismus? Film-Doku von Florian Opitz, DVD, 2018.
  • Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen. Film-Doku von Melanie Laurent und Cyril Dion, DVD, 2016.

Und immer wieder schön-schockierend, die Exxon- und Shell-Geheimstudien von 1982 bzw. 1988, in denen alles steht, was heute Realität ist:

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