Party-Kit „Klimakrise“

Ein Survival-Kit für Partys und Diskussionen mit den relevanten Fakten, Zahlen und Argumenten zum Thema „Klimakrise“. Visuelle Hervorhebungen in Zitaten stammen vom Autor. Stand: 15.8.2019.

Alles hängt mit allem zusammen. Daher ist das eine ziemlich große Toolbox…

>> Große Schriften = Überblick & Facts | Kleine Schriften = Details & Quellen: können ggf. übersprungen werden.
>> Den Schlaglichtern folgt ein Inhaltsverzeichnis. Ein Stichwortverzeichnis finden Sie hier.


Schlaglichter:

Der Weltklimarat gibt uns im Oktober 2018 noch etwa 10 Jahre, in denen die Menschheit massiv umzuschwenken hat.

10 Jahre = 3.650 Lebenstage
Und das entsprach im Oktober 2018 etwa 1.900 politischen Arbeitstagen.
Stand Juli 2019 = ca. 1.700 politische Arbeitstage

>> Rechnung „1.900 bzw. 1.700 politische Arbeitstage“:
> 22 Arbeitstage pro Monat (Nebenjobs!), 2 Monate Sitzungspause im Bundestag
> Krankheit, Weihnachtspause, sonstige Verhinderungsgründe = ca. 1 Monat
> Alle vier Jahre politische Blockade wg. Wahlkampf u. Koalitionsverhandlungen = konservativ gerechnet: 4 Monate (sozusagen eine verlängerte Sitzungspause)
= (22 Arbeitstage * 9 Monate * 8 Jahre) + (22 Arbeitstage * 7 Monate * 2 Jahre) = rund 1.900 politische Arbeitstage)
> Juli 2019: jetzt, mit der Sitzungspause („Sommerloch“) ist ein politisches Jahr quasi rum = – 190 Tage = ca. 1700 Tage

>> Quelle:
> 10 Jahre = Stand 10/2018, vgl. IPCC-Sonderbericht 2018, in: Seidler, Christoph (2018): „Sonderbericht des Weltklimarats: Die Welt gerät aus den Fugen – fragt sich nur, wie sehr“. in: Der Spiegel, 8.10.2018, online unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klimawandel-ipcc-bericht-zum-1-5-grad-ziel-vorgestellt-a-1231805.html (Abrufdatum 19.6.2019)

>> Erläuterung: Weltklimarat der UNO = IPCC = Intergovernmental Panel On Climate Change.

Der IPCC forscht nicht selbst – vielmehr tragen dessen Wissenschaftler*innen die Forschungsergebnisse der globalen Klimaforschung zusammen, ordnen und bewerten diese in einem sich etwa fünf Jahre lang hinziehenden Prozesses inkl. des sog. Peer Review-Verfahrens (s. nächster Absatz). „Alle Autor*innen des IPCC sind Wissenschaftler*innen, sie bekommen kein Geld für die Arbeit an den Berichten und übernehmen nur Aussagen, zu denen es mehrere Studien in Fachjournalen gibt, die zu gleichen Ergebnissen kommen… Der IPCC macht keine Politik, und im jeweiligen Weltklimabericht stehen auch keine konkreten Politikvorschläge. Der IPCC ist damit ein einmaliges Organ, dass die Wissenschaft repräsentiert, aber über der Wissenschaft steht. Es spricht also viel dafür, sich eng an die Aussagen der Berichte zu halten.“ (56-57) „Neben Wissenschaftler*innen begutachten auch Vertreter*innen sämtlicher internationaler Regierungen die Berichte. Mehr Qualitätskontrolle geht nicht.“ (71)

>> Erläuterung „Peer Review“-Verfahren: „Unabhängige Gutachter*innen aus demselben Fachgebiet prüfen eine Studie, bevor deren Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Publikation erscheinen.“ (17) – In der Regel in Form eines Doppelblindgutachtens – soll heißen weder Gutachter*in noch Forscher*in erfahren den Namen der anderen Person.

>> Quelle und drei vorstehende Zitate: Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein.

>> Die gute Nachricht:
Wir haben es noch in der Hand einen katastrophalen Klimawandel zu verhindern.

  • Definition „gefährlicher/katastrophaler Klimawandel“: Dieser tritt ein, wenn weiterhin ungehemmt fossile Energieträger verbrannt werden, sodass es zu einem Sprung kommt zu einem Klima, wie es vor 15 Millionen Jahren im Erdzeitalter Neozän, einer Heißzeit mit 5° oder 6° Celsius über unseren Durchschnittswerten und mit einem bis zu 60 Meter höherem Meeresspiegel herrschte.

vgl. Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher, bis 2018 Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), in: „Ist die Erde noch zu retten? – Richard David Precht und Hans Joachim Schellnhuber im Gespräch“. in: Precht, 8.10.2019, ZDF-Mediathek https://www.zdf.de/gesellschaft/precht/ist-die-erde-noch-zu-retten-100.html (Abrufdatum 20.6.2019) oder https://www.youtube.com/watch?v=kXaKMYrK86w (Abrufdatum 20.6.2019)

>> Die dramatische Nachricht:
Der Point of no Return ist nahe. Wir haben sofort mit einer umfassenden Transformation anzufangen – es ist die größte Herausforderung, vor der die Menschheit je gestanden hat.


>> Die spannende Nachricht:
Wir erhalten durch die Klimakrise prinzipiell die Chance, die Welt neu zu denken, den überdrehten Finanzialismus-Shareholder-Value-Turbokapitalismus einzudämmen und den Menschen bzw. das Leben – und nicht das (zerstörerische) Geld – in den Mittelpunkt unseres Daseins zu stellen.

Womit nicht gesagt sein soll, dass es leicht wird, diese Chance zu nutzen… aber im Ernst: Die Natur setzt uns die Pistole an die Schläfe: This Is The End Of The World as We Know It (frei nach R.E.M.) – das bedeutet aber auch: Es kann endlich anders weitergehen, da es anders weitergehen muss, wenn es weitergehen soll.

  • Ich halte die Erfolgsaussicht der Umsetzung dieses Gedankens, dass uns Klimakrise eine Chance bietet für nicht besonders wahrscheinlich, aber für deutlich realistischer als die Erfolgsaussichten des „Der-letzte-Strohhalm“-Gedankens „Wir erfinden da noch was“:

    • Denn: Gesetze/Leitplanken/Gesellschaft sind ohne technische Erfindungen veränderbar.


      Aber um hier die notwendige Gruppendynamik zu erzeugen, braucht es erst einmal eine ausreichend große Anzahl von Menschen, die verstehen, dass es aktuell auf des Messers Schneide steht – und die bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen und aktiv zu werden.

      Und hier die wirklich gute Nachricht hinter der spannenden Nachricht: Diese Dynamik zu erzeugen scheint nicht so unmöglich zu sein, wie wir instinktiv meistens denken, siehe weiter unten: hier.

Da die Natur uns mitteilt, dass es nicht mehr so weitergehen wird – haben wir nur genau diese eine Möglichkeit und diese eine Chance, denn das bisherige post-/neokoloniale, Ressourcen-verschwendende, materialistische neoliberale Überfluss-Ausbeutungsmodell führt ins: Aus. Ergo: Wir haben die Chance, wir haben die Möglichkeit, aber wir haben: keine Wahl.

  • Nicht-Veränderung wäre Ihnen recht?

    • Fragen Sie mal einen Menschen der globalen Südens, der täglich 14 Stunden in einem Sweatshop arbeitet, wie sie/er die Sache sieht. Sie/er ist übrigens faktisch Ihr Sklave. Das finden Sie übertrieben?

Die BWL-Professorin Evi Hartmann dazu:

„Wie soll ich das sonst nennen, wenn jemand für 50 Cent am Tag, 14 Stunden lang bei einer Bullenhitze von 60 Grad, ein günstiges T-Shirt für mich näht? Wir alle halten Sklaven – ich eingeschlossen.“

>> Quelle Zitat n.n. (2016): „‚Was kann ich tun, damit die Welt etwas moralischer wird?’“ [Interview mit Evi Hartmann]. in: Utopia, 17.7.2016 online unter https://utopia.de/ratgeber/interview-lieferketten-management/ (Abrufdatum 8.3.2018), s.a. https://slaveryfootprint.org/

>>siehe dazu Abschnitt Auch der Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung wurde nicht am Reißbrett entwickelt.


„Etwa die Hälfte des Kohlenstoffdioxids, das die Menschheit jemals in die Atmosphäre geblasen hat, wurde in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen.“

>> Quelle: Kolb, Matthias (2019): Klimapolitik der EU. Erschreckende ‚Weiter so‘-Mentalität. in: Süddeutsche Zeitung, 12.5.2019, online unter: www.sueddeutsche.de/politik/eu-sondergipfel-rumaenien-klimawandel-1.4442717 (Abrufdatum 14.5.2019)

Das bedeutet (vereinfacht ausgedrückt), dass

  • es mit den globalen CO₂-Emissionen erst so richtig schlimm wurde nach den ersten Klimakonferenzen (die ab 1988 stattfanden),
  • wir dramatisch viel Zeit verschleudert haben,
  • wir uns jetzt viel schneller und heftiger umstellen müssen, als wenn wir zu angemessener Zeit damit begonnen hätten,
  • wir so gar nicht auf dem richtigen Weg sind, und dass
  • der Mitte/Ende der 1980er Jahre einsetzende Neoliberalismus mitsamt deregulierten Finanzmärkten, übersteigertem Extraktivismus (=übermäßiger Ressourcenabbau), der massiven Globalisierung, der Produktionsverlagerungen in die „Dritte Welt“ und Höher/Schneller/Weiter-Konsumismus eine ganz schlechte Idee mit verheerenden Konsequenzen war.

Obgleich wir so gar nicht auf dem richtigen Weg sind, lautet das Rezept der Etablierten und derjenigen, die in diesem „Spiel“ etwas zu verlieren haben: Mehr vom Gleichen.

In der Geschichte der Menschheit ist es wiederholt vorgekommen, dass große Gemeinschaften ihre vormals blühenden Kulturen in Krisenzeiten mit der Taktik „Noch mehr vom Gleichen“ an die Wand gefahren haben. Bekanntestes Beispiel: Das Schicksal der Osterinsel.

Wir sind die Osterinsel „in groß“.

>> vgl. Diamond, Jared (2005): Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Fischer, 736 Seiten – u.a. mit Forschungen zu einst prosperierenden Kulturen der Osterinsel, der Maya, der Normannen, der Wikinger – und eine Annäherung an die Frage, wie Gesellschaften stabil bleiben. Grundantwort: Mehr von dem, was in die Krise geführt hat, ist keine Lösung.

Im Falle der Osterinsel hatten sich „die Bewohner … mit frevelhaftem Raubbau am Wald die Existenzgrundlage entzogen… [S]ämtliche Baumarten starben aus.“

  • Ein positives Beispiel in der Menschheitsgeschichte bildet hingegen die „Gesellschaft von Tikopia, einer winzigen tropischen Insel im Südwestpazifik. Die Bewohner des Eilands waren große Freunde des Schweinefleischs. Doch als die Tiere über ihre Felder herfielen, keulten sie die Bestände. Den Wiederaufschwung schafften sie, indem sie ihren Speisezettel umstellten und ihren Ressourcen anpassten.“

>> Quelle beider Zitate: Willmann, Urs (2006): „Völker am Abgrund. Ökodesaster gab es immer schon. Was lässt sich aus ihnen lernen?“. in: Die Zeit, 16.11.2006, online unter: https://www.zeit.de/2006/47/Voelker_am_Abgrund (Abrufdatum 20.6.2019)


DIE universelle Kurve…

…für das HöherSchnellerWeiter-Leben des Anthropozäns und vor allem des 20. und der ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts:

Die universelle Kurve zur Beschreibung des Anthropozäns – mit dem markanten Knick nach dem Zweiten Weltkrieg
passt zur universellen Kurve: Globale CO₂-Emissionen

>> Quelle „Globale CO₂-Emissionen“: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?lang=de&title=File%3AGlobal_Carbon_Emissions.svg Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license. (Abrufdatum 19.6.2019)

Oben sieht man – vereinfacht und stark vergröbert – die prinzipiell für alles passende Grafik/Kurve zur Entwicklung der Folgen der industriellen Revolution und des HöherSchnellerWeiter-Lebens: Eine zunächst langsam und nach einem deutlichen Bruch nach dem Zweiten Weltkrieg immer dramatischer ansteigende exponentielle Kurve.

Manche Aspekte – wie z.B. eine Datenreihe der technisch ermöglichten Kommunikation liegt natürlich bis ins 20. Jahrhundert bei Null, aber dann folgt die Kurve ebenfalls der exponentiellen Kurve.

Anders ausgedrückt: Man kann sämtliche Kurven u.a. zu den Themen

CO₂-Gehalt der Atmosphäre | CO₂-Emissionen | Erderwärmung | Bevölkerungsentwicklung* | globales Bruttosozialprodukt | städtische Bevölkerung | Papierverbrauch | Transport/Mobilität | technisch ermöglichte Kommunikation | Tourismus | Düngemittelverbrauch | Trinkwasserverbrauch | Rohstoffentnahme/Ressourcenausbeutung | Massenaussterben/Biodiversitätsverlust | Versauerung der Meere | Verlust an tropischem Wald

übereinanderlegen.

Sie sind weitgehend: deckungsgleich.

>> Quelle: beruht gedanklich auf Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Fischer, S. 44ff – der sich auf Will Steffen u.a. 2004 bezieht, vgl. auch Lesch, Harald u. Kamphausen, Klaus (2016): Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän. Knaur, S. 316.

* Für die Bevölkerungsentwicklung gilt die obige Deckungsgleichheit bzw. die universelle Kurve nur und ausschließlich für die Vergangenheit und die Gegenwart. Entgegen der allgemeinen Annahme flacht die Kurve in den nächsten Jahrzehnten ab. Um das Jahr 2100 pendelt sich die Zahl der lebenden Menschen nach UN-Angaben etwa 11 Milliarden Menschen ein – siehe dazu Abschnitt Gute Nachricht: Weltbevölkerungsentwicklung.


Rezo: Die Zerstörung der CDU, VÖ 18.5.2019
Aussagen zur Klimakrise ab Min 5, ca 20 min

Der Youtuber Rezo brachte vor den Europawahlen 2019 seinen Realitäts-Schock auf den Punkt:

  • „Mir war vorher nicht bewusst wie krass diese Parteien vorbei an Expertenmeinungen Politik machen. Man kann daher sagen, dass der aktuelle Kurs von CDU und SPD unser Leben und unsere Zukunft zerstören werden. Und das ist keine übertriebene wütende Parole, sondern der Konsens von tausenden Experten, die sich auf unzählige wissenschaftliche Untersuchungen stützen.“
maiLab / Mai Thi Nguyen-Kim:
Rezo wissenschaftlich geprüft, VÖ 24.5.2019

Wer mag, kann hier sich Rezos 20-minütige Aussagen zur Klimakrise ab Min 5 (nochmals) anschauen. Aus meiner Sicht trifft jede Aussage des Klimakrisen- und des Fridays-for-Future-Parts (am Ende des Videos) messerscharf den Punkt. Und die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat Rezo „wissenschaftlich überprüft“.

>> Quelle: Rezo (2019): „Die Zerstörung der CDU“. in: Youtube.de, 18.5.2019, Min25f., online unter www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ (Abrufdatum 24.6.2019)


Ein „Weiter so“ führt ins Aus. Es bedarf daher einer grundlegenden Änderung unseres Lebensstils und unseres Wirtschaftens.

Wir alle, sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen, werden uns und unser Verhalten stark ändern müssen – Bernd Ulrich hält dazu in der Zeit treffend fest:

„Wenn es einen Weg gäbe, die Klimawende auch ohne grundlegende Veränderungen bei Produktion, Konsum und Mobilität zu bewerkstelligen, dann hätte die GroKo ihn sicher schon gefunden.“

>> Quelle: Ulrich, Bernd (2019): „Europawahlergebnis: Angriff aus dem Kinderzimmer“. in: Die Zeit, 26.5.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/europawahlergebnis-klimapolitik-fridays-for-future-protestwahl-gruene/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)

Im Übrigen ist es angebracht, einen Unterschied zwischen Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft zu machen.


Es braucht immer ein(n) Mutige(n), die/der die Wahrheit ausspricht – das bin jetzt mal zur Abwechslung ich selber. Für Deutschland auf den Punkt gebracht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

Und genau das ist die Botschaft, die von einer/m (nicht grünen) führenden PolitikerIn der deutschen Bürger*innen mitgeteilt werden muss – bislang hat sich keiner getraut.

  • Und: Mit „weniger Konsumieren, weniger Reisen, weniger kaufen“ ist es nicht getan. Unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem „funktioniert“ nur, wenn wir ein HöherSchnellerWeiter-Leben im Überfluss führen, d.h. mehr konsumieren als notwendig, also: Überflüssiges kaufen, dass nach zwei Wochen in der Ecke steht. Und weil das in diesem System notwendig ist, lobt der Staat auch umgehend „Abwrackprämien“ u.ä. aus, damit die Nachfrage künstlich hoch bleibt – und Menschen kaufen dann Autos, die sie eigentlich zu diesem Zeitpunkt nicht benötigen.

Wenn also unsere Wirtschaft nur „brummt“, wenn Überfluss gelebt wird – und wenn wir diesen Überfluss loszulassen haben, um die Chance auf einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten, folgt daraus logisch, dass wir unser Wirtschaftssystem hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu reformieren haben.

Auch hierüber erfahren wir nichts von deutschen Politiker*innen. Wenn diese – insbesondere die Vertreter*innen der Union – hervorheben, es liege an den Bürger*innen selbst im Interesse des Klimaschutzes Vernunft walten zu lassen und weniger zu konsumieren, dann ist das eine faustdicke Lüge, weil genau diese geforderte „Vernunft“ im derzeitigen wachstumsorientierten Turbokapitalismus in die Rezession führen würde. Dieses Dilemma muss schnellstmöglich aufgelöst werden:

„Der erste Schritt, ein Problem zu lösen, ist, zu erkennen, dass es eins gibt.“

>> Quelle: Jeff Daniels (Rollenname: Will McAvoy), The Newsroom; im Original heißt es: “First step in solving any problem is recognizing there is one.” Sorkin, Aaron (2019): „The Newsroom Script Episode 1“. in: goodreads, online unter https://www.goodreads.com/work/quotes/23633463-the-newsroom-script-episode-1 2012 (Abrufdatum 13.7.2019)

Übersetzt auf die Klimakrise bedeutet das:

  • Ein erster Schritt, die Klimakrise zu lösen, ist, zu erkennen und gegenüber den Bürger*innen zu benennen, dass das Dilemma „Vernunft = weniger Konsum = Rezession | mehr Konsum = Klimakollaps“ nur durch grundlegende Reform des derzeitigen deutschen Wirtschaftsmodells hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu lösen ist.

>> Ausführlich dazu siehe Abschnitt Was ist politisch zu tun?


Seit einiger Zeit bekomme ich des Öfteren Feedbacks von Menschen, die nicht wirklich in der Materie stecken, dass jetzt ja so viel getan werde. Nun, was getan wird: Es wird viel geredet und die Zeitungen sind voll mit dem Thema.

Der Klimaforscher Mojib Latif sieht den Stand der Dinge wesentlich nüchterner:

  • „Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es [bislang] überhaupt keinen Klimaschutz, denn solange die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen immer weiter steigen, kann man nicht von Klimaschutz sprechen.“

>> Quelle: Latif, Mojib (2019): „Heiße Tage nehmen immer weiter zu“ [Interview bei NDR-Aktuell, 25.7.2019, 16 Uhr, online unter https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_aktuell/Latif-Heisse-Tage-nehmen-immer-weiter-zu,ndraktuell52336.html (Abrufdatum 26.7.2019)

>> Zahlen zu weltweit steigenden Emissionen siehe Abschnitt Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen.


Und, wo wir schon beim Stand der Dinge sind:

Das seit rund einem Jahr häufigste Gespräch, dass ich führe – bzw. dass ich in Kino-Warteschlangen oder im Bus mitbekomme – ist in etwa das folgende:

„Ja, das mit dem Verpackungswahnsinn und dem Mikroplastik, das geht gar nicht… wir kaufen jetzt auch woanders ein, dort, wo das Gemüse nicht eingeschweißt ist…“

  • Drei Sätze später folgt der Themenwechsel:

„Übrigens, nächste Woche fliegen wir nach Bali.“

Hm. Thema verfehlt. Setzen. Sechs.

Da wartet noch einige Arbeit auf uns alle. Das Umweltbundesamt spricht hier von den Deutschen als „klimabesorgten Klimasündern“.

>> Quelle: Hage, Simon et. al. (2019): „Die Weltverbesserer“. in: Der Spiegel, Nr. 29, 13.7.2019, S. 12.

… und die Hütte brennt, denn:


Wenn sich Klimatolog*innen in der Vergangenheit korrigieren mussten…

… dann i.d.R. immer nur in eine Richtung: Jeweils neuere Forschungsergebnisse zeigen i.d.R., dass alles noch schneller geht und noch dramatischer ist, als die Klimaforscher*innen – die m.E. i.d.R. äußerst zurückhaltend-vorsichtig agieren und sich aufgrund des heftigen Gegenwindes auf gar keinen Fall angreifbar machen wollen – zuvor seriös prognostizieren konnten.


Dies gilt aktuell (Juni 2019) insbesondere für das Auftauen des Methan-reichen Kipppunktes „Permafrost„, der „doppelt so schnell wie vorhergesagt“ taut.

  • „In der Arktis weicht der Permafrostboden derzeit mit ungeheurer Geschwindigkeit auf. Messungen zeigen, dass in einigen kanadischen Regionen der Boden bereits so stark abgetaut ist, wie Experten es eigentlich erst für das Jahr 2090 erwartet hatten.“

>> Quelle zwei Zitate: Charisius, Hanno (2019): „Erderwärmung – Wie im Sommer 2090“. in: Süddeutsche Zeitung, 17.6. 2019, online unter: https://www.sueddeutsche.de/wissen/kanada-permafrost-klimawandel-co2-1.4489525 (Abrufdatum 20.6.2019)


Dazu Antje Boetius, Chefin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven:

  • „Klar ist aber nun [ein weiteres Mal, nach dem der IPCC-Sonderbericht im Oktober 2018]: Das Zwei-Grad-Ziel reicht nicht aus, um den Permafrost und das Meereis vor weiterem Auftauen zu schützen. Anderthalb [1,5] Grad maximale Erwärmung wäre da das Limit.

>> Quelle: Seidler, Christoph, (2019): „Mikroben und die Erderwärmung Die wahren Herrscher der Welt.“ [Antje Boetius, Chefin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven im Interview]. in: Der Spiegel, 25.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/antje-boetius-meeresforscherin-ueber-mikroben-und-klimawandel-a-1274093.html (Abrufdatum 25.6.2019)


Die neuen Forschungsergebnisse haben augenscheinlich auch Angela Merkel erreicht. Zumindest benennt sie denn Kipppunkt Permafrost (wohl auf Basis entsprechender aktueller Meldungen, s.o.) auf einer Fraktionssitzung und nimmt ihn – nach sechs Monaten Fridays for Future-Demonstrationen und dem Europawahl-Desaster zum Anlass, dem bisherigen „Pillepalle“ eine Absage zu erteilen und Beschlüsse in Aussicht zu stellen, „die zu ‚disruptiven‘ Veränderungen führten.“

An Taten ist nicht viel zu vermelden.

Die Zeit des Redens ist aber vorbei, wie die sog. „warming stripes“ zeigen:


„warming stripes“ by Ed Hawkins:
Durchschnittliche jährliche globale Temperaturen 1850-2017

Creative Commons License
Image by Ed Hawkins. Jedes Jahr seit 1850 entspricht einem Farbbalken (4.12.2018 veröffentlicht).

This image is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.
www.climate-lab-book.ac.uk/2018/warming-stripes/ (Abrufdatum 1.6.2019)

s.a. https://showyourstripes.info/ (Abrufdatum 28.6.2019)
Hier findet man zusätzlich auch die „warming stripes“ für Deutschland 1881-2017

Auf der Grafik beträgt die Differenz 1,35° Celsius, weil die Zahlen bis 1850 zurückreichen [data] . Als Referenzwert für die aktuelle Erwärmung dient das Jahr 1900 – wo es eben global „nur“ 1,1° Celsius kühler war als heute.

Ausführlich dazu siehe Abschnitt Graphische Veranschaulichungen der Erderwärmung inkl. der sog. Hockeyschläger-Kurve.

Doch das Thema „Klimakrise“ ist so groß und erschlagend, dass viele Menschen allein schon deshalb den Kopf in den Sand stecken – zumal die Welt bei diesem Thema eben bisher nur langsam vorankommt, was so manchen Menschen eben nicht übermäßig zuversichtlich stimmt, was sicher bis zu einem gewissen Grad verständlich ist.

Aber:

Vor einem Jahr hätte niemand erwartet, dass wir jetzt dort stehen, wo wir stehen.

  • Fridays for Future (FfF) und Extinction Rebellion (XR) geben – neben anderen Gruppen und NGOs wie z.B. Ende Gelände sowie die „Klassiker“ à la Greenpeace und B.U.N.D. – derzeit erfolgreich den Pfad vor:
    • Wir Bürger*innen finden mittlerweile eine funktionierende Protestkultur und -infrastruktur vor – wir brauchen uns als Individuen dort nur ein wenig anzuhängen – und schon ist jeder(r) von uns auf dem Weg.


Und, ganz wichtig ist die Erkenntnis:

Für die Durchsetzung einer politischen Agenda benötigt man nicht unbedingt die aktive Mehrheit der Bevölkerung.


Sondern eine Art „Katalysator“ d.h. Multiplikator*innen, die vorangehen:

„Es müssen drei bis fünf Prozent der Unternehmer und Vorstände sein, sie sich in diese Geschichte [eines neuen Narrativs wie es weitergehen soll] einschreiben, drei bis fünf Prozent der Unterhändler auf den internationalen Klimaverhandlungen, drei bis fünf Prozent der Staatschefs, drei bis fünf Prozent der Professorenschaft, der Lehrer, der Polizistinnen, der Anwälte der Journalisten, der Schauspielerinnen, der Hausmeister, der Arbeitslosen usw. Dann potenzieren sich die Kräfte, weil das, was die einen tun, von den anderen begleitet und gefördert werden kann.“

Und:

  • „Der Weg in eine nachhaltige Moderne… wird nur unter der Voraussetzung wirkungsmächtig werden, dass in jedem gesellschaftlichen Segment, in jeder Schicht, in jedem Beruf, in jeder Funktion ein paar Prozent der Beteiligten beginnen, die Dinge anders zu machen.“

Eine wirklich gute Nachricht ist im Welzer’schen Sinne daher:

Fridays for Future haben (basierend auf Greta Thunbergs Schulstreik und sozusagen gemeinsam mit dem unheimlich anmutenden Sommer 2018) international, aber insbesondere in Deutschland das Thema „Klimakrise“ nunmehr – zumindest ein stückweit – in die Mitte der Gesellschaft getragen.

>> Quelle beider Zitate: Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 285.

>> Erläuterung:
Extinction Rebellion, kurz XR, [zu deutsch „Rebellion gegen das Aussterben“, das im Logo eingekreiste ‚X‘ symbolisiert eine Sanduhr] ist eine weltweite Bewegung, die sich mit Mitteln des zivilen Ungehorsams gegen das Massenaussterben von Tieren und Pflanzen und das mögliche Aussterben der Menschheit als Folge der Klimakrise einsetzt.“ Das Interessante daran ist m.E., dass XR Gewaltfreiheit zum Prinzip erhebt – so ist es üblich, sich gegenüber der Polizei betont freundlich zu verhalten und des Weiteren z.B. bei Straßenbesetzungen keinen Widerstand gegen das Wegtragen zu leisten.
XR hat drei Grundforderungen: 1. „Tell the truth“ 2. „Act Now“ 3. „Beyond Politics“ – mit letzterem wird der Aufbau einer partizipatorischen Demokratie gefordert: Bei „Bürgerversammlungen… sollen die Wege zur Lösung der Klimakrise entwickelt werden“.
>> Definition und Zitat aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Extinction_Rebellion (Abrufdatum 21.7.2019)
>> vgl. Mihatsch, Christian (2019): „Rebellion gegen die Klimakrise geht in zweite Woche“. in: Klimareporter, 20.4.2019, online unter; https://www.klimareporter.de/protest/rebellion-gegen-die-klimakrise-geht-in-zweite-woche (Abrufdatum 24.6.2019)
Ende Gelände ist ein Bündnis von Klimaaktivist*innen, das sich dem zivilen Ungehorsam mit Besetzungen z.B. des Tagebaus Garzweiler verschrieben hat, um ein sofortiges Ende der Braunkohleförderung bzw. -verstromung durchzusetzen. Ein weiterer zentraler Punkt ist die „Climate Justice“. Ein Wahlspruch von Ende Gelände lautet: „System Change not Climate Change!“ (vgl. https://www.ende-gelaende.org/de/)

>> siehe ausführlich dazu Abschnitt Was ist politisch zu tun?


Ein letztes Schlaglicht dieser Einführung:

Ein sehr wichtiger Punkt ist die „Climate Justice“ („Klimagerechtigkeit“):

  • Die Klimakrise ist weit mehr als ein „Umweltproblem“. Hier geht es um Menschen, um Menschenleben – und hier wiederum um das Leben von den ärmeren Menschen, um die Menschen der Dritten Welt (=globaler Süden), die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben und am meisten von dieser Katastrophe betroffen sind und künftig am meisten darunter leiden werden:

„[L]etzlich gibt es doch nur eine robuste und moralisch vertretbare Antwort: Jede Erdenbürgerin und jeder Erdenbürger hat exakt den gleichen Anspruch auf die Belastung der Atmosphäre, die zu den wenigen ‚globalen Allmenden‘ zählt.“

>> Quelle Zitat: Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans-Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck.

>> siehe ausführlich dazu Abschnitt Klimagerechtigkeit („Climate Justice“) – und der ‚globale Süden‘.

Zeit den Kopf aus dem Sand zu ziehen:

Mein Fazit, meine Motivation: Diese tiefe Krise kann eine Chance sein – wir haben gar nicht die Wahl, diese Chance nicht wahrzunehmen. Nutzen wir sie.

Vielleicht ist die Menschheit eines Tages der Natur für diese tiefe Krise dankbar, weil sie uns geholfen hat, den Turbokapitalimus, das HöherSchnellerWeiter, den Neokolonialismus, den Materialismus, das Diktat der Finanzmärkte, die Ausbeutung des globalen Südens etc. pp zu überwinden.

Utopisch? Ja. Und gleichzeitig doch wahrscheinlicher und chancenreicher denn je, denn so lange der Neoliberalimus „funktionierte“, gab es keinerlei Möglichkeiten, dass System abzukühlen, zu zähmen, den neoliberalen Geist wieder in die Flasche zu stecken.

Das ist das Narrativ, dass wir brauchen: Die Klimakrise kann uns von unserem selbstzerstörerischen Tripp, von der Abwärtspirale, befreien.



Inhaltsverzeichnis

s.a. Stichwortverzeichnis (=Index)

… des Party-Kit „Klimakrise“: mit (fast) allen für Diskussionen relevanten Fakten, Zahlen und Argumenten inkl. möglichen politischen, gesellschaftlichen und individuellen Veränderungen und Chancen für diese Welt.

Schlaglichter | Grundüberlegungen | Zahlen: Temperaturen u. CO₂-Konzentrationen | Globales u. individuelles CO₂-Budget | Zahlen: CO₂-Emissionen in D | Klimakiller Flugverkehr | Kipppunkte des Klimas: Eisschilde, Permafrost & Co | Unhaltbarer Lebensstil in D | Tödlicher Lobbyismus: Geld zerstört die Welt | Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große Klimawissenschaftsleugner*innen? Über die für viele Menschen unerträgliche Wahrheit, am eigenen Ast zu sägen | Klimawissenschaftsleugner*innen auf Partys | Eine neue Rückzugslinie: Klimawissenschaftsverweiger*innen. Die immer gleichen Argumente | Die einseitige Kündigung des Generationenvertrages durch die „Erwachsenen“ | Gute Nachricht: Weltbevölkerungsentwicklung | Gute Nachricht: Ernährung der Weltbevölkerung | Sandkastenspiele adé: Wir brauchen Politik, die uns vor uns selber schützt | Glaubenssätze à la „Wachstumszwang“ dechiffriert | Was kann ich tun? – Haltung! | mögliche konkrete Verhaltensänderungen | Ohnmachtsgefühle: Klimakrisen-Depression | Fatalismus und Klimakrise | Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase | Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen | Graphische Veranschaulichungen der Erderwärmung | Forschungs-Historie Klimawandel | Klimakrisen-Folgen zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheidergeneration in D | Konfliktpotenziale der Klimakrise: Zuerst trifft es immer die Armen (auch in D) | Klimagerechtigkeit („Climate Justice“) und der ‚globale Süden‘ | Gerichtsprozesse als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise: 900 Klagen in 24 Ländern | Klimaschutz in ökonomischer Perspektive | Was ist politisch zu tun? | Luftschlösser einreißen à la Mondlandungen und Flugtaxis | Fazit: Noch haben wir die Möglichkeit | Quellenverzeichnis „Klimakrise“ | Noch’n Fazit

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